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Der Israelit · 1936-01-09 · Heft 2 (9.1.1936) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 2 (9.1.1936)
Date
1936-01-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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V. Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 2 1936 Der alte Rabbi Es war für uns Jüngeren schwer, uns vorzustellen, daß der Rabbi jemals einen schwarzen Bart gehabt hatte, oder daß ergje in seinem Leben anderswo gewohnt und gewirkt haben sollte, als in unsrer Stadt. Er war der Rebbe und scheinbar mit der Gesetzgebung am Sinai unserem Städtchen geschenkt worden. Er war wohl auch der Senior der Stadt. Drei Generationen sind auf seinen Knieen in den Bund Abrahams , eingeführt worden, denn er hatte überall die Gevatterschaft. In vielen Familien hatte er diese Ehrenfuniktion am Großvater, Vater und Enkel ausgeübt. Wenn einer von den ganz Alten erzählte, wie der Rebbe nach dem Städtchen kam und in sein Amt eingeführt wurde, so hörte es sich ganz legendarisch an. In Ruhe und Sanftmut, wie der plätschernde Bach am Waldesrand draußen, verlief der Tag des alten Rabbi. Es gab für ihn seit vielen Jahrzehnten auch nicht mehr die mindeste Abwechslung. Morgen für Morgen, Sommer wie Winter, erhob er sich vom Bette wohl als erster im Städtchen, gut zwei Stunden vor» Beginn des G'ttesdienstes und grub sich ganz in seinen alten „Jeruschalmi" ein. Dann ging er gemächlich in die Schul zum Morgengebet. Und so war es nachmittags zü Minöho und zum Abendgebete. Zuweilen leistete er sich bei gutem Wetter vor dem Abendgebete einen kurzen Spaziergang draußen zwischen Bach und Wald. Es sah beinahe so aus, als regulierte sich «die Zeit nach dem Rabbi und nicht umgekehrt. Seine sanfte Art drückte sich auch in seiner Amtstätigkeit aus. Aus der Fülle des Wissens schöpfend, hatte er die Entscheidung stets gleich zur Hand. Wie alle, die aus dem Vollen schöpfen, war er nicht 'kleinlich und erwog alle Wege der Erleichterung. Bei Schlichtung von Streitigkeiten kam er, der alte Rabbi, der nie in seinem Leben selbst Geschäfte gemacht hatte, hinter alle Tricks der Parteien und auf Ideen und Mittel zur Herstellung des Friedens, daß die gewiegtesten Handelsleute staunten. Immer gelang es, Frieden zu stiften. Wenn die Meinungen gar zu scharf aufeinanderplätzten, so wirkte sein Wort wie Oel auf die Wogen. Parierte eine der Parteien trotzdem nicht, so konnte er auch energisch werden, alber selbst seine Warnungsworte wirkten so wie eine kühlende Dusche auf das erhitzte Gesicht. Nur zwei Mal im Jahre bestieg er die Kanzel, am „großen Sabbat" vor Pessach und am Tschuwoh-S abbat zwischen den Hohen Feiertagen. Der Inhalt war ihalachisch, tief schürfend, Agada und Mussar überließ er den Maggidim, den Predigern. Sah er sich einmal genötigt, der Gemeinde Mussar und iMoral zu predigen, so geschah es in der mildesten Form, wie ein Vater, der seine geliebten Kinder beschwört, Unheil aus dem Wege zu gehen. Er liebte nicht die Einschüchterung, auch nicht die Ausmalung harter Strafen in der (künftigen Welt,-eine Methode, die die Maggidim mit Vorliebe übten. Selten, nur hie und da einmal, hielt er eine Trauerrede an der Bahre eines,beimgegaimgenen Mitgliedes, auch da mehr auf die Trostmomente eingehend, als durch Trauenworte idie Beteiligten zu erschüttern. Nur einmal vergoß er bei einem Hesped Ströme von Tränen, so daß die Gemeinde aus dem Schluchzen nicht 'herauskam. Es war, als er in der Synagoge Klage auf Rabbi Jizohok Elchonon, den Kownoer Raw, anstimmte. Einmal im Jahre weinte er bittere Tränen: Wenn er am neunten Aw in der Schul die sogenannte Rabbiner-Kina, über „die Zedern des Libanon, die Mächtigen der Thora", anstimmte. Ein Schauer ging durch die ganze Gemeinde, wenn er die Worte so aus der tiefsten Seele, der jüdischen Volksseele heraus weinte. Seine Bescheidenheit und Bedürfnislosigkeit war grenzenlos, und so selbstverständlich, daß man gar nicht davon sprach. Es stand ihm der Sinn weder nach Geld, noch nach Ehre. Schmeicheleien kannte er nicht, und der Reichste und Vornehmste in der Gemeinde konnte damit rechnen, daß er, wohl in mildester Weise, aber entschieden von seinem Rabbi die Wahrheit zu hören bekommen werde. Aus der ganzen weiten Umgebung kamen die Menschen zu dem Rabbi mit ihren halachschen Fragen, um Rat und Hilfe. Man fand ihn nie anders, als bei der Gemoroh oder beim „Jeruschalmi". Wenn er aber seine Meinung und seine Entscheidung aussprach, könne er das Buch schließen. Er hatte die gesamte .Materie zur Hand. Man liebte und verehrte ihn überall. Nur eine hatte über ihn schwer zu klagen: die Rebbezin. Sie entstammte einer reichen Familie und war in ihrer Kindheit und ihren jungen Jahren ein besseres Leben gewohnt. Sie konnte sich mit dieser Dürftigkeit, die schon oft an Mangel grenzte, nicht so ohne weiteres abfinden. Harte -Worte entrangen sich oft ihrem Munde gegen den Mann, wenn es am Nötgsten fehlte, obwohl sie in ihrem Innern ihn mehr verehrte, als alle anderen. Der Lohn des Rabbi betrug drei Rubel in der Woche, die die Rebbezin aus der Hand des Pächters der Fleischsteuer (Koropka), Rabbi Sorach, empfing. Dieser Rabbi Sorach war nun die Zielscheibe alles Hasses und aller Angriffe der resoluten Frau. Ihrer Ansicht nach war er die Ursache all ihrer Armut, all ihrer Entbehrungen. Obwohl in Wahrheit auch Rabbi Sorach kein Bombengeschäft mit der Pachtung der Fleischsteuer in der kleinen armen Gemeinde, in der die Menschen nur am Sabbat etwas Fleisch aßen, machte. Der Fleischpreis war auf fünfzehn Kopeken (30 Pfennige) festgesetzt. Das konnten die kleinen Leute sich nicht leisten und klagten über Wucher, wofür sie wiederum Rabbi Sorach verantwortlich machten. Er hatte keinen leichten Stand, dieser Pächter, aber am meisten litt er unter der scharfen Zunge der Rebbezin. Beklagte er sich beim Rabbi, so sagte dieser gütig: „Sie können sich wenigstens noch beklagen, bei wem soll ich mich beklagen?" Und beide lachten. „Ein Leben," klagte die Rebbezin bei jeder Gelegenheit, wenn etwas nicht klappte, „auf Rabbi Sorach gesagt" (es sei Rabbi Sorach gegönnt). Dieses Wort war ihr zur zweiten Natur geworden. Sie gebrauchte es bei jeder passenden und 'unpassenden Gelegenheit. Außerhalb seiner Wohnung und des Beshamidrasch zeigte sich der alte Rabbi selten. Sah man ihn trotzdem einmal mit dem großen Stekken mit dem Kupferknauf in der Hand über die Straße wandeln, so wußte man, daß es etwas besonderes in der Stadt gab: eine Beschneidung, ein Pidjon haben, eine Hochzeit, oder es galt, einen Schwerkranken zu besuchen. Nur in den langen, wannen Sommertagen pflegte er eine späte Nachmittagstunde für einen kleinen Spaziergang am Bache zu widmen, der dann mit einem Besuch bei seinem Schwiegersohne, der direkt am Bache wohnte, abschloß. Dort trank er den Tee, der als der beste im Städtchen galt, denn das Wasser im „Samowar" kam direkt aus dem nahen klaren Bache. Er pflegte dabei an der Mühle vorüberzukommen und stets auf eine Gestalt zu stoßen, 'die in einen schwarzen Rock gehüllt war — einen Kaftan, der noch länger war, als sein eigener, der sogar die Füße des Mannes bedeckte — und einen breitrandigen schwarzen Strohhut auf dem Kopfe trug. Es war der uralte katholische Geistliche des Städtchens, der ebenfalls um diese Stunde dort am Bache seinen Spaziergang machte. Die beiden Menschen gingen aneinander vorbei und sahen sich nicht. Schon fünfzig Jahre spazierten sie aneinander vorüber, der Rabbi schaute nach dem Osten, der Pfarrer nach dem Westen. Sie grüßten einander nicht. Fünfzig Jahre trafen sie sich fast Tag für Tag, zwei Welten, räumlich so nahe und doch himmelweit voneinander entfernt. Es führte keine Türe, kein Weg von dem einen Kaftan zum andern. Da geschah es eines Tages, daß der alte Schneider Mosche Chajath, der für die Dorfumgebung und auch für den katholischen Geistlichen arbeitete, seine Tochter verheiratete und zur Kochzeit sowohl den Rabbi wie auch den Pfarrer einlud. An einem Tische saßen beide Greise und zum ersten Mal schauten sie sich gegenseitig ins Gesicht, drückten sich die Hand und wechselten einige Worte. „Eigenartig," begann der Katholik, „fünfzig Jahre wohnen wir im gleichen Städtchen, wenige Schritte voneinander, begegnen uns auch hie und da und treffen uns heute zum ersten Male . . ." Der Rabbi wußte nicht, ob der Geistliche polnisch oder russisch sprach, denn er verstand von beiden Sprachen kein Wort. Aber er wußte doch genau, was der Mann sagte und schüttelte mit dem Kopf: „Merkwürdig, sehr merkwürdig!" Es schien ihm, daß das nicht erst seit fünfzig Jahren so ist, sondern schon seit bald zweitausend Jahren . . . Als es an einem Herbsttage hieß, der Rabbi, sei tot, schlug es wie ein Blitz in die Gemeinde ein, ein Erdbeben. Man hatte ihm nicht so viel Zeichen der Liebe gezeigt. Wozu auch, er war das Haupt der Gemeinschaft. Hatte man je gehört, daß die Hände, 'die Füße, die anderen Organe dem Kopf Huldigungen entgegenbringen? Es war so, schien immer so gewesen zu sein und niemals anders werden zu können. Was hieß das, der Rabbi ging von ihnen, das Städtchen ohne den alten Rabbi? Die ganze Weltordnung im Orte geriet ins Wanken. Hinter der Bahre, die hinausgetragen wurde, ging die gesamte Bevölkerung, auch der alte katholische Geistliche. „Was für ein Zaddik, was für ein Frommer, was für ein Gerechter, was für ein Heiliger!" jammerten die Juden. „Ein wahrer Heiliger", stimmten die Nichtjuden ein. Der katholische Pfarrer stand dabei und schüttelte den Kopf. Fünfzig Jahre! Ein Heiliger. Zwei Welten und gingen aneinander vorüber. Nun ist es zu spät. Oder nicht? „Ich werde ihm ja bald folgen . . ." Und er sah zur Westseite hinüber, wo die Kreuze des katholischen Friedhofes in die Höhe ragten. ( Im Städtchen aber ging alles drunter und drüber. Die alte Weltordnung war aufgehoben, eine neue begann. Die Alten sehnten sich zu ihrem Rabbi, zur alten Weltordnung zurück . . .

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