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Der Israelit · 1935-12-24 · Heft 52 (24.12.1935) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 52 (24.12.1935)
Date
1935-12-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 52 Der Israelit 24. Dezember 1935 Eine neue „Geschichte der Juden in Deutschland. Ismar Elbogen legt uns eine neue Geschichte der Juden in Deutschland vor, die der Erich Lichtenstein-Verlag, Berlin, in schöner, solider Ausstattung herausgegeben hat. Die jüdische Geschichte in Deutschland ist bekanntlich immer noch ein dunkles Kapitel dn der allgemeinen jüdischen Geschichte. Es wird bei der Feststellung der ersten jüdischen Siedlungen an den deutschen Flüssen viel mit Versionen, Hypothesen und zweifelhaften Dokumenten gearbeitet. Einige alte Judengemeinden haben ihre Historiker gefunden, so etwa Frankfurt in Schudt, Lersner, später Krakauer. Andere alte Gemeinden haben aus ihren Chroniken einiges zusammengestellt, was aber kein Gesamtbild ergibt. Was sich aus diesem Material oder aus den nach diesem Material geformten Vorlagen herausholen läßt, hat Elbogen herausgeholt. Und man muß ihm zugute halten, daß er Geschichte nicht registriert, sondern kommentiert, sich die Mühe gibt, Einzelstriche zu Gesamtbildern zusammenzufügen und über dürre Zahlenposten hinweg zu dem Sinn im Zentrum einzelner Geschichtsepochen vorzudringen. Diese Methode hat natürlich auch ihre Gefahren, da sie über das Handwerkliche hinaus in den Bereich der Lebensanschauung dringt, wo eine bestimmte Tendenz einer objektiven Geschichtsforschung sehr im Wege steht. Man liest mit Nutzen und Genuß die ersten Kapitel über die Bildung der ersten Judensdedlungen an Rhein und Donau, die, „wie man erzählt", zum Teil schon 300 Jahre vor der üblichen Zeitrechnung {Regensburg) vor sich gingen. Etwas festeren Boden unter den Füßen hat der Hislorker in der Zeit der Karolinger wie unter den Staufen. Wie im Gleitfluge gelangt man bis zur Zeit des Humanismus und der Reformation und schon steht man, nach kaum 180 Seiten, mitten in den Emanzipationskämpfen und läßt sich von der A u f k 1 ä - rungswelle schaukeln. Es geht im Ganzen etwas rasch, aber wenn es ein Schulbuch sein soll, so wird ein pädagogisch geschulter und für seine Person noch aus anderen reicheren Quellen schöpfender Lehrer das Werk als Handbuch für den Geschichtsunterricht, mit einiger Vorsicht, brauchen können. Bei der Darstellung der orthodoxen Abwehrstellung unter S. R. Hirsch befleißigt sich der Verfasser einer gewissen Objektivität, was ihm freilich, bei seiner bekannten inneren Einstellung, nicht immer gelingen kann. Hirsch und Geiger erwachsen für ihn aus einer Wurzel, so etwa wie zwei Bäche, die dem gleichen Quell entsprungen, sich auf verschiedenen Wegen ergießen. Freilich scheint er von S. R. Hirsch nur die „Neunzehn Briefe" zu kennen, und so heißt die Parallele: „Vernunft und geschichtliche Entwicklung" auf der einen, „starres Festhalten an der Tradition" auf der anderen Seite. Gabriel Rießer als Vorkämpfer für die Emanzipation nimmt einen großen Platz in dieser sonst so knapp gehaltenen Geschichtsdarstellung ein. Das Anwachsen der Hirsch-Gemeinde in Frankfurt wird registriert, aber als Zeichen eines „gesunden Sinnes" konstatiert, daß die von Hirsch erstrebte Trennung nicht überall in Deutschland durchgeführt wurde (wobei verschwiegen wird, daß in den meisten süddeutschen Staaten keine gesetzliche Möglichkeit dafür gegeben war). Obwohl er selber das Austrittsgesetz von 1876 als „eine Möglichkeit, aus Gewissensbedenken aus einer jüdischen Gemeinde auszuscheidn, ohne damit aus dem Judentum auszutreten," deklariert. In kühnem Schwung geht es über alle Entwicklungen der letzten Jahrzehnte und Jahre, oft in rasendem Tempo, bis zum Erleben unserer Tage. Für den Zeitraum von dem Schuß in Serajevo bis zu den Nürnberger Gesetzen braucht das Buch knapp zwei Seiten. Daß dabei jeder innere geschichtliche Zusammenhang zwischen Aufstieg und Niedergang, den Freiheitsschalmeien der Äufklärungszeit und den Klageliedern der Gegenwart fehlt, daß sich überhaupt keine Brücke von oben nach unten ergibt, kann man sich wohl denken. In einem Buche, das diese inneren Zusammenhänge nicht kennt, kann wohl ganz gut Geschichte erzählt, nicht aber der Sinn der Geschichte ermittelt werden. Ein paar Chanukabrocken. Die Megilloh. Warum haben wir für Purim eine Megilloh, nicht aber für Chanuka? Die Purimgeschichte konnte man noch auf einer Rolle unterbringen, für das Chanukawunder, das das Wunder aller Zeiten und Geschlechter ist, hätten alle Pergamente nicht ausgereicht. Das fünfte Licht. In chassidischen Kreisen wird der fünfte Chanukaabend als besonderes Fest im Feste begangen. Aus welchem Grunde? Bekannt ist der Meinungsstreit zwischen dem Hause Schamais und Hilleis über die Reihenfolge der Lichter. Nach ersterer Ansicht beginnen die Lichter mit acht und nehmen bis eines ab, nach Hillel aber beginnen sie mit einem und steigen bis acht an. Wir halten es mit Hillel. Es ergibt eich dabei folgendes Bild: Am ersten Abend ist Schamai Hillel weit überlegen: acht gegen eins. Es geht so weiter bis zum fünften Abend. Von hier ab erleben wir erst die Ueberlegenheit Hilleis. Am fünften Abend bleibt Schamai zum ersten Male mit vier Lichtern in der Minorität gegenüber den fünf von Hillel. Und so geht es weiter, mehr und mehr, immer vorwärts. Hillel triumphiert und wir mit ihm! Kinderecke, Ein alter arm wurde, und nun verdankt der Onkel alles Gute seinem Neffen — auch den alten kleinen goldenen Chanukaleuchter. "•n3än~T# ^»nfr? niTina V?w '»?ruö? 'ü ]nix niaan o*p* in ^53 jn \nvr\ ^Kia - njn nnn D'aja wnp •rms^i riifi» »'339 Vs-ii?' nv - ira'm " T : * — t t : iVk-ti dip' 'insu' " t - : <t .. - . . (Aus nwi nan- Herausgegeben von Dr. Jacobsen und Erwin Jospe. Verlag Anton J. Benjamin, Leipzig-Hamburg.) Chanuka-Leuchter. Von Willi Blumenreich (11 Jahre). Das Licht im Zimmer wird eingeschaltet und ein Greis tritt ins Zimmer. Stöhnend setzt er sich an den Tisch. Man sieht ihm an, daß er schon viel in seinem Leben durchgemacht hat. Sein Haar und sein langer Bart sind schneeweiß. Die Uhr schlägt sieben. Jetzt tritt eine auch schon alte Frau ein und stellt Brot und Salz auf den Tisch. Nun waschen sich Beide die Hände, dann spricht der Greis den Segen über das Brot und dann verzehren die beiden alten Leute ihr bescheidenes Mahl. Der Greis, wir wollen ihn doch lieber mit Namen nennen, Jaekel, unterhält sich mit seiner Frau, wie sie sich wohl noch für einige Zeit über Wasser halten könnten. Sein ungewöhnliches Pech, das er in der letzten Zeit gehabt hatte, brachte ihn schon so weit, daß er sämtliche Sachen, die sie noch besaßen, verkaufen mußten. Nur ein kleiner alter goldener Chanuka-Leuchter stand noch auf dem Ofen in der Ecke. Jaekel sah zu ihm hin, wagte aber nicht, ein Wort über seine Lippen zu bringen. Schließlich gibt er sich einen Ruck und sagt: „Liebe Frau, ich habe mir schon lange etwas überlegt, aber es nie gewagt, dir darüber etwas zu erzählen. Ich möchte nämlich bald, weil Chanuka kommt, unseren kleinen alten goldenen Leuchter verkaufen und uns dafür einen Holzleuchter anschaffen." Wehmütig sah seine Frau auf den alten Leuchter und sagte schließlich: „Wenn es nicht anders geht, so muß ich mich schon dem fügen." Am nächsten Morgen steht Jaekels Frau schon früh auf, um dem Leuchter zum letzten Male Lebewohl zu sagen. Auch der Chanuka-Leuchter sah sie wehmütig an und sagte ihr Lebewohl. Jaekel packte ihn ein und trat bald darauf in einen Trödlerladen. Dort bot er seinen Leuchter zum Verkauf an. Der Ladenbesitzer prüfte ihn sorgfältig und gab dann Jaekel mehrere Dukaten heraus. Sofort machte sich Jaekel daran, einen neuen einfachen Leuchter zu kaufen und ging damit freudig nach Hause. In der kommenden Nacht konnten die vielen Chanukaleuchter im Laden des Trödlers vor Neugier nicht schlafen; denn jeder fragte sich, was das eigentlich für eine Bewandtnis mit diesem alten goldenen Leuchter haben möge, den der Greis heute hier verkaufte. Schließlich fragte ihn einer der neugierigsten nach seiner Geschichte. Und unser Leuchter erzählte den andern alles, was wir schon wissen. Den andern Leuchtern tat diese Geschichte auch sehr weh, aber manche von ihnen hatten kein besseres Schicksal. Jeder wartete nur darauf, wieder in eine Familie zu kommen, um dort Chanuka mitfeiern zu können. Denn dieses Fest war ja schon in vier Tagen. So verging die Nacht und schon fielen einige Strahlen der Sonne durch die Fenster. Endlich wurde der Laden geöffnet. Jetzt trat ein Käufer ein, dann wieder eine Dame und kauften Chanukaleuchter. Es wurden immer weniger, unser kleiner goldenen Chanukaleuchter blieb fast allein zurück. Endlich am letzten Tage vor dem Fest kam noch schnell ein elegant gekleideter Herr in den Laden und suchte sich einen Leuchter aus. Wen aber suchte er aus? Unseren kleinen goldenen Leuchter. Mit ihm fuhr er in seinem Auto nach Hause. Er landete vor einer wunderschönen Villa. Ein Diener machte ihm die Tür auf und führte ihn ins Wohnzimmer. Da saß ein alter Mann. j, . „Tag Onkelchen," sagte der Herr, „ich habe dir einen schönen kleinen Leuchter zu Chaniukah erwischt." „Zeig ihn mal her," sagte der Greis. Aber was ist denn das? Erstaunt guckt der Chanukaleuchter den Greis an. Dann hüpft er freudig — vielleicht zitterten auch die Hände des Greises nur so — Jaekel war es, der gute Jaekel!. In der gleichen Minute erkannte auch. Jaekel den Leuchter wieder. Er ist ganz sprachlos darüber, daß der Leuchter so. aus Zufall wieder in sein Haus zurückkommen winL Ihr müßt wissen, daß Jaekels Neffe seinen Rjeichtum nur dem Onkel verdankt hatte, bevor dieser so Sprechsaal. „Jugend im Lichte". Die unter obiger Ueberschrift in Ihrem geschätzten Blatte in solch feinsinniger und verständnisvoller Weise gebrachten Ausführungen berühren so recht ein Zeitbild, das heute wohl mehr als jemals einer Erörterung bedarf. Gewiß, die in dem Artikel gemachte Feststellung ist richtig. Der Krieg, die Nachkriegszeit und die damit verbundenen Sorgen, Lasten und Nöte haben zwischen alt und jung gegensätzliche Anschauungen entstehen lassen. Während die ältere Generation in manchem vielleicht resigniert und hierdurch auf mancherlei Gebieten untätig blieb, hat unsere jüdische Jugend impulsiv, tatkräftig die Zeit erfaßt, wie sie ist, und ihre Zukunftspläne zum großen Teil selbständig in ihre Hände genommen. Wer aber tiefer blickt in die Verhältnisse, wer Gelegenheit hat, in manch jüdische Häuslichkeiten hineinzuschauen, wo Eltern und Kinder kaum gemeinsam anzutreffen sind, wer vor allen Dingen weniger auf den Begriff von „alt und jung" sieht, sondern die nackten Tatsachen beobachtet, der muß zu dem Ergebnis kommen, daß es sich vielleicht gar nicht mehr um „alt und jung" handelt, sondern weit mehr um den Lebensnerv, ja um den Bestand des jüdischen Hauses, und zwar der jüdischen Häuslichkeit, von der unsere heimgegangenen Großen in Israel selbst in den traurigsten Goluszeiten Erhabenes und Edles vom jüdischen Jürleben uns zu berichten wußten. Das ist es, was jetzt mehr und mehr auf dem Spiele steht. Vor einigen Jahren bereits hatte dies wohl ein heimgegangenes Schulratsmitglied der Samson Raphael Hirsch-Schule erkannt. In seiner Ansprache an die abgehenden Schüler und Schülerinnen sagte er, daß dasjenige, was man gemeinhin unter Freiheit versteht, als recht nahe dem Begriff der Willkür zu bezeichnen sei. „Ich habe es stets," meinte er dann weiter, „als ein Glück betrachtet, daß uns Grenzen gesetzt sind, damit die Freiheit nicht zur Willkür werden kann." Wenn wir unsere Söhne, zumal jetzt, losgelöst von der Häuslichkeit, „ihre" Wege gehen lassen müssen, die sie für ihre Zukunft — sei es durch Jeschiwoh-Besuch, Schiurim, Vorträge usw. — brauchen, so ist dies eine Selbstverständlichkeit. In unseren jungen Mädchen aber den Sinn für die jüdische Häuslichkeit zu stärken, sie frühzeitig erkennen zu lassen, das eigene Haus besonders am iw als wn vipn zu betrachten, in dem sie mit ihren Kameradinnen doch auch ihre Schiurim halten können, wäre wahrlich ein segensvolles Beginnen, segensreich insofern schon, als dies eine innigere Verbindung mit dem Elternhaus ergeben würde. Glaubet nicht, bei unserer weiblichen Jugend sei diese Einstellung nicht zu erreichen! O nein, wir haben jüdische junge Menschen, die — man braucht nur mit ihnen zu sprechen — das Losgelöstsein von der Häuslichkeit draußen in freier Ungebundenheit empfinden; aber, da sie neben ihrer Wirksamkeit allzusehr durch ihre Bünde, duroh Vorträge, Veranstaltungen usw. in Anspruch genommen sind, erhalten sie immer wieder Ablenkung, so daß das jüdische Haus in früherem Sinne sie immer mehr altmodisch anmutet. Altmodisch? Das "sollte man nicht gelten lassen! Gerade in dieser Zeit müßte ein Hauch der Freude, , des Geborgenseins aus der eigenen Häuslichkeit herji , vorgehen, von Familie zu Familie, von Haus zu Haus eine Zusammengehörigkeit entstehen, die zur Quelle ]i der Kraft wird und zur Ueberwindung manchen Leids . und mancher Sorge führt!; Haben wir aber erst diesen gemeinsamen Weg wieder gefunden, dann wird zweifellos eine innere Befriedigung, eine innere Sicherheit in uns aitfkommen, die die äußere Freiheit, die uns* nichts gibt,; weitaus aufwiegt. H. Seckbach. ';

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