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Der Israelit · 1935-12-19 · Heft 51 (19.12.1935) · page 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 51 (19.12.1935)
Date
1935-12-19
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Die Lebensgeschichte einer jüdischen Seele. Franz Rosenzweigs Briefe. Die deutsche Literatur hat Briefsammlungen von unvergänglichem historischem Werte aufzuweisen; sie alle stammen aus einer Zeit, in der die Menschen von Kultur es noch nicht verschmähten und auch die innere 'Ruhe fanden, auf den schriftlichen Ausdruck ihres Erlebens und Wesens diejenige Sorgfalt zu verwenden, die jedes /beträchtliche Lebens anliegen verlangt. Diese Zeit des Briefschreibenkönnens ist schon seit Jahrzehnten, seit mindestens einem halben Jahrhundert, dahin. Die Neurasthenie des modernen Lebensrhythmus hat ihr ein Ende gemacht. Um so erstaunlicher, man darf sagen erschütternder wirkt der stattliche, mehr als 700 Seiten Lexikon Oktav umfassende 'Band, in dem Gattin und Freunde Franz Rosen zweigs eine Auswahl der Briefe dieses Auserwählten des Geistes zusammengestellt und in der mustergültigen Ausstattung des Schodken-Verlages der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Und dabei sollen diese nahezu 600 Briefe nur den zehnten Teil aller Briefe darstellen, die Rosenzweig in den 43 Jahren seines Lebens geschrieben hat! Aber erschütternd im tiefsten Sinne wirkt nicht sowohl die Tatsache dieser Lebensleistung eines Briefschreibers, die schon an sich ein Zeugnis einzig dastehender konzentrierter individueller Unabhängigkeit von allen zerstreuenden Alltagseinflüssen darstellt, sondern vor allem der überwältigend einheitliche Sinngehalt dieses kurzen und doch so überreichen Menschenlebens, wie er sich dem Leser dieser Briefdokumente entschleiert. Vom ersten bis zum letzten Brief, zwischen 1904 und 1929 blitzt und sprüht es von lebenidigster, vielseitigster, oft möchte man sagen unbändigster Geistigkeit; der Reichtum der künstlerischen, philosophischen, religiösen, rein menschlichen Interessen scheint aller Zügelung und Systemisierung zu spotten, der freieste, souveränste Wille triumphiert über alles auferlegte Schicksal, und ein kritischer Verstand wagt sich, wenn es sein muß, an alles und jeden heran, — und dennoch legt man das Buch mit <jenem tiefen Schauer der Andacht aus der Hand, den nur dias Sichtbarwerden g'ttlicher, Enziehungswaltung über die scheinbare Willkür menschlichen Individualwollens zu erzeugen vermag. Es ist die L e ib e n s g e s c ih i c h t e einer kostbaren, jüdischen iM'eöschens e e l e , während der kürzen Spanne einiger Jahrzehnte in die Welt der Erscheinung gebannt, und auf Schritt und Tritt von ihrem Schöpfer zur Voltbringung ihrer irdischen Lebensaufgabe gedrängt — prm n*afi tal —, die die- I ses Buch erzählt. Indem der ihr beschiedene Anteil am jüdischen Geistesleben vollendet wird, zerbricht das Gefäß, das diese Seele barg, — fast möchte man sagen, mit zwingender, logischer Notwendigkeit. Eine aufregende, aufwühlend e Lebens- ,geschiente, die den Leser, wenn er sie nur mit Unterbrechungen auf sich wirken Lassen kann, wochen-, monatelang in eine Art von somnabulen Trancezustandes versetzt, aus dem man erwacht wie aus einem Traum.--— Die Familie, der Rosenzweig entstammt, ist „gut liberal", deutsch, bürgerlich — der Urgroßvater war der Lehrer von Zuntz; an positiv jüdischer Tradition ist nichts weiter übrig geblieben als das ,,dünne Fädchen" „Jomkippur, Sederabend und Bariwizwo" — von der Existenz eines Freitagabends erfährt der Neunzehnjährige erst als Student. Das Eingebettetsein in die deutsch-ehr istliche Kultur legt an sich den Entschluß zur Taufe näher als jeden anderen, wenn auch gerade das Fehlen jeder positiven Gutgläubigkeit zu Beginn der Studentenjahre (der ,,fiühere lieibe G'tt übt ihm in jener Zeit nur noch die „Funktion eines •Wettermachers" aus [1905]) naturgemäß zunächst als retardierendes Moment gegenüber diesem Sprung ins Christentum aus bloßen Kulturrücksichten wirkt. Die tiefgründigen 'Religionsgespräche, in die der Student schon und erst recht später der junge „Unteroffizier" Rosenzweig mit den christgläubigen Vettern Ehrenberg und Eugen Rosenstock verwickelt wird, wecken dann in geradezu providentieller Weise die vorher doch völlig verschüttet gewesene theologische Ader indem Philosophen und Historiker und durchstoßen die Wand zwischen Philosophie und Dogma, die sonst zweifellos jedes Ernstneihmen der Offenibarungsreligion dauernd verhindert haben würde. Dann erst tritt das dritte Element in die Erscheinung, das Rosenzweig auf den jüdischen Weg geführt, und das ihn dann — nachdem ihm durch Hermann Cohen rein wissensmäßig die elementaren Quellen des Judentums erschlossen worden waren — sein Leben lang vor tausend Anderen ausgezeichnet und begnadet 'hat; ein aus der Tiefe des Seins aufsteigender sicherer Instinkt für das Jüdische und für die sonst dem Durchschnitts- Kulturmenschen regelmäßig unverständlich bleibenden Perlen spezifisch jüdischer Wahrheit. Dieser Instinkt war es zuerst, der ihn an einem bestimmten Tage — ein phänomenales Beispiel für die Art der Wirksamkeit der Willensfreiheit in Lebensfragen — die Entscheidung fällen ließ gegen die Taufe und für die entschlossene Heimkehr ins Judentum, eine Entscheidung, die vorher durchaus unsicher wari die j dann aber niemals wieder das leiseste Schwanken | zuließ. Dieser Instinkt bricht im späteren Verlaufe seines Lebens, insbesondere in den wechselvollen Erlebnissen des Krieges im Kreise ostjüdischer Gemeinschaften, wie später bei der kritischen Einstellung zu Menschen und Dingen oft mit naturhafter Gewalt durch. Wieviele philosophisch „gebildete" Juden haben vor Rosenzweig beispielsweise die rrjnöX an DTlöH fl'TTfl als höhere Gewißheit empfunden denn die Unsterblichkeit der Seele? Sicherlich kaum einer. Rosenzweig aber schreibt schon 1917 an Hans Ehrenberg: Das Fortleben der Seele nach dem Tode ist eine allgemeine heidnische Vorstellung und also auch ein Stück des jüdischen Volksglaubens . . . Nun kommt der eigentliche Inhalt der Offenbarung, die Verabsolutieruii/g der Zeit zur absoluten Geschichte. Das religiöse Interesse konzentriert sich ganz hier herum, während das andere, das Fortleben der Seele, Feld der Mythologie bleibt. Der religiöse Begriff ist „die Auferweckung der Toten", mit ihr ist die animistische Unsterblichkeit der Einzelseele in den Kreis der religiösen Erlösung der Menschheit gezogen. Aehnlich später im Mai 1918: „Der „Idealismus" ist ja überhaupt eine heidnische Erfindung. Die Offenbarung rettet an allen Punkten, die von der idealistischen Zersetzung bedrohte Materie und setzt sie wieder in ihre Rechte gegen den Geist, innerhalb de* Geiste« die Seele gegen den Geist, weiter die Zeit gegen die Zeitlosigkeit, den Raum gegen den Begriff usw. usw.! So kommt es, daß zunächst an Stelle der geistig-iallzu geistigen Unsterblichkeit 'die tief im Wirklichen eingebettete, an das Fleisch tiaid an den Ablauf der Weltgeschichte gebundene Auferstehung tritt . . . Ganz .bin ich Ich, ganz werde ich gerichtet und 'diese Welt, in der ich lebe, ist nicht ein Fremdes, dessen Schicksal meine Seligkeit nicht berührt, sondern an der Erfüllung jenes Schicksals hängt der Eintritt dieser Seligkeit." Oder jenes entzückende, hellseherische Wort vom Dezember 1919, mit dem er unbewußt das eigene Leiben charakterisiert.' „Kennen Sie den Midrasch zu ">nn rinn? G'tt . stülpte den Sinai über sie. Da mußten sie wohl sagen: naase w'nischmo. Wo bleibt da ihre Freiheit? War das nicht Zwang? Ja freilich war es Zwang und um solchen Zwang allein lohnt es zu leben. Es lohnt sich aber wirklich. Denn wir werden gezwungen. „Denn Er hak-un® gemacht und nicht wir selber/' So »hat er früh schon auch die charakteristischen Aeußerlichkeiten der assimilatorischen Reformperiode mit ihren nachgeäfften fremden Formen, ihren Talaren und Bäffchen und sonstigen ästhetischen „Schönheiten", abgelehnt. Im Januar 1917 schreitot er: „Grabreden sind mir immer ängerKcih. Ich persönlich möchte nur das Offizielle, also am liebsten überhaupt kein deutsches Wort. Gegen eine „würdige Kultusbekle&dumg der Chewro-Leute" bin ich aber durchaus, überhaupt gegen alles „Würdige" im jüdischen Kult. Unsere poetische Form ist die Prosa. Alle diese künstliche Feierlichkeit ohne traditionelle Anknüpfung ist .unehrlich, sowie der Takr des Rabbiners, in (gewisser Weise überhaupt-seine ganze heutige Stellung. Die Formen mit echtem Inhalt soll man erhalten, sie genügen

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