Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1935)
- Date
- 1935-11-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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21. November 1935 Der Israelit Nr. 47 Seite 5 Vor mehr als hundert Jahren, als die Ghettomauern fielen und das Judentum sich in der Gesellschaft frei bewegen konnte, haben die großen Männer unseres Volkes bereits eingesehen, daß in einer Zeit, die sich vornehmlich * mehr profanen Dingen widmete, es notwendig sei, irgendwo einen Flecken Erde zu schaffen, auf dem die Menschen sich ganz als Juden ausleben können, wo das Leben ganz nach Thora w'Awoda orientiert ist. Es war etwas Großes, daß man ein derartiges Zentrum in Jerusalem errichtete, und Juden machten es sich — das alte Bild von Jissochor und Sewulun vor Atigen habend — zu einer Ehrensache, die Sorgen des Unterhalts dieser Gelehrten, die sich ganz dem Studium weihten, aufzubringen. So ist denn in Jerusalem'eine Gemeinschaft entstanden, die Geschlecht auf Geschlecht kein anderes Ideal kannte, als sich der jüdischen Sache ganz zu widmen. Es ist unmöglich, nur annähernd anzugeben, was dieser alte Jischuw für seine Ideale hat leiden müssen, welche Armut und welche Entbehrungen man zu bekämpfen hatte. Einst hatte man wohl gedacht, den Chaluka- Juden den Vorwurf zu machen, daß sie nicht lieber einen Beruf ergreifen, als auf Geldunterstützung zu warten. Dieser Vorwurf war vollkommen unberechtigt. Man möge doch den historischen Ursprung vor Augen haben, Die Bevölkerung fühlt es als hohe Pflicht, ihr Leben in alter Weise fortzusetz en,obwohl es für viele bequemer und vorteilhafter gewesen wäre, ins Berufsleben zu gehen. Mit Entrüstung sei die Bezeichnung bRlW }HX "jy zurückzuweisen. Hat man für diese Gruppe Idealisten keine bessere Benennung finden können als „Arme des heiligen Landes?" Kann man verstehen, wie eine derartige Bezeichnung, aber noch viel mehr die Auffassung, die daraus spricht, den alten Jischuw verletzte und ihn außerdem in den Augen der anderen hinuntersetzte. Nein, da wähle man schon den Ehrennamen, den der Chatham Sofer ihnen gab: „Neturc d'Aro", die „Hüter des Landes". Die Hüter des Landes, das sind diese Menschen des alten Jischuw in der Tat gewesen. Sie waren die lebendige Venbindung zwischen Israel und Palästina, sowohl gegenüber den Arabern, als gegenüber den anderen Einflüssen, Sie haben dafür gesorgt, daß der jüdische Schmerz um das Land nie gewichen ist und daß der neue Jischuw Anknüpfungspunkte vorfand. Es wäre für den neuen Jischuw zweifellos unmöglich gewesen, festen Fuß im Lande zu fassen, wenn der alte Kern nicht vorher .da gewesen wäre. Man werfe dem alten Jischuw nicht vor, nicht „pro¬ Trauer, die einen Menschen packen kann, die Trauer um sein Weib, ihre Schatten gebredtet! Aus seinem Worte klang mit das Schluchzen und die verhaltene Klage, darum strömte aus ihm auch den Kranken und Gedrückten die Genesung! Und da Abraham gestorben war, ida ließ G'tt die Menschen, die kranken und leidbeladenen, idie Antwort auf die sie bedrängenden Fragen dem Firmament ablauschen; „Er bildet das Licht — von Ihm kommt das Glück — Er schafft das Dunkel — von Ihm kommt das Schwere — Er ist dennoch der Gestalter, und Garant des Friedens und der Harmonie in der Welt, die Er in ihrer Totalität, in all ihren Erscheinungsformen geschaffen: 5»sn jik «ii3i aite nviv i»in «nai tim isu!" Und jenes Wort, das Acherim gesprochen: r-D n»» ^>53i onnasb 1^ wn was* ist sein Sinn, seine tiefere Bedeutung? Wollen sie wirklich uins nur den Namen dieser Tochter aufzeichnen? Einer Tochter, von der uns Tenach sonst nichts erzählt? Der Rambam stellt diese Frage und verneint sie mit entschiedenen Worten: „Fern sei es, daß sie diese Segnung Abrahams, die groß und allumfassend ist, in 'dieser Weise ausdeuten wollen, sie wollen hiermit vielmehr eines der tiefsten Geheimnisse der - Tauroh aus-, ja, nur andeuten." Wir wagen es nicht, das Geheimnis zu entschleiern, -wir erahnen nicht eüiinral seinen Sinn! Nur die Linie mag mit dünnen Strichen angedeutet werden. Eine der Urkräfte, mit der G'tt 'die Welt gestaltete, heißt ""M* sie ist das All, denn alles Sein kommt von ihr. Aus dieser Urkraft strömt eine zweite, na. Tochter der «rsten genannt, durch die G'tt in der Welt wirkt, erhaltend, richtend und regulierend, sie ist das Geheimnis der g'ttlichen Weltwaltung.' Mit einer Ahnung dieser Kraft hatte G'tt Abraham duktiv" gewesen zu sein, sondern man denke vielmehr an die wunderbaren Institutionen, Krankenhäuser, Waisenhäuser und anderen Institutionen, die der alte Jischuw hervorbrachte, wenn auch mit Hilfe von außen. Die Energie, die in den Menschen des alten Jischuw lebt, äußert sich auch in ihrem Kampfe gegen die Mission, wenn man bedenkt, wie die Mission mit Essen, Kleidern usw, die Kinder nach ihren Schulen zu locken versucht. Der organisierte Kampf gegen die Mission hat bis jetzt noch nicht so viel Erfolg gehabt, vielmehr war der Kampf von Privatseite recht erfolgreich. Man stelle sich den Typ eines armen, alten Juden aus dem Kreise des alten Jischuw vor, der ganz allein ein umfassendes Rettungswerk betreibt, der Kinder zur Erziehung von überall her bekommt, sie nach den jüdischen Schulen bringt, sie selbst noch mit Essen und Kleidung versorgt und mit dem größten Interesse die berechtigten Ansprüche seiner Schützlinge kontrolliert. Solche Menschen sind in diesem Kreise nicht vereinzelt. Nicht nur über den alten, auch über den neuen Jischuw werden verkehrte Vorstellungen erweckt, Man kann ajuch hier nicht generalisieren und darf nicht behaupten, daß alles, was der neue Jischuw bringt, gegen den Geist des Judentums sei. Auch im-neuen Jischuw findet man viele voll jüdischen Charaktere, aber sie sind nicht organisiert und deswegen ist ihr Einfluß nicht allzu groß. Die traditionell-jüdischen Elemente des neuen Jischuw könnten eine große Kraft entwickeln, wenn sie mehr Kontakt mit dem alen Jischoiw hätten. Aber das gegenseitige Verständnis fehlt oft. Dadurch ist es für beide Seiten schwer, sich zu finden, und doch muß ein Weg endlich gefunden werden, schon mit Rücksicht auf die Jugend. Man behauptet, daß die Jerusalemer Jugend nichts von Arbeit wissen wolle. Aber leider droht bereits eine Entvölkerung der Jeschiwos. Die Jugend will die Chaluko nicht mehr. Ein Leben voller Entbehrung führen, dazu wären sie schon bereit, aber von der ganzen Welt als „Arme" bezeichnet zu werden, das ist doch zu schwer in einer Zeit, in der von allen Seiten die Prosperität lockt. Und so muß man sich im Gegenteil fragen, was geschehen müsse, um das rein jüdische Leben dort zu erhalten. Eine wichtige Rolle spielt dabei die finanzielle Situation. Ein großer Unterschied zwischen Jerusalem und Tel Awiw, z. B. besteht darin, daß die letztere Stadt mit ihrer rein jüdischen Bevölkerung aus ihrem Gemeindebudget Gelder für jüdische Schulen usw. ausgeben kann, was in Jerusalem mit seiner gemischten Bevölgesegnet, das war der höchste und letzte Segen, den ein Sterblicher empfangen kann: rmv baai nmasV i> nrr>n na G'tt hatte Abraham mit dieser na genannten Kraft gesegnet, deren Wesen aus Ho» der g'ttlichen Urkrait fließt! Abraham durfte jenes Geheimnis schauen, um dessen Enthüllung Moses vergebens bat: •piaa ns «3 'ism „laß' mich doch die Spuren erkennen, die Dein Wirken dem Universum einprägt!" Blüte und Verfall, Sein und Vergehen, Leben und Tod, in ihren Grenzen bewegt sich unser Erkennen, das Vorher und Nachher liegt für uns in undurchdringlichem Dunkel, Mit Saras Tod kam das große Geheimnis in Abrahams Leben. Indem G'tt ihm nun dieses Geheimnis lüftete, segnete Er ihn mit dem Letzten. Und wenn Abraham nun, nachdem ihm diese höchste und letzte Offenbarung geworden, zu dem Getreuen seines Hauses spricht: „Ich beschwöre dich beim Ewigen, dem G'tt des Himmels und der Erde — eben dem G'tt, der ihm eben nicht nur einen Blick auf das Geschehen auf Erden, sondern auch in die Geheimnisse des Unendlichen, des Himmels verstattet hatte — daß du für meinen Sohn keine Frau nimmst von den Töchtern des Kanaan, in dessen Mitte ich weile —- sondern in mein Land, nach meiner Gebuftsstätte gehst — und eine Frau nimmst für meinen Sohn, den Jizchok"' — dann wissen wir, daß aller Sinn des Lebens, der erschlossene und der uns unerschlossene, darin liegt, die Erde als die Stätte unseres Wirkenkönnens und WArkeiunüssens aufzufassen — und auf Erden nach dem Weg zu suchen, der dieses Wirken frei hält von den Gefahren des Abirrens und Straucheins.' „Meine Frau ist tot, suche meinem Sohne die richtige Gefährtin, daß kerung natürlich nicht möglich ist. Deshalb sind die Institutionen in Jerusalem auf die Hilfe des Auslandes angewiesen. 'Mit größter Achtung muß man von den Leistungen der P e k i d i m und Amarkalim sprechen. Hier wird scharf darauf gesehen, daß nur diejenigen unterstützt werden, die wirklich bedürftig sind. Doch stets ist die Not so groß, daß man sogar schon daran dachte, die Pekidim-Schule zu schließen. Oberrabbiner Kuk s. A. hat mit Wärme bei den Pekidim dafür plädiert, daß die Schule weiter fortbestehe. Auch die agudistischen Oberrabbiner Sonnenfeld s. A. .und sein Nachfolger Oberrabbiner D u s c h i n s k i sind für diese Schule stets eingetreten. Die Gefahr des Schließens droht natürlich weiter, solange die Geldmittel nicht in genügendem Maße fließen und es wird der Unterstützung aller bedürfen, damit die Schule nicht geschlossen werden muß. Besieht man den Schulunterricht in Jerusalem näher, dann fühlt man, daß an dem alten System viel geändert werden muß. Die Jugend will keine Schulen mehr, die ihnen keine Möglichkeit für das praktische Leben geben. Aber dann kommt wieder die Schwierigkeit mit dem Cherem. Der Cherem datiert aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, aus der Zeit, als der große Rabbi Diskin s. A. in Jerusalem war und die sogenannte L am el -Schule errichtet wurde, die, wenn man sie vielleicht auch nicht antireligiös nennen kann, doch mindestens als areligiös bezeichnet werden mußte. Tief durchdrungen von der großen Gefahr, die dem alten Jischuw in geistiger Hinsicht drohte, hatte damals Rabbiner Diskin einen Cherem gegen Schulen in Jerusalem mit profanem Unterricht ausgesprochen. Es ist allerdings nicht genau bekannt, was unter der Bezeichnung Profanunterricht genau zu verstehen sei und darüber bestehen verschiedene Auffassungen. Die Sfardim sind diesem Cherem nicht unterworfen. Der Cherem bleibt, wie man sich denken kann, ein sehr großes Problem, Große Gruppen auch der traditionell Lebenden können sich wegen der praktischen Beschwerden an ihn nicht halten, doch bezweifelt niemand die Gültigkeit des Cherem, was naturgemäß zu Seelenkonflikten führt. Rabbiner Sonnenfeld V'!JT' der stets für die allgemeine Entwicklung viel übrig hatte, hajtte sich aber doch immer auf den Boden des Cherem gestellt und auch Oberrabbiner K u k erkannte die Gültigkeit an. Ein einfaches Beiseitestellen dieser Cherem-Bestimmung würde denn auch ernste Folgen in religiöser Hinsicht haben. Man fühlt allgemein sehr stark die Schwierigkeiten, die zu überwinden sind, aber meine Frau in ihr wieder auferstehe und weiterlebe". „In der jüdischen Familie schuf G'tt das Gefäß für die Unsterblichkeit des jüdischen Volkes". — „In der jüdischen Frau schuf Et das Gefäß für die Unsterblichkeit der jüdischen Familie" — das ist der Segen des Geheimnisses, das G'tt Abraham anvertraute „Rebekkas Zelt überwindet Saras Grab!" W. S. J. Buchbesprechung. Jüdisches Jugendbuch, Herausgegeben von Emil Bernhard Cohn und Else Rabin. Jüdischer Verlag, Berlin. Als fünfter Jahrgang des Jüdischen Jugendkalenders ist dieses Buch erschienen. Die Erzählungen und Gedichte, zum Teil sehr hübsch, zum Teil mäßig und nicht ganz neu, stammen in erster Reihe aus der Feder des Herausgebers. Andere Piecen sind von Else Rabin, Minna Blum, Helmuth Lazarus, Martha Schindler, Hermann Samter, Felix Pinczower und Leo Herzfeld verfaßt. Die Bilder haben in reicher Zahl Marianne Brodsky, Heinz Wallenberg und Käthe Berl geliefert. Einige Bilder zeigen hübsch anschaulich das Leben im neuen Palästina. Neben kleinen Erzählungen, Gedichten und Spielen sind auch ein paar Nummern enthalten, die den Kindern in schöner Form etwas Kenntnis der jüdischen Geschichte vermitteln. Im Ganzen ist das Buch mit guter Einfühlung in die Psyche des Kindes zusammengestellt. Ein beigelegter Kinderabreißkalender für das begonnene Jahr werden nicht allein die Kleinen als Extrageschenk freudig begrüßen.