Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1935)
- Date
- 1935-11-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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21. November 1935 Der Israelit Nr. 47 Seite 3 Es ist Zeit zu sammeln '(Fortsetzung von Seite 1.) tischen Güter f ü r a 11 e? Die Orthodoxie hätte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nicht -diesen mühsamen und wenig dankbaren Feidzug gegen Orgel und andere Reformen unternommen, hatte sie sich mit ihren kleinen reinen Bethäusern begnügt. Es «wäre bequemer gewesen, sich in den Schmollwinkel zurückzuziehen und Ohren und Augen vor den fremden Lauten in Tempel und Haus 'zu schließen. War es nicht «die Orthadoxie( die mitten im Taumel des Ps eudomessianismus des neunzehnten Jahrhunderts „die Tihöra von iZion und das Wort G'ttes aus Jerusalem" nicht nur treu pflegte, sondern auch beharrlich und eindringlich hinausverkündete. Das „Sanhedrin" von Napoleons Gnaden zu Beginn des vorigen •Jahrhunderts verfiel der verdienten Vergessenheit, weil die damalige Orthodoxie es war, die nicht zuließ, daß die Frage der Mischehe im Sinne der napoleonischen Völkervermischung;gelöst werde, daß das Judentum Westeuropas sein Tiefstes und Heiligstes gegen das Butterbrot einiger bürgerlicher Freiheiten preisgebe. -Heute gibt es schön neben der Einsicht in der Mischehefrage eine ganze Reihe von elementaren Erkenntnissen, die Gemeingut des gesamten .Judentums sind/ für die aber die Orthodoxie mehr als ein halbes Jahrhundert schwer, mit unversiegbarem Opfermut zu ringen hatte. "Was war der Kampf der orthodoxen Presse seinerzeit gegen das B a d i s c ih e Gebetbuch, gegen andere Bemühungen früher und später,. Zion und Messias aus der Synagoge zu bannen, ■was war das anders, als ein Mahnen, 'als ein unentwegtes Rufen zu klarer Besinnung; als eine Warnung, sich nicht allzuweit vom Vaterhause zu entf ernen, d a s m a n doch vielleicht noch einmal brauchen und s u c h e n wird,' den Weg nicht zu verlieren?! Es war der Jirmejahuruf ynV >rptf "im twps 'a'sn» „Stelle Dir Zeichen, errichte Denkmäler, lasse sie, die Zeichen und Denksteine, nicht aus dem Auge; daß Du den Weg wiederfindest . . ." Nun ist es wirklich so gekommen, daß man nach Zusammenbruch so vieler Illusionen den Weg ins Vaterhaus wieder sucht. Soll die Orthodoxie triumphieren, weil sie das eine oder andere im voraus gewußt und ausgesprochen hat? Hat Jirmejahu, nachdem der von ihm prophezeite Fall Jerusalems eingetreten war, triumphiert: „Ich habe es Euch ja gesagt, nun habt Ihr es!?" Nein, die Propheten hatten immer den sehnlichsten Wunsch, daß ihre Prophezeiungen, die von ihnen verkündeten Strafandrohungen, nicht eintreffen. Es ist ihnen wenig wohl zumute, wenn sie recht bekommen. Jirmejahu triumphierte nicht, sondern setzte sich auf die Ruinen und weinte, oder, wie es unsere Weisen noch schöner wissen: er ging nach Chawilla, um die Vertriebenen z u s a m m e 1 n u n d wieder heimzuholen. Zu s a m m e 1 tri. und heimzuholen, ist nicht allein das Recht, sondern auch die Pflicht, die heilige A u f g a b e derer, die im Sinne der prophetischen Lehre afle Zeit gelehrt, gewarnt und gemahnt haben. Das Bild des Kindes im bekannten Märchen wird lebendig, das in der kleinen Hütte das Feuer schürt und hütet, indes die Brüder sich im Walde verirren. Sollen wir, die wir im Vaterhause am Herde saßen und schürten, •gerade jetzt das heilige Feuer zum Verlöschen bringen, oder Türen und Fenster schließen, daß ider jSchein nicht hinausdränge, just im Moment, da die Brüder, aus den Irrsalen herauskommen und heimsuchen? ,,, Gewiß,.'der Gedanke des iaißn IXE?» der . nie zerstörbaren jüdischen Keimzelle, ist . heute so .ivahlr wie damals,, als Abraham sich, einer allein,: iäls :tf,Jenseitiger!5 .gegen eine Welt stellte, wie damals, als Vder ^roße Frankfurter Rabbiner seine 'Elfmitgliiddergemeinjde gründete. Es gilt heute noch wie damals das Wort dieses Meisters: „Und wenn auch Tausende sie aufgeben, die Sache des Lebens und des Lichtes; wenn auch Tausende sich lossagen vom Geschicke und vom Namen Israels; die Sache der Wahrheit zählt nicht die Zahl ihrer Träger. Und wenn auch nur einer bleibt, ein Jude mit dem Buche der Lehre in der Hand, der Lehre im Herzen, dem Licht im Geiste — auch der Eine genügt! Isroels Sache bleibt unverloren!" Es gilt das alles heute noch rwie am ersten Tage. Nur vergessen wir nicht, daß Zweck und Sinn der Keimzelle ist, sich zu entwickeln, auszubreiten, Form und Gestalt anzunehmen. „Lus", der in den alten Schriften so geheißene unzerstörbare Knochen im menschlichen Organismus, ist .Ausgangspunkt der Auferstehung". Er hat seinen Wert und seine Bedeutung nur, allsoweit er zur Wiederbelebung des ganzen Organismus führt. Abraham war „jenseits", aber vom anderen Ufer her wirkte er doch weckend und werbend und errang sich mit jedem neuen Schritte kostbares Seelengu tW31 mtPÖJM« J e d e jüdische Seele ist für uns ein wertvolles, unschätzbares Gut. Wir geben keine jüdische Seele, die mit am Sinai verpflichtet wurde, verloren. Es gibt Zeiten, wo die Keimzelle als solche treulich gehütet werden muß, und Zeiten wiederum, in denen sie sich auszubreiten und größere Gestalt anzunehmen hat. Wie selten zu einer anderen Zeit gilt hier und heute das Talmudwort: "itfl pöMan nypavojD pTson nswn- , „Streben die Kräfte auseinander, dann ziehe dich zurück, sammeln sich die Kräfte, so biete dich ihnen dar." Es ist Zeit zu sammeln! Darum ist es richtig und sehr an der Zeit, daß die orthodoxe Jugend das Banner derThora aus den „vierTilTen der Halacha", aus Jeschiwa, Lehrhaus und Vereinslokal, wo die Lehre selbstverständlich nach wie vor ihr Zentrum und.'ihre' Pflanzstätte haben muß, hinausträgt, so daß auch die Anderen von seinem Lichte und'Glanze erfaßt werden. Es ist gut so, daß wir mit einem umfangreichen Programm, mit Lehrgängen aus Geschichte, jüdischer Religionsphilosophie, aus altem Schrifttum und neuer Literatur, mit Sprachkursen und Arbeitsgemeinschaften zur Einführung in Bibel und Talmud, mit Religiösen Intensivwoohen in moderner Aufmachung, mit der Oeffnung unserer Lehrsäle für Thora und Mussar, an die jüdische Welt den Ruf ergehen lassen: Kommt und seht! Wir haben die Pflicht, der neuen jüdischen Generation auch außerhalb unseres Kreises zu zeigen, daß das Licht, die Zielsetzung, der innere jüdische Halt, all das, was sie heute sucht, gar nicht so weit weg von ihr liegt — Mm D'Xrin H2tl — Wir haben diese Güter für sie mitgehütet und sind bereit, sie daran brüderlich zu beteiligen. Es gibt heute, um an eine bekannte Agada zur Abrahamsgeschichte anzuknüpfen, ungemein Viele, die „die Götzen der Väter zerstören". In die Richtung zu Abraham gelangen aber diese Menschen aus der modernen Götzendämmerung doch nicht alle, weil leider so viele Parallelwege am Judentum in seiner Totalität vorbei zu neuen Zeitgötzen führen. Was wir mit unseren Bestrebungen wollen, ist nichts anderes, als diese Suchenden und Ringenden, die in einer verzweifelten Kulturmüdigkeit eine neue Form des Mensoh- und Judeseins suchen, zu zeigen, daß die alten Inhalte des Judeseins uns die beste, weil die einzig richtige und ewig verbindliche Form zeigen. Das alles wollen wir. Nicht aus einem gehobenen Selbstgefühl heraus, nicht ohne zu wissen, daß wir an uns selbst noch ungemein viel zu arbeiten haben, um,,uns das Recht zu erwerben, das Ziel Anderen''zu setzen. Aus tiefster Liebe und BrudergpfühL rufen wir die Anderen in unsere Lehrihäü'ser. Ganz gewiß nicht aus „Expansionsgelüsten", und noch weniger um eine Notkonjühktur für unsere Sache auszunutzen. Es*'"gibt so etwas wie „unsere Sache" gar picHL Es isi die Sache des Judentums, der wir dienen und für die wir Alle gewinnen möchten. Wochenrundschau. Neutralität in Palästina. Gleich zu Beginn des italienisCh-abessinischen Krieges bemächtigte sich der palästinensischen Bevölkerung eine Unruhe, die, durch unkontrollierbare Gerüchte genährt, noch weiter anwächst. Die letzten Vorgänge in Aegypten, die glücklicherweise zunächst mit Juden und Judentum nichts zu tun haben, haben'; dem Unruheherd in Palästina naturgemäß neue. Nahrung zugeführt; Da die Führer und Treiber der Ausschreitungen in Kairo sich im Lager der radikkl-nationalen Araber befinden, so ist es verständlich, daß die Vorgänge ein starkes Echo im Kreise der fanatischen Anhänger des Panislamismus, die in Palästina mit den Feinden und Gegnern der jüdischen Sache identisch sind, finden. Die Araber Pialästinas sind 'einigermaßen in Verlegenheit, wie sie Sympathie und Antipathie ihren Zwecken und Interessen entsprechend richtig verteilen. Gefühlsmäßig steht die arabische Welt, unter Führung der mohammedanischen Aegyßter,' auf Seiten Abessiniens, aus einiger Rassenverwandtschaft und auch aus der Furcht : vor jden ai^. den Grenzen Aegyptens operierende^ In; Palästina mühten äiöhataUsck^:Fuh4%i etwas dabei herauszuholen ,; und zwar auf iCosten "der Juden. Daher von An? •■• ■( . ■:;■ fang an die Unterstellungen, Palästinas Juden, ja das Weltjudentum unterstützten England zum Nkohte.il Italiens, um damit neue Vorteile für das jüdische Nationalheim zu erzielen. Es ist demgegenüber von jüdischer Seite wiederholt nachgewiesen worden, daß, wie die Juden der Welt so auch Palästinas Juden sich bei diesem Streithandel in Ostafrika vollkommen neutral verhalten. England wie Italien ist das Judentum Dank schuldig, England ist seit Jahrhunderten ein Hort der Freiheit für die Juden, und schließlich ist England der Hauswirt des jüdischen Nationalheims, das, bei allem und allem, sich seines Schutzes und seiner Förderung erfreut. In Italien ist die Judenemanzipation so tief verankert im Gesetz und im Volksempfinden, daß es weiter gar nicht auffällt, wenn der jüdische Prozentsatz im italienischen Heer, zum Teil in hohen Vorgesetztenstellungen, unverhältnismäßig groß ist. Ja in Abessini en selbst wöhnen Juden, die nach verbürgtem altem Recht, aber auch aus Bürgerpflicht und Liebe zum Vaterland, sich tapfer für Abessinien schlagen. So läge nicht der geringste Grund vor, die Judenfrage oder die Erez Jisroel betreffenden Fragen in den Bereich der Probleme hineinzubeziehen, die sich aus 'diesem Kriege und aus der Sanktionspolitik des Völkerbundes für (die Welt ergeben, kämen nicht von interessierter Seite immer neue Versuche, all diese Dinge irgendwie gegen die Juden und das jüdische Nationalheim auszuspielen.- - Es war leider nicht zu vermeiden, daß mit dem Mandatarland auch Palästina an den S a n k t i o li e n gegen Italien teilnehmen mußte. Daß diese Maßnahme den Juden Palästi-