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Der Israelit · 1935-11-21 · Heft 47 (21.11.1935) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 47 (21.11.1935)
Date
1935-11-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr.. 47 Der Israelit 21. November 1935 nas sehr ungelegen kommt, ist nicht allein unter geschäftlichen Gesichtspunkten und im Hinblick auf den noch im Werden begriffenen Aufbau zu verstehen, sondern ist auch in politischen und rein menschlichen Erwägungen begründet. Dr Magnus, der Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem, richtet in der „Palestine Post" einen Appell an die Mächte, sie möchten Palästina, das heilige Land der Mensch heit und das religiöse Zentrum aller Weltreligio nen, aus dem Kriegsspiele gänzlich lassen und seinen heiligen Charakter durch Sicherung seiner Neutralität für immer wahren. Ein solches Garantieabkom men, gezeichnet auch von den Völkern, die dem Völkerbund nicht angehören, wäre eine Errungenschaft von außerordentlicher Bedeutung, Irgendwo in der Welt müßte es eine Ecke geben, die als Friedensinsel von der Brandung der Weltpolitik für alle Zeiten gesichert sei. Als erster Schratt zu diesem Ziele müsse nun gelten, Palästina von der Teilnahme an den Sanktionen gegen Italien auszuschließen. Palästina, vorab Jerusalem, die Stadt, von der aus die Stimme des Gewissens als Grundlage für alle positiven Weltreligionen ausging, dürfe nicht in kriegsähnliche Operationen verwickelt werden, so nötig dies auch unter politischen Gesichtspunkten erscheinen möge. Das Land im Werden dürste nach dem inneren Frieden, der ihm nicht immer im nötigen Maße wird, und dieser Friede dürfe erstrecht nicht durch die Sanktionen bedroht und gestört •werden. So weit Dr. Magnus. Es dürfte kaum einen Freund Palästinas unter Juden und Nichtjuden auf dem Erdenrunde geben, der nicht mit gutem Gewissen diesen Appell unterschreiben konnte. Tragisch, aber verständlich. Den palästinensischen Zeitungen geht eine Mitteilung des Ob err abbinats in Jerusalem zu, die auch uns in der Gola sehr angeht. Es heißt darin wörtlich: ,,Mit Hinblick auf die vielfache Einwanderung von nichtjüdisohen Frauen mit ihren jüdischen Männern in Palästina wandte sich das Oberrabbinat für Palästina an die zuständigen Einwand erun ig sämter mit der Bitte, kein Zertifikat in Zukunft einem Ehepaare eher auszuhändigen, als bis .dieses die religiöse Trauung mit einem Zeugnis von einem bekannten Rabbiner in der Heimat nachgewiesen hat. In Verbindung damit werden die Rabbinen und Vorstände überall, -wie alle, die auf die^ Reinhaltung des Palästinabodens Wert legen, ersucht, in allen Fällen, in denen in Mischehe lebende Ehepaare "nach Erez Jisroel eingewandert sind oder im Begriffe sind, sich dort niederzulassen, dem Oberrabbinat in Jerusalem davon Mitteilung zu machen." Aus einem Kommentar des ,,Haijessod" vom 12. Marcheschwan zu diesem rabbinischen Rundschreiben erfährt man, daß es sich dabei in der Hauptsache um deutsche Juden handelt, die ihr in der deutschen Heimat unmöglich gewordenes Verlobungs- oder Eheverhältnis in Palästina zu erneuern und aufrecht zu erhalten suchen. Es wäre hart und lieblos, wollte man von jüdischer Seite Absperrungsmaßregeln für Juden herbeiführen, die den Weg in die Heimat suchen. Aber verstehen (kann man jene Verstimmung und Beunruhigung in den Kreisen derer, die dazu berufen sind, die Kernpunkte von iTWBl fiwnp im heiligen Lande zu wahren und zu hüten. Man kann ein Gefühl des Mitleides denen nicht versagen, die heute als „Halbarier" oder „Halbjuden" oder sonst als Mischlinge mit dem Teilerbe des jüdischen Blutes in den Adern im leeren Räume zwischen 2wei Welten herurnpendeln und nicht wissen, wohin sie gehören. Sie sind in ihrer Wurzeliosigkeit schon genügend gestraft und müssen ihre Sünde, die zum überaus größten Teile eine „Sünde der Väter" ist, schwer genug büßen. Allein, es ist begreiflich, wenn man diese Menschen freundlich bittet, die neue Heimat zu suchen, wo sie auch immer wollen, Palästina aber, das Land unserer Väter und unserer Kinder, unseren einzigen Hoffnungsstern am sonst so düsteren jüdischen Horizonte, lieber zu verschonen. Sie werden dort so wenig die geistige Heimat finden, wie der Heimatboden ije von ihnen profitieren könnte. Tief bedauerlich ist es aber, — wenn mir den gut informierten palästinensischen Zeitungen glauben dürfen, — daß die berufenen nationalen Instanzen, so die Palästina-Aemter in Jerusalem und "die in Berlin, die Einwanderung dieser Menschengruppe nicht nur nicht verhindern, sondern sie sogar mit Vorliebe fördern. Tausende und Abertausende für Erez Israel bestens gerüstete jüdische Menschen leben in der Golah im Hangen und Bangen und in brennender Erwartung des Zertifikates. Und da sollten die „Eintrittskarten für die Heimat" auf deren Kosten Menschen zuteil werden, die sich niemals in Palästina glücklich und heimisch fühlen werden? Wie man sich zu der Entscheidung und Bemühung des Jerusalemer Oberrabbinates auch stellt, jeder wird es als ein Gebot der Gerechtigkeit und Billigkeit empfinden, wenn man bei der Verteilung der Zertifikate auf eine bessere Reinhaltung des Landes sieht und zunächst diejenigen berücksichtigt, die nach Erez Israel auch seelisch streben und dort wirklich hingehören. Kulturprobleme in Erez Jisroel.*) Man muß die Zustände im Lande immer von der Atmosphäre des Landes zu begreifen versuchen. Erez- Jisroel steht augenblicklich im Brennpunkt des allgemeinen Interesses. Kein Wunder, denn wie viele sind in den letzten Jahren hingezogen und wie viele warten mit Ungeduld auf den Augenblick, daß auch sie das heiß begehrte Zertifikat bekommen. Man behauptet zwar oft, daß diejenigen, die in den letzten Jahren infolge der bekannten Umstände nach Palästina gegangen sind, wieder bald wegziehen würden, wenn die Zustände sich verändert haben. Das mag bei Einzelnen zutreffen, aber *) Am Sonntag, den 25. August, sprach Herr Baruch Rabinowitz, der Direktor der Doresch Zion-Schule in Jerusaletn, auf der Westeuropäischen A g u d a k o <n f e r e n z in Antwerpen über .Kulturelle Probleme im alten und neuen Jischuw in Erez Jisroel". Wir geben hier die wesentlichen Gedankengänge dieser teils in hebräischer, teils in deutscher Sprache gehaltenen Rede wieder. die übergroße Mehrheit hat sich organisch in das Land eingelebt. Man hat niemals das Gefühl, in einer fremden Umgebung dort zu sein. Man meint, daß man immer da gelebt hat, ohne daß es einem bewußt gewesen war. Es ist das Gefühl des Zurückkommens ins elterliche Haus. Das allgemeine Interesse für Erez Jisroel hat auch seine Schattenseiten, da man dadurch die Zustände nicht ganz objektiv ansieht. Das flüchtige Urteil über Er ez Jisroel wird noch durch die große Anzahl der Touristen gefördert, die, wenn sie nur ein paar Wochen im Lande waren, ihr Urteil aussprechen. Auf diese Weise kann man Palästina nicht verstehen, man muß sich dort ,,hineinleben". Erst dann kann man den Hintergrund der Dinge sehen. Eine Folge des flüchtigen Urteils sind auch die vielen widersprechenden Begriffe, .die über den alten und neuen Jischuw kursieren. Um den alten Jischuw zu begreifen, muß man seinen Ursprung kennen. Die Segaimg Abrahams! Von dem Sterben einer großen Frau und adeligen Mutter und von der Kraft, mit der ihr Mann seinen Schmerz überwindet, sich über ihn erhebt, um dieser Frau den letzten Dienst der -Liehe und Treue zu erweisen, erzählt uns die Sidro in ihrem ersten Teile: mn »aa ^>yn omas op'i Abraham erhebt sich von seinem Toten, um ihn in würdiger Weise zu bestatten und macht so für alle Zeiten, die Stätte, an der der Jude »eine Entschlafenen bettet, zu einer Stätte der Erhebung selber: "iwn Dj?'i! Und dann fährt die Schrift fort: baa amatt m "pa "ti H'»»a «a jpr omatti Abraham war alt geworden, war hineingekommen in die Tage — und G'tt hatte Abraham gesegnet in allem! Eine Frage bewegt uns: Abraham hat das Teuerste, was G'tt einem Menschen sichenkt: die treue Gefährtin eines langen Lebens verloren — und gerade jetzt berichtet uns die Tauroh, 'daß er in allem gesegnet war? Vielleicht spürt dies der Baal Haturim, wenn er hier erklärt: /pns» "r>uB> |33 laia ü*iv D>a» pna nn dw3 da Abraham in das Lebensalter gekommen war, das in dem Wort "D',"n'"> angedeutet ist, da er 100 Jahre alt geworden war, da segnete G'tt ihn mit dem alles andere umfassenden Gut, mit dem Erben des Leibes und, mehr noch, des Geiste®, mit dem Sohn! Und nur als Einleitung für das nun Folgende — die Sorge um die Zukunft dieses Sohnes — und ohne inneren Zusammenhang mit dem vorhergehenden Kapitel — wird an dieses gesegnetste Ereignis seines gesegneten Lebens angeknüpft! Vielleicht aber liegt in diesem Doppelten; jpr und D»ö*3 83 eine Andeutung anderer Art; dae den Zusammenhang mit dem Vorhergehenden, dem schmerzlichsten Erlebnis seines ganzen bisherigen Lebens, herstellt. bedeutet nicht nur die Summe von Jahren, die ein Mensch Jebt.nnan naptfr nr fj?r bedeutet seinem tieferen Sinn nach die Erfahrung, die Lehre dieser Jahre ausschöpfen und wird noch vertieft in der Erkenntnis: n'S'a K3! Das heißt nicht nur: hineinkommen in die Tage, sondern: durch die Tage kommen, den Tag in seinen ganzen 24 Stunden, den Tag, der aus Tag und Nacht, erleben und wieder erleben! Da Abraham nun auch 'durch den Tod seiner Frau durch die Nacht gewandelt war, da er das Leid erfahren hatte, da hatte G'tt ihn ganz gesegnet: hatte auf ihn gelegt neben beglückender Freude dasi adelnde Leid! Denn aus beidem, aus Freude und Leid, kommt den großen Menschen die höchste Kraft des Wirkens, jene Kraft, die sie befähigt, Vorbild der Menschheit zu werden: nana und nana* die Quelle, in der die andern sich gesund baden. G'tt segnete Abraham an allem; sagt (Rabbi Meir: dies soll bedeuten, daß er keine Tochter hatte} sagt Rabbi Jehudo: dies soll bedeuten, daß er wohl eine Tochter hatte; sagt Rabbi Elieser Haniaudoi: dies soll bedeuten, daß im Herzen Abrahams ein Orakel war, das alle Könige des Ostens mnd Westens befragten; sagt iRabbi Schimaun ben Jauchoi: dies soll bedeuten, daß an Abrahams Hals ein Edelstein 'hing, den man nur anzuschauen brauchte, um gesund zu werden und da Abraham starb, hing ihn G'tt ans Firmament! Und schließlich sagen Acherim: Abraham hatte eine Tochter — und sie hieß: ball Wir möchten glauben, daß in diesen verschiedenen Ausdeutungen, die 'die Gemoro Bowo Basro 16b uns überliefert, unsere Auffassung eine Stütze findet, daß erst der leidgetroffene Abraham der ganze, gesegnete und segnenkönnende ist. Töchter sind ein Bild der Fruchtbarkeit: n«a "»an o^">y> Sagt der eine, daß Abraham auf den Höhepunkt des Glückes gelangte, darin zeigt sich, daß G'tt ihm vollen Seigen gegeben hatte: Trn ''nsft Aber der andere meint: A3 nn'fi sbw sein Glück war nicht vollendet, sonst hätte er, der Aeltere, nicht seine Frau überlebt. Aber gerade, daß G'tt ihm auch die Nacht zeigte, daß G'tt ihm sein Glück beschnitt, das gab Abraham die Fähigkeit, der Welt den Weg G'ttes zu weisien! Und so lebte in seinem Herzen das Orakel; so konnten die Könige des Ostens und Westens an seine Tür pochen, um ihn zu befragen über gut und böse, über Recht und Uhrecht, über Tugend und Laster! Hätte Abraham nur das Glück 'gekannt, dann wären idie Leidbeladenen — die :nyn 'abn —-, bei denen die Sonne untergegangen war — nicht zu ihm gekommen; was hätte der Sonnenmensch gewußt von Leid und Schmerz? Was der Sohn des Glückes von den Wunden, die die Sorge und der Kummer schlagen? An seinem Hals hing iein Edelstein: das Wort, das Abraham sprach, wurde zu einem Brunnen der Gesundung dem, der es hörte! Abraham konnte trösten, denn auch über ihn hatte schon die tiefste

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