Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1935)
- Date
- 1935-11-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 48 Der Israelit 28. November 1935 den verschiedenen judäischen Kolonien zu gründen. Diese Anstalten konnten aber, offenbar weil die materiellen Mittel fehlten, nicht recht vorwärts kommen und waren nicht imstande, den Wettbewerb mit den von den europäischen Organisationen, insbesondGi'e der AlliattCe Isfaolite Universelle unterhaltenen und verheerend auf das religiöse Leben wirkenden Schulanstalten aufzunehmen. Hier setzte nun die Wirksamkeit der Freien Vereinigung ein, Den Bemühungen von Rabbi Jonathan Horovicz gelang es, die oben genannten Rabbiner zu einer schriftlichen Kundgebung nach Frankfurt zu veranlassen, in der ausdrücklich gebeten wurde, sich dem Werke der Gründung von Talmud Thora- Anstalten in den Kolonien zu widmen, und man gab dabei auch die Zustimmung, daß außer den biblischen und talmudischen Fächern in diesen Schulen (außerhalb der alten Städte Jerusalem, Safed und Tiberias) auch die damalige Landesspräche und sonstige Profanfächer, wie er dem ungefähren Lehrplan einer deutschen Volksschule entspricht, unterrichtet werden dürfen, vorausgesetzt, daß der Tihoraunterricht den Gesamtunterricht beherrsche und auch den Geist der Anstalt restlos bestimme. Der folgende Jahresbericht der Freien Vereinigung, der 1909 erschien und über den großen Frankfurter Vereinstag vom 28. Dezember 1908 berichtete, zeigt die gedankliche Weiterentwicklung, die die Beziehung der Freien Vereinigung zum heiligen Land bei den Führern inzwischen erfahren hatte und aus der heraus bereits deutlich der Gedanke der Agudas Jisroel hervorzusc himmern beginnt. Unter der Rubrik Palästina-Kommission heißt es in diesem Berichte: „Es war ein prinzipiell wichtiger Schritt, den unsere Vereinigung vor einem Jahre mit der Bildung ihrer Palästina-Kommission vollzog. Wohl sollte und soll nach dem Willen ihrer Gründer die „Freie Vereinigung" vor allem die Kräfte der deutschen als einer Kerntruppe jüdischer Treue zu gemeinsamem Wirken sammeln. Aber es soll das so geschaffene „Werk der Liebe" und der religiösen Wiederartrfrichtung überall sich betätigen, wo es gilt, für die gefährdeten idealen Güter des Judentums in die Bresche zu treten. Zum ersten Male gelangte dieser an sich selbstverständliche Gedanke in unserer Palästina - Kommission zum organisatorischen Ausdruck und es war eine innere Notwendigkeit, daß es geschah. Die Bekenner des überlieferten Judentums sind heute überall in Westeuropa numerisch in Zweierlei Segen. Von Rabbiner Dr. M, Lewin in Hamburg, Jakob wird von seinem Vater zweimal gesegnet. Das eine Mal mm vivt pnanv da getrübt waren seine Augen, um zu sehen, segnete Jizchak wider seinen Willen seinen jüngeren Sohn.— ganz unbewußt und unbeabsichtigt. Er glaubte Esau vor sich und sprach über Jakob das aus, was jenem zugedacht war. Und wenn auch der Patriarch seinen unfreiwilligen Segen bekräftigte und die bedeutsamen Worte sprach: 'W TTO DJ „er soll auch gesegnet sein", so konnte es dabei nicht bleiben. Was für Jakob als besonderes Zukuoftsgut in prophetischer Vorausschau der Vater erblühen sah, das verhieß er ihm nun in dem zweiten Segen, mit dem er ihn in die Ferne und Fremde sandte. /D'ny VnpV fl«ni yw\ "\m -pa» „G'tt, der Allmächtige, wird dich segnen und dich fruchtbar machen und dich vermehren, daß du zu einer Versammlung von Völkern wirst, rom m -fi ]rv>i /Dmas* d'p^k im -ipr tu» pa n« ynrb -yis *pntin ij» ama« Er wird dir den Segen Abrahams geben, dir und deinem Samen bei dir, daß du das Land deiner Fremdlingsschaft erbest, das G'tt dem Abraham gegeben." Der Vater stößt nicht um, was er über Jakob ausgesprochen. Er läßt es reifen und greift vielleicht darauf zurück, wenn er den Segen, den er von Andie Minderheit gedrängt; in hiartem Ringen haben sie sich 'als Minderheit behauptet, in hartem Ringen mit dem Geist des Abfalls und der Assimilation die Methoden des Gegners und die Licht- und Schattenseiten einer religionsfeindlichen Zeit-Kultur kenne« geUrtti Was uns &ufreöhthält in diesem Ringen, ist vor allem das Bewußtsein, daß — ob auch gering an Zahl unsre Reihe — doch „die Jahrtausende auf uns herabMicken", daß das Judentum der Geschichte, wie wir es vertreten, jedes Mänjan gesetzestreuer Juden im tiefsten Sinne zu einer Vertretung desunsterblichen jüdischen Volkes macht, weil .in ihrer Mitte allein die Lebensseele -dieses Volkes, die Thora, wohnt. Je mehr dieser prinzipielle Anspruch den Gesetzestreuen heute bestritten wird, desto mehr müssen wir uns klar machen, daß wir in der Tat auch numerisch gar nicht die Minderheit sind. Wir sind es nur, wenn wir uns in unsere eigenen Pfähle einriegeln und daran vergossen, daß drüben im Osten, ja heute auch drüben im Westen, Hunderttausende, ja Millionen jüdischer Seelen atmen, die mit uns ganz in dem Boden des überlieferten Judentums wurzeln, in deren Mitte — trotz der religiösen Verheerungen des letzten Jahrzehnts — derselbe Thorageist noch immer lebt, dem wir uns und unsre Kinder erhalten möchten — Millionen jüdischer Sefelen, die uns vieles — und denen auch wir manches — den Anschluß an eine neue Zeit — zu bringen haben. Das ists, was uns die Arbeit für unsere Brüder in doppeltem Sinne zu einer sittlichen Pflicht macht und was uns, die organisierte gesetzestreue Judenheit Deutschlands, mit Notwendigkeit dazu veranlassen müßte, in der Palästina- Kommission ain Organ für diese Wirksamkeit nach außen zu schaffen. Die praktischen Ergebnisse des ersten Jahres dieser Kommission müssen naturgemäß zurücktreten, hinter der grundsätzlichen Bedeutung der Tatsache, daß wir die Vorberetungen zur praktischen Arbeit in Palästina getroffen haben. Wir vertrauen, die Vertretung unserer Interessen im heiligen Lande dem unter unsrer Mitwirkung von den Amsterdamer Pekidim nach Jerusalem entsandten Herrn Rabbiner J. Horovicz an, einem gebildeten, energischen Manne, dessen bisherige, sieben Monate umfassende Wirksamkeit gute Erfolge für die Zukunft erhoffen läßt. Die wichtigste und, dringlichste' Aufgabe scheint für uns von vorneherein auf dem Gebiete des Erziehungswesens in Palästina zu liegen, und die „Freie Vereinigung" glaubt zu fang an als den für Jakob geeigneten und notwendig erkannten in Bereitschaft gehabt und nun ausspricht, beginnt "W 5>pl „Und der allmächtige G'tt", als wollte er sagen: Das erste, das materielle Segensgut, soll sieine Grundlage und seine Krönung finden im Ringen und Streben nach dem Geistigen. Des Materiellen kann auch Jakob nicht entraten. Es soll und darf ihm aber nur Mittel, niemals Zweck und Ziel sein, niemals Selbstwert, sondern immer nur Behelf und Hebel zur Erlangung und Verwirklichung des Höheren, des a b r a h a m t i s c he n Segens. 0">nb }»D JVOlri» jn>8» nn Der Väter Geschick ist Deutung unseres jüdischen Schicksals. Unser Volkstum konnte niemals seinen Bestand und seine Sicherheit gewährleistet wähnen, wenn es auch materiell gesichert schien. Ein einziger Sturm kam oft und brauste über unseres Volkes Gefilde, und sofort waren alle Errungenschaften vernichtet. Was wäre wohl aus Israel geworden, wenn ihm nicht der abrahamitisehe Segen jene ewigen Werte gebracht hätte, die ihm die innere Kraft sicherten zum Tragen und U eberwinden? Darum gilt es auch in unsern Tagen, daß wir uns zu jenem Ewigwertigen unseres Stammes zurückfinden, das uns zu festen, aufrechten Juden macht und uns in uns selbst erstarken läßt. Stammvater Jakob konnte ohne den zweiten Segen nicht bestehen und nicht seinen mannigfachen Widersachern widerstehen. Gewiß, er sichuf sich sein Haus und strebte nach Besitztum, in alledem fand er aber nur das Mittel zu seiner Bewährung und zur Wahrung des Abrahamsei-bes. Und auch das Jakobsivolk kann nie und nimmer einen andern Weg gehen. Wenn wir im heiligen Lande Grund und Boden erwerben und auch sonst allenthalben Söhne und Töchter unseres Volkes rührig am Werke sind und materielle Erfolge zu verzeichnen haben, so mögen wir einem erfolgreichen Eingreifen auf diesem schwierigen Gebiet um so eher berufen zu sein, als sie, auf dem Boden des orthodoxen Judentums stehend, das Vertrauen der maßgebenden palästinensischen Rabbinen und Führer besitzt und darum-an sich besser als andere gieiehstrebende Körperschaften in der Lage sein dürfte, in Anknüpfung an das Bestehende, einem heilsamen, die echte Thorawissenschaft und das jüdische Pflichtenleben harmoniisch fördernden Kulturfortschritte den Weg zu ebnen. - Wir müssen es uns aus naheliegenden Gründen versagen, schon jetzt die Einzelheiten der in Bearbeitung und zum Teil in der Ausführung befindlichen Pläne mitzuteilen. Dank der Mithilfe hochherziger Freunde ist es uns G'ttlob gelungen, eine verhältnismäßig befriedigende finanzielle Basis für den ersten Anfang unsrer praktischen Arbeit zu schaffen und wir hegen die feste Zuversicht, daß in dem Augenblicke, da wir uns an den weiteren Kreis unsrer Gesinnungsgenossen wenen werden, 'die Größe der Aufgaben, die uns dort winken und die geistige Not unserer Brüder im Orient die Herzen entflammen wird zu begeisterter, tatenfreudiger Opferwilligkeit." Erst im Anschluß an diese Ausführungen ist dann von der vorher noch im Vordergrund gestandenen (übrigens auch heute noch nicht befriedigend gelösten) Mikwaoth-Frage die Rede, zu deren Lösung, wie berichtet wird, das ,,Zentral-Kcmitee für die Armen und Pilgerwohnungen auf Zion" einen Baugrund entgegenkommenderweise unentgeltlich zur Verfügung gestellt habe. Es mußte nun den Leitern des Palästina- Werkes der Freien Vereinigung bald klar werden, daß eine sachgemäße Durchführung des Werkes nur dann möglich sein werde, wenn es gelänge, an die Spitze des ganzen Schulwesens einen durch -seine Persönlichkeit dazu berufenen pädagogisch geschulten deutschen Thoragelehrten zu stellen. Es war eine segensvolle Fügung, daß es gelang, für diese Aufgabe den damaligen Seminarlehrer An Köln, Dr. Moses Auerb ach, einen Sohn des Halberstädter Rabbiner Dr. Seli£ Auerbach V'ST' zu gewinnen, der nach kurzem Bedenken aus reiner Liebe zu Erez Jisroel das Amt annahm und im Elul 5669 (1909) nach Erez Jisroel übersiedelte. Dr. Auerbach nahm seinen Wohnsitz in der größten judäischen Kolonie Petach Tikwiah. Dort existierte bereits ein Talmud Thora-Gebäude des Schomre Thora-Vereins, in dem ohne'jeden organischen Zusammenhang etwa 80 Knaben in das als ein Produkt g'ttiichen Segens und jüdischen Fleißes buchen. Das alles muß uns aber die Verpflichtung erkennen lassen, die gerade auf dem heiligen Boden uns erwächst. Hier vor allem soll wieder zur vollen Geltung kommen: ap»' bip bipn Jakobs Stimme muß erklingen in G'ttes- und Lehrhausi, an den Tagen der Ruhe und Erhebung zur Ehre des Herrn und zum Ruhme Israels. Jakobs Stimme muß' widerhallen wie in den Herzen und Seelen der Alten so vor allem in denen, die die Zukunft unseres Volkes sind und Bannerträger des Heiligen und Erhabenen werden sollen. Bleiben wir alle auf die Wahrung von orros ro*«/ des Segens Abrahams bedachtf Bemerkung zu einer Kohelethstelle» Zu der Erklärung des Herrn Rabbiner Dr. Weinberg zu Koheleth 8, 10 in Nr, 41/42 des „Israelit" sei mir folgende Bemerkung gestattet: Nach Ansicht des Herrn Dr. W. ist unter wr.p die „Bagräbnisr stätte" gemeint, zumal wir im ganzen T'nach keine Bezeichnung für Friedhof fänden. Dies trifft aber nicht zu. In Nehemia 2, 3 ist die Rede von „Bet- Kiwraut", Begräbnisbausi; Jjob spricht von „Bes maued l'chol-choj", „Haus der Bestimmung aller Lebenden". (30, 23.) In Koheleth selbst (12, 5) heißt es ,,Ki ihaiulech hoodom ©1 bes aulotmau", „dehn es kehrt der Mensch in sein ewiges Haus zurück , Siehe: auch Taargum Jonatan zu Ps. 49, 12, zu Koheleth 9, 10 und Jjob 7, 9, der sämtliche Stellen mit imiap Ji»a übersetzt. Nirgends aber finden wir einen Beleg dafür, daß „Mokaum-Koidausich", Friedhof bezeichnete. Am allerwenigsten kann an besagter Stelle hiervon die Rede sein, wo doch Salomo von den „begrabenen Frevlern" spricht, deren Stätte doch gewiß kein