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Der Israelit · 1936-01-03 · Heft 1 (3.1.1936) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 1 (3.1.1936)
Date
1936-01-03
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 Nr. 1 Der Israelit 3. Januar 1936 keine Nomadenkultur. Das historische und stammesgeschichtliche Gedächtnis von Halbnomaden und ihre Traditiansfreudigkeit kann sehr stark und zuverlässig sein. Haben doch sogar die Beduinen um Mosul in Mesopotamien seit Jahrtausenden einen Hügel) unter dem man vor mehreren Jahrzehnten den Palast des assyrischen Herrschers Sargon gefunden hat, bis zu jener Stunde der Ausgrabung Dur Sarkun Sargonhügel genannt, indes der Name 'dieses bedeutenden Königs — außer einmal bei Jesaias (20, 1) — nirgends in der späteren Weltliteratur genannt wird. Und noch eins! Diese ,,Nomaden" haben mit ihrem Einzug in das Land Kanaan die Buch- Etabenschrift mitgebracht, die sie selbst erfunden haben — eine weltgeschichtliche Kulturleistung ersten Ranges. Die Buchstabenschrift, welche die auch in Kanaan — wie im ganzen vorderen Asien — verbreitete und allein übliche assyrische Keilschrift ersetzte, wanderte ostwärts über Mesopotamien nach Indien und westwärts zu dem Küstenvolk ider Phönizier und von hier nach Europa. Die Buchstabenschrift ist älter als man bisher annahm: Französische Ausgrabungen in Biblos an der altphönizischen Küste aus neuerer Zeit haben dieselbe schon für die Zeit um. 1100 erwiesen. Aber schon ca. 100 Jahre früher konnte ein einfacher Bauernjunge dem Richter Gideon eine Liste der Fürsten von Sukkos glatt aufschreiben (Richter 8, 14). Man kann wohl mit Recht vermuten, daß schon unsere Stammväter die Kunst zu schreiben besessen haben; denn Palästina war zu ihrer Zeit von babylonischer Kultur beherrscht, und im damaligen Babylonien konnte jeder schreiben, vom König bis zum königlichen Kücbenpersonal, wie die Ausgrabungen zeigen. Es dürften daher wohl auch unsre Stammväterfamilien schreibkundig und befähigt gewesen sein, späteren Generationen Schriftstücke zu überliefern. Jedenfalls lebten im Kreise dieser Familie alte Traditionen, die eine Pflege in forschenden G'ttsuchergemeinschaften fanden, fort. Der Talmud erwähnt in diesem Zusammenhang die Lehrsohulen von Schern und Ewer, in denen die alten Ueberlieferungen seit Noas Zeiten bewahrt wurden, Lehrsohulen, in denen unsre Stammväter sich Lehre und Rat holten, wie Rebekka wegen ihrer Schwangerschaftserscheinungen (I. 25, 23). Mit Hilfe ihrer Buchstabenschrift haben die Israeliten eine bisher in der alten Weltgeschichte unerhörte Ruhmestat vollbracht: Sie haben bewußt erlebte Geschichte mit eindringlichem Verständnis für die inneren historischen Zusammenhänge niedergeschrieben, Geschichte, die bis an die Anfänge ihrer nationalen Geburt hinanreicht; Diese einzigartige Tat fand ihresgleichen erst in der späteren klassisch-griechischen Epoche unter ,,dem Vater der Geschichte" Herodot, indes die alten ägyptischen und assyrischen Dokumente nur ruhmredige Registraturen von Siegen und Heldentaten der Fürsten darstellen. Diese Leistungen der Israel-„K'omaden" können sich immerhin sehen lassen. Woher kamen diese ,,Nomaden"? Die Bibelkritik stellt ihre Wiege in die Wüste Arabiens oder der- Sinaihalbinsel, Oeden, die fernab aller Kulturzentren liegen und; rangiert sie damit unter die wilden Wüstenbeduinen. Aber zum Ersten waren jene, heute wüsten Gegenden damals großenteils fruchtbares Ackerland und weiterhin haben die Ausgrabungen der letzteren Zeit im Gebiete der sabäisöheü Kultur aus der Zeit der Königin "von Saba, im Gebiete von Midjän aus Jethrbs und Moses Zeiten und im Gebiete von Edom einen überraschend hohen Külturstand ergeben. Die heutigen Beduinen-Epigonen der damaligen Bewohner jener Gegenden sind demnach mit ihren biblischen Ahnen nicht vergleichbar. Also auch in jene fernen südlichen „Wüsten" strahlte die Sonne ägyptisch-assyrischer Kultur und sie hätte auch, in die von der Bibelkritik willkürlich angewiesene völkische Kinderstube Israels hineingeleuchtet. Doch wir vertrauen dem Bericht unsrer Bibel, und diese verweist unsren Ursprung, wie den aller Menschheit und Menschj heitskultur (Baukunst, Musik, Metallbearbeitung, Ackerbau usw.), an die Ufer des Euphrat, ins Land Schinear, das Land der Sumerer (das bedeutet Schinear). Diese Sumerer, die schon vor 4000 Jahren gestorben und deren Gräber erst in den Tagen unsrer Eltern und Großeltern aufgedeckt worden sind, sind die Urheber und Schöpfer der altbabylonischen Kultur. Die Wissenschaft ist im Zweifel darüber, woher sie kamen, aber darüber ist sie sich klar, daß ihr uns durch Ausgrabungen vertrauter Rassentyp nach - der Ansicht aller Sachverständigen weder semitisch noch japhetitisch ist, womit der Bibelberioht im Einklang steht, der dieses stolze, gebildete und 'tüchtige Volk wahrheitsgemäß nicht zu den Semiten zählt, sondern Babels Begründer Nimrod zu Chams Nachkommenschaft rechnet. Auch darüber drückt sie sich klar aus, daß Assyrien — eine später selbständig gewordene Provinz Babylons — ihren Ursprung von Babylonien herleitet (I, 10). Die Ausgrabungen der letzten 100 Jahre baben auch Städte und Stätten ans Tageslicht gehoben und Namen in Erinnerung gebracht, die seit Jahrtausenden aus dem Gedächtnis der Menschheit entschwunden waren und von der Bibel erwähnt wurden, wie das genannte Ur- Kasdim, Eleasar Larsa, Ariauch dem sumerischen Eriaku, Tidal Tidchul, Cudur Laomer Cadur Lagomer, Amrophel Amurabi usw. Nicht einmal die Urenkel jenes großen Babylonier-Volkes, die netubabylondschen Chaldäer des 5. Jahrhunderts, hatten von dieser großen Ahnenschaft eine Erinnerung. Ihr Zeitgenosse, der griechische Historiker Herodot, erfuhr von ihnen, daß sie die Gründung der Stadt Babel auf eine sagenhafte Königin Semiramis zurückführten, die im 9. Jahrhundert gelebt haben sollte. Welcher Art war nun der Verlauf der historischen Beziehungen zwischen Israel und Babylon? Im IV. Jahrtausend v. u. Z. bereits ist eine ursemitische Volksgruppe aus Mesopotamien-Babylonien westwärts bis an die Gestade des Mittelmeeres nach Palästina gezogen und hat sich dort niedergelassen. Aegyptische Dokumente aus jener Zeit weisen dort semitische Namen und Typen auf. Es ist nicht unmöglich, daß sie dort auf ein wildes Volk von Höhlenbewohnern gestoßen ist, die in der Bibel genannten Ghaurim (I. B, M. 14, 16) und daß sie dieses Volk, welches Rabbiner Hirsch zu den „untergegangenen Vorweltgeschlechtern" zählt, verdrängt hat. Die kultivierte E r s t bevölkerung Palästinas, war, soweit sie sich historisch zurückverfolgen läßt, jedenfalls hebräisc h. Diese Urhebräer Palästinas waren auch die Begründer der hebräischen Kultur, deren Grundelemente sie von Babylonien mitgebracht hatten. Auch die Sprache hatten sie von dort mitgebracht. Sie haben dieselbe aber zum hebräischen Dialekt um- und ausgestaltet. Der Name „Hebräer" kommt daher, daß die Bewohner Mesopotamiens alle Völker, welche — von Babylonien aus gesehen — jenseits des Euphratflusses nach Westen hin bis zur Mittelmeerküste wohnten ins 12$ d. h. „Jenseits des Flusses Wohner" nannten (wie wir etwa „Ostelbier" sagen). Die Bewohner Palästinas nannten sich dann auch selbst „Hebräer". Durch etwa 1000 Jahre konnten diese in Palästina im IV. Jahrtausend eingewanderten Hebräer ungestört ihre;ursem,itischen Elemente und Ideale bewahren und weiterbilden. Da brach um 'die Mitte des III. Jahrtausends eine schwere Katastrophe herein: Von Norden her, von Kleinasien, drangen fremde Stämme, die später „Kanaanäer" genannt wurden, in Palästina ein. Sie waren zum Teil von Europa in Kleinasien eingewandert. Zu ihnen gehörten vor allem die Hettiter, die Chitti der Bibel, mit denen uns erst die Ausgrabungen des vorigen Jahrhunderts wieder bekannt gemächt 'haben. Ihr Name, der Bibel so geläufig, wird nirgends in der späteren alten Weltliteratur genannt. Ihre Sprache ist neuerdings als indogermanisch erkannt worden. Die Bevölkerung Palästinas wurde von den Eindringlingen unterjocht und sogar aufgesogen, . aber ihre Kultur und, Sprache von den Eroberern angeeignet. Doch haben sich einzelne Zellen und Reste unversehrt erhalten. Vertreter der alten Tradition begegnen uns in Malkizedek, der als ein p^jr 'üb |n3 bezeichnet wird, sowie auch in der Lehrschule von Schern und Ewer, der Hüterin der alten Ueberlieferungen. Auch hatte Josef nach diesem Verlauf der Dinge das Recht, in Aegypten von seiner Heimat als dem Erez hoiwrim zu sprechen (I, 40, 15) lange vor dem Einzug der Israelstämme ins Land. Seit der Eroberung Palästinas durch,-, die nördlichen Fremdvölker sprechen die babylonischen Inschriften von der Bewohnerschaft Palästinas als von den „Amurrhu", d. h. „Westvölkern" (wie wir etwa heute von „Nordvölkern" reden). Diese Amurrhu begegnen' uns in der Bibel .als Emori. Durdh den Einbruch der Fremdvölker wurde ein Teil der Palästmaihebräer aus Palästina verdrängt und zog in sein Ursprungsland an die Ufer des Euphrat zurück, von wo sie vor 1000 Jahren ausgegangen waren, und es tauchen von jetzt ab in babylonischen Inschriften Namen auf wie Abram, Jakob, Josef, Abitow usw. (Schluß folgt) Personalien. Lehrer Isaak Katzenstein Hamburg, 20. Dez. Am 14. Dezember nVün 's 'j? naer, hauchte der Nestor der Hamburger jüdischen Lehrerschaft, Isaak K ä t - zenstein, im Alter von 82 Jahren seine reine Seele ans. Isaak Katzensteins Name ist mitder Talmud-Thora-Realschule, an der er fast volle 50 Jahre wirkte, aufs engste für alle Zeiten verknüpft. Er gehörte dem Lehrertyp aus dem Anfang der 70er Jahre an, der, hervorgegangen aus dem traditionell geleiteten Seminar in Hannover, eine gediegene pädagogische Ausbildung mit einem guten Wissen in den hebräischen Disziplinen verband. Sein Ruf als tüchtiger Pädagoge und .seine von ernster jüdischer Lebensauffassung durchdrungene Persönlichkeit bestimmten den Leiter der Talmud - Thora - Realschule, Oberrabbiner Stern ^"h ihn an die in weitere Entwicklung begriffene, jetzt seit über 125 Jahren bestehende Schule in Hamburg zu berufen. Hier war es ihm vergönnt, abgesehen von kurzen durch schwere Krankheit hervorgerufenen Pausen, fast ein volles halbes Jahrhundert eine fruchtbare Tätigkeit zum Segen der ihm anvertrauten Seelen zu entfalten, bis Alter und da« Abbaugesetz von 1924 seinem ersprießlichen Wirken ein Ende bereiteten. Für seinen Beruf brachte er hohe persönliche Eigenschaften mit, vor allem jene Treue und Gewissenhaftigkeit, die den Grundzug seines Wesens bildeten. Aus ihnen flössen, neben einem natürlichen pädagogischen Geschick, vorbildliche Pünktlichkeit, Korrektheit, Ernst und Liebe zur Jugend, die ihm die höchsten Erfolge im Erziehungswerk .sichern mußten. Er. lebte seihen Schülern ein musterhaftes Leben vor, das ihnen für die Zukunft wegweisend war. In seiner mühevollen Arbeit fand er volles Verständnis bei seiner edlen Gattin, die eine Tochter des durch tiefgründiges Talmudwissen ausgezeichneten Rabbi Moses Ephraim Z u k - k ermann ^fr in Obersitzko war. In seinen. Kindern und Enkeln lebt dieselbe echte religiöse Atmosphäre, die sein ganzes Leben erfüllte. Im Vorstand des „Vereins-zur Gesundheitspflege" wirkte er mit ganz besonderer Liebe und seine wertvollen Ratschläge trugen zum Gedeihen des Liebeswerkes wesentlich bei. Leider warf aber bereits im besten Mannesalter ein schweres Leiden, wozu dann in den letzten Jahren eine immer mehr zunehmende Schwäche seines Augenlichtes hinzutrat, das schließlich zu fast völliger Erblindung^ führte, einen tiefen Schatten auf seinen Lebensabend. Doch trug er die ihm von der Vorsehung gesandten Leiden mit wahrhafter G'ttergebenheit. Seine frohe und zum Humor geneigte Natur verließ ihn nicht in seinem Verkehr mit seinen Angehörigen und Freunden, die seine Lage zu mildern bemüht waren. Die Bestattung fand vom Hause aus unter großer Beteiligung am iVos '3 statt. In der Wohnung würdigte Herr Rabbiner Dr. Lewin, der Schwager und Kollege des Verstorbenen, in edler Sprache und von warmem Gefühl getragenen Ausführungen seine hohen Tugenden, seine Frömmigkeit und das innige Familienleben, während nach ihm sein Kollege Oberlehrer E. Badrian, der 33 Jähre das Glück hatte, mit dem Dahingeschiedenen an derselben Anstalt zu wirken und sich seines näheren Umgangs zu erfreuen, das von dem Vorredner gezeichnete Bild durch einige > Striche noch weiter zu vervollständigen sich bemühte. In der Leichenhalle Vnis hob noch das Vorstandsmitr glied, Herr Walter Wolff, in kurzen, treffenden Worten die Verdienste des Verstorbenen um die Schule hervor. - rvasan E. B.. Köln, 1. Jan. Zum Nachfolger des nach Erez Jisroel übersiedelten Herrn Rabbiner Dr. Wolf -wurde Herr Dr. Siegmund S t e i n , Köln, zum Rabbiner des „Rheinland-Vereins" gewählt.

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