Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1936)
- Date
- 1936-01-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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9. Januar 1936 .Der Israelit ,Nr. 2 Seite 3 Auf der Suche. (Fortsetzung von Seite 1,) Der orthodoxe Jude unterwirft sich nicht von vornherein der Geschichte. Er prüft, wieweit eine vergangene Epoche mit ihren Menschen und Kräften den bei der Entstehung seines Volkes ausgegebenen, in der Thora niedergelegten, mit jedem neuen Tag neu geltenden Parolen gerecht geworden ist, um danach zu beurteilen, ob die Entscheidungen, die in ihr gefallen sind, absolut oder relativ, zur Nachfolge oder zur Abkehr verpflichten. Die Geschichte des Judentums zeigt zwei Fronten: für und gegen den Sinai. Als verbindlich kann der orthodoxe Jude nur die ansehen, die sich vom Sinai her vereidigt weiß und bewährt. Mit dem Blick auf ihn setzt er sich mit den geschichtlichen Erscheinungen, Kräften und Hemmungen, auseinander, mit ihm erhebt er sich über die Geschichte. Es ist darum ein Kampf gegen Windmühlen, wenn Gerson, zur Orthodoxie gewendet, von sich sagt: Wir unterwerfen uns nicht von vornherein der Geschichte und nehmen sie nicht in allem und auf jeden Fall verbindlich. Wie wir gesehen, verbietet uns das schon der Sinai. Vor welches Forum aber ruft Gerson die Geschichte, wenn er in dem Reichtum ihrer Wellenbewegungen diejenige erkennen will, der er sich anvertrauen soll? Wenn er im Gegensatz zu Bub er die ersten Christen und Spinoza als Träger jüdischen Geistes zu nennen ablehnt, wenn er demgegenüber die Frömmigkeit der mittelalterlichen Märtyrer oder der Jeschiwajünger des Ostens, in denen Massen unseres Volkes ein von höheren Kräften bewegtes Dasein führten, als echt jüdische Haltung ansieht, was leitet ihn bei dieser Wertung? Für die Werkleute ist dabei, wie es scheint, mehr das Gefühl als der Inhalt früheren Denkens und Glaubens maßgebend. Die Ueberzeugung von der G'ttlichkeit der Thora und von der ewigen Verpflichtungskraft der Offenbarung mochte früher einmal für das Jüdische entscheidend gewesen sein. Die Werkleute erkennen sie für die heutige Zeit nicht mehr an, öder wenigstens nicht in dem Sinne wie die früheren Geschlechter. Sie treten zwar der nationalistischen Auffassung, die an Stelle G'ttes das Volk als M'zawe setzen möchte, deutlich entgegen. „Denn die Meinung der Tradition ist eindeutig und ausschließlich die, daß G'tt den Juden am Sinai die Mizwoth geboten hat. Das ist festzuhalten, auch wenn es für das moderne Bewußtsein Anstößiges enthält." Die Angst vor dem modernen Bewußtsein scheint indes auch über sie Gewalt zu haben. Bald beugen sie sich ihm, wenn sie sagen: Sie können nicht glauben, daß G'tt einmal gesprochen und nicht wieder. Die Bibel ist ihnen zwar nicht eine gewöhnliche historische Quelle, auch nicht bloß Gegenstand ästhetischen Genusses, aber so weit sind sie noch nicht, in ihren Worten G'ttes Wort zu sehen. Sie ist ihnen überall menschlich, lieber ihre Weisungen, Gebote und Verbote hinweg sehen sie vor allem die einheitliche Stellung zur Welt und zum Menschen, aus der heraus sie geschrieben ist. Der Geist, aus dem das Thorawort geflossen ist, mag für g'ttlich genommen werden, es. selbst, Gefäß dieses Geistes, dem er sich anvertraut hat, aus dem er erkannt wird, überlassen sie dem Urteil der W i s - s ensch.aft zur Prüfung über seine Richtigkeit und der persönlichen Situation des L e s enden zur Entscheidung über seinen Lebenswerl Diese Bagatellisierung des biblischen Wortes bei so ernstem Willen zum „Lernen" ist schmerzlich. Sie wollen die Bibel „persönlich verbindlich" nehmen, auf die eigene Problematik hin befragen und„bestimmend auf ihr Leben" wirken lassen, das kann aber nur, wer sich gläubig" auf den Boden der Offenbarung stellt. Unter „Beibehaltung der kritischen Methode", die uns Europa gegeben hat, und unter „Ablehnung eines umschreibbaien Glaubens" Anschluß an den Geist der jüdischen Geschichte zu gewinnen, die zugestanidenerweise von ihrem Ursprung an religiös bestimmt ist, ist so utopisch wie die Verbindung der Aufklärung mit dem Chassidismus, in der Gerson die geistige Aufgabe .unserer Zeit sieht. Wie weit er mit der Bibelwissenschaft zusammengeht, ob er ihr Siegel mit R Redaktor oder mit R Rabbenu löst, die Halacha lemosche missinai als solche ist jedenfalls zum Schweigen gebracht. Nicht als ob die alten Kommentatoren und Talmudlehrer abgetan würden. Die Werkleute setzen sich energisch für sie ein. Ihre Auslegungen sind ihnen kein frommer Betrug, der sich zu irgendeinem dunklen Zweck der Autorität der Thora bedient hätte. Wenn sie neue Probleme sahen und diese und ihre Lösungen von der Thora ableiteten, so gaben sie diese „ungeschichtlichen" Erklärungen aus geschichtlichem Gefühl, weil jede Neuerung im Judentum sich vor der von den Alten verbindlichen Instanz legitimieren sollte. Objektiv gesehen ändert diese Theorie natürlich nichts an dem „ungeschichtlichen" Charakter des nachträglich Hineingelernten oder „Untergeschobenen". Wenn das Thorawort selbst nicht von.Mosche empfangen wurde, kann auch die Erklärung nicht auf ihn zurückgreifen. Alle Abgrenzung gegenüber Zionismus und Liberalismus verliert gegenüber solcher Stellungnahme zur Offenbarung und zur 'Bibel seine Bedeutung. Es ist nur mehr ein Streit um Worte. Der hoffnungsvoll begonnene Weg zur T'schuwa endet einstweilen noch mit einem resignierten: Wir können nicht! 'Ob die Werkleute jemals zu einem andern Resultat kommen werden, ja auch nur kommen können, wird immer zweifelhafter, je näher wir von den vor allem durch ihre starke menschliche Note ansprechenden Bekenntnissen, der Darstellung ihrer geistigen und seelischen Entwicklung, zum geistigen Neubau, zur Grundlegung eines neuen jüdischen Lebens geleitet werden. Zur jüdischen Geschichte glaubten sie noch vorbehaltlos ja sagen zu können, zur Bibel sagten sie halb ja, halb nein, die Mizwoth aber mitsamt den Gebeten, also die ganze Awoda schebelew lehnen sie in der überlieferten Form ab: aus Herzensgründen. Ihr Herz reagiert eben nur auf Neigung, nicht auf Pflichten, soweit es sich um das Religiöse handelt. Was gibt es aber im Leben, was endlich und schließlich nicht dem Religiösen angehörte? Rosenzweig hat in seinen späteren Jahren größten Wert auf die Beachtung des Religionsgesetzes gelegt. Die Werkleute, deren Stellung in ihren wesentlichsten Bestandteilen auf den Ideen Bubers, Simons und vor allem Rosenzweigs Wochenrundschau. Ein Geburtstag und ein Todestag. Vor kaum sechs Jahren feierte die Judenheit den 20 0. Geburtstag von Moses Mendelssohn, und heute wird in vielen jüdischen Zeitungen Moses Mendelssohn aus Anlaß seines 150. Todestages (6. Januar) gewürdigt. Es ist so viel vor sechs Jahren über die Persönlichkeit und die epochale Bedeutung des Regenerators des deutschen Judentums in Artikeln, Broschüren, Büchern und herausgegebenen Briefen an den Tag gekommen, daß heute gewiß nichts mehr Neues über das Thema gesagt werden kann. Eines darf freilich nicht außer Acht gelassen werden. In den sechs Jahren, die zwischen dem ruht, sind in der Praxis konsequenter. Es ist eben unmöglich, von Rosenzweig'scher Ideologie*) her zum Anschluß an jüdisch-geschichtliches Leben zu kommen. „Im Lernen kann man nach der inneren Bedeutsamkeit des Erbgutes fragen, im Tun der Mizwoth muß sie stets prinzipiell vorausgesetzt werden." Wer, wie Rosenzweig, nach eigenen von den Werkleuten festgehaltenen Worten, mit der gleichen Bereitschaft zum Glauben wie zum Unglauben herantritt, der muß erst recht beim Tun von Fall zu Fall, „wobei das Heute keine Bürgschaft für das Morgen übernimmt", die rein persönliche Stellungnahme entscheiden lassen. Die traditionellen Formen und Gebete als nationalen Schutzpanzer zu hüten, wie das viele um der religiösen Entscheidung auszuweichen, wollen, lehnen die Werkleute ab. „Diese Art Säkularisierung ist von einem Menschen, der das Religiöse ernst nimmt, nicht zu verantworten." Daß bei einer solchen Einstellung von einer Erziehung zum traditionellen Judentum nicht die Rede sein kann, versteht sich van selbst. Ganz abgesehen von dem, was sie daran auszusetzen haben, bedeutete ja eine solche Erziehung „Unterwerfung unter eine objektive Aufgabe" eine Vorwegnahme von Einsichten, die noch nicht einmal für die Erwachsenen feststehen. Die feine Dialektik der Werkleute, ein ferner Nachhall von Buber und Rosenzweig, mit der sie ihre Weltanschauung hegründen, könnte dialektisch ohne viel Mühe widerlegt werden.**) Aber welchen Zweck hätte es? Ihre Stellungnahme wurzelt ja viel tiefer als im Wissen und Willen, im Leben, das sich bei aller Verehrung dagegen doch nicht loslösen konnte von europäischem Individualismus und Intellektualismus, von dem der durch die geschichtlichen Kräfte angezogene Blick gerne absehen möchte, ohne daß das Herz es kann. Ob die Werkleute in Palästina heute noch von dem schmalen Zugang aus, den sie sich zum Judentum eröffneten, die Basis halten, die Gerson vor Jahresfrist umschrieb, weiß ich nicht. Positiver dürfte sie dort nicht geworden sein. Aber vielleicht werden ihre Kinder, die dort geboren werden, zur Erkenntnis gelangen, daß die Vorwegnahme überindividueller Voraussetzungen, vor der ihre Eltern zurückscheuten, im Judentum nicht erst bei den Mlizwoth, auch nicht beim Bibellesen, sondern schon in dem Moment beginnt, wo sie sagen: „Wir wollen unser Schicksal lieben." Wer die persönliche Entscheidung ausgerechnet vor Thora und Mizwoth sich vorbehält, der hat auch das Schicksal unseres Volkes nur bedingungsweise bejaht, ein Judentum auf Abruf gewählt, ein Judentum mit der Hand auf der Klinke hinter der Türe zum unbekannt bleibenden Heiligtum. Geburtstag und Todestag liegen, vollzog sich eine so grundlegende Wandlung für die deutsche Judenheit, daß sich vielleicht heute aus einer anderen Stimmung heraus über die Uranfänge der jüdischen Emanzipation in Deutschland und den Mann, der am Ausgang dieser Aera gestanden hat, urteilen ließe. Allein, wer vor sechs Jahren noch nicht den Zusammenbruch des politischen und kulturellen Erbes Mendelssohns für das deutsche Judentum gesehen und erkannt hat, wird ihn auch heute nicht ganz erkennen. Wer erst gewartet hat, bis mit der Dissimilation *) Rosenzweigs Judentum ist, wie Lit. Warte 51 d. „Israelit" eindrucksvoll darlegt, gewachsen und g3worden. Rosenzweig selber hätte sich auch weiter entwickeln können. Die Werkleute aber bauen, was für Rosenzweig vorläufiges Ergebnis war, zur Ideologie aus. **) Ein Beispiel für viele: G. wiederholt Bubers Wort: Wir können ■uns für Verzicht entscheiden, aber nicht auf Entscheidung verzichten. Ein schönes Wort. Aber eben nur ein Wort. Denn jede Entscheidung auf Verzicht wirkt sich notwendig als Verzicht auf Entscheidung aus, sowie jeder bewußte Verzicht auf Entscheidung eine starke Entscheidung zum Verzicht darstellt.