Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1935)
- Date
- 1935-12-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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19. Dezember 1935 Der Israelit Nr. 51 Seite 3 Erholung und Entspannung in ihrem kleinen G'tteshause bei Gebet, den Psalmen und in einer von dem dort tätigen Schochet abgehaltenen Lehrstunde suchen und rinden. Ein Schreiben der Falaschas an die deutschen Juden. Im Jahre 1904 weilte der vor wenigen Tagen verstorbene deutsche Orientalist und Diplomat Dr. F. Rosen als Führer einer deutschen Sondergesandtschaft in Abessinien und! besuchte auch die Falaschas, um ihre Bräuche und Sitten zu studieren. Nach Berlin zurückgekehrt, überbrachte er ein Schreiben der Falaschas an den Hilfsverein der deutsc h e n Jude n. Das Schreiben war „an alle Kinder Israels im deutschen (Lande" gerichtet und in der amharischen Sprache abgefaßt. Es lautete in deutscher Uebersetzung folgendermaßen: „Gepriesen sei der Herr, G'tt Israels! Heil, Heil. Heil Euch, die Ihr seid im deutschen Lande, die Ihr seid jenseits des Meeres, groß und klein allzumal? Wie geht es Euch? Wir halten das Gesetz der Thora. Bevor wir das Meer überschritten, während der Regierung Salomons, lebten wir 40 Jahre unter Gideon. Wir halten das Gesetz Moses und verrichten den G'ttesdäensit nach dem Gesetze Aarons. Wir sind die Nachkommen Levis. Wir glauben an einen G'tt. Man sagt uns: „Glaubet an das Neue (Testament))!!" Doch wir gaben unsere Hälse. Der (jetzige) Kaiser von Aethiopien hat unsi Trost zugesprochen, G'tt schenke Merielik langes Leben! Wir aber sind, seit wir aus Jerusalem kamen, arm. Das Opfer, das wir für den Passahdienst darbringen, ist ein Lamm und Getreide. Das ist das Gesetz der Thora, das an Aaron igegeben wurde. Schenbera, Abiimeiek, Daniel Maihari haben dies schreiben lassen. Dies möge an alle Kinder Israels gelangen, die im Deutschen in Stellung zu rücken. Zu 20 etwa sind wir bei einer alten französischen Frau, deren Parterrehäuschen am Dorfrand liegt, einquartiert. Es ist 8 Uhr Abend. Wir sitzen in unserer Bodenkammer um einen langen Tisch herum, — einige liegen, auf ihren Strohsäcken — und unterhalten uns über die Kriegsereignisse, Das alte „Vraghaus" jetzt Historisches Museum der Amsterdamer Gemeinde Das Beth Hamidrasch Kopenhagenstraat in Amsterdam Lande sind. Wir glauben, wie Ihr, an einen G'tt. Geschrieben am 14. Miazeja (April)." (Aus „Die Juden in der Welt" von Dr. Mark Weschnitz er. Erich Reiß - Verlag, Berlin j)i - Licht in der Finsternis. Ein Freitag-Abend 1915 vor Verdun. Von Dr. Theodor Guttmann. Unser Regiment Nr. 47 Jäegt vor Verdun. In St. Maurice, einem Dorf etwa 20 km hinter der Front, ist unser Quartier, in dem wir jeweils 3—4 Tage ruhen, um dann mit frischen Kräften nach Combres Das Rembrandthaus in der Jodenbreetstraat zu Amsterdam über die Heimat und unsere Lieben. Einige Kerzen erhellen das Dunkel der Nacht und werfen gespenstische Schatten an die Wände, gleichsam Vorboten für unser Soldatenschicksal in diesem grausigen Ringen. Diesen Gedanken 'greift Gaiczinski, ein Reservist und Familienvater aus Posen, auf. Er sieht diese Schatten, er übersetzt sie in seine Sprache mit Vernichtung und Tod, und nun ringt sich aus der Seele dieses heldenhaften Menschen, der im Nahkampf nie zurückgewichen und einige Wochen nach meiner Verwundung gefallen ist, der Ausruf: „Ich wollte ein Leiermann, ja ein Bettler sein, nur wieder zurückkehrenzu meiner Heimat und Familie." Ich habe eben einige Verse aus der Sidra gelernt, bin ganz mit dem Inhalt des heiligen Thorawortes beschäftigt, muß aber doch beim Aufschrei dieses aus gequälter Seele kommenden Verzweiflungswortes meines Kameraden aufhorchen. Auch ich werde zur Deutung des Schattens gezwungen und erkläre ihn auf unsere altjüdische Art mit dem Worte des königlichen Dichters,"1^ "^K '3 EU „Und wenn ich auch gehe im Tale des Todesschattens, fürchte ich nichts Böses, denn Du bist mit mir, Dein Stab und Deine Stütze, sie trösten mich." Mit diesem Gedanken de® Trostes verlasse ich mit meinen Kameraden das Quartier, und wir marschieren mit Sturmgepäck gegen 8.30 Uhr in unsere Stellung auf die Combres-Höhen. Um 12 Uhr Nachts erreichen wir unseren Frontabschnitt und bleiben bis zum nächsten Morgen 8 Uhr im Graben auf Posten. Da die Nacht verhältnismäßig ruhig verlief, erfolgt nun die* übliche Ablösung. Zwei« Züge der Kompanie gehen in Ruhe in den Unterstand, während ein Zug die Wache übernimmt. Der Unterstand ist ein in den Berg getriebener Stollen, etwa 1 m hoch und 60 cm breit, so daß man nur 'in gebückter Hallung oder kriechend hineinkommen kann. So liegt man einige Stunden in tiefem Dunkel, das nur beim Anzünden einer Zigarette für einige Sekunden erhellt wird . . . Mein junger 19jähriger Freund Tillmann aus Liegnitz will mir nicht aus dem Sinn. Wie hat er mich vor dem ersten Gefecht auf den Combres-Höhen gebeten, ich sollte einen kleinen Zettel mit der Adresse seiner Eltern zu mir nehmen und an sie schreiben. Er wüßte genau, er käme nicht mehr zurück. Ich habe ihm Trost zugesprochen und ihm seine Schwarzseherei ausgeredet. Er aber ließ nicht davon ab, mich so inständig zu bitten, daß ich ihm schließlich willfahren mußte. Er hat recht behalten. Schon im ersten Gefecht auf den Combres-Höhen ist er zusammen mit meinem Putzer geblieben. Aber man darf sich nicht lange solchen Gedanken hingeben, da die Wirklichkeit höchste Anforderungen an einen stellt. Es ist Freitag Nachmittag. Da gilt es, sich für die Heiligkeit des Schabbos, soweit es unter den gegebenen Verhältnissen möglich ist, vorzubereiten. Ich bemühe mich, mir eine Kerze zu besorgen, bis ich endlich nach langem Nachfragen wenigstens einen Kerzenstumpf von einem Kameraden erhalte. Nachdem ich entzündet habe, breitet die Sabbatkönigin ihren majestätischen Glanz auch über meinen engen Raum im Unterstand aus und gibt meiner Tfillo eine besondere Innigkeit. „Sieh auf unser Elend und führe Du unseren Kampf", so ringt es sich zu Haschern Jisborach empor und schließt mit den Worten: „Alle, die Böses über mich sinnen zerstöre bald ihren Rat und mache zunichte ihren Plan." Eben spreche ich noch die Worte: „Der Frieden stiftet in den Höhen, er möge Frieden stiften über uns und ganz Israel", als ein schrilles Kommandowort „Alarm!" jäh die Stimmung zerreißt. Gewehr in der Hand geht es in gebückter Stellung hinaus. Der Feind hat einen Sturmangriff gemacht, ein heftiges Gefecht entspinnt sich, die Franzosen werden aus unserem Graben geworfen, sie weichen zurück, wir schießen und werden beschossen. Nachdem der Sturmangriff abgeschlagen ist, gehen wir wieder in unseren Unsterstand. Ich setze meine Tfillo fort, singe leise für mich, kaum hörbar, „Lecbu nerannanu" und will jetzt „Lecho daudi" beginnen. Da, ein zweites Mal: „Alarm!" Wieder hat .sich der Feind an unseren Graben herangearbeitet. Der, gleiche Abwehrkampf setzt ein. die Franzosen weichen zurück. Wir sind kurz darauf wieder im Untesrtand. Nun kann ich endlich weiter beten. Pianissimo stimme ich nach der alten bekann-