Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1936)
- Date
- 1936-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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23. Januar 1936 Oer Israelit Nr. 4 Seite 7 Berufswettkampf ausgeschrieben. Teilnahmeberech tigt an diesem Wetttkampf waren alle diejenigen jü dischen jungen Leute, die als Lehrlinge oder Volontäre in irgend einem handwerklichen Berufe ausgebildet werden, und zwar solche, die von der Schule weg sofort ms Handwerk als Lebensberuf eingetreten sind, als auch junge Menschen, die früher in anderen Berufen gestanden haben und ^etzt zwecks späterer Auswanderung zu einem handwerklichen Berufe übergegangen sind. Dieser Berufswettkampf war ein unerwartet großer Erfolg. Sowohl die Zahl der eingelieferten Arbeiten (im ganzen 66) als auch ihre Qualität zeigten nicht nur allergrößtes Interesse aller Beteiligten, sondern auch einen überraschend hohen Stand handwerklichen Könnens. Die eingelieferten Arbeiten wurden in den Räumen des Sozialamtes der Leipziger Gemeinde zur Besichtigung ausgestellt. Es Wasen nicht nur Arbeiten aus dem Metall- und Holzgewerbe, sondern auch aus dem graphischen Gewerbe, dem Bandagistengewerbe, Schneider- und Putzmacherhandwerk, Bäcker- und Buchbindergewerbe u. a. vertreten. w Wenn irgend etwas geeignet war, zu beweisen, daß junge jüdische Menschen bei geeigneter Anleitung in dier Lage sind, einen handwerklichen Beruf nicht nur zu erlernen, sondern wirklich vollkommen zu hekerrschen, so war es diese Ausstellung, lieber. 20 Arbeiten konnten preisgekrönt werden. Es standen zum Teil hierfür wertvolle Preise zur 'Verfügung. Eine schlichte Feier mit Verkündung der Preisträger und Verteilung der Preise am Abend des letzten Chanukahtages beschloß die Veranstaltung. Oesterreich. Die „Reichspost" gegen die Autonomie der Wiener jüdischen Kultusgemeinde. Wien, 15. Jan. In Wien spielt sich. derzeit eine Auseinandersetzung zwischen den zionistischen und union.is tischen Vertretern in der Kultusgemeinde wegen der Frage der Besetzung der Stelle des Amts-: d i-r ektor*. ab...... Die zionistische Majorität wünscht,: diese wichtige Position mit einem ihrer Vertrauens-, männer zu besetzen, während die unionistiische Op-j Position die Stelle lieber mit einem ihrer Parteirich-I] tung genehmen Beamten besetzt sähe.. Diese innere? : Auseinandersetzung in der jüdischen Kultusstube be-> nützt die „Reichspost" in einer ihrer letzten Nummernr um unter dem Titel „Die letzte Insel der Parteipplitik" die österreichische .Regierung aufzufordern, den Wiener Juden, das freie Wahlrecht in ihrer Gemeinde zu nehmen und die Autonomie der jüdischen Gemeinde, insbesondere hinsichtlich der Zusammensetzung ihrer Leitung, wesentlich einzuschränken. „Während der neue österreichische Staatsgedanke'', schreibt die Zeitung, „sich allenthalben durchgesetzt hat und weithin verwirklicht ist, hat der Geist des alten Parteienstaates in der Wiener israelitischen Kultusstube sich eine Zufluchtsstätte, eine Insel, eine Art „Ausnahme" gesichert, die .wie eine Trutziburg der Vergangenheit in die neue Zeit hineinragt," Dieser Vorstoß des katholischen Organs gegen die Autonomie der jüdischen Gemeinde hat heftige Erwiderungen in den jüdischen Zeitungen ausge<löst. Organisation der jüdischen Erfinderarbeit. Wien, 14. Jan. Der Verband der jüdischen Ingenieure und Techniker in Oesterreich hat in seiner Vorstandssitzung beschlossen, die Organisation der jüdischen Erfinderarbeit zu übernehmen. Die Gesichtspunkte sind: Der Export Erez Israels und seine Handelsbilanz könnten eine wesentliche Steigerung und Sicherung, erlangen, wenn es gelingen wrüde, die Produkte jüdischer Erfinderarbeit zunächst der palästinensischen Industrie selbst zur Verfügung zu stellen und dann; aus ihnen ein Exportgut — Patente, Lizenzen — zu 'schaffen. Die jüdische Gesamtsituation erfordert, daß jüdische geistige und erfinderische Arbeit künftig als solche gekennzeichnet wird. Die Durchführung der Organisation der jüdischen Erfinderarbeit soll in der Weise erfolgen., daß der palästinensische Ingenieur-;- verband «ine Erfindungs-Verwertungsiges.ellsichaft, etvjra; nach dem Mülster der;&n' Amerika schon: bestehenden, Die Woche. Berlim. In einer großen Kundgebung der Berliner Zionisten. gegen den Legislative Council und die geplanten neuen Einwanderuragsbeschränkungen hielten Ansprachen Dr. Franz Meyer, Dr. J o s e p h s t a 1 und Dr. Michael Traub.- Die Kundgebung stand unter dem Motto: „Die Stimme der Juden Deutschlands muß doppelt und dreifach gehört werden!" — Im Laufe des Monats Januar gibt die Jüdische Winterhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin an die von ihr betreuten Hilfsbedürftigen eine zusätzliche Lebensmittelration von 50 Pfund Kartoffeln pro Kopf aus. Diese Kartoffelversorgung ' geschieht neben der sonstigen Winterhilf »Zuteilung, da mit dem fortschreitenden Winter die Not der Hilfsbedürftigen immer größer wird. Hamburg. Durch einen Runderlaß des Reichs- und Innenministers ist der Red Star Linie GmbH, in Hamburg die Erlaubnis erteilt worden, von Antwerpen reichsangehörige nichtarische Auswanderer und ausländische Auswanderer nach den Vereinigten Staaten von Amerika zu befördern. Köln. Am 26. Juilli 1935 rettete der jüdische Schneidermeister Josef Fröhlich in Kola bei einem schweren Autounglück unter eigener - Lebensgefahr einen Verunglückten aus einem brennenden Kraftwagen, wobei er selbst erhebliche Brandwunden davontrug. Der Regierungspräsident von Köln hat dem Lebensretter in einem Schreiben angekündigt, daß er in der nächsten Nummer des Regierungsamtsblattes ihm eine öffentliche Belobigung aussprechen werde. Breslau. Die berühmte Pnivatbibliothek des verstorbenen Kommerzienrats Pinkus in Neustadt (OS.) wurde von der Pro vinzialverwalt u n der Provinz Oberschlesien übernommen. In der Bücherei befinden sich allein 20.000 Bände von schlesischen Verfassern über Schlesien und 100 handschriftliche Urkunden, die bis auf das 14. Jahrhundert zurückgehen; Warschau. Wie in Wilna, sind nun auch die Warschauer Ge- :meindebeamteh in den Streik getreten." Auch die Lehrer der Gemeindeschulen streiken, so daß die Schulen geschlossen sind. Nur die Beamten der Friedhofsabteilung arbeiten unter Leitung der Chewräh Kadischah weiter. — Tag für Tag werden im Lande in allen jüdischen Gemeinden Massenversammlungen abgehalten, in denen Protest gegen die Schaffung des Legislative Council erhoben wird.—- Auf der Tagung des Misrachi-Parteirats Polens wurde bekanntgegeben, daß das Zentralkomitee alle Sektionen im Lande beauftrage, diejenigen Mitglieder, die gleichzeitig der NZO angehören, aus der Misrachi-Organisation auszuschließen. Wilna. Die Angestellten der Wilnaier jüdischen Gemeinde sind in den Streik getreten, weil sie seit längerer Zeit ihren Gehalt nicht mehr ausbezahlt bekamen. Ein Ansuchen der Streikenden an die C h e w r a h Kad i - s c h a h , sich dem Streike anzuschließen, wurde von ihr damit beantwortet, daß ihre Arbeit die Erfüllung einer religiösen Bruderpflicht sei, auf die die Streikparole keine Anwendung finden könne. London. An Stelle des verstorbenen Lord Reading ist Sir Heibert Samuel zum Präsidenten der Palestine Electr'ic Corporation (Ruthenberg - Elektrizitätswerke) gewählt worden. — In einer Massenkundgebung der NZO. sprach J a b ö t i n s k y über die Gründe, die seine Partei und die gesamte Judenheit bewegen, den Legislative Council abzulehnen. Jerusalem. Wie verlautet, hat die Palästinaregierung ein Darlehen von 20.000 Pfund aus dem Ueberschuß der Regierung für Durchführung öffentlicher Arbeiten in Jerusalem bewilligt. ■-— Nach dem neuen P r e s'S e g e s e t z wird der High Commissioner befugt sein, ohne vorhergehende Verwarnung Zeitungen, die durch falsche Nachrichten die Oeffentlichkeit irreführen, zeitlich oder ganz zu verbieten. — In Bagdad soll demnächst ein „Pan- Arabischer Kongreß" abgehalten werden. Die Irak-Regierung hat die Uebernahme des Protektorats über diese Veranstaltung abgelehnt. schafft. Die jüdischen Ingenieurverbände in der Diaspora sind die Filialstellen. Der Arbeitsplan sieht zunächst folgend© Aufgaben vor: 1. Ueberprüfung der zur Verwertung angebotenen Erfindungen, und Neuheiten in technisheer, kommerzieller und patentrechtlicher Beziehung. 2. Praktische Unterstützung des Erfinders. 3. Verwertung seiner Idee in Palästina durch Herstellung einer Verbindung zwischen Erfinder und Kapital. 4. Verwertung palästinensischer und außerpalästinensischer Erfindungen in der Diaspora. 5. Anregung des jüdischen Erfindergeistes zur Befriedigung von technischen Bedürfnissen für den Aufbau Erez Israels. Antisemitischer Vorstoß unter der Maske des Schutzes katholischer Palästina-Interessen. Wien, 17. Jan. Die für Donnerstag Abend angekündigte Massenversammlung der Wiener Katholiken „für die bedrohten katholischen Rechte in Palästina" war durchaus keine, Massenkundgebung. Bloß etwa 300 Personen nahmen an der von dem „Generalkommissariat für das Heilige Land", wie ein geistlich-katholisches Reisebüro für Palästinafahrten sich nennt, und den Pilgerfahrtenkomitees einberufenen Versammlung teil. Mit Ausnahme Kardinal Innitzers, der, wie zu erwarten war, jede Spitze vermied, gaben sämtliche Redner ihren Ausführungen eine scharf antisemitische Note. Die gegen die Juden gerichteten Wendungen wurden von der Zuhörerschaft mit lebhafter Zustimmung aufgenommen. Durch besondere Gehässigkeit zeichnete sich das einleitende politische Referat des bekannten „Judenfreundes" Professor Czermak, des Verfassers des Buches „Ordnung in der Judenfrage", aus. In jüdischen Kreisen ist man über diese antijüdische Aktion um so mehr befremdet, als kein einziger Redner irgend eine Maßnahme oder Geste der palästinensischen Juden oder der Zionistischen Organisation anführen konnte, die auf eine Bedrohung der katholischen Minderheit in Palästina einen Schluß zuließe. Man erklärt, daß ein in der jüdischen Stadt Tel Awiw gegen die unjüdische . Sitte, lärmende Sylvesterfeiern zu veranstalten, erlassener Aufruf, doch keineswegs mit'der Lage der Ki£ tholiken in Zusammenhang gebracht werden kann. Was die übrigen Beschwerden betrifft, von denen in der Versammlung die Rede war, so richten sie sich gegen die übrigen christlichen Gemeinschaften und die Palästina-Regierung, sollen aber zu antijüdischer Propaganda ausgenutzt werden. Be'm Freitagabend-G'ttesdienst gab der Wiener Oberrabbiner Dr. 'David F e u c h t w a n g folgende Erklärung zu der katholischen Palästina-Kundgebung ab: „Es ist vollkommen ausgeschlossen und mit den religiösen Gesetzen des Judentums unvereinbar, daß das Judentum irgend etwas gegen eine andere Konfession in Palästina, geschweige denn gegen die katholische Kirche, zu unternehmen versucht hätte. Dies gilt für die ganze Judenheit der Welt und insbesondere für die Juden in Palästina^ Die Judenheit in Palästina hat nichts anderes vor, als Aufbauarbeit zu leisten, die dem jüdischen Volke ebenso zum Segen gereichen soll wie, der gesamten Menschheit. Es ist weit davon entfernt, irgend einer Konfession — nicht zu sprechen von der katholischen Kirche — in irgendeiner Weise zu hemmen oder gar zu schädigen. Es wurde in der betreffenden Versammlung gesagt, das Judentum sei reich, mächtig und offensiv. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß das Judentum arm und schwach und daß das jüdische Aufbauwerk in Palästina ein Werk der Defensive ist. Es soll den bedrängten jüdischen Menschen eine Heimstätte schaffen, wo sie vor Verfolgungen geschützt sein werden. Es ist zu bedauern, daß in dieser Versammlung Worte gefallen sind, die geeignet erscheinen, Instinkte zu erwecken, die sich als Gefahr sowohl für die jüdische Gemeinschaft als auch für die Stadt, in der wir alle leben, erweisen könnten. Es wäre vielmehr zu erwarten gewesen, daß in einer auf religiöser iBasis stehenden Versammlung einige Worte für die Juden in der Welt und Palästina gefunden worden wären. Es ist das leider nicht geschehen, was tief bedauert werden muß.