Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1935)
- Date
- 1935-11-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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21. November 1935 D er Israelit Nr. 47 Seite 7 hohen Orden ausgezeichnet. Ein Gemeindebeamter, Herr A. I. Müller,-der seit über 40 Jahren im Dienste der Gemeinde steht, erhielt den Oranien- Nassau-Orden. - - ■ „• Polen. Um die Schechita in Polen. Wa.rscb.au, 13. Nov. Die Exekutive und der Hauptrat der Agudat Haräbonim in Polen haben eine gemeinsame Sitzung nach, Warschau einberufen, an der etwa 50 Rabbiner aus den verschiedenen Städten teilnehmen werden. Es soll u. a. die Einleitung einer großen Aktion zur Verteidigung der Schechita gegen die in letzter Zeit sich häufenden Angriffe in der antisemitischen Presse besprochen werden. Verband der Jüdischen Gemeinden Polens geschaffen. Warschau, 11. Nov. Die Konferenz jüdischer Gemeinden Polens, die am 10. November im Hause der Warschauer Jüdischen Gemeinde stattfand und an der die Vertreter der jüdischen Gemeinden in den 16 größten Kreisstädten teilnahmen, hat die Schaffung eines Verbandes der jüdischen Gemeinden beschlossen. Es wurde eine Kommission eingesetzt, die die Statuten des neuen Verbandes ausarbeiten soll. . (ITA.) Antisemitische Ausschreitungen in der Posener Geg«hi<L Warschau, 14. Nov. Im Distrikt Posen ist es infolge der nationaldemokratischen Hetze verschiedentlich zu judenfeindlichen Ausschreitungen gekommen, In Pbonük wurden die Fenster der jüdischen Häuser zertrümmert; die Exzedenten forderten die Juden zum Verlassen des Städtchens auf. In Laszno und Wromke .wurden antijüdische Böykottplakate angeschlagen, In Rawicz drangen Unbekannte unter antisemitischen Rufen in jüdische Wohnungen ein. In Czarnikau, wo bisher noch nie eine antisemitische Strömung bemerkbar war, wurden jüdische Wohnungen geplündert, zahlreiche Juden mißhandelt und einige nicht unerheblich verletzt; Antisemitische Studentenexzesse in Warschau und Wilna Warschau,, 15. Nov. Im Anschluß an einen Gedenkg'ttesdienst, der in der St. Anna-Kirche iin Warschau von nationaldemokratischen Studenten anläßlich des, Beginns des akademischen Jahres zur Erinnerung an die Studenten Grotkowski und Waclawski, die bei den judenfeindlichen Unruhen der Jahre 1931 und 1923 in Lemberg und Wilna den Tod famden, abgehalten wurde, kam es 'zu antisemitischen Straßenkundgebungen und Aus- «chhreitungen. Die Studenten zogen von der Kirche zur Universität, dn die sie gewaltsam eindrangen, als der Rektor den Studenten anderer Hochschulen den Zutritt verweigerte. Vor der Universität hielt ein nationaldemokratischer Student eine aufreizende Rede vor etwa 1500 Kommilitonen. Es wurden sodann unter antisemitischen Rufen sämtliche Hörsäle des Hauptgebäudes, die Universitätsbibliothek und die Institute nach jüdischen Studenten durchsucht. Wo solche angetroffen wurden, wurden sie mißhandelt und vertrieben. Die Demonstranten zogen darauf zur Technischen Hochschule. Es kam zwischen ihnen und den jüdischen Studenten zu heftigen Zusammenstößen. Hochschulfremde Elemente drangen in die Zeichensäle ein und attackierten die jüdischen Studenten mit Zeichentischchen. 30 Tische wurden dabei zertrümmert, Auf dem Wege von der Universität zur 'Technischen Hochschule wurden dn vielen jüdischen Geschäften die Schaufensterscheiben eingeschlagen. Fünf jüdische Passanten wurden mißhandelt; Polizei stellte schließlich auf beide« Hochschulen die Ordnung wieder her. Auch in Wi 1 n'ä 'veranstalteten '^antisemitische Studenten der dortigen Universität nach einem Gedenkg'itesdienst . für den 1932 .getöteten Studenten Stanislaw Waclawski Kundgebungen in den Haupt- Die Woche- Berlin. Der allgemein bekannte und verehrte frühere russische Staatsrat Jacob T e i t e 1, der sich in der Verbannung als Gründer und erster Vorsitzender des »Verbandes russischer Juden" überaus verdient gemacht hat, beging am 15. November in voller Aktivität seinen 8 5. Geburtstag. Breslau. Der Not der Zeit gehorchend, richtete die Breslauer Gemeinde Hausgehilfenkurse für Frauen und Männer ein. Hannover. Die Mendelssohnstraße ist in Heinrich Schütz- Straße umbenannt worden. Wien. Auf dem S emin e ring wurde vom Jüdischen Sportklub „Hakoah" die erste jüdische Schutzhütte im österreichischen Alpemgebiet eingerichtet. Czernowitz. Bei der Amtseinführung des M e t r o p o 1 i t e n in der Bukowina am 10, November fand ein Festbankett statt, zu ' dem auch 'die Vertreter d er Czernowitz e r J u d e u h e i t mit Oberrabbiner Mark an der Spitze geladen waren. Auch Oberrabbiner, Senator Dr. J. Niemerow e r aus Bukarest, nahm an den Feierlichkeiten teil. (Siehe auch Korrespondenzenteil. Warschau. Bei der Feier der Unabhängigkeit Polens kam es in Neusandec zu einem Ueberfall von Nationald«mokraten auf jüdische Frontkämpfer, wobei zwei der Letzteren ernstlich verletzt wurden. Sieben Angreifer wurden verhaftet. — Samstag abend hörten die Rundfunkabonnenten dn Polen einen hebräischen Vortrag von LjSdh J 4 f i g , 4?« Piflakto!' das Karen Hajessod in Jerusalem, über das Thema „Wenn ein Land aufgebaut wird". — In Warschau wurde von der Gesellschaft zur Verbreitung hebräischer Theaterkunst in Polen ein ständiges hebräisches Theater eröffnet. Rom. Die königliche Oper in Rom eröffnete dieses Jahr ihre Spielsaison mit einer glänzenden Aufführung des D y b u k. Die Oper bat das bekannte gleichnamige Schauspiel von Anski zur Unterlage. Mailand. Der frühere Oberrabbiner von Pa-; dua, Dr. Gustavo Castellbolognesi, der vorübergehend auch als Obetrabbiner in Tripolitamien gewirkt hat, wurde als Oberrabbiner nach Mailand be-. rufen. Padua. Den Preis für die beste.wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiete der Augenheilkunde wurde' in diesem Jahre dem jüdischen Privatdozenten an der Universität Padua, Raff aelo Compas'S,' zugesprochen. Saloniki. Alle Vorstände der jüdischen Gemeinden Griechenlands samt den rabbinischen Funktionären, haben vor Gericht den Eid auf König Georg II. ge- leistet. Jerusalem. Im palästinensischen Rundfunk, der jetzt errichtet wird, wird je eine Stunde im Tag für Sendungen in hebräischer, arabischer und englischer Sprache bestimmt sein. Jüdischer Vertreter im Rat des Rundfunks ist Dr. A. Katzenelson. — Der High Commissioner ist ermächtigt worden, in bestimmten Einzelfällen Befreiungen von der Einhaltung der Sanktionsbestirnimungen gegen Italien ZU gewähren. — Gemäß der gerichtlichen Entscheidung in dem langwierigen Streit um das Besitzrecht an den Ländereien in Kuskus und Tabun sind nun diese Bodenkomplexe definitiv den jüdischen Eigentümern übergeben worden. — Zweiundzwanzig arabische Jugendliche, idie am Tage des letzten Generalstreiks, wie schon berichtet, Fensterscheiben im Samaritan e r v i e r t e 1 von Nablus zertrümmerten, wurden vor Gericht gestellt und erhielten zum Teile empfindliche Strafen. Die Eltern wurden zum Ersatz des Schadens verurteilt. — An der Hebräischen Universität brach ein Studentenstreik aus zum Proteste gegen idie Erhöhung der Studentengebühren. Erst als die Ermäßigung beschlossen wurde, gaben die Studenten den Streik auf. — Seit dem 10. November befinden sich wiederum 11 jüdische illegale Einwanderer im Gefängnis Im, Hungerstreik. Die Gefangenen wollen damit dagegen protestieren, daß sie immer noch in Haft gehalten werden, trotzdem sie ihre Strafen bereits verbüßt haben. Washington, Präsident Roosevelt hat die Herren Louis Lipsky und Dr. Cyrus Adler empfangen und sich von ihnen über die Lage der Juden in der Welt eingehend berichten lassen. Straßen der Stadt, Polizei trieb die Demonstranten" auseinander und nahm einige Verhaftungen vor. Mildes Urteil in dem Grodnoer Pogromprozeß, Warschau, 13. Nov. In dem zweiten Prozeß gegen die Teilnehmer an den pogromartigen judenfeindlichen Ausschreitungen in Grodno im Juni d. J. ist das Urteil gefällt worden. Das Grodnoer Kfeisgericht verurteilte den Hauptangeklagten B a d s i u k zu einem Jahr Gefängnis, vier weitere Angeklagte zu je neun Monaten, 6 zu je % Jahr Gefängnis, die übrigen 6 wurden freigesprochen. Der unmittelbar vor dem Beginn des Prozesses verhaftete Padsiuk wurde gegen eine Sicherstellung von hundert Zloty auf freien Fuß gesetzt. Das milde Urteil hat um so mehr Aufsehen erregt, als unmittelbar vorher jüdische Angeklagte, die in Notwehr gehandelt hatten, zu weit härteren Strafen verurteilt worden waren. Der Staatsanwalt betonte, es sei besonders zu bedauern, daß die Ausschreitungen in Grodno sich so kurz .nach dem Tode Feldmarschall Pilaudskis ereigneten. Obwohl diese Exzesse einen spontanen Charakter geh agen hätten, und niemand beschuldigt werden könne, sie organisiert zu haben, sei esi doch nötig, die Angeklagten streng zu bestrafen, damit das ganze Land die Ueberzeugung gewinne, daß es dn Polen nicht gestattet ist, unter Umgehung des Rechtsweges sich Genugtuung zu verschaffen. Der Vertreter der Privatbeteiligten hob von den Nationaldemokraten bei den Exzess^i gespielten Rollen hervor. Diese Ausschreitung seien das Ergebnis einer von dieser Partei getriebenen systematischen Hetze gegen die Juden- Der Anwalt wies auch auf den schweren Schaden hin, den die Juden bei diesen Ausschreitungep* erlitten haben. Die Verteidiger Aielteri ausgesprochen antisemitische Pj^ P a & a n d a r> den und stützten sich auf Ajgumente aus dem berüchtigten Beilis-Prozeß.^Sie zitierten gefälschte Talmud-Zitate, um datfürch den Eindruck zu erwecken, daß die jüdischen Zeugen unzuverlässig seien. Zum Schluß verlangten sie den Freispruch der Angeklagten. Nur einer der Angeklagten brachte im Schlußwort sein Bedauern darüber zum Ausdruck, an einem Totschlag beteiligt gewesen zu sein. Alle übrigen dagegen gaben antisemitische Erklärungen ab. Da die Urteilsgründe noch nicht veröffentlicht sind, läßt es sich -nicht feststellen, warum das Gericht nur verhältnismäßig geringe Strafen verhängt hat. Der Staatsanwalt hat Berufung eingelegt. Rumänien. Ein Cuzistenskandal bei der Amtseinsetzung des Metropoliten der Bukowina. Czernowitz, 14. Nov. Ein aufregender Vorfall, der sich anläßlich der Amtseinführung des neuen Metropoliten der Bukowina, Visarion, im Czernowitzer erzbischöflichen Palais abspielte, hat bei den Juden der Bukowina und ganz Rumänien ' tiefe Empörung ausgelöst. Zum Empfang des neugewählten Metropoliten, fand sich auf dem Bahnhof in Czernowitz neben anderen Würdenträgern auch der Vertreter des jüdischen Kultus im rumänischen Senat, Oberrabbiner Dr. Niemirower aus Bukarest, ein. Als der neue Metropolit ihn erblickte, schritt er auf ihn zu und sprach seine Freude darüber aus, daß Dr. Niemirower der Einladung zur Teilnahme an seiner Amtseinführung gefolgt sei. Vom Bahnhof bewegte sich der Festzug durch die geschmückten Straßen zur Kathedrale. Oberrabbiner Dr. Niemirower schritt in vollem Ornat unter den Festgästen mit. Als Oberrabbiner Senator Dr. Niemirower mit den übrigen Gästen das Palais betreten wollte, stellte sich ihm der durch zahlreiche zum Teil auch im Parlament verübte Exzesse berüchtigte cuzistische Deptuierte Nichifor R o b u entgegen und forderte ihn auf, umzukehren, da Rabbiner bei der Amtseinführung des Kirchenoberhauptes nichts zu suchen hätten. Dr. Niemirower erwiderte, er sei in seiner Eigenschaft als Senator eingeladen worden und sei verpflichtet, der Einladung zu folgen. Darauf schrie ihn Robu an, er solle sofort gehen, sonst werde er ihm den Bart ausreißen; Juden müßten hinaus. Hierbei machte Robu nicht mißzuverstehende