Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1936)
- Date
- 1936-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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23. Januar 1936 D Israelit Nr. 4 Seite 3 Stellung und Leistung der gesetzestreuen Rabbiner in Deutschland. (Fortsetzung von Seite 1.) Das Jahrhuiudert .der Emanzipation mit seiner tiefen Erschütterung der 'bisherigen Lebensgrundlage des Judentums stellte vor allem den gesetzestreuen Rabbiner vor ungeheure Probleme. Alle Faktoren des Lebens schienen sich wider ihn verschworen zu haben. Allzulang hatte der erniedrigende Druck und 'die harte Abschlie- , ßung auf den Gemütern im Ghetto gelastet. Als Reaktion darauf hatte sich die Sehnsucht nach einem vollen Ausleben in der großen Welt, ein -Hunger nach Diesseitigkeit und Teilnahme am kulturellen Leisten der außerjüdisohen Gesamtheit wie eine Flut aufgestaut, die jetzt alle Dämme durchbrach. Hemmungslos stürzte sich alles der vielgestaltigen Zivilisation Europas in die Arme, (berauscht von dem heißen Atem seiner Freiheit, seiner geistigen Eroberungslust, seiner unbegrenzten Lebensfreude. Das Gefühl für den einzigartigen Wert eines g'ttverbundenen Innenlebens, für die Heiligung des Erdendaseins durch Symbol und Brauch, für eine Selbstdisziplin durch Pflicht und Verbot war abgestumpft. Das religiöse Gesetz, das die Persönlichkeit vor dem Sich-selbst-verlieren bewahren, ihm das köstlichste Gut: seine 'höhere Freiheit und ethische Integrität schützen soll, wurde als störendes Hemmnis der Laufbahn und der äußeren Selbstentfaltung empfunden. Das schlichte, verinnerlichte Lebensideal, dem der Rabbiner diente, hörte auf, den Kindern der Welt ein Ideal zu sein. Mit einer unendlichen Geduld, die aus dem Bewußtsein der vieltausendjährigen Bewährung seiner eigenen jüdischen Auffassung floß, mußte vor ihnen der Rabbiner die überlieferte Lehre vertreten, albwartend, bis 'die große Enttäusdhung komme, bis der Betrug des nur Zivilisatorischen im leeren Herzen sich enthülle und dann statt des Hungers nach Welt der Hunger nach dem Worte G'ttes wieder einsetze. Noch verheerender winkte sich die zunehme ri d e Unkenntnis der jüdischen L e ih r e aus.. Das Amhaarazuth, das sich bis zur Unfähigkeit, die Bibel im Urtext verstehen zu können, ja bis zur mangelnden Kenntnis der hebräischen Schriftzeichen steigerte, ward der Fluch der Emanzipation. Je weiter sich die Allgemeinbildung verbreitete, desto flacher wurde die wissensmäßige. Aneignung der jüdischen Gestibiehte, die Erfassung des Judentums nach Sinn und Gehalt, 'die Fähigkeit, für die Ziele und Bestrebungen einen jüdischen Wertmaßs t a b aus der Totalität einer jüdischen Weltanschauung heraus zu nehmen. Tihora und Talmud, die Lehrgebiete des Rabbiners, wunden den Menschen der Assimilation Bücher mit sieben Siegeln. Nur iaiuf Umwegen konnte der Lehrer jüdischen Gedanken wieder ein Ohr schaffen, indem er ihren schlicht-menschlichen, rationalen Ge- 'halt hervorhob, ihre Uebereinstimmung mit Philosophemen des Tages nachwies oder ihren Einfluß auf ges'amtkulturelle Entwicklungen aufzeigte. Das Gefährlichste aber wurde die durch Einflüsse aus 'jüdischem Kreis bewirkte E n t - in ä c h ti gumig des r a b b i n i s c h e n Amtes!; seine im Staatsgesetz sich dokumentierende! Unterordnung unter das Diktat der Geldoligarchie^ die in den Gemeinden mit skrupelloser Rücksichtslosigkeit die Herrschaft an sich, riß und für befugt hielt, in den heiligsten Anliegen des Gewissens, in den schwersten Fragen des jüdischen Lebensrhythmus und der Lebensgestal-' tunig eigenmächtig, ohne Sachkenntnis, lediglich im Blick auf politische Ziele und persönliche Neigungen zu entscheiden. In den Jahren des Sturms und Dranges führte die Selbstherrlichkeit der Vorstände zum jähen Bruch mit allen Traditionen, zur Beschränkung des jüdischen Unterrichtes, zur Abschaffung der religiösen Institutionen, zu gewaltsamen Reformen selbst an der empfindlichsten Stelle unseres jüdischen Eigendaseins: dem G'ttesdienst mit seinen Gebeten und Formen, seiner iBindung an die Hoffnung und die Sprache des Messiasreiches, in denen die Volksseele sich in ihrer Idealität darstellt. Der Mangel des Sinns für die Geschichte und die Ueberspannung des Rechtes auf Individualität im Religiösen sind ja die typischen Kennzeichen jeder revolutionären Epoche; sie mußten besonders verhängnisvoll 'im Judentum wirken, das durch und durch eine historische Erscheinung ist und durch seine Weltdiaspora gezwungen ist, um seiner Einheit willen den Zusammenhang mit der Vergangenheit und Zukunft Israels in Treue zu bewahren. Diese unstetige Entwicklung führte zur unseligen Teilung der 'deutschen Judenheit in izwei Lager, das der Gesetzestreue und den Liberalismus; sie bewirkte insbesondere, daß der streng konservative Rabbiner von zahlreichen Großge meinden Deutschlands bei Besetzung des rabbinischen Amtes ausgeschlossen ward und:jeder Einflußnahme auf die seelische Haltung des Einzelnen und der Gestaltung der Dinge in, ihnen verlustig ging. Ueberblickt man objektiv diese Situation, wie sie durch die Emanzipation sich herausstellte, um zu einer Bewertung des Erfolges in der Arbeit der Gesetzestreuen zu gelangen, so kann man ohne Uebertreibung anerkennen, daß die Leistung der konservativen Rabbinen *eine erstaunlich große war. Wo ihnen eine Möglichkeit des Wirkens blieb, da bewahrten die Gemeinden, im Großen g e s eh en, ihren echten jüdischen Charakter..;l Nach wie vor Hieb das jüdische Haus und die jüdische Familie Tempel der G'ttgehörigkeit; der Kinderreichtum und der erzieherische Wille, in ihren Sprößlingen Träger jüdischer Bestimmung zu erhalten, sie Sabbat-, Fest- und Fasttage als die Höhepunkte des jüdischen Jahres erleben zu lassen, zu 'diesem hehren Ziele sich in vorehelicher Keuschheit und in Zurückhaltung von" den erotischen Freuden der Welt selbst den Ihren als Vorbild sich zu erhalten, blieb Kennzeichen der frommen Gemeindemitglieder. Nach wie vor wird in den Kreisen der Gesetzestreuen in iSchiurim bei Alt und Jung gelernt, es blieb das Niveau jüdischer Bildung turmhoch über dem der andern. Nach wie vor band das jüdische Gesetz alle zu einem lebendigen Gemeinschaftsleben zusammen und schuf ein charakteristisches jüdisches Milieu, eine gesunde Atmosphäre jüdischer Lebensluft, in der die Einzelseele atmete, in der alle eine innere Formung erhielten. Und bei Allen blieb die R e 1 i g i> o n d i e zentrale Angelegenheit des'" Lebens,, blieb das Bewußtsein von der Relevanz jeder jüdischen Einrichtung, blieb der Sinn für das Fragen und Forschen nach der Deutung und Bedeutung biblischer und talmudischer Aussprüche als die1 lebendige und lebenauslösende Substanz der geistigen Persönlichkeit, Ja, im gewissen Sinne wuchs die Intensität und Eindringlichkeit des religiösen Fragens in der Notwendigkeit, den eigenen Standpunkt vor sich zu rechtfertigen gegenüber den Angriffen und dem Spott von anderer jüdischer Seite. Wie vermochte der gesetzestreue Rabbiner" solche Leistung zu vollbringen? Es war natürlich1 eine Umformung seines Berufes dazu erforderlich. Es: genügte nicht mehr, daß er der Kenner und überlegene Forscher der Thora-war; er mußte sich durch die ganze Fülle moderner Geistesströmungen durchgerungen, mußte aus der breiteren Perspektive allgemein weltlicher und philosophischer Bildung die Kraft erlangt haben, die Zeitüberlegenheit und unantastbare Geltung der Tihora zu erweisen. Die Profanbildung verringerte wohl den Standard seines ratobinischen Wissens, aber wie es Maimonides einmal von sich selbst gesagt hat, sie diente ihm nur als ,,Köchin und Anrichterin, um die Einzigartigkeit und Ausschließlichkeit der wahren Geliebten, der Thora, in desto hellerem Lichte erstrahlen zu lassen." Seit Samson Raphael Hirsch und Esriel Hildesheimer ist der moderne gesetzestreue Rabbiner ohne Beherrschung des Weltwissens schwer denkbar; denn das Problem von Glauben und Wissen, die Pflicht der Auseinandersetzung zwischen religiöser und weltlicher Kultur ist eine vordringliche Aufgabe seines Berufes. Erst im Hinblick auf solche umfassendere wissenschaftliche Fähigkeit präsentierte sich in sedner Person die ewige Heutigkeit und Gegenwartsgeltung der jüdischen Religion. Erst durch sie konnte er den in die. unheilige Weltlichkeit der Zivilisation verstoßenen Menschen dort aufsuchen, wo dieser wirklich stand, in allen Zweifeln des Geistes, in allen Kämpfen der Sinnlichkeit, in allen religiösen Schwierigkeiten des gewerblichen Lebens. Dazu mußte der Rabbiner allerdings aus der einsamen Höhe des Talmudforschers hinabsteigen, mußte vor allem es verstehen, die Thorawissenschaft in Kleinmünze umzuprägen, der meist die Gymnasien besuchenden jüdischen Jugend in den schweren Entwicklungsjahren zur Seite steinen, mußte die Thora in das zeitbewegte Leben des Einzelnen hineintragen und überall den gesellschaftlichen Veranstaltungen seiner Gemeinde die religiöse Prägung zu geben versuchen. All das grenzte die Muße stiller rabbinischer Forschung ein, belastete den Rabbiner mit viel täglicher Kleinarbeit und verzettelte seine geistigen Energien auf viele Nebengebiete. Darunter litt oft seine eigentliche fachliche Autorität. Aber sein persönlichcharakterliches Ansehen wuchs in gleichem Maße, iils ev, lediglich auf den Einfluß seines Wortes und seines Beispiels angewiesen, ohne Machtmittel, oft im Kampfe gegen den Unverstand der Mächtigen, unbeirrbar sich treu blieb, allen Verlockungen, mit einem kleinen Opfer des Gewissens ein größeres und einträglicheres Rabbinat zu entoigen, widerstand und in seinem Hause ein Heiligtum der Frömmigkeit und tätiger Bruderliebe seiner Gemeinde schenkte. Der Rabbiner in der gesetzestreuen Gemeinde rettete in seiner Person die Würde der Religion. In ihm und an ihm behielten die Zweifler den Glauben. Weil er unbestechlich, ohne Furcht, stark und aufrecht seinem G'tte diente, war die Realität und Wirklichkeit einer ewigen Ueberwelt, die Macht des Ethischen in der Welt gegenüber allen Verächtern der Religion gewährleistet. (Schluß folgt.) Wochenkalender. Von. 25. Januar — 1. Februar 1936 / Vom 1. — 8. Schebat 5696 vve* sp Samstag 25 1 pnnao rp vrm vm Sonntag 26 2 . w Montag '27 3 3 Dienstag 28 4 85 M- Mittwoch Jan. 29 uaw 5 33 Donnerstag 30 6 J3 Freitag 31 7 13 Samstag Febr. 1 8 ri3 83