Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1935)
- Date
- 1935-12-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 51 Der Israelit 19. Dezember 1935 Die Frau war damit einverstanden und fügte hinzu: „Mein Mann wird gewiß aucjh. nichts dagegen haben." Die Geschwister eilten heim und erzählten den Eltern ihr Erlebnis. In der damaligen Zeit waren wandernde russische Juden in den deutschen Gemeinden 'keine Seltenheit. Unter der zaristischen Regierung wurden die armen Leute gezwungen, auf engstem■ Raum beisammen zu wohnen, so daß es besonders vielen Handwerkern und Handlern an der Möglichkeit gebrach, den Unterhalt für ihre Familien zu verdienen. Sie waren genötigt, als Hausierer die deutschen Lande zu durchziehen oder sich an die Wohltätigkeit ihrer Glaubensgenossen zu wenden. Fast in jeder Gemeinde gab es eine Unterstützungskasse für solche Arme, denen die Leute außerdem meist Nahrung und Unterkunft für einige Tage gewährte. Neben billigen Kurzwaren, wie Kragenknöpfchen, Schuhsenkeln, Nadeln usw. führten sie gewöhnlich Bedarfsgegenstände für das religiöse Leben: Gebetbücher in Taschenformat, Zizis, Kalender, Hawdoloh- und Ghanukakerzen, Mesusoth u. a. m. Den Gewinn, den sie erzielten, übersandten sie dann von Zeit zu Zeit ihren Angehörigen in der Heimat. Um einen solchen russischen Hausierer, der Diese Menora ist Handzeiclmung von Hermann Landsberg, Hersfeld, 14 Jahre alt. mterwegs von einem Landjäger aufgegriffen vorden war, handelte es sich auch in unsrem ralle, und sofort suchte Herr Frisch den Amtsichter auf, um die Freilassung des Häftlings zu rbitten. Als abends die Kinder das Essen, das hre Mutter bereitwilligst zurechtgemacht hatte, ns Gefängnis brachten, erzählte ihnen der Amtsliener, daß der Richter bereits angeordnet habe, ien Mann morgen um 10 Uhr, also nach 24stüniger Haft, wieder zu entlassen, und er erlaubte tinen. nebst dem Abendessen die öute Nachricht Schechejonu bei Beginn des Ghanukafestes zu sprechen. Gern und dankbar nahm er die Einladung an und erschien auch nachmittags rechtzeitig in der Synagoge, wo Emil neben ihm Platz nahm. Der erste G'ttesdienst am Anfang des Ghanuka entbehrt selbst in der einfachen Dorfsynagoge nicht eines -eigentümlichen Reizes. Der ungeheizte, winterliche Raum, das Grau des sich zu Ende neigenden Tages vor den Fensterscheiben, die schlichten. Kerzchen an der Südseite der heiligen Lade — und im Gegensatz dazu die Aussicht auf die Wärme und die Freude der häuslichen Feier! Dieser Kontrast schafft die dem Feste eigene Stimmung, die sich auf Licht und Wärme aufbaut. Nach Beendigung des G'ttesdienstes bat der Fremde seinen jungen Freund, ihn zum Postamt zu begleiten. Dort nahm er einen eingeschriebenen Brief in Empfang und ging dann mit Emil in dessen Elternhaus, wo schon die Leuchter an den Fenstern standen und die Familie sich zur Begrüßung des frohen Festes in der Wohnstube versammelte. Erst als darauf alle Anwesenden am gedeckten Tisch Platz genommen hatten, erbat sich der Gast die Erlaubnis, seinen Brief zu lesen. Er entnahm dem Umschlag einen eng beschriebenen Bögen, und es entging nicht den Kindern, die das Mienenspiel des Lesenden beobachteten, daß er eine gute Nachricht erhalten hatte. Bei gemütlicher Unterhaltung wurde das Abendessen eingenommen. Als der Vater im Laufe des Gesprächs seinen Gast ersuchte, etwas von dem Inhalt des Festes oder aus seinen Erfahrungen zu erzählen, da sprach er: „Ich besann mich soeben darüber, wie ich Ihren lieben Kindern, die sich meiner so brav angenommen haben, meine Dankbarkeit zeigen könnte, und ich will es versuchen,, indem ich ihnen schildere, was in den letzten Tagen in meiner Seele vorging und es mit dem Inhalt uesres Festes verknüpfen. Als Ihr, liebe Kinder, gestern in meine dunkle Zelle tratet, da dachte ich gerade über das Schicksal unsres Stammvaters Abraham nach. Er und die Seinen standen unter der Herrschaft des Königs Nimrod, eines Götzendieners, der besonders der Sonne huldigte. Aber es war weniger das Licht des Himmelsgestirns, das er verehrte, als seine Wärme: die verzehrende Glut und den üppigen Genuß,- die dem F e u e r entspringen. Abraham hingegen strebte dem reinen H i m m e 1 s I i c h t, der Thora zu, nicht den körperlichen Genüssen und darum mußte er ■ seine Heimat Ur Kasdim verlassen und nach Kenaan auswandern. Von seinem Urenkel Josef berichten, die laufenden Wochenaibschnitte. Er wurde nach. Aegypten verschlagen, wo ebenfalls unter dem Sonnenkult Völlerei und Laster herrschten» Aber diese Aft von . Wärme und leiblichem Genuß iesselte ihn nicht. Lieber ließ er sich , ins Gefängnis werfen; denn er war dessen gewiß* daß das L i c h t G'ttes, das ihn auf die rechte Bahn führte, das: ihm tiefe Geheimnisse aufhellte, auch zum Vater in der Heimat und zum Vater ' im Himmel und zum wahren Glück weisen werde. Kinderecke. Licht und Wärme. Von Heinrich Einstädter. I. Kernfeld ist ein kleines Amtsstädtchen mit vorwiegend bäuerlicher Bevölkerung. Die jüdische Gemeinde bestand zu der Zeit, in der unsere Geschichte sich ereignete, aus etwa 15 alteingesessenen Familien. Eine Zuwanderung war in der gesamten Einwohnerschaft seit langem nicht mehr vorgekommen, außer wenn unter den Beamten eine Versetzung erfolgte oder ein Auswärtiger in eine Bürgerfamilie einheiratete. Die Erwachsenen kannten nicht nur sich gegenseitig, sondern auch ihre Kinder, und außer Geburten und Sterbefällen gab \j^s selten etwas Neues. So ist es erklärlich, daß die Kinder des Kaufmanns Frisch, Mathilde und Emil, es als eine erwünschte Abwechslung begrüßten, als sie an einem trüben Tage im November von ihrem Vater den Auftrag erhielten, der Frau des Amtsdieners Seder einige Waren zu überbringen, die jene eingekauft hatte. Die Familie Seder wohnte nämlich im Gerichtsgebäude, und der Amtsdiener versah gleichzeitig die Stelle des Gefängniswärters. „Wenn wir Glück haben," sagte Emil zu seiner Schwester, jäo können wir einmal in eine der Zellen schauen." Und sie hatten Glück. Als sie am Tore läuteten, war Frau Seder gerade damit beschäftigt, den Gefangenen das Essen zu bringen, das sie schon in deren Näpfe gefüllt hatte. Sie forderte darum die Kinder auf, einstweilen in der Küche zu warten, ,,0, wir möchten Ihnen gerne 'helfen," antwortete Emil, und die Frau überreichte darauf jedem zwei Eßgeschirre und hieß sie, ihr zu folgen. Unterwegs erzählte sie ihnen, daß auch gerade „ein polnischer Jud' im Gefängnis sei, „aber kein Räuber und kein Mörder, sondern ein armer Hausierer, der nur ein paar Tag' kriegen wird, weil sein Schein abgelaufen ist. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr einmal zu ihm hineingehen. Ich hab' ihm Kartoffel und Salat gekocht, weil er die Suppe und das Gemüse nicht ißt." In zitternder Erregung folgten die Gej schwister der Frau. Sie öffnete eine Tür, und die Kinder traten in eine enge Zelle, die nur durch ein kleines vergittertes Fenster oben an der Wand Licht erhielt. An einem schmalen Tischchen saß ein untersetzter Mann, dem die Sorgen schon manche Runzeln in das gebräunte Gesicht gegraben und viele graue Haare in den vollen Bart geflochten, hatten. Er erhob sich anständig vor der Frau, die ihm versicherte, daß sie zur Zubereitung seines Essens kein „trefenes Geschirr" verwendet hätte, und ihm die beiden Besucher als „zwei brave Judenkinder" vorstellte. Sie reichten dem armen Manne die Hand, und ihre Augen spiegelten das Mitleid wieder, das sie mit ihm fühlten. Er sprach einfach: „Unter meinen fünf Kindern sind zwei in Eurem Alter. Möge G'tt sie segnen und auch Euch glücklich werden lassen." Die Kinder lispelten ein Wort des Dankes und des Abschieds und gingen mit Frau Seder zurück, um ihren Auftrag zu bestellen. Dann sprach Mathilde: „Frau Seder, dürfen wir heute abend dem Armen etwas zu essen bringen? Unsere Mutter wird ihm gern etwas schicken." ii dem Fremden zu überbringen. Es blieb ihnen unvergeßlich, wie die Freude das Angesicht des Armen verklärte, und wie er sich erhob, um seine Hände auf ihre Häupter zu legen und mit einem Blick nach oben sie leise zu segnen. Als sich die Kinder dann entfernten, versprach er ihnen, anderen Tages ihre Eltern aufzusuchen, um sich selbst bei ihnen gebührend zu bedanken. II. Der nächste Tag war der 24. Kislev. Als der Fremde zur Familie Frisch kam, Wurde er. zum Mittag- und zum Abendessen eingeladen. Seine jungen Freunde baten ihn, bei ihnen Und richtige Nachkommen der Urväter waren die Makkabäer. Sie ließen sich durch keine Verlockungen vom Wege der Thora, vom wahren Lichte abbringen. Daher ward ihnen auch wunderbares G 'e 1 i n g e n von - G'tt gespendet, und sie setzten diese acht Chanukatage ein,'um zu danken und zu rühmen. .Und danken und rühmen will auch ich. Lang und schwer waren die Tage meiner Wanderschaft. Getrennt von meinen Lieben mußte ich jahrelang das harte Brot der. Fremde genießen, und der Weg, auf dem ich dahinwankte, endigte — im Gefängnis.