Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1935)
- Date
- 1935-12-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 52 Der Israelit 24. Dezember 1935 in sich gekehrt, unter Auslassung der Stellen, die den Gottesdienst zum Gemeinschaftserleben machen, verrichten müssen. Wir können diesen Leuten zum Tröste nur sagen, daß in solchen Notfällen die stille Zwiesprache mit dem Schöpfer nicht weniger gilt, als der öffentliche G'ttesdienst mit Sang und Klang, daß die stille Träne, die dabei fällt, ebenfalls den Weg in den „großen Tränenkelch unter dem Ehreinthron G'ttes" nimmt, in dem die Gebete und Tränen Israels in seinen großen Gemeinden und Synagogen Aufnahme finden. Aber D i n bleibt D i n, und über die glatte religiöse Vorschrift hinweg darf man sich auch aus frommem Eifer nicht hinwegsetzen, will man sich nicht „Vergehen aus guter Absicht" zuschulden kommen lassen. Man darf auch ohne die nötige Minjanzahl in der Synagoge beten, man soll es sogar, um den heiligen Raum nicht ganz der Verödung anheimfallen zu lassen. Man kann auch laut beten, manche Gesänge sogar 'gemeinsam singen, damit wenigstens noch der Schein einer religiösen Gemeinschaft gewahrt wird, solange dies noch möglich ist. Besonders 'am Freitagabend und am Sabbat empfiehlt es sich, die Sabbatstirnnmng aus dem G'tteshaus zu beziehen, auch wenn die Andacht den Charakter des öffentlichen G'ttesdienstes nicht mehr tragen,kann. Aber man vermeide dabei, d i e Stellen, die nach der gesetzlichen Gebetordnung Minjan voraussetzen, offiziell vorzutragen, Daran kann nach jahrhundertealter Tradition in unseren Landen auch die Thorarolle, auch das Kind mit dem Chummisch in der Hand nichts ändern. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn am Freitag Abend die wenigen Leute in der Synagoge f!3313 13^ und auch das '»fft fia1? in der eingeführten und altbeliebten * Melodie singen. Auf das Rädel i s c h muß aber auch der Owel- oder Jahrzeits-Mann verzichten, wollten sie nicht, „zu Ehren der Heimgegangenen" einen religiösen Verstoß begehen. Auch der Vorsänger mache Halt bei Kaddisch oder Borachu, wie den anderen bekannten Gelbeten, die Minjan beanspruchen. Es ist auch nichts dagegen zu sagen, wenn am Sabbatmorgen idie Thora, natürlich ohne die vorgeschriebenen Gebete, ausgehoben und daraus gelesen wird. Aber keiner werde zur Thora aufgerufen und keiner mache die vorgeschriebene Brocho. Man lese vielleicht am besten sitzend, um damit zu dokumentieren, daß es keine öffentliche Vorlesung sei. Wir_ verkennen nicht, daß den Kindern eine Quelle religiöser Erziehung mit dem Wegfall des öffentlichen G'ttesdienstes verschlossen wird. Durch künstliche und religionswidrige Maßnahmen können wir hier nicht nachhelfen. Hingewiesen bei dieser Gelegenheit sei noch einmal auf das in Bildung begriffene Internat für L ia ndik i n d e r i n F r a n k f u r t a. M., das den Eltern volle Gelegenheit gibt, ihre in geistiger und religiöser Oede großwerdenden Kinder einem religiösen Zentrum in der Großgemeinde zuzuführen und sie so für das Judentum der Thora zu retten. Und noch ein Wort bei diesem Anlaß: In den Kleingemeinden, die der völligen Auflösung entgegensehen, denke der letzte Mann daran, die heiligen Utensilien in würdige Sicherheit zu bringen, Die Thorarollen wie andere religiöse Gegenstände, auch Gebetbücher und Chumoschim, nimmt die Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, Frankfurt .a. Mi, Rechneigrabenstr. 10, entgegen, die alle Zeit für sie Verwendung hat und in der Lage ist, sie ihrem heiligen Zwecke in anderen Gemeinden, in anderen Ländern, zum Teil sogar in den neuen KibbUzim in Erez Jisroel, zuzuführen. Damit werden die kleinen Gemeinden noch in ihrer letzten Stunde ihre Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft bekunden. Es wird dann von ihnen gelten, was von der Zerstörung Jerusalems gesagt wurde: Stein und Holz wurden der Verödung preisgegeben, der Geist blieb und wirkte sich in anderer Form andererorts aus. Fifty-Fif ty. Das Wort will ein paritätisches Verhältnis ausdrücken/ Fünfzig zu Fünfzig! Wenn im Leben alles so glatt und spielend aufginge, hätte man über des Lebens Schwere und Mühseligkeit weniger zu klagen. Die Hälfte mar, die Hälfte dir, und alles ist in bester Ordnung! Zwar ist Talmud anderer Ansicht, indem er lehrt, daß Wert und Unwert der Zahlen oft von differenzierter subjektiver Auffassung bestimmt sind. Im Gemeindeleben baut man aber jetzt, zuerst in Berlin und nach dem Berliner Muster auch in den anderen Großgemeinden, die Hütte des Friedens auf der Grundlage von Fifty-Fif ty. Ob die Hütte von Bestand sein wird und ob sie vor allem eine jüdische Friedenshütte sein wird, in der auch der ohne Bedenken leben kann, der die Wahrheit nicht dem Frieden um jeden Preis zum Opfer bringen möchte, und dem der G'ttesglaube und seine Verpflichtung nicht eine Sache von Gleich und Gleich ist, wird sich zeigen. Was die Berliner Herren im Vorstand mit diesem paritätischen Ausgleich bezwecken, sagt uns ein Eingeweihter, Heinrich Stern, in der „Jüdischen Allgemeinen Zeitung" vom 4! Dezember ganz deutlich: Erstens will man das erdrückende Maß von sachlicher Arbeit nicht noch beschweren durch erregenden und ermüdenden theoretischen Gesinnungskampf und einen wirklichen Arbeitsfrieden herbeiführen. Zweitens Voll allen Gruppen in der Gemeinde der Weg freigemacht werden für die Abordnung wirklicher jüdischer Per s ö n 1 i e.h.k e i t e n_ in die Führers.tellungen der Gemeinde. Die religiös Liberalen dächten nicht daran, mit einigen Mandaten, die sie dem Fifty-Fifty-System zum Opfer bringen, ihre Arbeit zu liquidieren. Herr Stern weiß, daß 80 Proz. unserer Durohschnittsjuden, ob sie sich liberal oder zionistisch geben, sich vor lauter Lebensangst den Luxus einer Weltanschauung überhaupt nicht gestatten. Wer die Lebensanschauung bis jetzt nicht hatte, wird sich diese durch eine Mitgliedskarte nicht ohne weiteres erwerben, wer sie aber einmal hatte, wird sie auch nicht so leicht wechseln können wie eine Mitgliedskarte. Die Männer in. der Gemeindeverwaltung hätten also gewissermaßen die Mitglieder mit Gesinnung und Lebensansehauung zu beliefern. Hierin aber verlangt der Wortführer und Schöpfer des Gleich- und Gleich-Systems die Gleichberechtigung jeder ehrlichen, religiösen Auffassung, stehe sie mehr rechts oder mehr links. Zweifelsohne wahr ist, was Herr. Stern von den Massen und ihrem Minimum an weltanschauliöhem Denken sagt. Nicht jeder, der gelegentlich, die Reformsynagoge aufsucht, gibt sich Rechenschaft darüber, oh er sie nach Gesinnung und. Tradition als jüdisches G'tteshaus anerkennen dürfe. Und die Wenigsten von denen, die heutedas Palästinaamt um ein Zertifikat angehen, legen mit ihrem Gesuch ein Bekenntnis zur zionistischen Weltanschauung ab. „Wer nicht denkt,, dem wirds geschenkt", sagt zwar das Dichterwort. In diesem Falle wird aber den Nichtdenkenden ganz gewiß nichts geschenkt, wenn die Herren tn der Gemeindestube, die über ihr religöises Leben zu wachen haben, aus ihrer eigenen Denkart heraus diesen Wachdienst besorgen und bis zu 50 Proz. Anerkennung und Zustimmung für ihre Maßnahmen von der Gegenpartei verlangen können. Wie sich das System in der Folge auch Gewähren wird, mag es dem,Arbeitsfrieden in reinen Verwaltungssachen auch dienlich sein, — es bleibt ein Nonsens allda, wo das religiöse Leben nicht von gleichen Zahlen und aufgehenden Rechenexempeln bedingt ist, sondern von einem ewig gültigen Thoragesetz, das ein Paktieren, eine Regulierung nach paritätischer Prozentrechnung nicht zuläßt Der Segen der Kämpfe. Von Rabb, M, Feuerwerker, Diese Lichter (entzünden wir für die Wunder, 'die Zeichen, für die Hilfe und die Kämpfe, die du für unsere Väter in jenen Tagen tun diese Zeit vollzogen hast. (Gebet nach dem Anzünden der Chaiidkalichter.) Diesen Dank sprechen wir zur Zeit des Entzündens der Lichter für die Wunder, die G'tt uns in der Vorzeit getan hat. Was aber bedeutet der Dank „für die Kämpfe?" Schwerlich läßt sich dieses Wort auf die Siege der Makkabäer beziehen. Wohl sind die jüdischen Feste Erinnerungen an unsere große Vorzeit. Doch sind diese Erinnerungen nicht dazu durch die jüdische Thora eingesetzt, sich an ihnen nur zu ergötzen. Sondern auch viele Erinnerungen an die Knechtschaft kommen auf den jüdischen Tisch zur Stunde der größten Freuide. Betrübende Erinnerungen steigen vor uns auf. Der innerste Sinn der jüdischen Erinnerungen ist es aber, aus der Vergangenheit für die Gegenwart und aus dieser für die Zukunft zu lernen, damit der jüdische Mensch sein Vertrauen nicht auf die Gegenwart, sondern auf die Zukunft setzt. Die Zukunft aber kann man aus dem Gewesenen erkennen. So erklärt man ja auch nach Chatham Sofer das Wort der Weisen <m Tainid: „Wer ist weise? Wer aus dem Entstehenden Erkenntnis schöpft," — indem man auf die Vergangenheitsform "i^u des Wortes „Entstehend" hinweist und lehrt: Die Zukunft erkennt man nur aus dem Vergangenen. — Daß Volk Israel ist während seiner ganzen Geschichte das mit vielen Nöten und verschiedenen Qualen am schwersten beladende Volk gewesen. Das höchste Ziel unserer Thora war allezeit, das jüdische Volk aufzurichten, damit es nicht wankt, wenn es schmerzvolle Tage auf seinem Wege durch die Zeiten erlebt. Darum sind wir nach der Thora verpflichtet, uns nicht nur die Befreiung, sondern auch die Knechtschaft ins Gedächtnis zu rufen, damit wir wissen; Größere Nöte sind schon über unsere Väter hinweggegangen. Sie aber haben standgehalten und nicht den Mut verloren. So soll auch -unser Mut nicht sinken, sondern wir sollen -unser Herz stärken und uns mit Hoffnung rüsten, bis der Zorn vorübergeht und der Tag der Erlösung und Befreiung naht. Alle die Knechtschaft und Erniedrigung, aus der Israel durch seine Hingabe und seän G'ttvertrauen befreit wurde, — gerade sie haucht Jedem neuen Geist ein, auf eine schönere Zukunft zu hoffen und auszuschauen. — Bis zu den Griechen der Hasmonäerzeit gab es kein Reich, das Israel zu völligem Preisgeben des eigenen Glaubens und zu stetigem Götzendienste hätte zwingen wollen; zu stetigem Götzendienste hatte man die Juden auch in Babel (unter Nebukadnezar) nicht zu verleiten versucht;, sie hatten dort nach Herzenslust sich der Thora widmen können. Erst das> frevelhafte Griechenreich hatte dem ganzen Volke Israel den Zwang auferlegen wollen: „Schreibet auf das Horn des Opferstieres, daß ihr keinen Teil am G'tte eurer Väter habt." Erst 'dieses Griechenvolk würdigte den G'tt Israels'herab und suchte die Treue Israels durch Verleitung zu Sünde und Frevel zu ersticken. Wären nun unsere Väter in jenem Zeitalter ohne Halt und Charakter geblieben und hätten der Uebermacht weichend geich so Vielen ihrer Brüder das Joch des Gehorsams gegenüber G'tt abgeschüttelt, so weiß man nicht, ob dann überhaupt ein Rest und ein Flüchtling vom Volke Israel übrig geblieben wäre, Und sohätten sie wenigstens den späteren Geschlechtern einen Irrweg .gezeigt, zu meinen, sie seien nicht verpflichtet, für die Reinheit, und Treue Verfolgungen ZU erleiden. Da aber der Kampf der flüchwürdigen Heiden gegen unsere Lehre und unser Gesetz „in dieser Zeit,.in jenen Tagen" stattfand, in den Tagen der Gerechten, die ihr Leben hdngaben und auf Leben und Tod kämpften, so daß das Volk Israel bis heute existiert, hiermit haben sie gezeigt, bis zu welchem Grade Israel seiner Thora die Ehre geben und ihr die Treue halten muß und wie am Ende di& Wahrheit sich einen Weg gebahnt hat und der Siegerkranz auf ihr Haupt gekommen ist. Darum gedenken wir nicht nur der Siege, und nicht nur der G'tteshilfe, sondern auch deT Kämpfe jener Tage. Vor allem danken wir dafür, daß diese Kämpfe „in jenen Tagen'/ in der Zeit heiliger und reiner Menschen stattgefunden haben. Diese Menschen stehen heute als Sinn- und Vorbild vor uns, damit unser Mut nicht^ sinkt, damit wir unserer Thora die Ehre geben und; unser Leben opfern, bis sie, die Sonne G'ttes, uns * wieder leuchtet, die Sonne unserer Rechtfertigung, in deren Schwingen uns Heiligung blüht. (Aus dem nnsiö^ mnmn isn«)