Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1935)
- Date
- 1935-12-19
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 51 Der Israelit 19. Dezember 1935 ten Melodie das Lied des Sabbatdichters Salomo Alkabez an. Eine tiefe Wehmut ergreift mich bei seinen Worten. Welcher unüberbrückbare Gegensatz liegt zwischen seiner Dichtung, — dem Blumenkranz, der noch verschönt wird durch die herrlichen Blumen aus dem Garten Jesajas und des Psalmisten — und dem Kriegslärm da draußen, „Warum bist du so gebeugt und warum jammerst du? Auf Dich, o G'tt, vertrauen die Armen meines Volkes," so ruft der Dichter uns Trost zu, und draußen gilt nur die rohe Gewalt, da weiß man nichts von G'tt, da gibt es nur Vernichtung und Zerschmetterung, das Schwert allein erteilt Befehle . . . Schon wenden wir ein drittes Mal herausgerufen. Der Feind sitzt schon in unserem Graben. Mit Bajonett und Handgranaten muß er herausgeworfen werden, Wohl wird der Angriff restlos abgeschlagen, aber das Artilleriefeuer, das den feindlichen Rückzug decken soll, überschüttet uns mit dem ganzen Segen der Zivilisation unserer modernen Zeit. Granaten und Schrapnells stimmen ein Konzert an, das besonders in den Höhenlagen musikalischer Technik unerreichbar ist. Der Abend ist indessen hereingebrochen. Während die Menschen in der Heimat nun von ihren Arbeitsplätzen heimkehren, beginnt für uns, den Wächtern des Vaterlandes, jetzt erst recht die Arbeit. Ich stehe auf meinem Posten mit aufgepflanztem Bajonett. Die »Granaten donnern, schlagen vor mir und seitlich von mir ein, Schrapnells platzen und streuen Hunderte von Kugeln umher. Eben klopft eine helltönend an den Trinkbecher, der an meinem Brotbeutel hängt, ein Stück von einer Granate fliegt bis an meinen Stiefel. Der Todesengel steht vor der Türe und begehrt Einlaß. Die Lebensgefahr ist bis aufs höchste gestiegen. Die innere Erregung ist unbeschreiblich, der ganze Mensch mit all seinen Organen ist in Aufruhr gleich einem sturmgepeitschten Meer. Aeußerlich ist mir nichts anzumerken, ich stehe auf Posten. Innerlich aber vibriert alles, jeder Nerv ist bis zum Höchstmaß an Leistungsfähigkeit gespannt. Hier gibt es kein Entrinnen, Gehe ich rechts oder links, so kann mich das gleiche Schicksal treffen wie hier. Aber das innere Toben, wie banne ich das? Soll es mir so ergehen wie meinem Kameraden, dem hünenhaften Pionier Pannwitz, der in einer solchen Situation die Macht über seine Nervenstränge verlor? Da steigt, mitten in dem Kriegslärm, ganz allmählich, aber immer festere |T". Formen annehmend, das Schabbos-BiJd meiner Heimat in -mir auf. Ich sehe meine Mutter, wie sie den Schabbostisch deckt, die Hände ausbreitend die Lichter benscht und betet. Mit einem Male ist die Verdun-Granatenhölle aus meinem Bewußtsein gedrängt. Sie ist wohl etwas Körperliches, mit meiner Materie stehe ich im zerschossenen und zerwühlten Graben, aber im Geiste bin ich am Schabbos-Tisch meiner Eltern. Ich sehe die weiße Tischdecke, das über die Berches gebreitete Deckchen, den heiligen Kiddusch-Becher und alles überstrahlend meine betende Mutter. Der Aufruhr in meiner Seele hat sich gelegt, ruhig stehe ich im Granatenhagel. Ich sehe nicht die zerbrochenen Gewehre und Menschen, nicht das Grausige der Verwüstung, ich höre nicht Verdünn Granaten-Detonation, ich sehe nur den festlich gedeckten Tisch und meine Mutter. niedergelegt, um Türme zu erachten; von ihnen entsandten seine Bogenschützen ihre Pfeile. Aber Kikanos hatte mit einem Hagel von: Basaltsteimen Türme und Schützen zerschmettert, Der zweite, der "die Stadt vom Fluß aus einnehmen wollte, hatte Flöße in großer Zahl gezimmert, um die ischneilen Wasser zu durchqueren. Ihn aber trieben Wirbel zu den Wasserfällen, und Flöße und Ruderer verschwanden. Der dritte hatte versucht, mit seinen Wagen durch die Schlangen himdurchzufahren. Aber die Leiber der Schlangen, Millionen Ringe bildend, hatten sich in die Luft erhoben, ihre Mäuler klafften und verschlangen Lenker und Pferd. Als Moses mit seinen frischen Scharen herangekommen war, erblickte ihn eine* Morgens von der Höhe der Wälle Tharbis, des Kikanos Tochter. Nun Throne sitzen, legte die zwiefache Peitsche in seine Hand und setzte die zwiefache Krone auf sein Haupt. Gefolgt von einer Schar von. Kriegern und Priestern fuhr .er, auf einem silbernen Wagen stehend, durch das Reich des Nordens, und die Menge jubelte. Eines Tages, als er in seinem Glänze am Lande Gosen entlang fuhr, sah er am Rande des Weges stöhnende Männer. Man sagte ihm: „Es sind Hebräer';, Da stieg er vom Wagen, warf die zwiefache Peitsche und die zwiefache Krone von sich und ging unter die Sklaven, Nun erhob sich im unendlichen Raum eine Stimme und sagte: „Da du um meines^ Volkes willen dein Königtum verlassest, da du hinuntersteAgst in seine Sklaverei, will ich um deinetwillen meinen Himmel verlassen, hinuntersteigen um deinetwillen zur Erde." Der Präsident der Tschechoslovakischen Republik Masaryk in der Jerusalemer Altstadt (1927) war er groß an Wuchs, und sein Gesicht strahlte. Tharbis entbrannte in Liebe zu ihm und ließ ihm sagen: .„Werde mein Gatte, so will ich dir meine Stadt und meine Schönheit schenken," Aber Moses, in dem immer noch die Lieder Jochebeds (seiner Mutter) sangen, gedachte Sarahs, die eine Magd ge- Saul. „Ein solches Ausmalen biblischer, nur im Umriß angegebener Charakter war den Deutschen nicht mehr fremd. Man fühlt sich berufen, sie auszumalen/' Diesen Goethe'schen Satz aus „Wahrheit und Dichtung" hat sich Josef W e n - t e r zum Motto genommen, als •er daran ging, au® den biblischen Berichten sein Saul- Buch zu schreiben (R. Pieper u. Co. Verlag, München)!. Der Autor hat es fertiggebracht die relativ spärlichen Angaben der Bibel über den ersten großen unglücklichen jüdischen König zu einem Buche von 615 Seiten auszuwerten, zu einem Drama, wie man sagen darf, von stellenweise hinreißender Gestaltungskraft, Die ganze Größe und die Tragik eines zu Großem berufenen Menschen, der aber mit seinen großen Aufgaben nicht wächst, sondern zum Schluß abfällt und sinkt, ist hier in herrlichen Bildern gezeichnet, von der Morgenstunde dietses Königtums bis zum erschütternden Schlußakt auf dem Berge Gilboa. Wir sehen den alten Propheten Samuel, groß und weise, mit seinem Ochseinkarren über die weglosen Höhen und Aecker schieben, um G'ttes Botschaft durch die Lande zu tragen. Wir sehen Feuerzeichen und hören Posaunen, Philisterschlacht tobt und David stürzt den . Goliath und singt und spielt vor Saul. Keiner wie er, kann mit reinerem Gewissen um Saul weinen, denn er bot sich ihm dar, und wurde verstoßen, in 'die Verbannung gejagt. Er hätte Gelegenheit gehabt, in nächtlicher Stunde Rache zu üben, der kleine verfolgte David, aber er schnitt nur des Königsrockes Zipfel statt des Königshauptes. Gewiß, das kennen wir alles aus dier Bibel selbst. Aber hier erhebt sich ein Drama auf dem biblischen Hintergrund, das uns die Morgenstunde des jüdischen Königtums erleben läßt, bis sie rasch, ohne Mittag, in Nacht und Grauen übergeht. : Und das Schönste, wasi wir von diesem Buche sagen können: Der heilige Bericht, der biblische Untergrund wird — sehr im Gegensatze zu der Thomas Mann'schen Josefsgeschichte, —in keinem Punkte getrübt, er strahlt im Gegenteil im hellsten. Lichte auf. Moses erobert Aethiopien Von Edmond Fleg/J Als er (Moses) alt genug war, um Krieg führen zu können, wurde er damit betraut, die aufständischen Aethiopier zu unterwerfen. Seit neun Jahren belagerten die ägyptischen Krieger vergeblich den König Kikanos in seiner Stadt Safaa. Höh« Mauern waren ihre Wehr im. Osten und Norden, ein Fluß schützte sie im Westen, im Süden ein Erdstrich, den Schlangen bewachten. Nun hatte der erste Führer der Aegypter die Stadt von der Mauerseite berannt und die Wälder *) Die Skizze aus „Moses" von Edmond Fleg hat mit Hinsicht auf die Vorgänge in Abes-sinien großes Interesse. Jüdischer Bauer in Polen wesen, und Rebekkas und Raheis, die Hirtinnen waren; und er wollte nicht eines: Königs Tochter zum Weibe. Die Söldner hatten auf sein Geheiß zahllose Ibisse gefangen und ließen sie auf das' Gewürm los; und die Ibisse hackten den Schlängeln ihre Schnäbel in Auge und Herz. Langgestreckt .lagen die toten Leiber; Moses führte sein Heer über sie hinweg und drang in die Feste ein. Er wurde Herr über ganz Aethiopien und kehrte mit Köstlichkeiten aus Ebenholz, Elfenbein und Federn; 1 mit. Kleinodien, zahmen Affen und tanzenden Zwergen in® Land Aegypten zurück. Nun ließ ühn Pharao am Steiner Se.it« auf dem Ein Wandkalender mit Kunstniveau. Als erster bebildete'r Kalender erschien vor 11 Jähren der Kalender der Israelitischen Taubstummenanstalt. Da er sich an das -bürgerliche Jahr anlehnt, erscheint er stets erst November—Dezember. Man kann sagen, daß dieser Kalender schon eine Tradition hat. Neben. einigen wenigen Bildern der Anstalt, die Verständnis und Mitarbeit für die Erziehung der Gehörlosen erwecken sollen, dienen die andern Bilder der Vertiefung des jüdischen Wissens. Die künstlerische Wier dergabe von Kiuiisitgegenstäniden, jüdischen Lebensformen und Kunstwerken jüdischer Künstler, machen den Kalender mit" den gut ausgewählten Sprüchen und Sentenzen zu einem wertvollen Schmuck des jüdischen Hauses. .. "Es ist dem Verein „Freunde der Taubstummen", „Jediide Ilmim" zu wünschen, daß er mit diesem Kalender für seine seit 1873 bestehende Taubstummenanstalt, neue Freunde und Mitgliedervwirbt