Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1935)
- Date
- 1935-12-19
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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r Seite 4 Nr. 51 D e r Israel i t 19. Dezember 1935 Verfassern als gesprochene® Wort gedacht wa ren, auch gelesen werden können, ohne dabei in ihrer Wirkung beeinträchtigt zu sein. Es mag dies vielleicht als ein allgemen gültiges Symptom der modernen jüdischen Predigt gewertet werden, daß sie zu einem Male durch ihren mehr lehrhaften Charakter mitunter sogar 'gelesen sein will, mit Ruhe zum Nach denken. Darüber hinaus aber schlägt sie so ver . "wandte Töne im Herzen eines jeden Juden an, daß er in diesen Worten auf der Kanzel seine eigenen Empfindungen ausgedrückt findet, vermehrt um eine zumindest positive Wegweisumg. Solche Predigtsamm lungen haben ihren hauptsächlichen Wert u, E, darin, daß sie besondersi von versprengt wohnenden Juden gelesen werden, die keine Gelegenheit zum regel mäßigen Besuch des G'ttesdienstes haben, nicht ir der Gemeinschaft leben und sich in ihrer Einsamkeit doppelt beschwert fühlen. Es kann im Rahmen dieser Besprechung nicht unsere Aufgabe sein, zu jeder einzelnen Predigt kritisch Stellung zu nehmen. Es sei nur so viel gesagt, daß sie nicht nur dem Laien Erbauung und Wegweisung geben, sondern darüber hinaus dem Fachkundigen oft genug wertvolle Anregung. Ob die aus Gründen der Pietät in 'diese Sammlung aufgenommene Predigt des verewigten Leipziger Rabbiners Dr. Goldmann sich hier im Rahmen des vom Herausgeber Beabsichtigten und von uns oben Ausgeführten gut einfügt, mag bei aller Verehrung für den Verstorhe nen und aller Würdigung der Gründe des Herausge bers bezweifelt wenden. Dr. A. Quellenbuch zur jüdischen Geschichte und Literatur. Von Julius Höxter. Kleine Ausgabe. Frankfurt a. M. 193 5. Kauffcann Verlag. Preis geb. Mk. 3.50 Jüdische Geschichte und Literatur in verschiedenen Zeittafeln. Von Julius Höxter. Frankfurt a. M. 1 9 35. J. Kauf f mann Verlag. Preis broseh. Mk. 3.20. Das Wissen von jüdischer Geschichte gehört heute zum wichtigsten Bestandteil jüdischer Bildung. Jüdisches Selbstbewußtsein ist nicht möglich ohne dieses Wissen. Hebbel nennt idie Geschichte das Gedächtnis eines Volkes. Sie ist das Gefäß, in dem unsere Erfahrungen, unsere guten und schlechten, unsere Siege und Niederlagen, niedergelegt sind. Nicht wie in einem Museum, um uns zu erinnern all dessen, was einmal war, sondern wie in einem Stahlbad, bestimmt, unsere Kräfte zu erneuern und in einem von den Fehlern der Vergangenheit gereinigten Leben zu neuem Aufstieg anzuspannen. Daß ein Geschichtsunterricht, der sich solche Ziele setzt, einer besonderen Wärme und Eindringlichkeit bedarf, ist ebenso klar, wie daß er seinen Ausgangspunkt, seine Werturteile und seine Maßstäbe vom Judentum in seiner geschichtlichen Gestalt, wie es in seiner Literatur und in seinem bisherigen Schicksalsweg sich ausspricht, herholen muß. Aber gerade weil der uns bekannte Weg des Judentums zu 2/3 durch die nichtjüdische Welt und in starker, äußerer Abhängigkeit von ihr hindurchführt, ist eine Beurteilung seines äußeren Schicksalsweges< so wenig, wie seiner inneren Leistung möglich, ohne daß der Zusammenhang mit der nichtjüdischen Geschichte jeweils aufgezeigt wird. Dazu verJiilft das Höxter'sche Quellenbuch zur jüdischen Geschichte und Literatur, das uns aus früheren Jahren in 5 Bänden vorliegt. Es ist nicht immer möglich, die Geschichte so ausführlich zu behandeln und da konnte die Fülle des Stoffes oft verwirrend wirken. Der Verlag hat daher in den oben erwähnten zwei Neuerscheinungen! dem Lehrer die Möglichkeit gegeben, von den Quellen das wesentlichste in einem Band zu benutzen, und idie dazwischen liegenden Zeiträume ebenso wie das umweltliche Geschehen in 13 synoptischen Tafeln von der biblischen Geschichte bis zu£ neuesten Zeit darzustellen. Die Arbeit, die in diesen Tafeln vorliegt, verdient alle Anerkennung. Vielleicht wäre es besser gewesen, ein anderes Format zu wählen, aber das hätte schließlich wohl andere Schwierigkeiten er/geben. Der Hauptwert der beiden Bücher besteht darin, daß die Schüler sich danach in der Stunde und zu Hause selber ein Bild erarbeiten können von den Zeit- und Lebensräumen unserer Geschichte. Und das befriedigt ältere Schüler oft mehr, als die künstlerischste Darbietung von Seiten der Lehrer. Elias. Die Hebräische Sprache und das gesetzestreue Judentum. Von Pinchas Wollmann. 193 5. Hermon Verlag. Es ist viel zu wenig auf seine Gründe hin untersucht, wenn auch oft genug vermerkt worden, daß gewisse Gebiete des jüdisch-geschichtlichen Lebens gerade von jenen Gruppen des jüdischen Volkes, die ihrer ganzen Lebensform nach die geschichtliche Linie eingehalten zu haben scheinen, vernachlässigt wurden. Es handelt sich dabei nicht nur um den Aufbau Palästinas und um die Geschichte des jüdischen Volkes, sondern auch um 'die hebräische Sprache. Wir wissen, daß die Vernachlässigung des Hebräischen für uns schon oft von Unheil geworden ist, da sie dem Eindringen judentumsfremder und auch areligiöser Kreise in unser Geistesleben Vorschub geleistet hat. Die Geschichte der karäischen Bewegung bietet nur ein Beispiel für viele. Heute, wo~sich die hebräische Sprache in Rede und Schrift als wichtigster Faktor für den geistigen Aufbau Palästinas durchgesetzt hat, ist es höchste Zeit, daß wir Versäumtes nachholen und Eigengut festhalten. In dem 53 Seiten starken Büchlein von Wollmann wird nicht nur eindringlich auf diese Aufgabe hingewiesen, sondern auch der Weg vorgeschlagen, der zu ihrer Lösung führt. Elias. Gedichte. Von George A, G o 1 d s c h 1 a g, Berlin, 1 935. Vortrupp Verlag. Preis M. 3.50. Jüdische Rhapsodie. Von Martin Sternschein. 1 9 3 5. Druck und Verlag Hamburger Rundschau. a) Die Erlebnisse der letzten Jahre, die Katastrophe eines ganzen Volkes und der glühende Wunsch, sich wenigstens ideell über das Schicksal zu erheben, Glück der Wiedererinnerung und Verzweiflung über alles Verlorene rühren mächtig ans Herz, bringen die Seele zum Schwingen und — setzen viele Federn in Bewegung. Das ist nicht gleichbedeutend mit echter Erregung und seelischer Erschütterung, noch weniger Voraussetzung künstlerischer Begabung und dichterischen Könnens. Goldschlag, ein Frühvollendeter, hat etwas vom Dichter in sich getragen. Man spürt verschiedentlich sehr stark die innere Bewegung und die Kraft der Gestaltung. Das spezifisch Jüdische, kommt unter den Gedichten nur selten, und da etwas gekünstelt zum Ausdruck. Aber auch das andere ist zu wenig, um ein abschließendes Urteil über Goldschlag als Dichter fällen zu können. Er selbst war wohl auch im Zweifel darüber: „wenn alles ruht, / Fordern Nachts von mir Tribut, / Verse, schattenhaft und mager, / Drängen wölfisch an mein Lager / Und begehren Blut." — Das klingt nicht wie natürliche Vollendung. Schöner ist der anspruchslose Spruch in die Zeit: „Lob sei dem, der sich bewahrt! / Sich bewahren, sich verschließen / Ist im Grund nur tiefste Art / G'ttes Umgang zu genießen." b) Von der Jüdischen Rhapsodie kann noch viel weniger auf dichterische Ader geschlossen werden. St. hat den Vorzug vor G., daß er noch lebt. Und vielleicht erlebt er es noch, aus seiner nachempfindenden Seele die Kraft zu schöpfen, die den Dichter macht. Elias. Die Probleme des Raumes und der Zeit und die Vorltellung der realen Unendlichkeit, Gemeinverständlich dargestellt von Prof. Dr. Victor Schiffner. Wien. 1 934. R. Voigt- 1 anders Verlag Leipzig. 176 Seiten. Kartoniert M>k. 5.60. Unter Metaphysik versteht man einen Zweig der Philosophie, der die letzten Gründe des Seins zu erforschen unternehmen möchte, um vom Bedingten her zum Unbedingten zu gelangen, So begreiflich dieses Streben auch sein mag, so ist es doch zur Erfolglosigkeit verurteilt, weil die Menschheit bis auf den heutigen Tag des zu einer so weit reichenden Erkenntnis erforderlichen Organs ermangelt, wie es die Kritik der reinen Vernunft längst klargestellt hat. Was demnach von einer „exakten Metaphysik" zu halten ist, die der Verf. des vorliegenden Buches zu lehren versucht, liegt klar am Tage. Im Gegensatz zu der eben angegebenen, allgemein zugestandenen Bedeutung des Wortes definiert er Metaphysik als „die Lehre vom Wirklichen", als „die in ein System gebrachten Vorstellungen vom Real Existierenden und vom All" (S. 6}, was später (S. 64 Fußnote) noch durch den Zusatz erweitert wird: „auf Grund streng deduktiver Erkenntnismethode." „Zur exakten Metaphysik wird sie dann, wenn die Deduktion von dem schlechthin allgemeinsten Begriffe und dem allgemeinsten Urteile (d. i. dem Existenzbegriff und Existenzsatz) ausgeht und alle ihre Begriffe und Sätze aus diesen abgeleitet sind." Durch diese Ableitung sind sie „metaphysisch" begründet und ist dadurch ihr Wesen aus ihren Existenzgrün den erkannt. Man sieht, Verf. ist einer heillosen Verwechslung von Logik mit Metaphysik verfallen. „Arme Metaphysik — so möchten wir mit ihm (Seite 56, Fußnote 3) ausrufen — wie tief bist du, leider dicht ohne eigenes Verschulden gesunken!" Wenn seine „Lehre vom Wesen des Wirklichen" wahrhafte Metaphysik hätte werden sollen,, so bedurfte es in erster Linie einer (gründlichen Erörterung dessen, was denn eigentlich „wirklich" ist, wobei sich unweigerlich unser bereits angedeutetes Unvermögen herausgestellt hätte, so daß auch des Verfassers „Exakte Metaphysik" unterblieben wäre. So aber erweist sich seine „Metaphysik" als der altbekannte naive Realismus mit den ihm naturgemäß anhaftenden Irrtümern. Diese im einzelnen aufzuzählen, verbietet der zur Verfügung stehende Raum, es genüge der eben gegebene Hinweis auf den Fundamentalirrtum. Do elf i. Geschichte des eigenen Lebens. Von Salomon M a i - mon. Berlin. 193 5, Bücherei des S cho cken-Verlag / 33—34. 215 Seiten Kleinoktav. In Pappe gebunden Mk. 2.50, Daß das vorliegende Buch „den Wert eines unschätzbaren Dokuments" habe, wie der ungenannte Herausgeber M. S. kühn behauptet, kann billig bezweifelt werden. Ein verkommen«® Genie wte das Maimons, das schließlich am Schnaps zugrunde gegangen ist, mag ruhig der Vergessenheit anheimfallen. Das Buch hat höchstens unterhaltenden Wert. Sein Verf. legt nach Rousseaiu'schem Muster mit verblüffender Offenheit seine Lebensschicksale bis ins kleinste dar, und viele derselben ermangeln keineswegs einer gewissen Pikaaterie. Wie ein von unbezähmbaren Wissensdrang ruhelos herumgetriebener Familienvater so herunterkommt, daß er „fast nakkend" einhergeht und in Gesellschaft von ausschweifenden jungen Leuten zu sinnlichen Vergnügungen sich verführen läßt, wie er monatelang bettelnd herumschweift, wie er sogar die Gunst eines Moses Mendelssohn erlangt, und zuletzt auch noch zur Taufe kommt, dies alles erscheint fast unbegreiflich. Seiner ganzen Verkommenheit setzt er aber die Krone auf, wenn er (S. 210) den Schriften unseres großen Rambam auf die Ausbildung seines Charakters und seiner Fähigkeiten den größten Einfluß zuschreibt. Hätte ein solcher wirklich bestanden, dann wäre aus Salomon Maimon niemals ein so vollendeter, allen Schlechtigkeiten zugänglicher Zyniker hervorgegangen. Nur einen einzigen edlen Zug haben wir in diesem Vagabundenleben gefunden: Maimon hielt es für unbillig, einen armen Mann, der eine Familie zu ernähren hatte, und mit dem man sonst zufrieden war, zu verdrängen, und lehnte deshalb ab, die ihm angebotene Lehrerstelle dieses Mannes anzunehmen. E. F. Dreiklang. Von Hilde Marx. Worte vor G'tt, voll Liebe, vom Tag. Berlin. Philo-Verlag und Buchhandlung GmbH. Broseh. Mk. 1.80. Ein Bändchen lyrische Gedichte für junge Mädchen und Frauen, innig empfunden von jüdischem Interesse und dichterischer Begabung zeugend. E. Schabbos. Von Frieda Weißmann. Zweite Auflage. Frankfurt a. M, J, Kauffmann Verlag. Geb. RM. 1.45. Die Verfasserin versteht es gut, Kindern im Alter bis zu 10 Jahren den Schabbos näherzubringen, indem sie in einfacher Weise und 'mit warmem Unterton schildert, was sich von Erew Schabbos bis Hawdoloh im jüdischen Hause ereignet und wie es auf zarte Kinderherzen wirkt. Eltern vermögen aus' dem Werkchen zu entnehmen, wie man die Kleinen zum religiösen Empfinden und zum Beten erzieht. Wir können das gut ausgestattete Bändchen warm empfehlen. Der Verfasserin möchten wir nur raten, bei einer Neuauflage einige Ausdrücke zu korrigieren, z. B. „Ekerns kleine Tochter", „Vatel", und idie Schilderunigen des Winterwetters S. 3 und 5 miteinander in Einklang zu bringen. H. E. Chajim Nachman Bialik. Von Ernst Simon. Berlin. 1 9 3 5. Schocken-Verlag. 156 S. Kein jüdischer Dichter der Neuzeit ist so tief in das Bewußtsein des jüdischen Volkes eingedrungen wie Bialik. Doch gering ist das, was die jüdische Welt von ihm, seinem Leben, seinem Werdegang weiß. Die meisten kennen Bialik nur als den Führer des heimkehrenden jüdischen Volkes, der diesem in seiner altneuen Heimat geistiger Führers, sein wollte. Wie er das wurde, welches seine Leistungen und Schöpfungen vorher waren, wissen die wenigsten. Und doch ist das Wissen darum wichtig zum Verständnis Bialiks. Ernst Simon, der Bialik im Leben nahe stand, der, wenn auch aus anderer Vergangenheit kommend, am Ziel mit ihm in derselben Linie ist, bringt uns den ganzen Bialik im vorliegenden Werk in feiner, nachschöpfender Art näher. iEr zegt uns Bialiks Jugend und Heimat, den Jeschiwabachur, den Dichter und Verleger aus geistigem volkserzieherischem Drang, und den Baumeister jüdisch 'geistigen Lebens in Palästina. Simon beschreibt nicht nur, gibt keine Chronik, sondern läßt den Dichter selbst sprechen, so daß beim Leser ein abgerundetes', .klares und vollkommenes Bild Bialiks ersteht. Besonders das religiöse Wirken Bialiks schildert Verfasser klar und hat für den Zeitpunkt der Schilderung, d. h. des Seins Bialiks unbedingt recht, daß dieser nicht orthodox geworden war. Aber Bialik war mit seinem Tod noch nicht abgeschlossen. Er hätte uns noch vielesi zu sagen und zu geben gehabt; und wir dürfen wohl mit Recht annehmen, daß Bialik, der so weit zurückgefunden hat, hätte er länger gelebt, ganz zur Gesetzestreue zurückgefunden und mit aller Deutlichkeit erklärt hätte, daß der Aufbau Palästinas nur im Sinne der Thora möglich und erfolgreich für die Dauer sei. Dr. A. Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. Von Stefan Zweig. Wien. 1 935. Herbert Reichner Verlag. Erasmus von Rotterdam ist uns nicht sehr sympathisch gewesen. Stefan Zweig hat es fertig gebracht, ihn als eine der anziehendsten und geheimnisvollsten Gestalten der Kulturgeschichte erscheinen zu lassen, sein Leben psychologisch zu deuten und dramatisch nachzubilden. Er eröffnet uns einen tiefen Bilck in die Zeit: zwischen Mittelalter und Neuzeit, Renaissance und Reformation, Katholizismus und Protestantismus. Erasmus versuchte, diesen Gegensätzen ihre Feindseligkeit zu nehmen und durch sie hindurch und über sie hinweg auf eine geistige Einheit, einen europäischen Menschen zu (blicken. Aber die Welt erträgt nicht, daß man so über sie hinwegsieht und läßt ihn verfemt und verlassen sterben. Das ist 'die Tragik des Menschen und der Triumph seines Geistes.