Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1935)
- Date
- 1935-11-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 48 1935 Die unbezahlte Rechnung. Novelle von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.) Bald war er wieder in der Stadt, deren Ler ben sich in den letzten vierundzwanzig Stunden jäh veränderte. Ueberfüllt die Straßen, Geschrei tobte aus allen Ecken, wie als wenn der Vulkan, der nicht im Gestein, sondern in Menschenbrüsten lauerte, mit einemmale .hervorgebrochen sei mit aller Wucht. Nun spürte Moische eher, als im Dorf, um was es sich handelte: um die Freiheit eines seit Jahrhunderten geknechteten Volkes. Moische wurde von den Seinen, das heißt im Umkreis seiner Gemeinde, als eine Art PMlosoph betrachtet, und man hatte mit der Ueberzeugung^recht, daß Moische klug war wie einer der alten Patriarchen der Vergangenheit. Nur erstreckte sich sein Geist auf gewisse Zentren, über die hinaus er sich nicht wagte, vielleicht auch nicht wollte. Er nahm sich daher — nicht die Juden der ganzen Welt bei diesem Beispiel heran, sondern nur die russischen, jene, deren armes Leben er kannte. Die Judemheit einer Welt zu sammeln zu seinem Vergleich wäre ihm etwas Unfaßbares gewesen, denn jene ihm bekannten Juden stellten für ihn den Inbegriff der leiden/den Geplagten dar. So war der Jude, so ist der Jude und. so wird er bleiben. Das sagte einmal einer, der ihn verächtlich machen wollte. Nein, gewiß nicht, auf solche Weise vermochte ein Jude nicht zu handeln. Wie konnte er aufstehen gegen Bestehendes, das er nicht errichtet hatte, zu dem er blutgemäß nicht gehören 'durfte, weil, wen immer es auch anging, er beiseite geschoben wurde! - Freilich sah er hier und da zwischen den revoltierenden Menschen der Stadt solche, die Juden-waren und begeistert mittaten in der Welt des Verderbens und Neuauf bauens. Sie hatten sich umschlungen mit den anderen, sie marschierten im gleichen Schritt, und mit jedem Schritt, den sie taten, entfernten sie sich dem Judentum .ein Endchen mehr ... Denn nicht Gewalttaten kennt das jüdische Sein, dafür sind die jüdischen Menschen nicht geschaffen. Wohl können sie tapfe*re Soldaten sein, j Helden, indem sie das Werk mit ihrem Blut besiegeln, aber jener Freiheit zustreben, die ebenso trügerisch war wie, verderblich, das war nich^- Sache eines wahren Juden. " Wae anders konnte es kommen hier im russischen Reiche, daß zwar die Juden mithalfen, das Land vom alten Regime zu befreien, aber eines Tages — blieben sie ihrem Glauben treu — eben um dieses Glaubens willen wieder in die niederdrückende Demut verfallen mußten, in die sie aufkeimende Verachtung und rätselhafter Haß trieben. Langsam ging er weiter. Ist es denn Bestimmung für die Juden, so fragte er sich nunmehr selbst, hinterm Gebetpult oder sonst an andächtigen Stellen zu stehen, um .abzuwarten, was G'tt ihm schickt? Darauf .wußte er keine Antwort. Er war ein kleiner;Ju4e, eingepfercht sein Leben lang in einem Dorf voll Verurteile, wo der Jude Spielball war, und seine Den'kungswedse war schon weit voran den anderen Gemütern. Trotzdem kam er dem Kernpunkt der Wahrheit nahe, indem er es für die Juden eines Landes als wenig erachtenswert hielt, in die Räder einzugreifen, die das Staatsruder leiten. Denn mag es gut oder schlecht im Lande sein, der Jude bleibt der Jude, was mit anderem Sinn bedeutet, daß die Kluft ihn von den Menschen anderer Rasse trennt durch nie gelöste rätselhafte Regungen. Der Händler Moische jedoch schüttelte sein in sich verwirrtes Denken von sich ab und suchte sich durch Menschen- und Straßengewirr jenen Ort, an dem er vor nicht allzu langer Zeit vier Stunden wartete, bis es dem Glaubensgenossen paßte, ihn endlich zu empfangen, um ihm das Geld zu geben. Wüstsah das Haus aus, alle Fenster eingeschlagen, die Türen aus den Angeln gebrochen, das Holz war zerschlagen von Beilhieben und Kugeln. Augenblicklich war es totenstill in dieser Straße, denn die Wut hatte hier ausgetobt. Eine Wache stand vor der zerborstenen Tür, denn es galt hier einen Kassenschrank zu behüten, der voll des Geldes war. Wie lange dauerte es, bis der demütige Jude es wagte, an den Mann heranzutreten, um seine Fragen anzubringen, Aber es war ein gutmütiger Mensch, gestern noch Knecht, heute Herr geworden, was ihm ein wenig in den Kopf stieg. Die Taschen 'hatte er voll mit Geld und Kostbarkeiten, 'hinter ihm im Haus stand ein Schrank, so voll mit Geld, daß es ihm leid war, daran zu denken. Deshalb lächelte er und sah zu, wie sich der Jude näherte. „Wo ist der Herr dieses Hauses," fragte Moische mit einer Ruhe, die ihn selbst erschütterte. Denn er wußte, daß der Jude nicht mehr lebte. Er erfuhr — die Wache war gesprächig und freundlich -— daß man den Geldverleiiher nicht auf angenehme Weise ins Jenseits beförderte mitsamt seiner Brut . . . Moische starrte den Mann an. Er wollte schreien, daß er Geld von diesem jäh Verblichenen geliehen habe und es hinschmeißen, weil es ihm doch nicht gehörte. Dooh sah er die rohen Hände des Mannes, dessen dick geschwollene Rocktaschen, aus denen Rubelscheine herausschauten wie Altpapier und die Vision von dem Tropfen auf einen beißen Stein tauchte vor ihm auf. Grinsend würde der Mann das Geld nehmen und in die ohnedies überquellende Rocktasche stecken. Die gebückte Gestalt des Moische hob sich ruckweise. Dieser Mann da sollte nicht der Erbe seines. Glaubensgenossen werden. Er grinste deshalb in gleicher Weise wie die Wache und wandte sich wieder um, Niemand rief ihn zirruck, wie er erwartete, der Wachtposten aß 'eine 'der Delikatessen, die er sich in einem Laden raubte, schmatzend und geruhsam, en Juden hatte er bereits vergessen . . . Heim — weiter nichts als heim, dachte Moische, aber kein drittesmal vermochte er mit den geschwollenen Füßen nach Hause zu gehen. Er wartete am Weg, bis einer der Wägen vorüberkam, in denen 'die Menschen johlend und sich freuend saßen und zusammenrückten, um einen müdem Menschen mitzunehmen. - - : Sie waren alle in der Stimmung, jeden zu beglücken. Einer der völlig Trunkenen griff in die Tasche und schimiß dem Moische eine Handvoll -, Diamanten in den Schoß. Die anderen johlten. „Jawohl, der armie Jude hat noch nichts, j seine Füße sind geschwollen, aber seine Taschen '■ nicht." Sie stopften ihm Geld, Lebensmittel und Kostbarkeiten in die Taschen und hielten seine Schultern umfangen mit den Worten: „Du bist unser Bruder*. . ." Moische hielt still, die bebende Angst in sich, die gute Laune der anderen zu verderben. Denn genau so, wie sie ihn mit guten Dingen versahen, konnte die Stimmung gegen ihn umschlagen und ihn verderben ... Aber keiner dachte daran. Großartig ihielt man sogar an, als Moische aussteigen wollte, man klopfte ihm auf den Buckel und munterte ihn auf, zu nehmen, wo immer er es auch vermochte. Er schaute den Davonfahrenden lange nach. Nein, er war kein Revolutionär, nur ein armer kleiner Jude, der um seine Familie bangte. Wie rannte er jetzt nach Hause, die Dorfstraße hinunter bis zum kleinsten Hause. , Hier war wirklich noch Friede, denn jene, die revoltierten, taten es anderswo, nicht alber in diesem armen Dorf, in den: es nur gedrückte Menschen gab. Ab und zu kam einer heim und lud ab, was er erbeutete. Die Weiber und Kinder, soweit sie die Tragweite der Veränderung noch nicht begriffen, taten ihre Arbeit wie gewohnt, genau wie die Frau des Moische, die ihren Kindern eben das Essen auftrug . . . Als Moische taumelnd eintraf, schrie sie auf und kam dem völlig Erschöpften entgegen. „Was ist dir, Moische?" fragte sie angstvoll, als 'sie ihm die Schuhe hatte ausziehen helfen und er todmüde an der Wand lehnte, an der die Bank, auf der er saß, stand. Er öffnete die Augen und sah den Frieden um sich. Seine Kinder suchte sein Blick, nur der Mischa fehlte — anders hätte es nicht sein können. „Wo ist Mischa?" fragte er statt jeder Antwort, Die Frau zuckte mit den Achseln, „Ich weiß nicht, ab und zu kommt er her und schreit ins Haus, daß die Stunde der Vergeltung gekommen sei. Der Junge ist von Sinnen . . ." Sie holte einen vollen Teller herbei und reichte ihn dem Mann, der jetzt erst merkte, daß er Hunger hatte, denn die Lebensmittel, die ihm die Russen zusteckten, berührte er nicht. Langsam aß er und sein Atem wurde ruhiger, wie sein Körper wohliger in steter Erholung. Als die Frau ihm den leeren Teller wieder abnahm, sagte er zu ihr und bewegte vorsichtig die wunden Füße: „Revolution ist Die Frau zuckte zusammen. „Dann wirds wieder gegen uns Juden gehen . . ." Er lächelte leicht- „Diesmal haben sie sich ein -höheres Ziel ausgesucht, als uns armselige Juden: den Zar und all die oben waren . . „Waren?" -,,Ja, nun sind die Knechte Herren . . ." Sie sah ihn verständnislos an, dann erinnerte sie sich der Sorge der letzten Zeit. „Hast du das Geld für den gnädigen Herrn?" Er sah sie lange an, dann kramte er in den Taschen, legte die geschenkten Kostbarkeiten hin und dazu die große Summe, die er gegen Wucherzinsen geliehen hatte und deren Erbe er nunmehr geworden war. Ein wenig wich die Frau von ihm zurück, aber er .beruhigte sie. (Fortsetzung folgt.)