Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1936)
- Date
- 1936-01-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr.-3 Der Israelit 16. Januar, 1936 er ein gemeines Verbrechen begeht, in eine Verschwörung gegen eine fremde Regierung verwickelt ist, auf französischem Boden ein« Verschwörung ge- . gen eine frem.de Regierung anzettelt oder die Zahlung von Steuern verweigert. In jedem Falle sind die Familienumstände desi Staatenlosen und sonstige für ihn günstige Momente zu berücksichtigen. Diese Verfügung bedeutet eine wesentliche Erleichterung der Läge der Staatenlosen in Frankreich, ■■: unter denen sich viele Juden befinden, die aus Rußland und dem Saargebiet ausgewandert sind. Man hofft, daß die gleichen Grundsätze auch auf Auswanderer aus Deutschland Anwendung finden werden. Palästina. Jerusalemer Brief. Arabische Unschlüssigkeit. — Jüdische Beratungen. Agudazertifikate. — Echo der Londoner Beschlüsse in Erez Jisroel. Jerusalem, 8. Jan. In der arabischen Presse will der Sturm ob der Frage des Legislative Council nicht nachlassen. Die Presseäußerungen spiegeln die große Zerrissenheit im arabischen Parteileben wieder. In der Hauptsache erleben wir hier den historischen Kampf zwischen dem Mufti und N a s h a s h i b i. Die Mufti-Partei ist, wie schon gemeldet, gegen die Gesetzgebende Körperschaft, während Nashashibi, der frühere Bürgermeister von Jerusalem, die stille Hoffnung hegt; im Parlament einen neuen Wirkungskreis und neue Basis für -seine Politik zu finden, nachdem ihn die letzten Wahlen beiseite geschoben haben. Dieser Bruderstreit kann uns im Grunde wenig interessieren und sei nur zur Charakterisierung, der „arabischen Einheit" registriert. In einer Beratung der jüdischen Organisationen wurde der Agudas Jisroel und ihren Führern Dank für das mannhafte Auftreten ausgesprochen und der Wunsch geäußert, daß die gesamte Orthodoxie in der Golah einmütig gegen die geplante Entrechtung der jüdischen Bevölkerung in Palästina ein- trete. In einer anderen gemeinsamen Sitzung der Jewish Agency und Aguda wurden von den Vertretern der letzteren die Wünsche bezüglich der Zertifikateverteilung in entschiedener Weise angemeldet. Der bisherige Prozentsatz entspräche weder der Gerechtigkeit noch den tatsächlichen Verhältnissen. Die Vertreter der JewAsh Agency betonten, daß die agudistische Alijah in letzterer Zeit dem Lande Segen brachte, da die agudistischen Olim viel Liebe zum Lande und zur Arbeit und eine mustergültige Opferwilligkeit mitbringen. Es liege aber an der Regierung, die die Gesamtzahl der Zertifikate immer von neuem beschneide, daß auch der auf die Aguda entfallende Teil vermindert werden müsse. Es werde aber darauf gesehen werden, daß alles nach gerechtem Verhältnis geordnet werde. Die Agudavertreter beschlossen in einer nachfolgenden internen Sitzung, auf den Forderungen in Sachen der Zertifikate mit aller Energie zu bestehen. Der Londoner Beschluß, die Lenessio Gedaulo in Jerusalem einzuberufen, löste ungeheuren Jubel in allen jüdischen Kreisen Palästinas aus. In der gesetzestreuen Bevölkerung setzt jetzt schon die Vorbereitungsarbeit mit aller Energie ein, denn man hat das Bedürfnis, sich der Ehre, die die Agudas Jisroel mit diesem Beschluß Erez Jisroel erwiesen hat, Würdig ZU zeigen. Man erwartet nicht mit Unrecht eine neue Aera für die thoratreue Erez Israel-Arbeit von der kommenden Kenessdo Gedaulo, Mn. M. P. Der Eindruck der orthodoxen Haltung zum Legislative Council in Palästina. Jerusalem, 13. Jon. Wie nicht anders vorauszusehen war, gehen die Wellen der Aufregung um den Legislative Council sehr hoch. In jüdischen, wie in arabischen Kreisen spricht man in den letzten Wochen und Monaten von nichts anderem, als von dem bevorstehenden Parlament. Die Tragweite der angekündigten Körperschaft läßt sich noch gar nicht abschätzen. Es muß dabei konstatiert werden, daß den größten Eindruck, nicht allein in agudistischen Kreisen, die Erklärung von Rabbi Mosche Blau machte, die sich durch klare Darstellung, feste Haltung und ausgezeichnete politische Orientierung auszeichnete, so daß die gesamte palästinensische Presse, 'die gewiß nicht im Verdachte steht, eine Vorliebe für die Agudas Jisroel und ihre Führer zu haben, den Ausführungen von Rabbi Mosche Blau ganze Artikel widmet, manche Zeitungen sogar an leidender Stelle. Es wird die gute Fassung der Rede hervorgehoben und auch die gesunde politische Intuition, die die Agudas Jisroel durch ihren prominenten Führer in "Erez Israel zum Ausdruck brachte. Der Eindruck läßt sich auch in den nichtjüdischen Kreisen, bis zum High Commissioner hinauf, feststellen. So hat der Adjutant des High Commissioners geäußert, daß die Ausführunigen Rabbi Blaus von größter Wirkung waren, besonders der Hinweis, daß wenn die g'ttliche Vorsehung das Schicksal des jüdischen Volkes unter den englischen Schutz gestellt hat, England sich dieser Aufgabe nicht entziehen darf, da nach altem Rechte em Wächter das ihm anvertraute Gut nicht an einen anderen Wächter weitergeben darf. Die arabische Presse betrachtet das Zusammengehen der Aguda mit den anderen Parteien unter einem anderen Gesichtspunkte. Sie lobt die jüdische Einheit, die sofort sich einstellt, wenn es um große entscheidende Dinge, um Lebens-, fragen der jüdischen Nation geht, während die Araber selbst auch in dieser /vitalen Frage zu keiner Einigung gelangen könnten. Man darf hier ohne Uebertreibung von einem avn VIVpnach außen und innen sprechen. (Liebermann im Warschauer . „Jüdischen Togblatt '.) Amerika. Hilfsaktionen für die hungernden Juden Beßarabiens in Amerika und Palästina. New Y o'ik, 8. Jan. Auf Grund der beunruhigenden Berichte über die schreckliche Lage der hungernden jüdischen Bevölkerung Beßarabiens, hat das Joint Distribution Committee einen außerordentlichen Beitrag von 5000 Dollar für die Hilfsaktion in dem-.'Hungergebiet bewilligt; Im vergangenen Jahre hat der Joint für verschiedene Hilfszwecke in Rumänien rund 30.000 Dollar ausgegeben, zum größten Teile für Kinderfürsorge. Außerdem hat die Joint-Ica-Foundatiori den jüdischen Darlehenskassen in Rumänien Kredite in der Höhe von 163.000 Dollar eingeräumt. - T e 1 A w i w , 8. Jan. In Tel Awiw wurde ein Komitee zur Unterstützung der hungernden Juden Beßarabiens gebildet. Den Vorsitz des Komitees hat Bürgermeister Meir Dizengoff übernommen. Was ist mit Ecuador? New York, 7. Jan. Das in Quito, der Hauptstadt der südamerikanischen Republik Ecuador,, bestehende Comite de Immigracion teilt der ITA. mit, daß die Vorbereitungsarbeiten zur Verwirklichung des Kolonisationsplanes beendet sind. Gedrängt durch die frühzeitige Ankunft einer gewissen Zahl von Auswanderern aus Deutschland, ist das Komitee bereits an die Urbarmachung von Landwirtschaftsboden in einem Umfang von über einer Million Acres und an den Bau von Wohnhäusern auf der für die Kolonisation reservierten Fläche herangetreten. Ein Bevollmächtigter des Komitees hat sich nach New York begeben, .um di« Verbindung mit den an dem Plan interessierten- Organisationen aufzunehmen. Heute schon hat das Komitee eine Fläche von 50.000 Acres in Besitz genommen; weitere geeignete Bodenflächen wurden dem Komitee vom Präsidenten von Ecuador, Frederico Poes, zur Verfügung gestellt. Demgegenüber ist auf die auch von uns mitgeterlte absolut negative Stellungnahme des Auswandererhilfsverbandes H i c e m zu den' Ecuador-Projekten im gegenwärtigen Augenblick hinzuweisen. Was ist also wahr? ,.' Personalien. Hannover, 8. Jan, Am vierten Chanukahtage wurde Herr Salomon Be ermann 8 0 Jahre alt. Es gibt wohl keinen religiösen Juden in Hannover, ' der den „alten Beermann" nicht kennt. Was vor fünf Jahren hier zu seinem 75. Geburtstage gesagt wurde, ' -feann heute nach den Geschehnissen der letzten Jahre in verstärktem Sinne nur wiederholt werden. Von allen Seiten wird er aufs höchste geachtet und geschätzt, und bei allen ist er beliebt. Wenn man sieht, wie dieser Mann täglich früh, am Morgen und am Abend im G'tteshause seineh; Andacht hält, wie er noch in diesem Alter die schweren Aufgaben der ehrwürdigen C h e w r a K ä d' i s c h a mit' übernimmt, mit welcher Liebe er im Hause der Trauern-" den durch den G'ttes dienst Trost, spendet, mit welchem Eifer er Talmud lernt und lehrt, dann versteht man den Grund seines Rufes und seiner Beliebtheit. Beermann ist ein Jude, dem jede Mizwah, die er erfüllen kann, wirklich eine Herzenspflicht und eine Freude ist, dessen Alter . wirklich gesegnet ist. So ist dieser in seiner Bescheidenheit rührende Mann, der erst im hohen Alter mach (Hannover kam, Angehörigen, Freunden und Schülern ein väterlicher Helfer und Lehrer geworden. Aber über die Grenzen Hannovers hinaus tragen heute sein Wirken und seine Lehren ihre Früchte, In Erez Jisroel leben Kinder, Enkel und zahlreiche Schüler von ihm. Die Grundlaigen jüdischen Wissens, jüdischer Tradition und jüdischer Hilfsbereitschaft, die er ihnen vermittelt hat, sind die echten und wertbeständigen Bausteine, die er zum Aufbau des Landes — wertvoller als manches Transferkapital — beiträgt. Manche seiner Schüler, die vielleicht diese Zeilen lesen, werden heute mit Freude und Stolz ihrem alten Lehrer erst ihren rechten Dank zollen, wenn sie durch seine Lehren „Schüler und Bauleute" geworden sind, wie es schon der Prophet will. Wir wünschen dem „alten Beermann" noch viele Jahre rüstigen Lebens für seine Familie und unsere Gemeinschaft. nsv onryi mo ~i9 : Nürnberg, 13. Jan. Nach längerem,-schwerem Leiden wurde Jakob Hönlein ^"ST abberufen, tiefbetrauert von «einen Angehörigen, Groß war die Anzahl derer, die dem Verblichenen die letzte Ehre erwiesen, ein Beweis seiner allgemeinen Wertschätzung. Herr Rabbiner Dr. Klein schilderte in seinem Hesped die fromme Lebensführung des Verblichenen und erwähnte besonders, in welch vorbildlicher Weise Jakob Hönlein, unterstützt von seiner Gattin, die religiösen Anforderungen, die sein Beruf an ihn stellte, erfüllte. Breslau, 12. Jan. Zum Direktor des »Jüdischen Reformrealgymnasiums in Breslau wurde, nach einer Mitteilung der ITA., als Nachfolger des nach Palästina übersiedelnden Direktors. Dr. Feuchtwanger der bisher an der Schule der Adaß Jisroel in Berlin tätig gewesene Dr. Harry Apt gewählt. Vermischtes, Berlin, 12. Jan. Das Patenschaftskomitee für das Adaß-Schulwerk Berlin veranstaltet am . Sonnabend, den 25. Januar, in der Singakademie, Am Festungsgraben 2, einen Vortrag mit Lichtbildern zugunsten des Schülerstipendienfonids über das Thema: Siedlungsmöglichkeiten in Südamerika. Den Vortrag hält der bekannte Forschungsreisende Dr. Max M o s z - kowski. Einleitende Referate werden halten: Dr. Markus Birnbaum und Syndikus Dr. Alfred H i r« c h b e r g." Kartenvertrieb im Büro SiegmundshoL 11. - . Prag, 8. Jan. Die V. J. A. (Vereinigung gesetzestreu-jüdischer Akademiker) hat nach den Sommerferien die Arbeit im Wintersemester wieder aufgenommen. Dienstag, den 5. November, fand eine gemeinsame Sitzung der aktiven und inaktiven Mitglieder statt. Der verlesene Tätigkeitsbericht für das vergangene Semester war recht befriedigend und auch jetzt im Wintersemester ist die Arbeit in vollem Gang. Es finden wöchentlich drei Lehrkurse~ statt, an welchen fast alle aktiven Bundesbrüder (in diesem Semester sind es 18) teilnehmen, und zwar ein Talmudkurs, ein Tnachkurs und ein hebräischer Sprachkurs. Alle 14 Tage bis drei Wochen-findet ein jüdisch-wissenschaftlicher Vortrag statt. Von Zeit zu Zeit finden am Freitag Abend Zusammenkünfte der Aktivitas im Hause eines der inaktiven Bundesbrüder .statt. Schließlich sei noch das soziale Amt der V, J, A. erwähnt, das zunächst mit bescheidenen Mitteln zu arbeiten beginnt. Doch sind die Veranstaltungen der V, J, A. für sich .genommen nicht das Entscheidende. Weit wichtiger und' erfreulicher ist die Tatsache, daß sich so allmählich in Prag so etwas wie ein religiöses Studentenmilieu herauszubilden beginnt, und 'das ist ein Faktum, das unserer Ansicht nach die Aufmerksamkeit auch der weiteren religiösen Kreise der TschecKoslovakei verdient. Es ist hier eine Gemeinschaft im Werden, die dem einzelnen jungen Akademiker in seiner religiösen Lebensführung einen Rückhalt zu geben imstande ist, und das dürfte in Prag als ein recht erfreuliches Novum angesehen werden. , . Noch ist unsere V. J. A. im Ausbau begriffen. Wir hoffen, daß sich immer wieder Menschen finden - ' werden, die sich der Bedeutung der Aufgabe.bewußt bleiben. E- K.