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Der Israelit · 1935-12-19 · Heft 51 (19.12.1935) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 51 (19.12.1935)
Date
1935-12-19
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Seite 2 Nr. 51 Der I s r a e 1 i t 19. Dezember 1935 längst. Wer könnte so etwas erfinden wie die' Sterbehemden an den hohen Feiertagen, oder auch schon bloß den Tallis, der weiter nichts ist als der Mantel, den heute noch im heiligen Lande jeder trägt, natürlich ohne die Fäden usw." Und 'dieser im iBlute liegende Instinkt war es, der ihm die Augen für das Ostjudentum öffnete und ihm schließlich — als " wichtigste Errungenschaft — den Weg zur praktischen Jüdisohkeit, zum Gesetz, öffnete. Aas Warschau schreibt er der Mutter im Mai 1918: „Die Judenjungen sind prachtvoll, ich habe, was mir doch sehr selten geschieht, richtigen Rassenstolz verspürt. Auch heim Fahren durch die Stadt war das massenhaft Jüdische ein großer Eindruck. Die Tracht ist doch eigentlich «ehr « c h ö n, die Sprache ja ohnehin (fun wanen kummen sei?}, überhaupt sind die D u r c h s c h n i 11 s e i g e n - Schäften, was bei uns nur noch (oder wieder) die geistige Oberschicht hat: die absolute Unschlafmützdgkeit, das Hd neinrücken jeder belanglosen Einzelheit in interessante Zusammenhänge. So ein Dreikäsehoch antwortet einem auf die Anzapfung, er wäre schlau, mit einer ganzen Diatribe über Schlausein, die glatt bei Shakespeare vorkommen könnte. Ich verstehe wohl, wie der deutsche Durchschnittsjude die Verwandtschaft mit dem Ostjuden nicht mehr spürt, er hat sie eben wirklich stark verloren. Er ist in Wirklichkeit ^erphdlistert, verbürgert, aber ich und Leute wie ich müssen sie eigentlich unmittelbar spüren." So steht er fassungslos und entsetzt einer gewiß vornehmen, achtungswürdigen Persönlichkeit wie Ludwig Haas s. A. gegenüber, der „viel Geist, viel Ehrlichkeit, aber furchtbar wenig Jüdischkeit hat" und nun für die polnischen Juden ,,Schicksal spielen" soll. So hat er sogar — außerhalb der agudistischen Orthodoxie in Westeuropa beispiellos — ein tiefes Verständnis für die historische Bedeutung des vielverleumdeten C h e d e r s und widmet ihm die folgenden herrlichen Worte: „In der tatsächlichen Wirkung entspricht er (der Cheder) jedenfalls dem Ideal einer Bildungsanstalt mehr, als. die westeuropäische Schule; die entläßt desorientierte und orientiemngsunfähige Fragm entmenschen; aus dem Cheder 'erneuert sich immerfort ein Volk. Das liegt natürlich nicht allein am Cheder bezw. am Gymnasium, sondern an dem ganzen Zusammenhang, von dtem sie mir ein Teil sind. Daß Samuel Meyer Ehren/berg den Cheder nicht mochte, ist klar; für Leute, die darauf ausgingen, getaufte Enkel zu kriegen, ist er freilich nicht die' richtige Schule." In dieses Kapitel des instinktiven, divimatorischen Gefühls für das wurzelhaft Jüdische gehört auch die merkwürdig« Einstellung Rosenzweigs zu seinem (nach Cohen und Buber) dri tten Lehrer, Rabbiner -Nehemias Nobels. A. Er hat diesem Manne, vor allem seiner ragenden Persönlichkeit als begnadeter Kanzelredner, in den „Briefen" das ergreifendste Denkmal der Liebe und Verehrung gesetzt — in unzähligen Aeußerungen bricht seine Begeisterung durch, am prägnantesten in dem Briefe vom Oktober 1921 über eine Nobel'sche Jomtowpredigt: „ - . Es ist wirklich ein Geist, der über ihn kommt — aber es ist noch etwas dabei, etwas Allerletztes, eine Hingerissenheit des ganzen Menschen. Man würde sich nicht wundern, wenn er plötzlich aufflöge und nicht mehr da wäre ..." Und dennoch konnte sein originaler \ädischer Instinkt Nobel das Restchen deutschen Kulturhochmuts und das daraus fließende Hineinziehen deutsch-dichterischer oder philosophischer Reminiszenzen in die religiöse Predigt niemals verzeihen. Unmittelbar nach Nobels Tode, der Rosenzweig aufs allertiefste aufwühlte und erschütterte, hat er erstafunlicher Weise dennoch den ehrlichen Freimut, an Prager zu schreiben: „Sie wissen eben noch nicht, wie ich zu Nobe. gestanden habe. Sie kennen vor allem die negativen Seiten des Verhältnisses nicht. Ich habe nur den Talmudjuden respektiert, nicht den Humanisten, nur den Dichter, nicht den Wissenschaftler, nur den Propheten, nicht den Philosophen. Die abgelehnten Qualitäten habe ich abgelehnt, weil sie, so wie säe bei ihm waren, tief u n j ü d i s c h waren. Wenigstens habe ich es immerso empfunden. Alle Verehrung und Diebe hat mir nie über dieses sein Heidein bezw. Christein hinweggeholfen. Zwar konnte es mir nicht mehr schaden, ich war gepanzert gegen diese Versuchungen wie vielleicht kein einziger Jude im Go lus je gewesen ist. Aber in seiner Wirkung auf an dere sah ich dem; Heilt rank .immer das Gift beigemischt. Ich haibe immer versucht, die Menschen aus seinen meist geradezu;eaitsetzlichen Vorträgen in seine Predigt e n-jhmüb'erzrilotsen, wo in den entscheidenden Momenten der Jude in i h in ■ d u r c hbrach. Da allein glaubte er ohne. Anleihen bei der christlich-heidnischen Kulturwelt auszukommen. Und nicht einmal da : war . man immer sicher davor, plötzlich den „Meister" d. h; Goethe vörczitiert zu bekommen. So war er auch im Schiur stolz gerade auf die Schwäche des Schiur, die dummen Fragestellun gen der philologischen Kritik (Urmischna, erste, zweite, zweieinhalbstie Schicht)!, .und das Echte, Jü dische gab er manchmal fast widerwillig oder mit dem spöttisch-disitanzierenden Vermerk: ,wie man in den Jeschiwos sagt: „(Dann kam immer etwas besonders Gutes)." Die äußerlich am meisten in die Erscheinung tretende charakteristische Tatsache in Franz Rosenzweigs Weg aus fast'-völliger Entjudung zur erkannten und gelebten Tradition war seine'Einstellung zum Thora g es e tz , zum Schul chan Aruoh. Auch hier bat ihn zunächst der Instinkt durch den betonten Gegensatz zum Christentum auf die richtige Fährte geführt, bis er später in den „Bauleuten", in Auseinandersetzung mit Buber enerseits, der Orthodoxie andererseits, seine Position theoretisch abgrenzt und gedanklich fundiert. Als Ausgangspunkt der Entwicklung scheint uns eine Briefstelle aus dem Februar 1911 charakteristisch: ■ Das, was die Christen Erlebnis nennen, und worauf sie für sich mit Recht solchen Wert legen, dieses persönliche Erlebnis des Einzelnen — das haben wir nicht nötig. Wir haben das, was der Christ erst im Leben eines Tages erleben muß, schon von Geburt an und durch die Geburt im Blut. Das Erlebnis liegt vor unserer Geburt, irgendwann in der Vergangenheit unseres Volkes. Wollen wir erleben, wie der Christ erlebt, so müssen wir jenen Augenblick der Vergangenheit nacherleben; jeder sehe sich so an, als ob er selbst aus Aegypten gezogen wäre.. . . daraus folgt, was wir zu tun haben. Nicht warten, daß dasi Erlebnis in uns aufwacht, sondern zurückgehen in das schon erlebte Erlebnis unseres Blutes, Keine Sentimentalität also! Keine Sorge um die Keuschheit des Erlebnisses — das ist alles christlich. Der Christ .muß mit der Kewono anfangen, wir fangen g a n z u n s e in t dmental an mit Mi zwo bezw. mit Talmud Thora in irgend einer Form. Die Kewono kommt dann schon. Trotzdem weist gerade das Verhältnis zur praktischen Wahrung des Religionsgesetzes, wie zahlreiche Brief e zeigen, jahrelang stänke Schwan-, kungen und eirie gewisse Unsicihernedt auf; bis die Ehe mit Edith Hahn, die anscheinend . aus einem konservativer gerichteten Hause stammte, und mehr dann noch die ans eigene IJ<eim fes- selnde Krankheit und die Rücksicht auf das heranwachsende Kind das Leben im Gesetze allmählich zur SelirjstTsrsiäßdliöhikoit, ja im Quelle der Befriedigung und des Glückes machte. Denn prinzipiell hat Rosenzweig —- zu dieser Feststellung zwingt die Ehrlichkeit — ein Unterworfettsein des Juden unter das in Thora und Talmud niedergelegte, von den Dezisoren kodifizierte Lebensgesetz bei aller ehrfürchtigen Lifebe ZVL diesem Gesetze — wie die Briefe zeigen — auch in späteren Jahren nicht anerkannt. Er blieb in dieser Hinsicht durchaus liberaler Jude, scheute, insbesondere für andere, für ,die Heimkehrer, den „Sprung ins Gesetz" und behielt sich selber Auswahl- und 'Entschlußrecht für. alle; Fälle vor. An die Braut schreibt er im Januar 1920: ,, . . . Du mußt doch auch verstehen, warum ich das Koscher-Essen nicht tragisch nehmen kann und darf. Ich freue mich darauf, ich werde es ja mit Dir zusammen tun in uns.rem Haus! Aber feierlich nehmen, „erziehlichen Wert" darin finden fes hat ihn, zugegeben! aber eis kann doch .auch den Charakter verderben! sieh' Dir doch die Gefühlsversteifung vieler Orthodoxer an! gerade auch , die Verknöcherung ihres j ü d i s c h e n Gefühls! wie sie nicht mehr fähig, sind, einen für einen Juden anzuerkennen, der nicht nach dem Schulchan Arueh lebt), es „hochbedeutsam!' finden (es ist's, zugegeben, aber es gibt Bedeutsameres) — nein, das kann ich nicht. Und glaub' mir, ich sehe den „Sabbat und .die Feiertage" (Jes. 1, 14!ÜJi gar nicht anders an. Auch darauf freue ich mich. Aber, Edith, das was zwischen uns, zwischen mir upji Dir geschehen ist, ist für uns mehr als der Sabfcat ... Man wird zwar gerechterweise am diesen; Brautbrief nicht den strengen Maßstab der Logik legen dürfen; scheut jadie darin waltende .Gefühlslogik nicht einmal den schwer erträglichen salto mortale, die selbstverständliche orthodoxe Ablehnung liberaler jüdischer Salbbatentweiher, obgleich sie doch gerade aus der 'Glut der Liebe zu G'tt und seinem offenbarten Gesetze stammt, "als „Gefühlsversteifung" zu verurteilen und diese angelbliche Gefühls Versteifung dann auf den ausschließlichen Genuß —erlaubter Speisen zurückzuführen. Im gleichen Wortlaute, hätte Rosenzweig fünf Jahre später einen solchen. Brief gewiß nicht mehr geschrieben; aber im Grunde fließt seine Ablehnung des nünsn miXB' der Verpflichtungs'kraft des Gesetzes, also gerade der charakteristischsten Eigenart des (durch die Jahrtausende unversehrt erhaltenen jüdischen Volksbewußtseins vom W72W. IVO1??? Visr nblp' ■ aus ■ jenem letzten schmerzlichen Gegensatz,, in dem er dogmatisch zur Traditionslehre des historischen Jodenkims bis zuletzt verharrte. Eiy vor dessen erleuchtetem Auge das Fümfbuch der Thora so sehr als wahrhaftige Einheit, :als Schöpfung eines Ge-istes erschien, daß er ■ geradezu neue nw nrvn erdachte und tiefe Zusammenhänge aufdeckte zwischen weit auseinander liegenden Stellen der Thora, er hat doch die sogenannte Verbälinspiration, das heißt, den Offenbarungscharakter des Thora-W o r t e s und -Buchstabens, wie ihn die /jüdische Tradition seit mehr als dreitausend Jahren uns gewährleistet, nicht anerkennen zu dürfen geglaubt. Diese letzte Fessel des zünftigen kritischen Rationalismus, den er doch so sehr verachtete, vermochte er selber njcht abzustreifen — es blieb bei einem „Mosche Rabbend als letztem Redaktor", bei einer, Thora-yerelhrung des „Als Ob", die naturgemäß, als Ausfluß mehr oder minder sub'jeiktiver Gedankenoperationen, nicht das- Fundament allgemein verbindlicher dogmatischer Grundlehren für das Volk . der .'Thora abgeben konnte. Ob es, hätte Rosenzweig länger auf Erden weilen dürfen, letzten Endes auch »zum Abstreifen dieser letzten Fessel '■• der marktgängigen europäischen Biliialikritik uriid. zu einer — grade in Anknüpfung an. manche Gedankengänge . im „Stern der Erlösung" — durc Haus denkbar e n Würdiigüng der Traditionslehre von der Bii c h s t .a b e n.-¥Offenbarung des unendlichen: g'ttlichen Geistes in der Erschemung der Thora gekommen wäre — wer vermag das zu jbehaupten oder zu bestreiten? Es zu glauben, darf.denjenigen unter Franz Roseriz<weigs Verehrern nacht versagt sein,: die in seinem, Leben und Lehren ein provtidentielles Geschehen ersten (Ranges; erblicken,' und denen J dieser letzte - Schritt vom „Äls-Ob" zur Realität des Glaubens, von der Fiktion einer Offenbarung zu ihrer Wirklichkeit als der sinnvoll logische Ab schlu ß dieses zur Wahrheit strebenden Denket- und Forscherlebens erschienen wäre. , Allein; es sollte zu einem anderen, . Abschluß kommen,; der zwar, des logischen Sinnes für menschliches Denken entbehrt, dafür aber die m o r a 1 i s c h e Dynamik des Menschengeistes, die s i 111 i c he Freiheit in h ö ch.st.er Potenz bei äußerst e r p.h y s i s c Ire r Gebundenheit mit einer in der Geschichte wohl geradezu einmaligen Eindringlichkeit vordemonstriert. Die Kran k h e x t Franz Rosenzweigs, die Mitte Januar 1922 einsetzte und ihn acht lange- Jahre mit steigender Gewalt zuerst der Bewegüngsmöglichkeit, dann der Schreibfähigikeit und schließlich vom Mai. 1923 an auch der Sprache beraubte, findet in seinen Briefen einen Niederschlag von überwältigender oder, besser gesagt, von erhebender Großartigkeit- Wer nicht «tas Erlebnis sein eigen nennen, darf, diesen ajjer, physischen Kraft beraubten Geist in' Menschengestalt vor Augen gesehen und an ihm die Kraft? einer -der 'Physis spottenden willensmächtigen, freiheitstrunkenen Seele immer wieder neu ehr- Ürchtig bewundert zu haben, dem-(wird durch

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