Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-01-16 · Heft 3 (16.1.1936) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 3 (16.1.1936)
Date
1936-01-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450912--81848-2539747
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 3 1936 Eine Geschichte vom Kaiser Joseph-*) Wenn man Kaiser Joseph sagt, so weiß jedermann, daß damit Joseph IL von Deutschland gemeint ist, der im vergangenen Jahrhundert in Wien geleibt hat,, und es, ist nicht sein geringster Rühm, daß er gar keinen Beinamen hat, nicht der Große, nicht der Gütige, nicht der Binzige, nicht der Gerechte, — daß man nur Kaiser Joseph zu sagen hat, und jedermann weiß, wer •damit gemeint ist. „Der Kaiser kommt morgen durch unsera Ort," sagte eines Abends nach dem gemeinsamen Nachtgefoete der jüdische Gemeindevorsteher Isaak zu dem Rabbiner. Dieser kraute behaglich in seinem langen weißen Barte, der ihm bis auf die Brust herabbing, und murmelte vor sich hin: „Gesegnet sei er!" — „Amen!" fuhr Isaak fort; „aber wir sollten doch etwas veranstalten, ihn zu begrüßen. Es tut jedem, und wenn er noch so hoch steht, wohl, wenn er sieht, wie man ihn in Wahrheit liebt; und gerade weil uns vom Amt nichts befohlen und nichts angesagt ist, muß der Kaiser sehen, daß es von freien Stücken geschieht. Der Pfarrer und der Ortsrichter, Männer, Frauen und Kinder gehen ihm entgegen, und sie haben; draußen an der Gemarkung eine Ehrenpforte geba-uL loh kanns nicht wagen, den Vorschlag zu machen, daß wir auch dabei,sein dürften: aus zwei Gründen nicht, denn erstlich, Veiß ich im Vöraiis^ sie' 'weisen tiiis ab." „Dann könnt' ihr den zweiten Grund , in Rauch hängen!" sagte der Gemeind'ediener, To-; blas Heubauch genannt, weil er der/ Sage nach; einst, um sich ein Ansehen zu, geben, sich mit Heu ausgefüttert hatte, versteht sich nur äußerlich. Alles lachte nur leise, denn man wagte es nicht laut im Beis*ein des ehrwürdigen und. strengen Rabbinen, den noch niemand 'hatte lachen sehen. Auch der Vorsteher lächelte und fuhr fort: . „Und wenn sie's. uns auch, gewähren würden,, wer wollte dabei sein, wo man nichts als Schimpf und Spott auszustehen hat? Was sollen wir nun machen?" Der Rabbiner faßte den Zipfel seines Bartes fest in die Faust; das war ein Zeichen, daß er reden wollte, und alle hörten still zu,' da er begann: „Die Gemeinde kommt morgen früh in Feiertagskleidern in die Synagoge, und da-.wird sich alles zeigen." Der Rabbiner srohlug ein. großes Buch auf und legte die' rechte Hand hinein, zum Zeichen, daß die Gemeinde sich entfernen sollte. Denn er wollte jetzt wieder seine gewöhnliche Tätigkeit fortsetzen, die nur in abwechselndem Beten und: Studiereh'bestand. Am änderen Morgen , ging keiner mit seinem Quersack über Land, denn heute war ein Festtag. In der Synagoge an der östlichen Wand w .r Tobias beschäftigt, den Gesetzesrollen, die hier standen, samtne und brokatene Umhüllungen zu geben. An je zwei Doppelstäben, sind .h£er die großen Pergamente zusammengerollt; denn es ist alte Satzung,. daß das Gesetz MösisJ'nicht au$ 'einem gedruckten Buche; sondern, jaus. geschriebenen 'Pergamentrollen vorgejjesen,, wind,!. und , diese' 'i'RolleW kommen nie heraus ip. : das ..freie Sönn^niictity außer ^ah^dem Tagey dä.iünter Ge- *) Diese Geschichte von Berthold ' A:iu'e rbach wie . djfe*. nacilfo^enclieii: ^eikklssofea* Ai^dpfea be- ■jündenir sich v rjm Lesebuch ,^Das sdebeniadhe: Licht*' von Emänuel bin Gorion. Schocken-Verlag, Berlin. sängen und Gebeten von einer Familie eine neue Gesetzesrölie in die Synagoge gestiftet wird. Nachdem mehrere Psalmen abgesungen waren, wurden die Rollen allesamt hinausgetragen auf die Straße; dort stellten sich die Träger auf, in ihrer Mitte der Rabbiner, dessen Gesetzesrolle an den oberen Enden mit flimmernden silbernen Kronen geschmückt war. Auch die ganze Gemeinde stellte sich auf, hier im Inneren des Dorfes, als bereits die Glocken von der Kirche zu läuten begannen verkündend, daß die kaiserlichen Wagen an der Gemarkung angelangt waren. ... Auf der Freitreppe am Hause des Gemeindevorstehers Isaak, das der Synagoge gegenüberlag, hatten sich die jüdischen Frauen und Mädchen versammelt; eine suchte sich hinter der andern zu verstecken, um nicht gesehen zu werden, und wiederum drängte sich jede vor, um gut zu sehen. Ein Hochrufen, aus dem besonders die hellen Kinderstimmen bervorklangen, wand vernehmbar. Jetzt kam ein Wagen mit zwei Männern in glänzenden Uniformen; er rasselte vorüber, ehe man noch Zeit hatte, den Mund auf zutun. Es entstand ein bedauerliches Murren, daß der Kaiser so stolz und zornig vorübergerasselt sei und nicht einmal gegrüßt habe, und man stritt eben noch darüber,, ob der zur rechten oder zur linken Seite der Kaiser gewesen sei, als wiederum ein Wagen nahte. Aber jetzt ganz langsam und im Schritt. Nein, das war der Kaiser, und der Rabbiner hob die Gesetzesrollen hoch und betete mit lauter Stimme, und die ganze Gemeinde sprach ihm nach: ,,Gelobt seist du G'tt/ unser .G'tt, König der Welt, der von seiner Majestät Teil gegeben hat einem Menschen von Fleisch und Blut!" Der König ließ still halten und ^lcJnC: diese in hebräischer Sprache gesprochenen."Wörfe, die ein vorgeschriebener Segensspruch : beim Anblick: eines /Fürsten sind," ins 'Deutsche übersetzen. Er nickte zufrieden und sagte dann: „Ich muß es auch euch sagen, daß ich diese Ehrenbezeigungen nicht liebe; ich reise 'durch mein -Land, um euch arbeiten zu sehen, nicht um euch zum Müßiggehen zu veranlassen. Freilich, ihr Juden habt noch wenig nutzbringende Gewerbe, aber ihr solltet euch daran halten, mehr stetige Tätigkeit zu. erwerben. Meine Gesetze sollen euch darin schützen. Ihr habt viele Jahrhunderte Schmach und Elend erduldet, das; soll nun ein Ende haben, in meinem Lande wenigstens; ihr &ollt dann den redlichen Lohn redlicher Arbeit genießen." Der Kaiser ließ sich nun die Beschaffenheit der Gesetzesrollen erklären und wiederholte nochmals, daß er keinen bürgerlichen Unterschied wegen Glaubensansichten bestehen lassen wolle. ,,Ist es wahr," fragte er dann den Rabbinen, ,,däß ihr*' euch noch für das auserwählte Voik haltet uriä" "alle anderen' geringschätzt, weil sie nicht eures Glaubens sind?" „Hoher Herr,'.' erwiderte der Rabbi, „unser Gesetz ist nur für den' verbindlich,;der als Jude .geboren ist; wir suchen rnie einen andern zu bekehren. Wäre es nunnicht vernunftwidrig, und g'tteslästerlich, wenn wir einen geringschätzen wollten, der seinem eigenen Gesetz nachlebt und unseres nicht will, das auch ihn nicht will?" Der Kaiser! nickte zufrieden und sagte: y,Ich will euch schützen:» in allem , rechtschaffenen Tun, iind ihr splltM ar an denken, daß ich einen Namen, aus.eurgm' Alten Testamönte habe,'-daß ich Joseph. hei%. r Ich begrüße hier eure Gesetzesrollen," schioßicder Kaiser,, sein fjaupt'^entblößend',' i.iöh ziehe den -Hut: ab vor ,jedem fremden >I^eÜigtuiii, .-däs lii Wahrheit - verehrt wird und keinen .Mengchgn imit flaß verfolgt,1'weil fer nicht;däs':Gleiche,d^fgleicher Weise.liebt" '! Moses Mendelssohn- Anekdoten in der Nachklassikerliteratur. Moses Mendelssohn war ein sehr frommer und weiser Mann und wurde daher von den angesehensten und gelehrtesten Männern hochgeachtet und geliebt. Dabei war er Handlungsbedienter bei einem Kaufmann, der das Pulver nicht soll erfunden!haben. Dieser Moses Mendelssohn gab unter anderm von der Zufriedenheit mit seinem Schicksal folgenden Beweis. Denn als eines Tages eilt Freund zu ihm kam und er eben an einer schweren Rechnung schwitzte, sagte dieser: „Es ist doch schade, guter Moses, und ist ■unverantwortlich, daß ein so verständiger Kopf, wie Ihr seid, einem Manne ums Brot dienen muß, der Euch das Wasser nicht bieten kann. Seid Ihr nicht am kleinen Finger gescheiter, als er am ganzen Körper, so groß er ist?" Einem andern hätt' das im Kopf gewurmt, hätte Feder und Tintenfaß mit ein paar Flüchen hinter den Ofen geworfen und seinem Herrn aufgekündigt auf der Stelle, Aber der verständige Mendelssohn ließ das Tintenfaß stehen, steckte die Feder hinter das Ohr, sah seinen Freund ruhig an und sprach zu ihm also; „Das ist recht gut, wie es ist, und von der Vorsehung weise ausgedacht. Denn so kann mein Herr von meinen Diensten viel Nutzen ziehen, und ich habe zu leben. Wäre ich der Herr und er mein Schreiber, ihn könnte ich nicht brauchen." (Hebel.) ■ II Der vielverehrte Moses Mendelssohn, den man den Sökrates seiner Zeit nannte, war im Bade von Pyrmont. Hier lernte er den Kaufmann Guggenheim aus Homburg kennen. „Rabbi Moses," sagte 'dieser eines Tages, '„wir alle verehren Sie, aber mit höchster Begeisterung verehrt und bewundert Sie meine Tochter. Mir wäre es das höphste Glück, Sie zum Eidam zu haben. Besuchen Sie uns . doch einmal in Homburg." Moses Mendelssohn war sehr schüchtern, denn er war gar traurig verwachsen. Endlich entschloß er sich doch von Berlin aus zur Reise und besuchte unterwegs seinen großen Freund Lessing in Braunschweig, wie in seinen Briefen zu lesen ist. Mendelssohn kommt in Hamburg an, besucht Guggenheim in seinem Arbeitszimmer. Dieser sagte: „Gehen Sie hinauf zu meiner Tochter; sie wird sich sehr freuen, Sie zu sehen. Ich habe viel von Ihnen erzählt." v Mendelssohn besuchte die Tochter. Anderen. Tages kommt er zu Guggenheim, Die: beiden Männer wissen das Wort nicht zu finden, -und Mendelssohn spricht'endlich von dem anmutigen und denkkräftigen Wesen der Tochter. „Ja^ verehrter Rabbi," sagt Guggenheim, „soll ich Ihnen ehrlich sagen . . „Natürlich." „Sie sind ein Philosoph, ein wohldenkender, weiser Mann, Sie werden es dem Kinde wohl nicht übelnehmen; sie hat gesagt . . . sie sei erschrocken, weil Sie sie gesehen hat, weil Sie . . '." ' „Weil ich einen so gräßlichen Buckel habe." Guggenheim nickte. „Ich habe mirs gedacht," sagte Mendelssohn; „ich will aber doch bei Ihrer Tochter noch Abschied nehmen." Er ging hinauf in die Wohnung; und setzte sich zu der Tochter, die am Fenster auf erhöhtem Sitz eine Näharbeit in der Hand hatte. Sie spra." chen gut' und traulich miteinander; aber das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.