Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1936)
- Date
- 1936-01-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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16. Januar 1936 D e» r Israelit Nr. 3 Seite 3 London - und die Londoner Tagung. (Fortsetzung von Seite 1.) Zvvar ist in London die Arbeit für die Agudas Jisroei und ihre iSchöpfungen vorläufig noch in den Schleier der „Neutralität" gehüllt, wir glauben aber zuversichtlich, daß dieser Schleier bald reißt und man dann durch das offene und mutige Bekenntnis zur Agudas Jisroei und durch das Eintreten für ihre Zwecke dennoch „hoffähig" bleibt, ja, erst „hoffähig" wird! Unser Glauben gründet sich nicht nur auf die werbende und weckende Kraft, die von Jacob Rosenheim ausgeht, er stützt sich neben der Hoffnung auf zahlreiche östliche Raibbonim, vor allem auf die jugendlichen Führer der Londoner Orthodoxie: den Raw Schönfeld der Adas Jisroel-Gemeinde und den Raw Münk, der in Golders Greenein zweites Zentrum für reines, von keinem Zeitgeist angefressenes Judentum errichtet. Dieser wie"jener sind Söhne ihrer Väter —' und damit sind, sie Berufene und Auserwählte! .. Baut dieser in der ruhigen Sicherheit, die .aus der Kraft eines unbeugsamen Willens, eines Charakters fließt, der durch das Wort „Münk" eindeutig gekennzeichnet ist, so schöpft jener -aus dem Reichtum eines väterlichen Erbes und bezaubert und gewinnt die Herzen mit der Anmut seiner Jugend und der tiefen Ergebenheit an die Sache, d,er er sich verschrieben: Stärkung der organisierten Orthodoxie, die für ihn in zwei Begriffen lebt: Agudas Jisroei und Adas Jisroei! Und daneben: der Raw Twerski, der Führer und Organisator des englischen n"llfln f 1 ein Mann, der auch in England seinen polnischen .Agudismus' nicht verlernt hat und diesen Agudismus in gesunde und zielbewußte Tatkraft umsetzt; das englis che Beth Jakob -Korn ite e , zusammengesetzt aus Damen der englischen Gesellschaft, die* die ständige Vertreterin der Wiener Zentrale in London, Frau Simche, befeuert und denen sich Judith Grünfeld-Rosenbaum in jeder freien Minute eines überbesetzten Tages zugesellt, als Zeugin aus der glanzvollen Werdenszeit von Beth Jakob, da Sara Schenirer und Leo Deutschländer V'^t' die beiden genialen ^Erbauer des Werkes, den Weg noch selber wiesen. Und schließlich: der ailPTJ ppl Hinter ihm wird die ganze englische Judenheit stehen, denn sie will -— es ist dort nicht nur jüdische, sondern zugleich vaterländische Pflicht — den Aufbau Palästinas und will ihn im Geist der Tauroh! Dieser englische Hintergrund mag unbewußt dazu beigetragen haben, daß diese Londoner Tagung U?R*W ^K-Fragen in den Mittelpunkt der Verhandlungen stellt. Dabei wurde aber das Selbstverständliche dennoch unterstrichen, daß Agudas Jisroei „thorazentrisch" war, ist und immer bleiben wird — Raw Rottenberg, Antwerpen, betonte das mit eindringlichen Worten — und daß der Kampf um das Heilige Land in Wahrheit ja nichts anderes ist als ein Kampf für die niTll in lande der Ver'heißung! So — wenigstens möchte es uns so bedünken,— ist auch der Beschluß, die 3. K e n e s s i o Gedaulo in Jerusalem abzuhalten, zu verstehen: kein Nachahmen oder Umbiegen zionistischer Gedankengänge, sondern, umgekehrt, die Errichtung der agudistischen Einheitsfront von. „Ger" bis. .Frankfurt" als Schutzwall gegen das Bindringen fremder Elemente in das heilige, jüdische Haus! Das Volk der Thora kehrt zurück in seine Heimat: „die Söhne kehren zurück in ihr Gebiet!" Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe! Aus dem gleichen Geist heraus, der die Abhaltung der Kenessio Gedaulo in Jerusalem beschloß, wurde die Einberufung einer w e s t - e ü rö p ä i s c h e n Keren Hatorah-Konf e r e n z ri a c h A n t w >e r p e n im Laufe des Monats Schewat unter Führung Oberrabbiner Rottenbergs beschlossen, aus dem gleichen Geist hevaus Wichtigstes;%m Interesse der „Rußlandhilfe" — das; ist Hilfe an den Trägern und Verbreitern der rj-ji'n in allererster Reihe — beschlossen und — auf Anregung des Wiener G. A. — Organisatorisches zur weiteren Erfassung der Orthodo x-i-ie d n. d e n österreichischen Na c h f o I g esijaaten vorbereitet. Wir machen diese Feststellungen, weil mancher maßgebende Führer der Agudas Jisroei, ja, weil ganze Länder vor der Abhaltung der K. G. in Jerusalem warnen, sie befürchten eine Verschiebung des agudistischen Mittelpunktes an die Peripherie, wenn Agudas Jisroei sich weiter „zionisiert!" Wir persönlich halben uns ganz dem Keren Hatorah und Beth Jacob verschrieben, stehen außerhalb der agudistischen Politik und — leider — abseits von der Arbeit für den pp nwn: es ist aber unsere heilige Ueberzeugung, daß die Arbeit des aWH pp so ausschließlich nnnn pp" Arbeit ist wie die des minn pp selber! Wird z. B. aus den Mitteln des awn pp in VkIB" HJna ein neuer Brunnen erbohrt, dann bedeutet das nicht nur Wasser zum Trinken und Bewässern des Bodens, dann ist es zugleich eine Stärkung der n*Tin im Heiligen Lande! Hier gilt wiederum: „W e n n zwei Vers c h ieden.es tun, ist es das G1 e ich e! " Nur aus dem Zusammenwirken von minn pp und 2Wn pp kann der nSW pp erblühen!-- Zu Ehren der agudistischen Vertreter fand während der Tagung ein stark besuchter Empfang statt, den Harry Goodman leitete: Jacob Rosenheim, J. M. Lewin, Isak Breuer, Mathieu Müller und Schreiber dieses Berichtes sprachen von agudistischer Seite; für die englische Judenheif'Neville Laski, der Vorsitzende des Board of Depüties und Chacham Gaster! Man braucht Worte, die bei solcher Gelegenheit gesprochen werden, nicht auf die Goldwage zu legen. Dennoch, ist die Annahme gerechtfertigt, daß die an diesem Abend namens der englischen Judenheit gegebenen Versprechen, das Werk der Agudas Jisroei nach Kräften zu fördern, Wechsel sind, mit deren Einlösung wir rechnen dürfen! Dann rechnen dürfen, wenn wir selber unsere Pflicht tun — wir, das heißt in diesem Falle die englische Agudas Jisroei! Ihr Sekretär trägt den verpflichtenden Namen „Hermann Schwab" — der originale Träger dieses Namens betreut nun — am gleichen Orte — statt der „Kriegswaisen" ein anderes verheißungsvolles Kind: die schon oben erwähnte orthodoxe Gemeinschaft in Golders Green —ihr Büro ist mitten im Judenzentrum von Whitechapel und kann also Mitglieder aus dem Vollsten schöpfen — ihr Führer ist Jacob Rosenheinv.riEWn "prcn*1die englische Agudas Jisroei w i rd tun! Wochenrundschau, „Klagemauer-Judentum." Der Vorsitzende der Religiös-liberalen Fraktion der Repräsentäntenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, Dr. Kurt Fleischer, besuchte Palästina und brachte, wie üblich, „Eindrücke" mit, die er dem Hauptsc'hriftleiter der „Jüdischen Allgemeinen Zeitung" übermittelte. Seine Aeußerungen wären an sich nicht sehr von Belang, spiegelten sie nicht die Einstellung des liberalen Judentums zu Palästina deutlich wieder. Dr. Fleischer sieht in Palästina das Land der Zukunft für das moderne religiös-liberale Judentum. Ein Teil der Jugend lehne dort die Religion bewußt ab, „die Orthodoxie aber tendierte nach dem Mittelalter hin." Diesem „Judentum der Klagemauer" könnte der religiöse Liberalismus den lebendigen Geist, der sich den materiellen und ideellen Notwendigkeiten anpaßt, entgegensetzen. Was ist indes für Herrn Dr. Fleischer Mittelalter? Wenn die Orthodoxie die öffentlichen Verkehrsmittel am Sabbat verbietet, wenn sie „ihrer Jugend die Ausübung des Sportes untersagt", so bedeutet das für ihn eine Ueberspannung des religiösen Begriffes, ja eine falsche Interpretation des Sabbat. Hier sei der religiöse Liberalismus berufen, für eine Neugestaltung des Sabbat Sorge zu tragen. Die religiös-liberale Aufgabe in Palästina sei dadurch wesentlich erleichtert, daß es dort die politischen Gegensätze zwischen Zionisten und Nichtzionisten, wie beispielsweise in Deutschland, nicht gibt. Diese Aeußerungen entsprechen nicht dein wahren Sachverhalt und sollen nicht ohne Richtigstellung ^bleiben. Ein „Judentum der Klagemäuer" in Gegensatz zu einem „lebendigen Judentum, das die materiellen und ideellen Notwendigkeiten kennt", zu bringen, vermag nur ein Mann, der die orthodoxe Bewegung in und für Palästina nicht kennt, der nie etwas von Agudas Jisroei, einer Agudajugend und einer orthodoxen Arbeiterschaft unter dem Namen „Poale Agudas Jisroei" gehört hat. Ja, auch die Juden von ganz altem Schlage, für die Palästina nicht ein Besuchs- oder Versuchsland ist, betätigen sich seit Generationen in Werkstätten, wie in alten Kolonien und entfalten einen Gewerbefleiß, der viele Europäer in Staunen setzt. Es ist ferner nicht wahr, daß „die Orthodoxie ihrer Jugend die Ausübung des Sportes untersagt." Im Gegenteil wird der Sport auch in der orthodoxen Jugend und Arbeiterschaft sowohl in Palästina selbst, wie in den Hachschalahstellen für Palästina in der Golah eifrig gepflegt, freilich geschieht es dort nicht auf Kosten der jüdischen Geistesarbeit. Ein Einblick in den in der jüngsten Nummer unseres Blattes veröffentlichten Bericht über die Tagung d e r A g u d a j U g >e n id in Blankenese hätte Herrn Dr. Fleischer über diesen Punkt gründlich belehren können, wenn ihm nur darum zu tun wäre, die Dinge in Palästina und die Einstellung der Orthodoxie zum neuen Erez Israel richtig zu sehen. Wenn er freilich den Wunsch und den Willen der, Orthodoxie zur reinen S a b b a t h e iligung in Palästina, Mittelalter nennt, so müssen wir dabei an jene geistvolle Aeußerung d-es litauischen Rabbi denken, der in einer Versammlung in Kowno einem zionistischen Redner auf die Frage, ob wohl die Orthodoxie das Judentum in das Mittelalter zurückführen wolle, mit der prompten Antwort diente: „Nein, viel weiter zurück, bis zum grauen Altertum, nämlich bis zum Sinai! . . ." Es sind weniger die Entstellungen, die uns zu dieser Registrierung und Berichtigung zwingen, wichtiger ist dabei, daß der religiöse Liberalismus Berliner Observanz jetzt, nach seinem Zusammenbruch in Deutschland, eine Wiederauferstehung in Palästina erstrebt und mit der starken deutschen Einwanderung den Boden für die geplante Regeneration zu gewinnen glaubt und hofft. In Erez Israel sollte man solche Aeußerungen nicht unbeachtet lassen und auf der Hut bleiben. Ein neuer Vorschlag zur Frage des Gesetzgebenden Rates in Palästina. Während noch immer Unklarheit darüber vorhanden ist, ob nach Ablauf der vorgeschriebenen Verkündigungsfrist der verhängnisvolle Legislative Council, in Palästina endgültig Wirklichkeit werden wird, ergreift in den Spalten der