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Der Israelit · 1936-01-23 · Heft 4 (23.1.1936) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 4 (23.1.1936)
Date
1936-01-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 4 1936 „Ein Gang zur Synagoge". Von Alice Landsberg in Wiesbaden. Von vier Teilen der Gegend ikamen sie: der Jericho von Ballingen, der Schäme aus Trefeck, drei aus der Schwenninger Landschaft, und einer aus dem Nachbarort Bordungen. Wind und Wetter hatten sie. bisher nie abgehalten, zur rechten Zeit auf dem bestimmten Platz zu sein, einer alten Linde, von 'der aus der Weg nach Heikenbnunn führte. Der Ariziehungspunkt setzte sich nioht, wie man bei dem Sextett der Handels? leute hätte vermuten können, aus wertvollen Verdienstmögliohlkeiten zusammen, es war lediglich die kleine Synagoge oder besser das geräumige Schulzimmer in Heikenbrunm, in dessen Winkel alles für den jüdischen G'ttesdienst Heilige und Gebräuchliche vorzufinden war. Wie ein Magnet holte dieser Umstand die wenigen^ Juden aus der Umgegend zum G'ttesdienst an gehobenen Tagen zusammen und es schloß sich keiner aus —nicht hei Wind und Regen, Sorge und Leid. Sie kamen immer und immer wieder. Hölzerne (Bänke standen nach den Strapazen nur für die Leute bereit, aber was schadete das, wie weichster Daunenbezug waren die harten Sitze für die Müden, deren frische Seelen sich an der jüdischen Lehre immer wieder aufs neue ergötzten ... Aber heute war es schier, unmöglich. Seit Wochen fror es, kaum daß einer die Nase aus dem warmen Zimmer zu strecken wagte. Die ganzen. Wochen ging es noch an, aber zwischen dem letzten Sabbat und dem Neumondstage hatte der Frost allzu grimmig getobt und Schneegefahr lag über der Gegend. Drum huschten in den einzelnen Oertchen die Frauenzu den andern, warnten, (beschworen, baten und blieben unigehört. Sie überwanden die Scheu und kamen zu den andersgläubigen Mitbewohnern, damit sie halfen, die Männer von ihrem Synagogengang " zurückzuhalten. Man versuchte das Möglichste. Die Männer schauten die Warnenden an, als glaubten sie nicht, daß es überhaupt Worte geben konnte, die sie winklich zurückhielten von dem einzigen Lichtblick der ganzen Woche. Für was hatte man geschafft, gespart und sich gefreut? Nun war wieder Neumondstag, und die Seele der. gedrückten, gestoßenen Handeismänner wollte groß und rein vor G'tt treten . . . Sie zuckten mit den Achseln, wischten mit einer Handbewegung alles Hemmende beiseite und — zur bestimmten Stunde trafen sie sich unter der uralten Linde. Nur der Jericho — er hieB eigentlich Moritz, hatte aber von irgendwie diesen Spitznamen weg — erlaubte sich zu 'bemerken, daß es „ein wenig kühl" sei, weswegen er den Pelzrock enger zog. Als man beisammen war, schaute man .nochmals im Kreise herum und begegnete erfreut der anderen leuchtenden Augen und wußte, daß gleicher Glanz auch in den eigenen lag. Dann ging es tapfer vorwärts. Von weit hintenher rief eine Stimme irgend etwas, aber man beachtete es nicht. In sich versunken schritt man tapfer aus, denn es waren immerhin sechs Stunden Weg —- drei hin und drei' zurück, man mußte pünktlich zum Beginn des G'ttesdienstes da sein. Wenn er auch früh abgehalten wunde, damit man nicht gar zu spät nach Hause kam, den Regeln des Gesetzes durfte nioht zuwider gehandelt werden. Es war jämmerlich kalt. Ein feiner, aber haarscharfer Wind pfiff unentwegt den Leuten eisige Luft in Augen, Mund und Nase, man roch förmlich die Schneeluft, aber wie Eis fielen die sonst so weichen Flocken herab. Schrecklich, so ein harter Winter . . . Keiner sprach ein Wort, nur das Stampfen der Füße im rhythmischen Gleichmaß war vernehmbar und das sanfte Heulen des unterdrückten Windes. Ein und eine halbe Stunde war der kleine Menschenzug schon unterwegs. Mitten auf Feldern ging man, um den Weg abzuschneiden, manch einer glitt auf den eisigen Schollen aus, aber der andere neben ihm hielt ihn schon fest. Schime, der am schlechtesten auf den Beinen war, hielt der Jericho eine geraume Weile am Arm fest, 'bis der Weg wieder eben wunde. Ausgestorben waren Wald und Feld, nirgendwo ein Haus oder die Stätte menschlicher Behaglichkeit. Um so grausiger klang ein fremder Ruf an das Ohr der sechs Männer, die eben von den Frauen, dem guten Essen und den braven »Kindern geträumt hatten und nun aufschreckten. Sie brauchten sich nicht gegenseitig zu fragen, was das (bedeutete, sie wußten es schon von selbst: Wölfe — wenn man Glück hatte — vielleicht einen Einzelgänger, der nicht minder gefährlich war. Es gab hier noch Wölfe. In guten Zeiten blieben sie allerdings kilometerweise fern in den dichten Wäldern der Grenze, aiber in Jahreszeiten wie die jetzige trieb der Hunger sie überall hin, wo sie Nahrung vermuteten. Nicht in übermäßigem Schrecken hasteten sie vorwärts, sie packten nur die Stecken fester und marschierten weiter. Der Ruf aus der Ferne war verstummt. Dafür kam ein Schatten über die weißlich ausgefrorene Ebene, tückisch sich an den Boden schmiegend, aber doch rechtzeitig genug erspäht. Man hatte Glück, ein Einzelgänger. Man war zu sechsen, er mochte nur kommen, der Meister Isegrim. Und er kam, wütend und wild vor Hunger, unbedacht, und der Kampf war kurz, röchelnd lag er auf dem hartgefrorenen Boden, blutüberströmt. Nur der Schime freute sich nicht des Sieges, er sah sinnend auf den dampfenden Boden und wiegte den Kopf: ,,Nun kommen die andern, wenn sie das riechen. Und halben sie den einen verschlungen, suchen sie uns —" Recht hatte er. Aber der Jericho wußte einen Ausweg. Man mußte eben den Umweg machen und in taktischer Berechnung den Wölfen ein Schnippchen schlagen. Keiner von ihnen sprach das Wort: Umkehr. Sicher dachte man auch nicht daran. Ein letzter Blick auf den toten. Wolf und man schlug die angegebene Richtung ein. Mühsam war der Weg, über Hügel, einen Bach, der zwar steifgefroren war, aber dessen eine stetig flutende Stelle ihnen die Schuhe vereiste, mußten sie überqueren; dann meinte Jericho, man wäre dem Wolf entgangen. Er atmete auf und drehte sich nach einer Richtung, die lähmende Angst in sich, die Gegend hier beim Himmel nicht zu kennen. Vielleicht, so tröstete er sich, weiß einer von den andern Bescheid, sie waren so sicher im Weitergehen, daß es ihn seihst beruhigte. Er strich sich über die Stirne. Waren es Schweißtropfen, die an seiner Stirne 'hingen — nein — Schneeflocken, der lang erwartete Schnee fiel. Zuerst locker in einzelnen Büscheln, dann dichter werdend und gepeitscht durch den feinen Wind. Undurchsichtig war die Luft geworden und der Schime ließ sich zum Seufzer hinreißen: daß man doch nun bald an Ort und Stelle sei? Ja, fragte Jericho, wisse er denn den Weg? Grauenvoll war die Erkenntnis, daß keiner wußte, wo man sich befand. Flach war das Land, vielleicht war man auf dem rechten Weg, am Ende aber lief man im Kreise herum und begegnete den Wölfen auf dem nächsten Schritt. Scnttme stolperte, als habe die Erkenntnis ihm alle Kraft geraubt. Er stöhnte, als er niederfiel und die anderen ihm aufhelfen wollten, man solle ihn ruhig liegen lassen, aber entsetzt riß man ihn vom Boden auf. Weiter ging es. Schime lief einmal und es war, als wenn ein lang in ihm ruhendes Fieber /jetzt ausbreche, man käme zu spät zum G'ttesdienst, wenn man sich nicht eile. Dabei war es längst finster geworden, Nacht und vielleicht stundenlang rannte man ins Irre. Endlich sackte der Schime zusammen, bewußtlos hing er im Arm des Jericho, der ihn auflud auf seine Schultern wie an Werktagen sein schweres Bündel. Gebeugt unter der Last ging er weiter. Er wußte nicht, wie lange er noch ging, auf einmal spürte er die Knie weich werden und das Gefühl in sich, das gebot: Ruhe! Er hatte die Kraft nicht, es von sich zu weisen. Es ist ein schweres Los: Handelsjude in dieser Zeit der Entbehrung zu sein. Das saugt einem das Mark aus den Knochen, wie jetzt, als er zusammensank. Hinter ihm sackten, als hätten sie nur auf sein Versagen gewartet, die anderen zusammen. Augenblicklich breitete sich der Schnee über die Sinkenden, die in halbem Bewußtsein und mit letztem Sinnen eine Vision hatten: sie schritten weiter, leichtbeschwingt und mollig warm. Was war das — dort drüben war ja das G'tteshaus — o, wie hatte es sich verändert, ordentlich hoch reckte sich der Giebel und feine Stimmen klangen heraus. Man mußte sich beeilen. Hoff entlich beschmutzte man mit den dicken Stiefeln nicht den leppich, wie schon einmal — man strich sie sich tüchtig ab — aber der Schammes nahm sie bei den Armen, einen nach dem andern — wie weich und angenehm seine Hand war, die einen in das mollig warme G'tteshaus führte. Hatten die Heikenbrunner das Große Los gewonnen? Wie wundersam war die Synagoge, alles blitzte und blinkte, wie eitel Gold, die sonst so harten Bänke waren mit Samt gepolstert — die Wärme des Raumes rieselte wie ein warmer Trunk durch die Kehle. Mühsam öffneten sie die Lippen zum Eingangsgebet in die Synagoge, aber seltsamerweise sangen sie so laut, daß sich alle Menschen im Räume nach ihnen umschauten — aber sie versanken, es zerriß die Wand des G'tteshauses und in aller Lichtheit schauten sie die Schönheit des Unirdischen. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Kein Sabbat war für sie in ihrem armen Leben vorübergegangen, ohne daß sie ihn ehrten, und auch dieser letzte heilige Abend entglitt nicht umsonst — auch wenn sie das eigene Leben dafür einsetzen mußten — sie waren am Ziel, denn Frieden, endloser Frieden lag auf den Gesichtern der langsam im Schnee Versinkenden. G'tt selbst hatte sie in sein lichtes G'tteshaus aufgenommen ... Der neue „Nachläth Zwi". Wir haben etwas länger wie sonst auf die neue Nummer der Monatsschrift für, Judentum in Lehre und Tat, „Nachläth Zwi" (herausgegeben von der Rabbiner Hirsch-Gesellschaft) warten müssen. Aber es hat gelohnt. Heft 1, 2, 3 für Tischri, Marcheschwan und Kiislew bestätigt durch eine besonders reiche Fülle wertvoller Beiträge die Bedeutung der Monatsschrift als vornehme Revue für jüdische Literatur und Wissenschaft im besten und jüdischsten Sinne vollauf. An leitender Stelle referiert Herr Dr. Isaac Breuer über die neue Lage der deutschen Juden und wie sich die Orthodoxie im Sinne von S. R. Hirsch, die schon seit einem Jahrhundert gewarnt natte, zu ihr einzustellen hat. Die Ideologie der unabhängigen Orthodoxie hat recht behalten. Das soll nicht mit freudigem Siegesbewußtsein festgestellt werden, sondern mehr als Mahnung an uns und unsere Kinder, uns mehr denn je heute mit dieser jüdischen Ideologie zu befassen und izu erfüllen. Rabb. Dr. Pinchas Ko'hn schreibt in einer kurzen bedeutsamen Homilie über das „Woher und Wohin". Ueber "die orthodoxe Organisation in der Geschichte" referiert Herr Redakteur S. Schach nowitz in einem längeren Aufsatz, dn dem der Nachweis erbracht wird, daß der Organisationsgedanke im Judentum immer lebendig blieb, so daß die Agudas Jisiroel-Weltorganisation kein Neuland entdecken mußte, sondern an Althergebrachtes anknüpfen konnte. Besonders interessant in diesem Artikel sind die Ausführungen über 'die Vderländersynode im Mittelalter. Dr. Jakob K atz setzt seine Aufsätze „Entstehung der Judenassimilation und deren Ideologie" fort und Dr. Paul Galews ky, Berlin, behandelt ein bdblisch-talmuidisches Thema in -einer Weise, die

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