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Der Israelit · 1935-12-24 · Heft 52 (24.12.1935) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 52 (24.12.1935)
Date
1935-12-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit er 52 1935 Irrlichter. Chanuka-Novelle aus der ungarisch-jüdischen Assimilationsepoche. Von Adoli Altmann. (Schluß.) „Unter selche Reschuim (Bösewichter) wohnt mein guter Duwedl", ruft er wehmütig und verflucht den Augenblick, da sein Davidl als 13jähriger Knabe die Grenze seiner Heimat überschritten, um hier sein Glück zu suchen, das er doch sicherlich nicht besitzt, wenn er es auch vielleicht materiell zu finden wußte. „Wie kenn er glücklich sein," murmelt er in den Bart hinein, „mit solchenie beise srures (Herrschaften) zu tin (zu tun) zu hüben (zu haben). Nischt imsinst (umsonst) hot er ins (uns) immer geschrieben, doi (da) im tiefen Ungarn is ganz e andere Welt ün auch er müß trachten, e anderer zü weren. Nebbech Duwedl ... „E anderer ze weren," wiederholte er sich wie von einem plötzlichen Anigstgedanken 'erfaßt. „Wie wenn er effscher gur nicht in giter Jiddischkeit . . .? Nein, nein, dus is ünmeglich, mein Duwedl is awade (sicherlich) weiter mein giter (guter) frommer Sihn" (Sohn) . . ." Die Dunkelheit breitet immer mehr ihre Fittiche über die Pußta-Landschaft aus. Aber siehe, ein Lichtglanz schimmert her von der Richtung rechts herüber. 0, welche Wonne. Chajim starrt wie verzückt nach dem Lichtpunkte hin und beflügelt nur noch mehr, freudig erregt, seine Schritte. Immer mehr und mehr wird der Lichtglanz deutlich. Jetzt tritt er ganz aus der unklaren Verschwommenheit heraus. Es werden die Umrisse eines großen, stattlichen Gebäudes, woher der Schein kommt, sichtbar. Nun zeigt es sich ganz deutlich. Nicht ein Licht ist es, es sind deren viele. Chajim jubelt auf, denn nun sieht er es ganz sicher. In jedem Fenster des Gebäudes brennt ein Licht. Was werden es anderes sein als die Chanukkalichter, die sein Duwedl sowohl als auch jedes andere Mitglied seines Hauses besonders — wie es die fromme Pflicht erheischt, in je einem Fenster angezündet haben? Nun hat er allerdings das geplante gemeinsame Anzünden versäumt, aber was tuts, er hat ihm ja doch, wenn auch nur aus der Ferne anzünden gesehen und hat im Geiste ihn die „Borocho" sprechen gehört. Er sieht nun das große schöne Haus seines Duwedl — wessen wird es denn sonst sein — vor sich und von Chanukkalichtlein beleuchtet. Vater herz, was willst Du noch mehr! Nur noch ein drückender Gedanke scheint unsern Alten zu quälen, das Nichtzugegensein seines Weibes. „Die Marne, die Mame" (Mutter), seufzt er öfter. Wenn sie dies auch mitansehen und erleben hätte dürfen! Jetzt ist aber wirklich alle Müdigkeit und Kälte aus den alten Gliedern gewichen und alle Pein des Weges vergessen. Alle Disharmonien einer verbitterten jüdischen Golusseele lösen sich mit einem Male in wonnig fröhliche Akkorde auf und Chajim eilt, getragen von Flügeln der Sehnsucht und der Vaterliebe, jener einzigen, die so intensiv nur die jüdische Volksseele kennt. Voran leuchtet ihm der Schein der vermutlich heiligen Mizwahlichter. Von diesem Scheine läßt sich unser abgehetzter Jude mit nicht minderem Vertrauen führen, als einst Israel von der Feuersäule in der Wüstennacht. Sein ganzes Innere scheint erfüllt zu sein vom Geiste des Psalmistenwortes ,J^aus Jakob, kommet, wir wollen wallen im Lichte des Ewigen . . ." Es ist in den Nachmittagsstunden vor dem zweiten Weihnachtsabend. Im Hause des Gutsherrn Korsoy (die ungar. Uebersetzung von Krug) g^bt es geräuschvoll zu. Es gilt für das abends stattfindende Weihnachtsfest, verbunden mit Tanzkränzchen, zu dem die Freunde des Hauses aus nah und fern kommen sollen, die Vorbereitungen zu treffen. Diener und Mägde laufen wichtigtuerisch hin und her. Die Köchin stochert und rührt mit hochgeröteten Wangen und ernster Kennerkunst in Pfanne und Topf. In Haus und Hof sind die Wirtschaftsleute trotz des Feiertages mit der äußeren Dekorierung zum würdigen Empfang der Herrschaften beschäftigt. Guirlanden werden in prächtigen Triumphaten gespannt und mit rotweißgrünen Bändern wird „Isten Hozott" (Grüß G'tt) zum Gruße eingeflochten. Der Hausherr, ein nobler Mann in den besten Jahren, der aber doch etwas angekränkelt aussieht und scheinbar in das ganze Milieu nicht hineinpaßt, geht in liebenswürdiger Herablassung von einem zum andern und spornt zur Eile an, da es Nacht zu werden droht. Er ist heute die Güte selbst und über die Massen gesprächig. Sein Ungarisch klingt zwar etwas eigenartig und holperig, aber er meint es doch so schön zu sprechen und vergnügt reibt er sich die Hände. Er ist nämlich fest davon überzeugt, daß seine Assimilation auf das beste gelungen ist. Er ist heute ein Ungar von echtem Schrot und Korn. Wer schert sich heute mehr darum, was ihm an seiner Wiege gesungen wurde. Den letzten Rest des „Kainzeichens" hat er ja gerade vor einem Jahre am Allerseelentage in der Kirche mit geweihtem Wasser, das von jeher am besten den gelben Judenfleck zu entfernen vorgibt, weggewaschen. Die Verbindungsfäden mit seiner alten düstern armseligen Vergangenheit da drüben, jenseits der Karpathen, hat er nun glücklich abgeschnitten, wenn auch mit so manchem Gewaltschnitt. Keine Beläsigung mehr von dieser überwundenen Seite. Alle Beziehungen wie verschollen. Freilich die Eltern, die erscheinen Herrn Korsoy noch hie und da wie ein lebendiges Bild des Jammers und des Vorwurfs in der Seele und geben ihm immer einen furchtbaren Ruck bis ans Herz, daß er meint, es müsse bersten. Aber es geschieht nur vorübergehend, denn das, was man so Gewissen nennt, ist bei ihm im großen und ganzen bereits eingelullt. Er hat es ja tun müssen schon um des lieben Hausfriedens willen, um seiner christlichen Frau wegen. Sie hat sich in ihn als armen Juden jungen, als Hausknecht im Hause ihres reichen Vaters, verliebt und ihn mit Widerwillen der Eltern standesamtlich geheiratet. Nicht mit Unrecht, sagte er sich stets, machte sie ihm nachher jahrelang Vorwürfe, daß sie seinetwegen nun in ewiger Armut leben müsse, denn der erboste Vater hätte sie enterbt, falls ihr „hergelaufener Jüd", so nannte er ihn, sich nicht taufen und sich nicht noch einmal mit ihr kirchlich trauen ließe. Was sollte er nun machen, er tat es, mußte es tun. So war er nun mit einemmal reich und angesehen geworden, denn der Großgrundbesitzer Schwiegervater schenkte ihm gleich als Taufgeschenk sein großes, weites Pußtagut. Alle hohen Herrschaften von weit und breit nannten ihn jetzt nur noch „Edes baratom" (süßer Freund) und luden ihn zu ihren Festen und er lud sie zu den seinen. Heute sollte nun, wie gesagt, ein solches bei ihm im großen Stile stattfinden. Schwiegerpapa und Mama sind schon seit gestern hier und die übrigen Gäste sollen sich mit zunehmender Dunkelheit einstellen. Nun sind alle Vorbereitungen fix und fertig. Auch die Innenräume und die Tafel, um deren Ausschmückung sich die Nagysaga (gnädige Frau) persönlich kümmerte, sind bereits in Ordnung. Im großen Speisesaal ist zur Charakterisierung des Festes ein prachtvoll ausgestatteter Christbaum aufgestellt und die reich gedeckte Tafel in Hufeisenform plaziert. Jetzt wird in jedes Fenster des großen Gebäudes eine brennende Kerze gestellt, damit die unkommenden Gäste den Fahrweg in diesem stürmischen Wetter möglichst erleuchtet haben. Nun versammeln sie sich. Nacheinander kommen Schlitten angefahren und immer wieder kommen neue. Livrierte Diener geleiten die Gäste in die duftumflossenen, wärmedurchfluteten, reich geschmückten Räume. In der Nähe des Eingangs zum großen Salon sind Hausherr und Hausfrau postiert, die liebenswürdigsten Honneurs machend . . . Die Gesellschaft ist eben in animiertester Stimmung. Champagnerkorken krachen, Gläser klirren, unter Flirten und Lachen bewegen sich Damen und Herren umeinander. Die Zigeuner fidein ihre schönsten Weisen. Alles ist heiter und der Frohsinn scheint wohlwollend zu ruhen über dem gelungenen Weihnachtsfest des Herrn Korsoy. Aber was ist das nun plötzlich? Alles hält wie mit einem Zauberschlage horchend inne. Von draußen dringt ein eigenartiger Lärm herein. Ein unbegreifliches Stoßen und Drängen, in das sich das Schimpfen und Fluchen der Diener mischt. Auch die Hunde bellen und knurren und zwischendrein macht sich die heiserige Stimme eines Menschen geltend, den keiner zu verstehen scheint. Am aufmerksamsten ist der Hausherr. Erschrockenheit und auffallende Blässe gibt sich in seinem Antlitze kund . . . ,,Miczet mech necht. (Stört mich nicht) Loßt mech ze rüh . . . (Laßt mich in Ruhe) . . . Duwedl . . . Chanikelicht", so dringt es stoßweise in die Ohren der Gäste und kaum, daß man es sich noch deutlich zu machen versucht und sich versehen kann, siehe da, die Tür wird aufgerissen und herein stürzt, aber fast wie gebannt stehen bleibend, unser polnischer Jude vom Wege, ihm nach eine ganze Menge Bediensteter mit Flüchen und Stößen, da sie ihn zurückzuhalten suchen. Ein wildes Hohnlachen — wie am Wege — bricht los. „Ein polnischer Jude!" Nur ein Einziger lacht nicht. Verstört treten ihm die Augen aus den Höhlen. Leichenblässe überkommt ihn. Es ist der Hausherr. Mit einem Schrei: „Mein Va . . ." macht er nach vorne eine Bewegung und stürzt zusammen. Alles wirft sich bestürzt auf den Ohnmächtigen, unser Jude aber bleibt wie gebannt auf der Schwelle stehen vor dem unerklärlichen Vorgang, dem unerwarteten Anblick in diesem Hause. Einen Augenblick steht er so wie vergläsert starrend, dann aber wendet er sich, mit betrübter Enttäuschung im Gesichte, um. Er sieht nun, daß er sich geirrt habe, in diesem Hause seinen Sohn zu vermuten. Unbemerkt verläßt er die Tür mit den Worten: „Asoi wuren es leider nor Irrlechtlech" (So waren es also nur Irrlichter) . . Am andern Tage. Chajim Krug hat dann auch anderweitig seinen Sohn nicht gefunden und so fand ihn denn sein Sohn, der nach einiger Zeit von seiner Ohnmacht erwachte und von heißer Sehnsucht und Reue getrieben, eiligst nach seinem Vater fahnden ließ und selbst fahndete, aber ... zu spät. . . . Der Aermste lag erfroren auf abgeirrtem Wege tot darnieder. — Nun brennt wieder ein Lichtlein im Fenster des Gutshofes, aber irre führt es keinen mehr, denn jeder weiß, es ist das Seelenlicht für den unglücklichen Vater des Herrn. Im Gute aber wohnt von jetzt ab wirklich „Duwedl", der Sohn des Chajim Krug, — als „Jüd".

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