Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1935)
- Date
- 1935-12-19
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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19; Dezember: 1935 Der I s* r;a e I i t Nr, 51 Seite 3 die Briefe ein Nachhall jener Er od ca des triumphierendem Geistes vermittelt. Ein paar Takte aus dieser Symphonie^ mögen hier Platz finden. Mär* 192 2. Also die Krankheit sitzt zentral; außer der Gehstöriuiig istein«' leichte Schluck'- und Sprachstörung da — die Liegerei hat nichts geholfen ---da ich, \ einmal krank hin, will ichs in Ruhe und mit Genuß sein und mich nicht durch andere Götter neben ihm (Koch) beirren lassen. — Nun etwas Schönes. -Wir kriegen endlich ein Kind', gemerkt .ha;ben wir es eine Woche nach Nobels Tod. So ist es nun. ein reicher Trost für alles. April 192 2. An sich waren diese zwei Monate auch wieder ganz hübsch, allein daß ich einmal seit, langer Zeit wieder zum Bücherlesen komme. Und wenn ich einmal erst den Punkt der Resignation erreicht haben wende, wo ich also für meinen Zustand auch nichts mehr zu hoffen habe, so wird as sicher ganz gut sein. Mai 1 92 2. Daß ich das verliere, was man so den Lebenswillen nennt, brauchst Du nicht zu befürchtend Tch beginne fröhlich allerlei neue Aktion» chen in eigener und anderer Leute Sache, wie immer. Auch das Winterprogramm werde ich aufstellen. Ende Mai 1 92 2. Du wirst ja gehört, haben, daß der Verfall der Sprache gerade in deri fetzten 14 Tagen rapide fortgeschritten ist. Es ist nichts mehr daran zu verbergen, loh lese den großen Graetz mit Begeisterung und Heißhunger. Oktober 192 2. Am Jomkippur hat mir Ernst Simon eine große Freude gemacht, er hat mir zu Kol-Nidre, Mincho und' Neilo ein Minjan zusammengebracht. Es war wunderschön ... Letzten Schabbos war wieder ein Minijan hier, und von jetzt an soll es so bleiben, solange ich noch mitkann. Es war wieder ganz famos. Hinterher Frühstück mit einer abwechselnden Droscho zur : Sidro. So erfüllen sich auch an 'diesem Punkte mir noch Wünsche, die ich schon seit Jahrein hatte. September 1 923. Ich glaube, daß doch einfach brutaler Lebensdrang und unbegrenzte Genußfähigkeit in mir sind, die mich von dem Gedanken an Selbstmord, den wohl die meisten in meiner; Lage für das Gegebene halten, abhält. Jedenfalls weiß ich genau, die Sünde würde ich auf mich nehmen, aber mein Leben ist mir immer noch, nun sagen wir; der Güter Zweithöchstes; Daß ' es mir nicht '6W Höchste ist, das spüre ich eigent-: lieh nur an der Ruhe, mit «der ich. seinem Endie entr r gegensehe, die aber war vor 1% Jahren, als der. Zustand noch erträglich war, noch genau so groß wie jetzt. Janaa r 1 9 2 5; . Liebe Mutter, die Worte „Qual" und f,,Leid", die Du gebrauchst, kommen: mir ganz kurios vor. Ein Zustand, in,den man .allmählich hineingemischt ist, und an den^ man, »|ch infolgedessen gewohnt hat, ist kein Leidens sondern eheh ein5 Zustand, in dem also Platz für Leiden und Freuden'istr wie in jedem andern-». . . wie es; freilich einmal wird, . wenn die Mittel der ■ Vetrst'indlgyabg.;genz/, versagen,.. - weiß ich nicht und wie es ohne Edith wäre, wage Ein neues Maimonides-Buch, Auch inmitten der kritisch eingestellten Jubiläumsliteratur über Mäiinönides, dürfte wohl;das Buch von Oskar Göldbevrg :über „Maimonides, Kritik der jüdischen Glaubenslehre", . Verlag Dr. Heinrich Glanz. Wien 1935, eine Sonderstellung einnehmen. Die Wertung des M. erfolgt hier sowohl der Form als dem Inhalt nach in einer auffallend originellen Weise, weil der Verfasser sich nicht wie die übrigen Kritiker mit einer immanenten Kritik begnügt, sondern YOn der eigenen, ^bereits in einem früheren Werke von der „Wirklichkeit der Hebräer" niedergelegten Auffassung vom Judentum ausgeht^ Esi geht dem Verfasser auch weniger um eine eigentliche Maimonidesikritik, als um eine Darlegung seines eigenen. Systems, in dem er -sich in einen ausgesprochenen Gegensatz nicht nur zu M. als Philosophen, sondern auch zu den Tainrudistein stellt. Der Kampf, gegen die Talmudisten hindert ihn aber nicht, '«einen eigenen Standpunkt von ..der jüdischen Glaubenslehre auf dem Prinzip der mündlichen- Ueberlieferüng iaufzubauen. So ist er auf S. 50 noch der Ansicht, daß „beide Parteien — die Talmudisten und! Maimonides — nicht berechtigt waren, einen Streit um die leitenden Ideen des Judentums zu führen," um auf der nächsten Seite den Grundfehler des M. in der „Vernachlässigung der talmudischen Schrifterklärung" zu sehen, „die allein in der Läge sei, Material und Schlüssel zur Erklärung'des Rituals zu liefern." Das gilt sowohl für die Halachä; Idas mündliche Gesetz, wie für 'die Agudä,i den mündlichen Bericht. ... .:. - Qoldberg «teilt sich die Aufgabe, idie Gesetze der Thora aus sieh selbst 'heraus innen- und außensyste'-' matfsch zu erklären, und nicht wie der Rationalismus,' als dessen VertreterM. zu uns spricht, es getan .hätte, vom Menschen, vom Verstände des Durchschnittsmenschen her. Die Thora muß gewissermaßen mit den; Augen G'ttesgelesen werden. Jedes rationalistische Erklärungsprinzip aber versucht, mit einer völlig ungeeigneten, weil von außen herangebrachten Methode, einen Gedankenkomplex zu bewältigen, in dem nur „'die Vernunft G'ttes" sich manifestiert. ich nicht auszudenken. Die große Helferin, die aus •den Leiden Schwierigkeiten macht, und der kleine Tröster, der den verbleibebdera Rest in Freuden verwandelt, 'das ist' uns nunheute vor 5 Jahren geworden. Aber wir drei, ich - und Edith und Raphel, »preisen trotz allem den Tag. - f iSep temh« r 1929.' Iah bin; so komisch es .klingt, eigentlich, erst jetzt so; weit, daß ich das Ende begrüßen würde,- was wohl1 doch alle an meiner •Stelle schon seit" Jahren. getan hätten.' Natürlich Sitdnxmt das auch nicht so ganz, wie eben alle selbstpsychologö&chen Allgemeinheiten, Ich kann mich a-uch freuen, nur eben die Fähigkeit zu Leiden hat sich mehr vermehrt als die Fähigkeit zur Freude. In diese Jahre der ^Krankheit fallen nicht nur mehr als 2Ö0 von den veröffentlichten Briefen mit der Fülle der darin sich -widerspiegelnden geistigen Interessen, sondern auch die Jehuda Halevi-Uebersetzung, die Arbeit an der Bibel-Verdeutschung und die zahlreichen kleineren und größeren Aufsätze, die an verschiedenen Stellen zur Veröffentlichung gelangten. Wie . auch in den schweren Tagen des Martyriums das Ringen in Rosenzweigs Innerem um die ungelöste Grundfrage seiner geistigen Existenz,, die •Göttlichkeit bloß des Ganzen oder auch des Einzelnen in der jüdischen Lehre, weiterbohrte und alle Möglichkeiten der oben angedeuteten Entwicklung offen ließ, zeigt ein besonders interessanter Brief, den er Ende 1924 — kurz, nach dem Erscheinen der „Bauleute" — an eine Anzahl junger Lehrhaushörer richtete. Hier wendet er sich gegen die Behauptung Nachum Glatzers, nur die „Erwählung des Volkes selber sei von G'tt und alles Einzelne im Gesetz sei nur von Menschen." Eine starre Grenze zwischen dem, was g'ttlich und was menschlich ist, könne — so meint er — nicht gezogen werden. ,,Nicht also zwischen g'ttlich und menschlich geht, meine ich, die Scheidung zwischen dem Ganzen und Einzelnen hier, sondern zwischen einem, dessen Herkunft wir erkennen in-aussprech- ' barer, mitteilbarer, formulierbarer Erkenntnis und einem anderen, ' dessen Herkunft ,;wir nicht minder erkennen,' alber nUir 'in unaussprechbarer, unmitteilbarer' und'' unmittelbarer Erkenntnis und was nur in seiner, in dieser Art von Erkenntnis glaubhaft erkannt wenden kann. Ich Würdenicht wagen, irgend ein Gebot deswegen, weil es mir noch nicht erlaubt ist, in rechter Weise darüber zu sprechen: „Gelobt iSeist D u"., für menschlich zu erklären, so wenig wie ich mir die G'ttiichkeit des) Ganzen, die mir mit Ihnen gewiß ist, anders vorstellen kann als im. Sinne jener ige waltigen Nobel'ischen Fünfminutenpredigt über die G'tteserscheinung vor Abrahams Zelt: Und es erschien G'tt dem Abraham — und er hub seine Augen auf — und siehe da: drei M«ns che n." Jede rationalistische M'ethpde muß vom Standpunkte ausgehen, daß der Mensch dasi zentrale Interesse g'ttlicher Gesetze bildet, die zu seinem Vorteile 'dienen. Dieses Primat des Menschen wird von Goldberg bestritten. Die..Verordnungen der Thora sind nur zum Nutzen G'ttes gegeben, wenn auch der Mensch dabei Vorteile hat. G'tt hat seih Weltziel: „Das Auftreten der Allmacht in der Welt. (S. 61.ji Diesem Weltziel G'ttes dienen seine Gesetae ausschließlich,'' „Der Bund — die Brit — zwischen G'tt und Israel ist' ein Bund zugunsten G^t&s." (ebenda.) Die Betrachtung der Thora von diesem Gesichtspunkte aus läßt auch eine immanente und daher fehlerfreie Erklärung ihrer Gesetze zu. In der Einsicht von der zu Gunsten G'ttes liegenden teleologischen Tendenz:.der Thora besteht das Erklärungsprinzip der Gesetze, .Besonders der Ritualien, von denen einige' eine ganz originelle Interpretation durch den Verfasser finden. Darauf kommt es nämilch im Wesentlichen an, die- Ritualien als solche zu erklären, und nicht ins Ethische umzubiegen, wie es M. getan habe, aber vor ihm schon die Psalmen, denen der Verfasser besonders verständnislos gegenübersteht. Unsere ' Aufgabe betstehe im Gegenteil' darin, auch jene Gesetze, die einen ethischen Charakter aufzuweisen scheinen, auf alte Ritualien zurückzuführen. Wir müssen wieder ein ritualfähiges Volk werden. Aber nicht bloß wir. Unsere „Missionstheoretiker" und „Missionspraktiker" müssen für die Schaffung einer jüdischen Heidenmission arbeiten, um alle kultfähigen Elemente''der ganzen Welt zu sammeln. (S. 91.J1 Und ■ das Ziel? Eine neue Offenbarung. Eine neue Offenbarung muß von uns hergestellt werden. Und sie kann von uns herbeigeführt werden. Wie wir allerdings diese neue Offenbarung herbeiführen können, was wir Juden oder Menschen hic et nunc zu tun 'haben, die Antwort auf diese Frage, obwohl sie einige Male in dem dritten der in drei Abschnitte sich gliedernden Abhandlung wiederholt gestellt' wird, bleibt der Verfasser uns genau so schuldig, wie die Angabe des Inhaltes oder der Richtung, in der sie Inhaltlich «ich bewegen soll. Feist steht für ihn nur,' daß 'die alte erneuerungsbedürftig, ist, und das Verlangen nach einer neuen Offenbarung ist wohl mehr der Abneigung gegen die alte, als einer wirklichen Sehnsucht nach einer Er- Dieses „Noch nicht erlaubt" hält den Weg in eine Zukunft der denkerischen Entwicklung offen, wie wir sie oben als den harmonischen Abschluß der religionsphilosophischen Laufbahn Franz Rosenzweigs andeuteten. Auf idie Hervorhebung einiger weniger Zusammenhänge, die sich auf den Kern und die Entwicklung Rosenzweigs als religiöser Persönlichkeit beiziehen, mußten wir uns bei der Würdigung seiner monumentalen Briefsainmlung beschränken. Denn es erforderte selber ein Buch, der Vielseitigkeit der in diesen Briefen behandelten Probleme gerecht zu werden oder die tausend Gedankensplitter zu gruppieren und aufzureihen, die gleichsam „unterwegs", welches Sachproblem der Briefschreiber auch anpackt, wie funkelnde Perlen die Darstellung beleben. Aber das Herrlichste in diesen Briefen ist das Menschliche. Der Mensch Rosettzweig, der Freund und der Sohn, der Bräutigam und der Gatte, der Schüler wie der Lehrer, er hat in seinen Briefen sioh selber ein unvergängliches Denkmal gesetzt; seiner treuen Gattin ab-er, die Jahre unsagbaren Leides mit ihm geteilt und in einer beispiellosen Verleugnung jedes Anspruches auf eigene Persönlichkeit, sich ganz der Wandlung dieses Leides in ein Leben höchster geistiger Aktivität aufgeopfert hat, ihr gebührt der warme Dank der jüdischen Gesamtheit für die Krönung ihrer Liebesleistung durch die Sammlung, Sichtung und Herausgabe dieser Briefe. J. R. Bücherbesprechungen. Predigten an das Judentum von heute. Bücher der Erneuerung Bd. 1, herausgegeben von Willy Leven. Berlin. 1 9 3 5. Joachim G o 1 d-! st ein-Verlag, 102. S. i Ä Es war. von dem Herausgeber ein glücklicher Griff, . an die Spitze der Büchersammlung, die Juden wieder in das Judentum zurückführen soll, einen Band Predigten zu stellen. Denn das sollte ihm nach seinen eigenen Worten (s. Vorwort) das Zeichen dafür sein, daß „heute Religion und tägliches Leben wieder eines . sein sollen". Man darf sagen, daß die Auswahl im , ganzen gut getroffen ist, indem hier Rabbiner verschiedener Anschauungen an verschiedenen Stellen au® ihrer Deutung des Judentums ihre Hörer von den lähmenden Schmerzeh dse Zeitgeschehens hinweg zu jenem hinführen wollen. Und es ist ein weiterer Vorzug aller idieser Predigtne, daß sie, die von ihren neuerung entsprungen. Keine alte oder noch bestehende Form des Judentums sagt ihm zu. Denn M. der mit der Theologisierung des Aristotetismus im Mischne Thora „Götzendienst getrieben hat", ist der geistige Vater der heutigen Parteien im Judentum. Seine eschatologische Lehre wird für das Entstehen ] einer ihm verhaßten zionistischen Lehre genau so verantwortlich gemacht, wie für die von S. R. Hirsch ieUölogiflch fundierte Thoraerklärunß aus dem Zeitwissen . . . „das, was S. R. Hirsch macht, ist nicht nur unästhetisch, weil er durch Vermischung disproportionierter Weltanschauungen eine geistige Mißgeburt schafft, sondern: es ist ordinärer Götzendienst." Aber Goldberg sieht nur den Splitter in den Augen j des Anderen. Den Balken, bei sich Reibst entdeckt er ' nicht. Die Synthese der aristotelischen Gedankenwelt! bei M. und der Umweltkultuir bei S. R. Hirsch mit dem jüdischen Ansohauungskreis bezeichnet er als Götzendienst, ohne zu bemerken, daß gerade er „Göt- zendiener" ist. Denn das System, das er aufbaut, in ) welchem die Gesetze der Thora aus sich selbst her-! aus erklärt werden sollen und das er als Maßstab; 2'ur kritischen Analyse seiner Vorgänger benutzt, ist i von der Geistesströmung unserer Zeit nicht weniger! abhängig, als M. von der seinen. Goldberg ist an Bachofens Mythendeutung orientiert und schreibt dem Mythos eine realistische Geltung zu. Die Theorie des Tofemismus macht er sich zu eigen und versucht - mit ihrer Hilfe zu einer Erklärung der Thora, beson- , ders der Ritualien vorzudringen. Dieser Einwand muß grundsätzlich gegen seine Methode erhoben werden,! wobei von einer Kritik an Einzelheiten seiner Aus- > führungen abgesehen werden soll. (Nur eines: wenn S. 62 bei der Erklärung der Speisegesetze als Grund für das Genußverbot von Sauerteig die Anschauung der Existenz von Stoffen angegeben wird, die zur „Bildung des g'ttliehen Organismus" führen, warum; erstreckt sich das Verbot nur auf eine beschränkte; Zeit?) Das Bestechende, das in seiner Methode Hegt, kann nicht über die Mängel hinweg täuschen, die; besonders im 1. und 3. Kapitel enthalten sind, dort nämlich, wo er kritisiert oder Vorschläge für die Zu- : kunit macht, Rabb. Dr. A. Keller.