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Der Israelit · 1935-11-28 · Heft 48 (28.11.1935) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 48 (28.11.1935)
Date
1935-11-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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28. November 1935 D e r I s r a e T.i t Nr. 48 Seite 7 zwischen Stadt und Land, verwischt, Beachtung und Nachahmung fänden muß. Das neue Gesicht des englischen Parlaments. . Die Wahlkampagne in England, die heftig, aber mit traditionell englischer Ritterlichkeit von allen Seiten geführt wurde, brachte den vollen Sieg der Regierung «und damit der großen Kon servativen Partei, woraus gefolgert werden kann, daß sich in der iPalästinapolitik der englischen Regierung und Volksvertretung — in England selbst gibt es keine Judenfrage — nichts ändern wird. Ein paar markante Gestalten schei den aus, auch einige mutige Kämpfer für die Sache der Juden und des jüdischen Nationalheimes. Bannet Janner, der Vertrauensmann der Zionisten, dankt seine Niederlage zum Teile den Poale Zion, die als Demonstration gegen die allgemeinen Zionisten ihre Stimmen dem sozialistischen Gegenkandidaten gegeben haben. Aber der bekannte nichtjüdische glühende Freund Palästinas und eifrige Annehmer der Ju den, Joshia W e d g e w o o d , behält seinen Sitz, was von der jüdischen Bevölkerung mit Genugtuung aufgenommen werden (wird. Erhalten bleibt uns und dem Parlament auch James Rothschild, der Sohn von Edmund de Rothschild und Präsident der ,,Pioa". B'e dauert nicht allein von Juden und auch nicht allein von der Liberalen Partei, deren Füh rer er ist, wird die Niederlage von Herbert Samuel, dem früheren jüdischen High Commissioner in Palästina. Seine faire Kampfesweise selbst mitten in der Hitze der Wahlgefechte wird sogar von den Konservativen anerkannt. Als jüdischer Verlust ist der Abgang Samuels aus dem Grunde nicht zu buchen, weil er nur selten im Parlamente für jüdische Belange eingetreten ist, Er war und ist der geniale Vertreter und Führer der Liberalen, deren Sache zu halten er auf verlorenem Posten bis zuletzt bestrebt war. Er fällt im politischen Kampfe nicht als Politiker und ganz gewiß nicht als Jude, sondern eben als Führer eines Kreises, der zwischen den Konservativen und der Labour Party in England keinen rechten Platz mehr hat. Die Niederlage der Liberalen Partei ist aber in England nicht gleichbedeutend mit dem Zusammenbruch des liberalen Gedankens, der, soweit er in der Tradition der Gleichberechtigung seinen Ausdruck findet, voll und ganz auch von der Konservativen Partei, in der neun von den siebzehn gewählten'Juden sitzen, übernommen und gehütet wird. Daß Ramsey Macdonald sein Mandat an den jüdischen Sozialisten S'h inwell verloren hat, mag in den sozialistischen Reihen Jubel auslösen, in jüdischen Kreisen wird man es aber begrüßen, daß die Macdottalds, Vater und Sohn, der Regierung erhalten bleiben. Letzterer tritt ins Kabinett als Minister für die Dominions ein und wird als solcher mit jüdischen Dingen nichts zu tun haben. J. H. ThonjLas , der nexie K o I'o n i e .n m i n i s t e r , hat sich bei wiederholter Gelegenheit mit vollem Herzen zum B a lf our-M an d a t bekannt. Alles in allem wird1 'sich danach am Geiste des neuen Parlamentes nichts ändern. Schwere Unruhen in Polen. Die Welle des tätigen Judenhasses dn Polen hat einen Höherigang erreicht, der ein paar Worte der Betrachtung über Ausgangspunkt und Rückwirkung rechtfertigt. Die Ausschreitungen setzten schlagartig in Warschau, Wilna, in Lemberg und Lödzj' in Grodno •und Bialystok ein, also zugleich in Galizien, Kongreßpolen 'und den Randstaaten. Das Bild zeigt die bekannten 'Züge. Demagogen der nationaldemökratisehen Partei schüren das »Ferner und schmieden das Eisen solange es heiß ist. 1 Ein äußerer Anlaß gibt das Signal, liefert die bekannte nLunte" für das bis zum Rand arigefüllte Pulverfaß.. Und dann geht es munter lös, gegen Junge und Alte, mit Knüppeln und Steinen gegen Menschen und Fensterscheiben, auch mit Bomben und Granaten gegen Synagogen, wie in Lemberg und in einem Städtchen bei Sosnowice. Der äußere Anlaß war diesmal der Ausgang des Grodnoer Prozesses gegen die Unruhestifter im vorigen Sommer, die auch den Mord an einigen Juden auf dem Gewissen haben. Das Urteil gegen die Angeklagten fiel sehr milde aus. Wäre es streng ausgefallen, so wäre es ein Signal gewesen, „auf Nalewki", das Warschauer Judenviertel, zu ziehen, um an den Juden Rache zu üben. Das ■milde Urteil aber reizte und ermutigte erst recht. So oder so, der Mob war gerüstet. Die Polizeiörgane waren überall am Platz und griffen energisch ein, aber ihre Kraft reichte nicht aus, um die Ausschreitungen'im Keime zu ersticken. In Denkschriften beleuchteten die jüdischen Abgeordneten und Senatoren die Lage und kennzeichneten die Schuld der Regierung darin, daß sie den Geist in den Staatsschulen, von den unteren bis zu den höchsten, dulde, der eben die halbwüchsige Jugend auf die Straße und zu jenen Exzessen treib«. Während in L e mb e r g , wo man bei den letzten Unruhen 35 verletzte Juden zählte, die Ruhe vollkommen wiederhergestellt ist, werden in Lodz, wie berichtet wird, besonders aus dem von Juden bewohnten Stadtviertel B a 1 u t noch täglich jüdische Verletzte in die Krankenhäuser eingeliefert. In Warschau mußten nach schweren Tumulten in und vor der Universität, denen die Professoren keinen Einhalt bieten konnten, sämtliche Hochschulen geschlossen werden. Es scheint uns aber, daß die Forderung der jüdischen Abgeordneten nicht unberechtigt sei, nicht erst an den Hochschulen, sondern schon an den Primär- und Mittelschulen die Hebel anzusetzen, und zwar nicht durch Schließung, sondern durch Pflege eines Geistes, der Roheitsakte, wie man sie in den letzten Wochen und Tagen in den Straßen der polnischen Städte erlebte, für die Zukunft unmöglich macht. Von Dir. Dr. Elias in Frankfurt a. M. Kennzeichen jeder Kulturgemeinschaft ist das Erbe, das sie zu verwalten hat. Die Menschen meinen oft wunder, wie aufgeklärt und kultiviert zu sein, wenn sie achselzuckend und naserümpfend auf die Vergangenheit blicken und sie für überwunden erklären können. In Wahrheit ist eine solche Denkweise nur das Zeichen eines kurzsichtigen Menschen, der nicht weiß, daß eine Kultur ihren größten und tiefsten Wert erst durch die Anknüpfung an die Vergangenheit erhält. Darum sind wir stolz auf die Jeruscho, auf das Erbe, das Israel zur Verwaltung übernommen hat. Freilich liegt ini Wesen der Erbschaft auch etwas Hemmendes. Und Menschen, die sich nur als Erben fühlen, sind nicht. viel mehr als jene Herrensöhne, die'ohne eigenes Verdienst nur auf Grund ihres Jichus oder ihres Vermögens, das ihnen ihre Eltern überlassen haben, über die anderen sich erheben zu können meinten, oder als Epigonen nichts als Schatten ihrer Vorfahren wurden. Im Begriff Jeruscho lag nichts dergleichen^ Jeruscho ist von ttH"» abzuleiten, und heißt nicht einfach erblich übernehmen, sondern durch Kampf zum Besitz gelangen. Darum finden wir immer, wo die Thora vom Lande als Jeruscho spricht, da begegnet sie sofort abwehrend der Hoffnung, durch einfachen Einzug, durch einfache Wegnahme das Land zu erhalten. Es gibt für uns nur einen Weg, das Land zu erwerbeni das ist durch ein Ringen um den Besitz G'ttes, durch Abgrenzung von den Sitten derjenigen Völker, aus deren Händen es auf uns übergegangen ist, und durch Beachtung und Pflege der Tauroh. So wie aber dies die alleinige Methode war, das Land zu erhalten, so wie die Ignorierung dieser drei Momente den Verlust nach .sich gezogen haben, so sind sie es, von denen die Wiedergewinnung des Landes abhängt. Darum flehen wir: miD WT^ HK^JI 'TTJ1 77TH D^IJD "|'pn WWW Karr oVwn "nbi miyanma'» ">mb nmv denn einen anderen, einen tieferen Sinn gibt es für das heilige Land nicht, als Schauplatz zu sein für messianisohes Menschenleben und Vorbereitungsstufe für jene andere Welt, in der es kein niedriges und kein Häßliches, keine Nacht und keinen Tod mehr gibt. V ^| 1*: Korrespondenzen. Deutsches Reich. Die Juden in Deutschland. Berlin, 26. Nov. Unter obigem Titel ist im Zentralverlag der NSDAP, ein umfangreiches Werk als nationalsozialistisches Handbuch der deutschen J u» denfrage erschienen. Das Buch, das die nationalistische Haltung in der Judenfrage vertritt und begründet, befleißigt sich einer bemerkenswerten Objektivität und bietet durch die Darlegungen eine gewisse Basis zu einer ruhigen. Ausspraqhe über manche Punkte des Problems. .Wir.j.esen Zunächst Angalben über die. zahlenmäßige,> Entwicklttng der Juden, deren. Abwanderung in die) Größ«tädter dfcren Berufsleben, über Mischehen.imd dergj^chen(Fragen^ die auch in der positiv eingestellten jüdischen'; Presse, nicht Zuletzt im „Israelit", s«it Jahr uhd Tag «Gegenstand von Betrachtungen und Wairnungen 'bilden,. Die statistischen Angaben in dem Buche sollen ein Bild über die überstarke Beteiligung der Juden an den akademischen Berufen ergeben. Auch für die Beteiligung der Juden in Hände und Industrie ist ein großes Zahlenmaterial zusammengetragen. Unverhältnismäßig groß sed der Prozentsatz der Juden im Metallhandel, im Bankwesen, in der Textilwirtschaft, im Getreidehandel und auch im Ftunsthandel. In der Politik seien die Juden zu, einem Teile Träger des Defaitismus und zum anderen Vertreter des Marxismus, wofür aber eine große Reihe von Namen zeugen sollen, die wir im positiv eingestellten jüdischen Kreis von jeher ablehnten und die ihrerseits sich niemals irgendwie mit dem Judentum verbunden fühlten (Emil Ludwig, Ernst Toller, Kurt Tucholski usw.)i. Es wird schließlich im^ Buche selbst zugegeben und anerkannt, daß sich in den letzten Jahrzehnten auch jüdische Stimmen gegen ungesunde Entwicklungen im jüdischen Leben warnend erhoben. Als Motto trägt das Werk die vom Redchsminister Dr. Goebbels auf dem Parteitag 1933 in Nürnberg gesprochenen Worte; „Es ist durchaus nicht an dem, als machten wir den Juden zum alleinigen Hauptschuldigen an der deutschen Geistes- und Wirtschaffcs- .katastrophe. Wir kennen alle die anderen Ursachen, die zum Verfall unseres Volkes führen. Aber wir ihaben auch den Mut, seine Rolle in diesem Prozeß zu erkennen und beim Namen zu. nennen." i Es wird sich noch Gelegenheit 'bieten, artf einzelne Ausführungen des Buches näher einzugehen.

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