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Der Israelit · 1935-12-24 · Heft 52 (24.12.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 52 (24.12.1935)
Date
1935-12-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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24. Dezember 1935 Der Israelit Nr. 52 Seite 3 Auf (Fortsetzung von Seite 1.) die Jahrhunderte und Jahrtausende überdauerte. Aber beim Aufbau des Judentums, auf dem Grunde dieser drei Erfahrungen, stellt sich heraus, daß Judentum, wie es aus Schicksal, Geschichte und Lehre spricht, im Spiegel der Ueberlieferüng begriffen werden will. Judesein hüllt sich immer irgendwie in eine gegebene Tradition eingebettet. Wer in dieser Tradition nicht gefühlsmäßig wurzelt und nur kraft seines Willens den Zugang herstellen will, kommt notwendig zu einer Verkrampfung. Damit muß den Werkleuten, die durch die Assimilation von den Quellen des Judentums entfernt, durch eine andere Kultur vom Gefühlszusammenihang mit der Tradition losgelöst wurden, das traditionelle Judentum zum Problem werden. Bloßes Leben im hebräischen Milieu, das .sehen sie ein, macht nicht den Juden. Juden werden können sie nur aus dem Willen zum Anschluß gerade in den letzten Dingen; gerade in diesen Bereichen finden sie Anschluß an die geistigen Kräfte unseres Volkes. Damit steigt und fällt nicht nur die ganze Xjola, sondern noch weit eher Palästina. Ein Land ohne eigenen geistigen Boden, auf Uebersetzungskultur gebaut, "kann sich nicht auf die Dauer halten. Welcher Weg zeigt sich also zu echter Verbindung mit dem „Kosmos" der sinnvoll erlebten Welt des Jüdischen? Der Liberale macht esr sich verhältnismäßig leicht. Von einer Synthese des Erfabesitzes mit Anforderungen des modernen Menschen kann in ihm doch nicht die Rede sein. Der Schwerpunkt liegt da doch mehr im Individuellen. Gerson ruft nach einer Synthese, die den Stimmen des-Volkes in den höchsten Genien sich anschließt. Der jüdische Geist, wie ihn der Liberalismus aus dem Prophetismus herauszukristallisieren suchte, sei kein jüdischer Geist mehr, sei vielmehr Verkürzung des Judentums. Aber auch der jüdische Nationalismus kann ihm keinen Weg weisen. Nach ihm bildet das Volk den letzten Wertmaßstab. Das sei keine jüdische Deutung für 'das jüdische Volk und seine Existenz. Der Revisionismus sei für die ganze Front des Nationalzionismus bezeichnend, nur eine neue Formel für uralte Abfallsform, wie andere Völker sein zu wollen. Er nehme der jüdischen Geschichte ihren Sinn. Normalisierung als Ideal für das jüdische Volk sei sinnlos, wenn sie sich nicht auch auf seine geistige Haltung bezieht und bei flachen Säkularisierungen stehen bleibt. Die stärkste Sicherung gegen all diese Gefahren sieht Gerson im Lernen und der damit vollzogenen Einfügung des Einzelnen in die geistige Kette der Generationen. Erst mit ihm findet er wieder Anschluß an die große Geschichte des Volkes. (Schluß folgt.) Wochenrundschau. Dem Delegiertentag der Landesorganisation der Agudas Jisroel zum Gruß! Die deutsche Agudas Jisroel-Organisation versammelt sich kommenden Sonntag in Frankfurt a. M. zur Beratung, zur gemeinsamen Aussprache, zur Rückschau auf den bisherigen Weg, zur Festlegung ihrer Richtlinien für die kommende Arbeit. Wir werden aus dem Munde berufener und für ihre Ressorts verantwortlicher Führer Referate hören über das Wesen des Agudism u s , die Erez J i s r'o e 1 - A r b e i t, die Aufgaben des Keren Hat hör a und des Beth J a k o w. Daneben wird man Auskunft erhalten über Arbeitskreis und Ziele des Noar Agudati, sich in Aussprachen und Debatten über die brennenden Aufgaben des Tages wie Auswanderung, Lamdkinderaktion, Sabbatheildgung usw. verständigen. Es sind auch Stunden des •geistigen Austausches durch frohes gemütliches Beisammensein, durch Lehrgänge und Vorträge außer der Reihe vorgesehen. Zu keiner anderen Zeit war ein solches Zusammentreffen der Gesinnungsgenossen zur gegenseitigen Stärkung V)W imn flX WS so vonnöten, wie gerade heute, wo uns jeder Tag mit neuer erschütternder Deutlichkeit die Zusammenfassung der Menschen und der Kräfte als einzige Rettung dartut. , Wenn in den ersten zwei Jahrzehnten der. nun auf ein Viertelja'hnhundert zurückblickenden Aguda diese Weltorganisation und ihre Aufgaben vielen deutschen Juden — sehr zu Unrecht — |;als eine Angelegenheit der Ostländer vorkam, jjj der jüdischen Menschen, die Ausgang aus poliiji tischer und geistiger Not suchten, an der mitzu- ,h arbeiten für uns vielleicht mehr oder weniger i| Ehrenpflicht sei, so bat sich doch mit der Zeit '•und ihren Nöten die Grunideänstellung des ge- ■ setzestreuen Westens zur .? Aguda vollkommen j|.geändert. JDie Fragen und Aufgaben der Agudas! | [Jisroel-Weltorganisation,. berühren heute u n s j;;a 11 e unmittelbar. Wir können uns in Deutschland nicht mehr wie dazumal von diesen Fragen distanzieren, wir sind selber Objekt dieser Probleme, so man insbesondere an Erez Israel oder an die sozialen Aufgaben, wie sie speziell der deutschen Landesorganisation zugewiesen sind (Auswanderung, Landkinderaktion, Sabbat) denkt. Die Agudas Jisroel in Deutschland kann heute auch nicht wie früher als eine Art J u g e n d b u n d angesehen werden, dem die Aelteren wohlwollend ihre Solidarität durch einen Sympathiebeitrag an die Ortsgruppe bekunden. Es ist heute so, daß auch die Männer im vorgerückten Alter oft genug vor einer gründlichen inneren und äußeren Umstellung und somit, genau wie die Jüngeren, mit ihrem eigenen Ich an all den Problemen der orthodoxen Weltorganisation interessiert sind. Darum begrüßen wir es, daß im Rahmen des Delegiertentages auch über die Zusammenarbeit zwischen Landes- und Jugendorganisation, zwischen Orts - und Jugendgruppen gesprochen und beraten werden soll. Ein Blick in die Tagesordnung ist gleichbedeutend mit einem Blicke in die Zeit, denn sie spiegelt die Zeit und ihre Spannungen wider, und haben wir die Zeit und ihre uns gestellten Aufgaben begriffen, dann ist alles gewonnen. In, idieser Erwartung und Voraussetzung begrüßen wir den in Frankfurt a. Ml zusammentretenden D e 1 e g i e r t e n t a g der Deutsch e n L a n d e s o r g a n i s a t i o n der A g iii a s Jisroel aufs ' Herzlichste. Mögen die Frankfurter Tage zur Quelle neuer Arbeitsfreude, zum Ausgangspunkt neuer Wege und neuer Lösungen werden. Der Kamp! um die „Haawara". Die Stellungnahme der verschiedenen jüdischen Gruppen und Presseorgane zum Problem des Transfers jüdischer Kapitalien aus Deutschland "nach Palästina zeigt dem unbefangenen Beobachter ein überaus interessantes Bild: über die Piart&igrenzen und. Ländergrenzen hinweg, beide ^vielfach schneidend, scheiden sich die Geister, dm Palästina kämpfen innerhalb der Exekutive ides '.yWaad leunii" Ben Gurion und Grünbaum jintiteiiiander und. obgleich' nach hitzigen \^ortgejjf echten ersterer: ejjji glattes Mehrheitsvbtüm f ü r fdLas ideutsch-paläsiinensisdhe Transfer-Abkommen •erzielte, darf man sicher Seih, daß der Kampf innerhalb des Zionismus weitergehen wird. Ein so einflußreiches zionistisches Organ wie der „Jewish Chronicle", das mit Recht Transferabkommen und Boykott-Politik als einen unerträglichen logischen Widerspruch betrachtet, hält an seiner scharfen Opposition gegen die „Haawara" fest, weil ihm die illusionäre Boykott-Theorie nun einmal als eine Mizwa erscheint, die nnVT mimt? ni2» i?D ist. Das Blatt ist in dieser Hinsicht konsequenter als manche Freunde der „Haawara", die die seltsame Behauptung aufstellen, „die Tätigkeit der „Haawara" wirke in keiner Weise der Boykottbewegung entgegen." Jedenfalls ist es bemerkenswert, daß in der letzten Londoner Sitzung des Palästina-Ausschusses des Board o f Depu ties mit der Jewish Agency die „Haawara" nach gründlicher Diskussion einen starken moralischen Sieg davontrug. Beigetragen hat dazu auch die Stellungnahme des agudistischen Vertreters, Harry Goodman, der die Unentbehrlichkeit des Werkes der „Haawara" für den Erez Isroel-Aufbau überhaupt und für die Rettung der wertvollsten Elemente der deutschen Judenheit überzeugend darlegte. Sicherlich gibt es auch innerhalb der Aguda, insbesondere 'in den östlichen Landesorganisationen, wie die unWes Erachtens bedauerliche Einstellung des Warschauer „Togblattes" beweist, viele begeisterte Anhänger der extremsten Boykottparole, die über ihren erträumten weltgeschichtlichen Zielen; die Not der Gegenwart vergessen, aber wir sind sicher, daß der gesunde Menschenverstand allmählich auch in diesen Kreisen durchdringen wird und muß. Was heute geschehen müßte, ist nicht ein Abbau des „Haawara"-Werkes, sondern ganz im Gegenteil die rationelle Ausdehnung des dem palästinensischen Transfer-Abkommens zugrunde liegenden Gedankens auf andre Länder, die als Abnehmer deutscher Exportwaren in Betracht kommen, Wir scheuen uns nicht, das offen auszusprechen, obgleich wir die naheliegenden Gegenargumente sehr genau kennen. Wenn die Exekutive der „Agudas Isroel" hierbei in voller geistiger Unabhängigkeit eine initiative, oder, soweit dies unnötig sein sollte, eine anspornende und mithelfende Rolle übernähme, würde sie sich ein unendliches Verdienst um das physische und sittlich-religiöse Wohl weiter Kreise des jüdischen Volkes erwerben. Denn dieser Weg bildet die Voraussetzung jedes denkbaren konstruktiven Planes zur Verpflanzung und Ansiedlung größerer Massen deutscher Juden nach und in überseeischen Ländern, abgesehen von Erez Isroel, das ja leider nicht alle seine Söhne aufnehmen kann. Gottesdienst ohne Minjan. Zahlreiche Gemeinden auf dem Lande nehmen von Tag zu Tag ab. Viele blühende Kehilloth, die noch vor wenigen Jahren mit Lehrer und öffentlichem G'ftesdienst, mit religiösem Unterricht Und zum Teil sogar eigener Volksschule feste jüdische Positionen darstellten, zählen heute nicht mehr die nötigen „zehn Mann" für den öffentlichen G'ttesdienst. Nun werden wir von den Vorstehern solch dezimierter Gemeinden gefragt, ob sie nicht auch mit acht oder neun Teilnehmern öffentlichen G'ttesdienst abhalten dürfen. Der und jener hätte gelehrt, daß Man unter Umständeil Und iti Nötfällen auch ein Kind unter dreizehn Jahren mitzählen dürfe; andere wollen irgendwo gehört oder gelesen haben, daß die' heilige Thorarolle im Schreine mitzähle, wo Not am Mann ist. Welche berufen sich auf eine angebliche Tradition, wonach auch ein Kind „seinen Mann stelle", wenn man ihm ein Chumisch in die Hand gibt. Es regnet Anfragen und Mitteilungen dieser und ähnlicher Art, und so möchten wir nach Rücksprache mit dem Rabbinat die Antwort an alle geben. Man kann es verstehen, von welch tiefem Weh die. älteren Mitglieder ergriffen sind, wenn sie in ihrer verlassenen Schul .die alten Klänge nicht mehr hören, ihre Gebete still und

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