Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-01-03 · Heft 1 (3.1.1936) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 1 (3.1.1936)
Date
1936-01-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450910--81809-2539706
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 8 Nr. 1 Der Israelit 3. Januar 1936 Lebensabend zu verbringen. Die allgemeine Verehrung für Oberrabbiner Dr. Ritter wurzelte vor allem in der Tatsache, daß dieser Rabbi, dessen äußere Gestalt schon jedem ungeheure Ehrfurcht einflößte, seine Lehren auch lebte, daß er seiner Gemeinde und der Welt das Vorbild eines p'TSl!?Vtt zeigte, der unerschrocken zum mmn naS stand. Oberrabbiner Dr. Ritter erkannte auch gleich die L>ebensnotwendigkeit dar Sammlung der Gesetzestreuen und stellte vom ersten Augenblick ihres Entstehens seine Kraft Das allgemeine lebendige Interesse in der gesetzestreuen Judenheit Deutschlands für die Belange der Agudas Jisroel spiegelte sich schon im äußeren Bilde der Eröffnungssitzung des Delegiertentages am Sonntag vormittag in der Aula der S. R. Hirsch-Schule in Frankfurt wieder. Neben den zahlreichen Delegierten aus allen Teilen Deutschlands sab man im überfüllten Hause Teilnehmer aus allen Schichten der Gemeinde, auch Vertreter der Verwaltungen, der Schulen, der gesetzestreuen Vereine und Körperschaften. Fühlt man doch heute allgemein, daß die Fragen, Aufgaben und Bestrebungen der Agudas Jisroel uns alle berühren, daß die Sorgen der Aguda u n s e r e Sorgen sind, daß die drei Punkte, die im Mittelpunkte der Tagung stehen: Agudismus, Keren Hathora und Erez Israel, die Kernfragen unserer Zukunft, unserer Kinder sind. Daraus erklärte sich auch die spannende Aufmerksamkeit, mit der alle Teilnehmer den ersten Verhandlungen lauschten. Gegen 9.30 Uhr eröffnete unser Gemeinderabbiner, Herr Josef Horowitz, die Delegiertenversammlung mit einem 'i 83n TTIH« Es sei nicht die Zeit zu feiern, sondern man wolle gleich mit der Arbeitstagung beginnen, zu Beginn der Arbeit müsse aber daran erinnert werden, daß die Wiege der Agudas Jisroel auf deutschem Boden gestanden habe. Das sollte gerade die deutschen Juden anspornen, soweit sie zur Thora halten, sich samt und sonders der Organisation anzuschließen, keiner dürfe fernbleiben. Mit lapidaren Worten im Anschluß an Wochenabschnitt und Midrasch schilderte Redner die große Verantwortung besonders der deutschen Aguda gegenüber der jüdischen Geschichte und ihre Pflicht, die Zeit und ihre1 eigenen Umstände nicht ungenützt zu lassen, um die Massen für die Thora zu gewinnen, insbesondere auch für IDian min» deren erste Lehrer schon die Propheten waren. Man nahm die aus tiefem Herzen zu den Herzen gehenden Worte als Auftakt dankbar entgegen. Herr Gemeinderabbiner Horowitz widmete anschließend Dankesworte dem Präsidenten der Weltorganisatio>i, Herrn Jacob Rosenheim, dessen Begrüßungsschreiben an den Delegierten - tag nachher verlesen und von der Versammlung mit Jubel aufgenommen wurde. Es wurde nun die Absendung einer Adresse an Herrn Jacob Roseriheim beschlossen. Feierliche Stille herrschte im Räume, als der Herr Rabbiner von dem Ableben des Rotterdamer Oberrabbihers Dr. Ritter V'ST Kunde gab und ihm Worte des Gedenkens widmete, die von der Versammlung stehend und in tiefer Ergriffenheit angehört wurden. Weitere Worte ehrenvollen Gedenkens fand der Redner für Dr. Leo Deutschländer ^"XT« Nach dieser würdigen und eindrucksvollen Eröffnung begannen die Begrüßunigen mit einer Ansprache des »Herrn Rabbiner Dr. Pinchas Kohn im Namen des Geschäftsausschusses der Agudas Jisroel, der gerade zu diesem Delegiertentag höchstes Vertrauen habe. Im Zeichen des Wochenabsohnittes, in dem Brüder Brüder suchen, mögen sich hier - die Brüder in G'tt und seinem Gesetze finden. I in den Dienst der Agudas Jisroel-Weltorganisation. Im 'großen Rabbinischen Rate der Agudas Jisroel wurde seine Stimme stets gehört. Er gehörte zu den wenigen Führern, die einmal Rabbi Chajim Sonnenfeld ^"St „die Westraa u e r" des europäischen Thorajudentums nannte. Die kraftvolle Persönlichkeit Dr. Ritters wird in unserem Angedenken fortleben, als Kraftquelle auch für unser jüdisches Tun. •13^» ]!' iniDT Herr Rabbiner K u n s t a d t, Fulda, über- . bi achte herzlichen Gruß des R a b b i n i s c h e n R ä t e s für Deutschland, worauf Herr Rabbiner Dr. Josef Breuer in wirkungsvollen Worten feststellte, daß die Frankfurter Jeschiwa bereits agudistisch im besten Sinne war, bevor es noch eine Aguda gab, da ihrem genialen Begründer bei der schöpferischen Weitergestaltung des Werkes von S. R. Hirsch in der Form der Jeschiwa in der Hauptsache all das vor Augen geschwebt hat, was heute die Aguda einer Jugend im Aufbruch mit auf den Weg geben will. Herr Rabb. Dr. Merzbach, Darmstadi, überbrachte den Gruß des Orthodoxen Rabbinerverbandes mit einem Hinweis auf das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinde und der Gemeinden zur jüdischen Gemeinschaft. Den gleichen Gedanken vcn ö^Sl V?3 erörterte Herr Dr. S. E h r m a n n , der die Grüße des Vorstandes und der Verwaltung der I.R.G. und auch der Rabb i n e r S.R. Hirsch- Gesellschaft überbrachte. Zum Schluß grüßte Herr Redakteur S. Schachnowitz im Namen der hiesigen Lernvereine, vorab des M e k o r Chajim, im Auftrage des Bundes gesetzestreuer Lehrer Deutschlands und zuletzt im Namen der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, die sich stolz als Mutter der Agudas Jisroel ausgeben dürfe. Damit war die Reihe der Begrüßungen zu Ende und man ging sofort zur Arbeit über mit dem Referate des Herrn R.-A. Dr. Breuer über das Thema „Vom Wesen des A g u d i s m u s ". Ber Vortrag des Herrn Dr. Isaak Breuer. Aus dem 'Referat des Herrn Dr. Breuer, das demnächst im Drucke erscheinen wird, geben wir hier folgende Gedankengänge wieder: Es sei nicht wahr, daß die agudistische Jugend die ältere Generation verdrängen wolle, die Jugend wolle das Alter gern hören, wenn die Alten der Jugend etwas zu sagen hätten^ Die Ortsgruppen mögen nur die Leitung nichtig in die Hand nehmen, die Gefolgschaft der Jugend sei ihnen sicher. Redner hofft, daß von dieser Tagung der Impuls dafür ausgeht. Ueber da® W e s e n des A g u d i s m u s verschalie man sich Klarheit, wenn man weiß, daß die jüdische Nation, das Gesetz, das Recht der Thora und G'tt selber eine Einheit bilden. Diese Einheit müsse real und eine unzerstörbare sein, nicht nur in der Vergangenheit, sondern in den Erscheinungen des gegenwärtigen Lebens wurzeln. Für diese Einheit finde man eine Analogie in der Natur, denn es gibt auch eine Einheit zwischen G'tt, dem Naturgesetz und der Natur. Die Tragik des jüdisch-religiösen Liberalismus liege darin, daß er dies© Einheit zu zerstören suchte, die Konsequenzen konnten nicht ausbleiben. Auch der Zionismus sei gegen die Einheit von G'tt und Israel gerichtet, selbst Masrachi und Gemeindeorthodoxie, wenn auch an sich kein Misrachist die Tatsache und die Notwendigkeit dieser Einheit bestreiten wollte. Während aber dem Agudisten diese Einheit allezeit gegenwärtig sei, gelte die Einheit dem Misrachi wie der Gemeindeorthodoxie nur als Ideal, mehr als Forderung denn als Erfüllung. Sie könnten ansonst der Organisation und1 der Gemeinde, die diese Einheit verkörpert, nicht fern bleiben. Damit diese Einheit in der Welt der Erscheinungen zur geschichtlichen Darstellung gelange, habe uns G'tt Erez Isroel gegeben, aber die Einheit sei älter als Erez Jisroel, sie stamme vom Sinai her und sei nicht an Erez Jisroel gebunden. Erez Jisroel sei das Land der Bewährung und der Betätigung, denn ein natürliches Leben sei als Basis für Israels Einheit notwendig. Mit dem Verlust von Erez Jisroel begann das Galuth aller drei Bestandteile der Einheit, neben dem des jüdischen Volkes auch das G'ttes und der Thora, daimm müsse auch die Geulah die ganze jüdische Einheit erfassen, und in dieser Erkenntnis liege das Wesen des A g u d i s m u s begründet. Die Gegner müßten endlich einmal verstehen, daß es nicht Separatismus sei, wenn man die volle jüdische Einheit erstrebt. Die Realität dieser Einheit äußere sich im Schicksale für alle, auch für diejenigen, 'die sie nicht anerkennen. Denen, die sie verneinten, sei diese Ei n-h e i t zum Schicksal geworden. Sei dieses Agudismus, so 'könne die agudistische Organisation nur Mittel zum Zwecke sein. Die Agudas Jisroel habe psychologisch in der Seele jedes Einzelnen ihrer Angehörigen den Gedanken des jüdischen Volkes in seiner Einheit lebendig zu erhalten. Im Gegensatze zu anderen thoratreuen Menschen, wissie sich der Agudist verantwortlich für das jüdische Volk als notwendigen Bestandteil der von G'tt gestifteten Einheit. Auch mit dem Lernen allein sei es nicht getan, sofern man sich nicht frage, was man für sein Volk und die Thora als Bestandteil der Gemeinschaft geleistet habe. Menschen solcher Art wolle die Landesorganisation gewinnen. Man dürfe nicht alles der Jugend überlassen, die reifen Menschen müssen sich in der gemeinsamen Sorge um den Klall mehr zusammen .tun. Es gehe der Agudas Jisroel nicht besser und nicht schlechter als dem Volke der Thora schlechthin, in der Metageschichte unzerstörbar, aber in der Welt der Wirkichkeit nicht gut. Ein jüdisches Nationalheim könne nie von Bestände sein, wenn es das jüdische Volk aus der g'ttgewollten Einheit heraushole und nicht zugleich auch Nationalheim "G'ttes und der Thora werde. Aus dieser Einstellung zu Erez Jisroel ergeben sich auch die Richtlinien der Erez Jisroel-Arbeit der Agudas Jisroel. Wir hätten uns für die Möglichkeiten einzusetzen, die uns die Völker in Erez Jisroel gegeben haben. Es gehe auch nicht an, Palästina gegen die Golah auszuspielen, die Aufgaben der Aguda seien hier wie dort wichtig, da sie hier wie dort dem Einheitsgedanken dienten. Im Zentrum stehe die Thora und der G'tteswille, sonst nichts. Erez Jisroel bedeute aber mehr als eine Pflicht unter Pflichten, da es den Boden für die jüdische Einheit biete, Redner setzt sich mit denen auseinander, die es der Aguda verübelten, daß ihre P. C. agudistiscbes Denken in thorafremde Kreise hinaustrage, während sie selbst nichts dabei finden, für Keren Hajessod immer neue Scharen zu werben, die gestern noch keine Ahnung vom Zionismus hatten. Man dürfe in den agiudistischen Reihen nicht in den Fehler verfallen, sich selbst in dem Spiegel zu sehen, den die Gegner für uns schufen. Unsere Pflicht sei, dafür zu sorgen, daß unsere jüdischen Brüder zur Thora zurückfinden. Freilich dürfe der Versuch nicht unter Preisgabe .der jüdischen Einheit gemacht werden, d. h. unter Anerkennung der Gleichberechtigung des Liberalismus. Gerade weil wir uns auch für die liberalen Juden verantwortlich fühlen, müssen wir den täuschenden Schein vermeiden, als sei die Thora nur für uns und nicht auch für die Anderen verpflichtend. Heute sei es Zeit für den Agudismus, beute oder nie, Einfluß auf die außenstehenden Brüder zu gewinnen. Sie müssen von der Trostlosigkeit, der Bitternis des Daseins erlöst werden. Zu der vom Zionismus den Liberalen gebotenen Kultur sei zu sagen, daß nicht alles, was nicht deutisch ist, schon deshalb jüdisch sei. Wahre jüdische Kultur wachse nur aus der geschilderten jüdischen Einheit, Hier dürfe die Aguda nicht stille stehen, um Menschen, und seien es nur Einzelne, zu" gewinnen. Zur Verbreitung der jüdischen Kultur sei vor allem auch Kenntnis der jüdischen Quellen nötig. Die Aguda sei dazu da, 2 c hte jüdische Werte anstelle von Scheinwerten zu setzen. Redner vertraut auf die deutsche jüdische Jugend, daß in ihr die Sehnsucht nach wahren jüdischen Werten doch einmal lebendig wird, und daß sie schließlich auf den Weg gedrängt wird, wo sich die Agudas Jisroel befindet. Voraussetzung dafür sei die Werbe kraft der Agudas Jisroel, und die Aufgabe dieser Tagung ©ei, Klarheit über den Weg zu schaffen, den die deutsche Aguda auch geistig zu gehen habe. Daß man auf wirt- ■sichaftMche Hilfe bedacht sein müsse, versteht sich von selbst. Da es Tatsache ist> daß der Großteil der deutschen Juden doch in Deutschland bleiben werde, so habe die Aguda an den Problemen der deutschen .Juden in Deutschland emsig zu arbeiten, und hierin sei uns der Weg von den früheren Großen gewiesen. Unsere rabbinischen Autoritäten. sollten klare und deutliche Worte sprechen, ob sie diesen Weg fortsetzen wollten, und sich nicht mit Schlagworten. begnügen, damit der Geist der Unsicherheit in der Jugend verschwinde. Redner ist für seine Person der Ansicht, daß die Lehre von S, R. Hirsch in heutiger Zeit überhaupt erst ihre Bewährung-zu finden hätte und daß es keinen igrößeren Mussarlehrer gäbe als •eben S. R. Hirsch. Und gerade darin liege diehistorische Größe dieser Lehre, daß sie fortsetzbar sei. Wir 'dürfen uns in der heutigen Zeit den Luxus nicht erlauben, dem Leben zu. .entsagen, denn ohne Menschen mit der Befähigung, sich mit der Welt und dem modernen Wissen auseinanderzusetzen, könne die Thora in Erez Israel nicht zum Siege gebracht wer- Der Delegiertentag der Landesorganisation der A. J. in Frankfurt a. M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.