Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1935)
- Date
- 1935-12-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 52 Der Israelit 24. Dezember 1935 rade sie auch Tüchtigkeit im erwefiblicheii Streben im Gefolge hat- Und es sei nicht verhehlt, daß nach übereinstimmendem Urteil vieler Kenner der Länder die palästinensisch-amerikanische Betriebsamkeit oft keinen Zugeständnissen an Arbeitsruhevorschriften; Sittenstrenge und Erforschung des Thoragesetzes zuneigt, — daß wie in Deutschland vor einem Jahrhundert, so in Amerika und Palästina heute stellenweise die Forderung nach wirklicher Gesetzestreue auf Hohn o de r 'iM i 11 e i d s t ö ß t. Wo ist die ernstgemeinte Antwort der dort verantwortlichen Kreise auf das, was wir gegen die Sabbatverletzungen in der. palästinensischen Vieh- und Landwirtschaft oder gegen deren Vorbilder im amerikanischen Geschäftsleben zu sagen hatten? Wie muß unsere Antwort auf die Worte, der Anderen, die rufen: Mit euren Anschauungen bleibet ihr spottwert und arm lauten? Die Antwort muß lauten: Lieber Bettler als Gesetzesübertreter, lieber behaftet mit dem Makel des Bettelmönchtums als mit einer Sünde gegen ein noch so „kleines" Gesetz der Thora und der Weisen! — Denn G'tt ist mit den Schwachen und Verachteten, und er zündet in ihrer Seele ein Feuer, d'as%uch ihrem irdischen Leben gesundes, schaffensfrohes Licht spendet. Die Uebermütigen und Gesetzlosen aber versinken und versacken in ihren Gewohnheiten. Ihre Kinder werden nichts Neues und Anreizendes mehr in den Verfehlungen ihrer Väter gegen G'tt und Sitte sehen und wenden in Verfehlungen gegen Recht und Menschtum Anreiz und — — Untergang suchen und finden, wie es in Europa vor unseren Augen geschieht. Dann werden die Schwachen, wie in Makkabäertagen, über die Mächtigen, die Reinen über die Unreinen siegen. Ist es wahr, daß in der so duldsamen „Gesellschaft" westlicher Länder für d-as reine Gemüt eines Kindes gesetzestreuer jüdischer Häuser unseres Landes, für die Schlichtheit und Unverdorbenheit deutscher jüdischer Orthodoxer keinerlei Raum ist und daß auch in Palästina der durch das Thoragesetz Gebundene in manchen Zünften und Klüngeln nicht für voll genommenwird?''Wir können 'das thdierzulande. nicht wissen und beurteilen. Aber wir könnealptuf alle Fälle unseren'f orthodoxen:XAuswanderern die Sicherheit mitgeben: Nicht der Spötter, .sondern der Bespottete .überdauert! Wie in der Heimat nicht die Gesetzlosigkeit, sondern die Gesetzes^ befolgung gesiegt hat, als vor 60 Jahren um ihren Bestand gekämpft wurde, so wird es auch in der Fremde sein, sei es auf heiligem,' sei es auf sonstigem Boden: Die Anderen mögen Könige werden; sie bleiben Könige ohne Volk. Die welche den Mut aufbringen, „Volk", ja armes Volk zu werden, — die dürfen auf den G'tt der Makkabäer hoffen. Es gibt auch heute, G'tt sei es gedankt, Schü ler Juda Makkabis. Jeder Rabbiner Amerikas, der es auf die Gefahr von Spott und Verjagung wagt, Unbekannten die Trauung zu verweigern, jeder in Palästina von den 'Gewalthabern wegen seiner wirklichen Gesetzestreue Verstoßene und Verfemte, — sie Alle sind die Hoffnung G'ttes auf sein Volk, die Träger des Makkabäerwunders in unseren Tagen. Und dankbar wollen wir auch bekennen, daß gerade die Judenheit Deutschlands keinen Anlaß hat, sich für ungeeigneter zum Makk/afeäertum als irgend ein anderer Stamm Israels anzusehen. Die Gehämmerten unter ihren Charakteren, sie werden auch der fremden Judenheit ein Beispiel der Entsagung und der Zucht geben können. Die jüdische Welt wird an den Flüchtlingen deutscher Judenheit reichen Gewinn haben. Diesen Gewinn wird aber auch nur der getreueste Teil der fremden Gemeinden anzuerkennen wissen. Denn nicht bei den Glücklichsten werden diese Flüchtlinge Anschluß, suchen, sondern bei den Getreuesten. Der Allgütige aber ist mit den Wenigen, den Reinen. Und wenn einmal Lebensbilanz gemacht wird, dann hat doch in den .Hütten der Getreuen mehr Licht geleuchtet als in den Palästen der Frivolen. Und wenn der letzte Tag des Lebensfestes herannaht, wird der Lichter Zahl am größr ten sein, die am geringsten anfingen. Die Anfiedlungspläne Dr. Ruppins In einer Pressekonferenz in Jerusalem machte Dr. Arthur Ruppin Mitteilungen über die von ihm der Expertenkommission des Völkerbundes für Aus Wandererfürsorge in Genf unterbreiteten Vorschläge. Dr. Ruppin schilderte vor der Kommission die Lage der Juden in Deutschland und wies darauf hin, daß er auf dem XVIII. Zionistenkongreß die Auswanderung von 200.000 Juden aus Deutschland im Laufe von 10 Jahren als notwendig bezeichnet hatte. Die Hälfte dieser Auswanderer solle in Palästina Aufnahme finden, die andere Hälfte in anderen Ländern. In den seit diesem Kongreß verflossenen 3lA Jahren hat Palästina die ihm bei dieser, Lösung zugedachte Aufgabe erfüllt. 27.000 Juden aus j Deutschland sind nach Palästina eingewandert. Die übrigen Länder jedoch - sind, ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden. Nur 10.000 Juden konnten'sich dort niederlassen , (wobei nur diejenigen; Juden berücksichtigt sind, diedas Nieder las-' sungsrecht in den neuen. Aufenthaltsländern er-l halten haben). Außerdem leben etwa 30.000 Juden aus Deutschland in verschiedenen Hauptstädten Europas, ihre Situation ist jedoch nicht stabilisiert, und sie stehen dauernd vor der Gefahr der Ausweisung. In Deutschland selbst sind von etwa einer halben Million i. J. 1933 435.000 Juden zurückgeblieben. Infolge des natürlichen? Rückgangs der jüdischen Bevölkerung wird ihre { Zahl jährlich um 6000—7000 kleiner. Wenn in den. nächsten 10 Jahren jährlich 20.000 Juden auss wandern, dann werden 1945 nur noch 200.000, zum größten Teil alte Leute, übriggeblieben sein. Dies stelle zwar eine ungenügende Lösung dar,.^, aber eine bessere sei nicht möglich. 'Von den " jährlich auswandernden 20.000 Menschen wende 1; Palästina die Hälfte oder etwas mehr absorbieren können. | Die Mitglieder der Expertenkommission stellten Fragen über die Lebensmöglichkeiten der Einwanderer in Palästina. Darauf antwortete Dr. Ruppin, daß Palästina noch weit davon entfernt sei, seinen Bedarf, sogar den an landwirtschaftlichen Produkten, selbst zu decken; noch weniger, sei dies in . Bezug auf Industrieerzeugnisse der Fall. Ein großer Teil dessen] was Palästina jährlich für Millionen Pfunde im Auslande kauft, könnte im Lande selbst hergestellt werden und deshalb könne das Land noch eine große Einwanderung aufnehmen. Besonderen Nachdruck legte Dr. Ruppin auf folgende zwei. Punkte:: a) die * Kammission dürf e sich nicht nur mit jjler Fräjsie der bereits Ausgewanderten befassen, sondern müsse die Gesamtheit; der deutschen Judeh berücksichtigen -und b) Palästina werde noch mehr Einwanderer aufnehmen können als bisher^;;vvenn diesen die Transferieruhg "ihres Kapitals ermöglicht wird. Es seien daher Verhandlungen über Transfermöglichkeiten auch auf anderen Wegen als über /die Haavara erforderlich. In Ergänzung zu seinen . Ausführungen über Palästina besprach Dr. Ruppin vor ider Kommission auch die Möglichkeiten jüdischer A u sw ä n d e r u n g aus Deuts c h 1 a n d nach den sudamerikaaasclieii Land ein , die Dr. Ruppin vor kurzem besucht hat. Seit dem Umbruch in Deutschland halben diese Länder etwa 3000 Juden aufgenommen. Die dortige Wirt-. schaftskrise sei im, Abklingen, .andererseits aber wurden;die Einwanderungsvorschriften verschärft. Sollte es den Bemühungen gewisser Bevölkerungssfj/jichten .gelingen, eine J^£f£in£ jfeesqr EinwanderungsVorschriften durchzusetzen/ dann werde eine größere Einwanderung von Juden aus Deutschland nach Südamerika möglich sein. Korrespondenzen. Deutsches Reich« Ausbildungskurs für jüdische Sozialarbeit. . -. ■ - / Berlin, 19. Dez. Die Reicbsvertretung der Juden in Deutschland teilt mit: Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Abteilung Zentralwohlfahrsstelle, beabsichtigt, gemeinsam mit dem Jüdischen Frauenbund einen einmaligen einjährigen Ausbildungskurs; für jüdische Sozialarbeit in Berlin eintzuriehten. Der Lehrgang soll eme Ausbildung in Theorie und Praxis der jüdischen Sozialarbeit (Sozialpolitik, Wohlfahrtspflege, Jugendfürsorge und Jugendpflege, jüdische Gegenwartskunde usw.) umfassen. Voraussetzungen zur Aufnahme in diesen Lehrgang ist für weibliche und männliche Teilnehmer vollendetes 20, Lebensjahr,. Ausbildung in einem anderen Beruf oder bereits ausgeübte Tätigkeit. Die voraussichtlich entstehenden Ausbildungskosten werden RM. 20.— bis RM. 25.— monatlich betragen. Der Lehrgang soll im April bezw, Mai 1936 beginnen, wobei für die einzelnen Teilnehmer eine mehrwöchige' Vorpraxis bis zum Beginn der Ausbildung in einem jüdischen sozialen Betrieb geplant ist. Meldungen mit Lebenslauf, Zeugnisabschriften über Ausbildung und berufliehe. Tätigkeit möglichst umgehend erbeten bei der R e i c h s v e r t r et u n g der Juden in Deutschland, Abteilung Zentralwohlfahrtsstelle, Berlin - Charlottehbürg 2, JKantstraße 158. „Auch der Jude ist nicht rechtlos". V j-Aachen, 17. Dez. •'■ Die Zeitschrift „Echo der Gegenwart" schreibt unter-der Ueberschrift v,Auch der Jude istiinicht rechtlos" folgendes: „Ein Mann aus Eschweiler .war; zu einem Dentisten gegangen und hatte sich"sei£0;e;Zähne mal ' in Ordnung bringen lassen. Es kam eine Rechnung in Höhe von 19 Mark, die : er nicht bezahlte. Er teilte dem Dentisten mit, er habe nicht .gewußt, daß ein Jude es gewagt habe/% seine Zähne zu bearbeiten. Er habe den Zahntechniker für. einen -Arier gehalten und nun erfahren, daß er einem Juden in die Finger gefallen sei. Er zahle deshalb auch die Rechnung nicht. Der Dentist gab sich damit' natürlich nicht zufrieden. Er schickte Mahnungen auf Mahnungen^ gewährte längere Stundung und benahm eich gegen den früheren Patienten völlig korrekt. Da der Mann böswillig die Zahlung verweigerte, schickte der Dentist schließlich Zahlungsbefehl. Darauf schrieb der andere empört zurück:. Erwerde in die.Zeitung einen Artikel gegen den-Juden einrücken1 lassen, wenn er auf der Zahlung der Forderung bestände. Das war Erpressung. Soweit darf man nach dem Willen der Regierung nicht gehen. Der Jude wird sein Sonderrecht erhalten, aber er ist nicht rechtlos. Der Angeklagte wurde zu 75 Mk. Geldstrafe an Stelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von drei Wochen verurteilt." Oesterreich, Interpellation in der Wiener Stadtverwaltung, Wien, 19. Dez. Dr. Jacob E h r.l ich, der Vertreter der jüdischen Bevölkerung im Wiener Gemeinderat, erhob »in Laufe der Budgetdebatte Protest gegen die iudWfeiadlache Haltung der Stadtverwaltunig, insbesondere gegen die Entlassung jüdischer Angestellten und die Weigerung der städtischen. Krankenhäuser> jüdische Aerzte dau-