Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1935)
- Date
- 1935-12-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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S^^^^^^^^^^^^^^^s^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ Feullletoii- Der Israelit Nummer 51 1935 Irrlichter. Chanuka-Novelle aus der ungarisch-jüdischen Assimilationsepoche. Von Adolf Älimaim.? Pfeifend .saust der Nordwind über die Pußta hin. In unüberblickbarer Ebene ausgebreitet, so weit das Äuge reicht mit Schnee bedeckt, weit .und breit kein Hügelchen und kein, wenn auch jioch so dürrer Baum oder (Strauch zu seihen, .gleicht heute die Tiefebene von Bacska, wohin uns unsere Schilderung versetzt, nicht wie sonst -einer stillen Einöde, einer weiten Wüste, sondern mehr einem endlosen, von Sturimesbrausen aufgepeitschten Meere. Auf der ungarischen Pußta, im Sommer das Land .des „delibab", (Fatamorgana), ist im Winter die Windsbraut keine fremde Erscheinung. Die Schneegestöber treten hier naturgemäß unheimlicher als in Wald- oder Hügelgegenden in Erscheinung. Der Sturm hat hier völlig freies Spiel und die Schneesäulen wirbeln sich geradezu .gespensterhaft kreuz und quer von der Erde himmelwärts und umgekehrt. So ungestüm und ■wild wie iheute hat aber der Sturm auch hier .schon lange nicht getobt. Zum Glücke aber-ist iheute "kein Werktag. Es ist vielmehr der erste Tag des Weihnachtsfestes und die Leute in den ^Tanyas" (Bauernhütten) sitzen daheim beim warmen Herde, beim gesalzenen Schöpsenfleische und ihrem gesottenen Paprika. Sie lassen sich die 'Ruhe des Tages, der „Friede sei dem Menschen auf Erden" predigt, wahlbekommen. Nicht «inmal einen Hund lassen sie in diese Wildnis hinaus. Kein Laut und Ton eines Lebewesens -würde denn auch die Leichenstille der toten Winternatur stören, wenn nicht, wie gesagt, der nordische Musikant sein Schauerliedleüi pfeifen wollte. Doch wo selbst kein Hund versucht, dem 'entfesselten Elemente die Stirne zu bieten, Widerstand zu leisten, tut es ein anderes kühnes, scheinbar gegen alles gefeites zähes Lebewesen dennoch — ein Jude. Siehe da, ein Jude kommt des Weges ein- ■hergekeucht. Der Straße Spur ist zwar verweht und des Sturmes eisiges Treiben läßt noch dazu den orientierenden Behelf des Auges nicht gut zu. Aber was tut das alles 'einem Juden, der .sich ein Wanderziel gesteckt. Ein Golusjude ist von Hause aus gedrängt, den Wanderstecken zum Tornister seines alten Kainbündels zu tragen, und unser Jude, den der auf erzwungene Trieb des Wandern«" heute am 25. Dezembertage in die Bäcskaer Pußta buchstäblich wie hineinschneien ließ, sieht seinem angedichteten Ahn von der Sage, dem leibhaftigen Ahasver, nicht unähnlich. Es ist ein Mann dem Greis enaiter nahe, in dunklem, bis zu den Füßen langem flatterndem 'Gewände. Die Schläfe umfliegt eine lange 'Silberlocke. Sein Vorhaupt sieht wie verwittertes Felsgestein aus, das vielem Wettertosen .schon getrotzt, und' seine' Augen nisten drin wie Adler. Ein Mann fremd den Menschen und weltfremd, verwildert fast scheint er. Aercugstlich Tolli sein Auge in der Höhle — und dennoch leuchtet es wieder wie Geistesmacht so mild, .zufriedenundheimisch darin. Tiefer Gram durchfurcht sein Angesicht, doch «s zuckt auch ein S-trahl geheimer Freud« darin. Er scheint alt und gebrochen, und doch blickt man näher, blitztes jugendlich aus seinem Auge uröd Antlitz. Es ist ein polnischer Jude. Ihr seht es aus der Schilderung, ein Jude des Ostens ists, dem man mehr als dem des Westens an Nase, Augen, Bart und Kleidung den Stempel der Auserwähltheit, einstweilen zu Pein und Golus, zum Ahasvertum ansieht. Was ist heute wohl das Ziel seiner gewagten Wanderung, heute durch Schnee und Sturm? Warum muß er just augenblicklich dahin, wo er will? Oder hat er etwa gar kein Ziel? Weiß er vielleicht selbst gar nicht, wohin er ^will? Ist er etwa einer von den Tausenden seiner Art, die ins Leere hineinwandern? — Das scheint bei unserm polnischen Juden denn doch nicht der Fall zu sein. Sonst würde er nicht so sehr seine Schritte nach einer bestimmten Richtung hin beflügeln und mit einem wahren Späherblicke nach der Ferne auslugen, als ob das Ziel jeden Augenblick in Sicht kommen müßte. Ueberhaupt gibt sich im Ganzen in der Art seines standhaften, unverdrossenen Wanderns jene freudige Zähigkeit kund, die nur das Bewußtsein eines .absehbaren Zieles verleiht. Nur ein Umstand scheint ihn mit Ungeduld, die fast ans Aengstliche streift, zu erfüllen, der Umstand, daß es bereits zu dunkeln beginnt. Mit einer besorgten Hast blickt er immer wieder zum Himmel auf und schüttelt nach jedem Aufblick bedenklich den Kopf. Daß es aber nicht nur die natürliche Angst vor dem Anbruch der Nacht, die seine Situation nur noch mehr verschlechtern würde, ist, erhellt sowohl aus seinem Mienenspiel als auch daraus, daß er nach den Sternen auszulugen scheint. Jetzt zählt er: eins, denn er hat einen Stern am Firmämene bereits entdeckt. Es ist der Abendstern. „Wie schud, wie schud", (schade) spricht er jetzt verärgert zu sich selbst, „daß ech {ich) nicht asoi (so) zu mein Duwedl unkümmen (anlangen) kenn wie ech gemeint hob, noch eder (vor) Minche (dem Vespergebet) ün (und) noch eder Chanikelicht zinden. Doch effseiher (vielleicht) doch noch, es -steint (steht) doch 'borüch hasohem (gelobt sei G'tt) erseht ein Stern, ün effscher schickt mer (mir) gor noch der Eiberschter (der oberste G'tt) a Führmun (Fuhrmann) zi der mech effscher aufnehmen wet (wird). Gur weit wetdech (doch) ministam (wahrscheinlich) nicht mehr sein bis zu Düwedls Git (Gutsihof)." Nun kennen wir auch deutlich unseres polnischen Juden Ziel. Sein weg führt ihn zu seinem Kinde, seinem Sohn Duwedl. Hier in der Gegend irgendwo, vermutet er, soll er wohnen und ein Gut bewirtschaften. Ganz genau scheint er darüber nicht orientiert zu sein. Wenn doch nur eine Fahrgelegenheit käme . . . Doch, horch, jetzt hört man ein Schlittenschellen näher und immer näher kommen. Ein Hauch seliger Freude umspielt des Juden Antlitz. Er wird jetzt fahren können und rechtzeitig noch seinen Duwedl, seinen frommen Sohn, beim Chanukaentzünden — denn es ist der Vorabend des ersten Chanukatages — mit seiner unerwarteten Ankunft überraschen können. Welche Wonne wird das für Vater und Sohn sein, Achi wie lange mag er wohl auf diesen seligsten der Augenblicke geharrt, seinetwegen so viel harte Wege und saure Entbehrungen durchgemacht haben! Er lispelt eben wieder einen Monolog, dem zu entnehmen ist, daß er schon seit nach Simchasthora „iherimblonget" (herumirrt) auf der Suche nach seinem Sohne. Seit einem Jahre nämlich hat er von ihm keinen Bericht bekommen. Alles Schreiben nach seinem früheren Aufenthältsorte, wo es ihm nach vorjährigen ©erachten nicht schlecht ging, war vergebens und er beschloß' schließlich, sich selbst aufzumachen, das Schicksal seines einzigen Sohnes zu erfahren. I Die Winterhilfe berät Spender und Bedachte! [ | Jüdische Winterhilfe, Fahrgasse 146, j In großem Elend und bitterer Not ließ er sein krankes Weib daheim zurück, denn auch sie trieb ihn in mütterlicher Angst und Sorge an, unverzüglich aufzubrechen. Mangels der nötigen Spesen schlug sich unser armer Chajim Krug — so dessen Name — von Ort zu Ort durch, daß er die milde Hilfe der Glaubensgenossen in Anspruch nahm. Er tat es sehr schweren Herzens, aber was tut nicht alles ein jüdischer Vater, der sein Kind sehen will. Vorgestern nun — es war ein Freitag — kam er endlich in Sz. an, aber leider keiner wüßte ihm so schnell zu sagen, wo sein Sohn namens Duwedl Krug wohne, Auf dem Magistratsamt aber sagte man ihm kurz, ein Mann, der früher Krug hieß, jetzt aber anders heißt, — er konnte sich diesen „gojischen" Namen, wie er sagt, nicht merken — sei weggezogen nach dem Pußtagu*yin der Richtung nach H. Was sollte er tun? Ueber Schabbos mußte er, wenn auch voller Ungeduld, ausharren. Er tröstete sich, daß es so ,,min haschumajim" (von G'tt bestimmt) sei, damit er am Erew Chanuka bei seinem Sohne eintreffe, und nun sehen wir ihn hastig, durch das Brausen des Unwetters dem unbekannten Wohnorte des ,,Duwedl" zueilen, Der Gedanke, ihn beim Anzünden der Chanukalichter mit seiner Ankunft zu überraschen, hat sichtlich für den alten freudenarmen Mann etwas unsagbar Süßes und Entzückendes und es wäre ihm bitter wehe, diesem Gedanken entsagen zu müssen. Aber ein G'tt hat Erbarmen. Das Schellen der Schlittenglöcklein ' wird' immer deutlicher und endlich wird die Ankunft nicht eines, sondern einer ganzen Kolonne von Schlitten sichtbar. Unser Jude wirft einen dankbaren Blick zum Himmel empor und postiert sich in erwartungsvoller Stellung, bis die Schlitten ganz nahe an ihn herankommen würden. Nun sind sie da. Aber o weh, diese Fahrgelegenheiten versprechen nicht viel für einen polnischen Juden. Sehen wir uns die Reisenden an: Im ersten Gefährt sitzt eine lustige, wohlgemute, in Pelzen warm gehüllte Gesellschaft. Sie führt mit sich einen mächtigen Tannenbaum. Im zweiten, dritten usw. folgen gleichfalls vornehme, elegante Damen und Herren, schließlich folgt ein Schlitten, auf dem Musikanten, fidele ungarische Zigeuner, mit ihren Fiedeln und Cimbeln Platz genommen haben. Man sieht, es ist eine Gesellschaft, die zu einem Weihnachtsfeste — wie solche in jener Gegend am zweiten Weihnachtsabende abgehalten zu werden pflegen — fährt. Hurtig, frohgemut, unter Scherz und Lachen vertreiben sich Männlein und Weiblein die Reisezeit, so gut es eben in diesem Hundewetter, wie sie fluchend ausrufen, geht. Unser Jude läuft auf den ersten besten der Schlitten zu und bittet mit flehentlichen Gebärden und komischen Worten, ihn doch mitzunehmen. Sein „Duwedl" werde gerne für die Kosten aufkommein. Ein johlendes Hailoh. und schallendes Gelächter ist die Antwort. „Ein Jude, ein polnischer Jude," so summt es wirr tollend, lachend und spottend aus allen Kehlen, und kaum daß Chajim Krug es sich versieht, sind die- Schlitten auch schon wieder weg. Nur der Nachhall des frivolen Lachens und die nur so nebenbei ihm aufgeschmierten paar Striemen von der Peitsche eines Kutschers erinnern unsern enttäuschten Juden noch im ganzen an den Zwischenfall. Jetzt ergießt es sich mit tiefer Bitterkeit in seiner enttäuschten Seele und sämtliche G'ttesflüche, die in seinem Register stehen, beschwört er, auf die Köpfe dieser Menschen herab. (Schluß folgt.)