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Der Israelit · 1935-11-14 · Heft 46 (14.11.1935) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 46 (14.11.1935)
Date
1935-11-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Der Israelit Nummer 46 1935 Feuilleton- Beilage Die unbezahlte Rechnung. Novelle von Alice Landsberg in Wiesbaden. . (Fortsetzung.) ■n Fieberhaft -arbeitete sein "Geist, 'und1 er erschrak, als er, viel zu schneit für seine -Not,'vor dem Tor des Gutshauses', einem' längge'streckten, unheimlich aussehenden Gebäwte, stand. Aber ohne Zögern trat er durchs Gittertor und bat mit ruhiger Simme einen der Knechte, ihn zum Herrn zu führen/Mürriscb starrte ihn der-Grobe an, aber da er den Juden als ernsten, und ■ernst zu nehmenden Mann kannte, gab er der Bitte Folge und führte Moische durch einen langen dumpfen Gang, - Iii dessen Mitte er murmelnde Stimmen aus dem nebenanliegenden Raumhörte, bis vor die Türe des Schreibzimmers, wö er ihn 'Stehen'- ließ mit der- Weisung,' selbst zü' klopfen, was nicht anders hieß, als daß der Herr in bösester Stimmung war. Aber Moische klopfte, oJine das Pochen des eigenen 'Herzens zu 'beachten. Er mußte eine Weile warten, bis die Stiimne hinter der .Tür ihn aufforderte, zu öffnen und einzutreten, was er auch schließlich tat, indem er. die Türe sorglich hinter sich zuzog. .'• •:; Erverbeugtesich in demrauchdurchschwän- •gerten Raum tief vor einer' ausgebreiteten Zeitung,1 hinter der der Qualm aufstieg und in sei- 'i - - ner ätzenden Beize die Luft verpestete,, daß es den schmalbrüstigen Moische mit einem Husten quälte, den er mit Aufbietung aller Kräfte zurückhielt. Endlich senkte sich die Zeitung und das etwas brutale, blasse Gesicht des Gutsherrn leuchtete zusammen mit den kalten Augen zu Moische hinüber. Er beachtete dessen Gruß nicht, sondern fragte brüsk: „Hast du das Geld, Jude?" Als fühlte er jetzt erst die Mahnung des eigenen Kindes, so zuckte es im Innern des frommen Menschen auf an Widerstand. Nun mußte er wirklich lächeln, wenn dieser andere ihn. beleidigte. (., , , i!i.Er richtete sich auf zu seiner gewöhnlichen Haltung undseine Stirne war rein und f-altenlos, als er sagte: ,,Die Schuld, die mir der Verwalter zU zahlen befahl, ist groß und nicht die meine " Schon richtete sich der Gutsherr in seiner vollen Größe auf und griff nach irgend etwas, um es dem Kühnen an den Kopf zu werfen. Mit keiner Wimper zuckte Moische, denn er sah seinen Jungen vor sich, der alle Juden der Feigheit bezichtete. Vor diesem ungebeugten Mann beherrschte sich der Gutsherr, denn wie alle brutalen Menschen war er durch Kühnheit des anderen besiegbar. Aber Moische ikostete diesen Sieg nicht aus, sondern meinte schlicht, ehe noch der andere poltern konnte, um so, die Verlegenheit zu verbergen. „Ich werde, zahlen — gewiß werde ich es tun, weil Sie das Gesetz herausgaben, daß Haus und Pächter zusammen gehören, wie auch Schuld des Vorgängers dazu. Aber heute kann ich es nicht, bitte, geben Sie mir eine Frist — sagen wir noch vier Wochen —" „Ich denke nicht daran —" lachte der andere und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen, um von diesem bequemen Sitz sich den kleinen, kühnen Juden anzusehen, der sich anscheinend nicht vor ihm fürchtete. Moische senkte nicht die Augen, als er ein bißchen überlegend sagte: „Zusammengerechnet ergibt mein Haushalt, wenn er verkauft wird, knapp dreihundert Rubel —- die Schuld, w^tfn sie vier Wochen gestundet ist) beläuft sich m tausende von Rubel. Einen Pächter, der die Hütte mit dem Endchen Land und dem großen Schuldfleck übernehmen sollte, wird sich schwerlich finden. Gut gerechnet dürften vier Wochen Wartezeit besser und ergiebiger für den Herrn sein, als das Auftreiben der kinderreichen Familie aus einem/knapp Hunderte werten Haushalt ..." Ein bißchen vornüber gebeugt, starrte; der Gutsherr den Kühnen an, aber er mußte sich saigen, daß der Jude recht hatte. „Zwei Wochen, kein Tag mehr — verstanden —" Nun hob, angesichts der grausamen Forderung Moische wirklich die Hand zur Bitte. „Bedenken Sie, im Land hier gibt es nur arme Juden —" . „So laß' dirs vom Christen geben," lachte der Mann roh und griff nach der Zeitung. (Fortsetzung folgt.) Die Frankfurter Woche-; ,.- ■ .< .' > ' . '■ < «Agudismus als geschichtlicher Entwicklungsprozeß"! Zur ' Einleitung der' Religiösen Intensivwoche der Agudas Jisroel-Jugendgruppe sprach am Samstag abend Herr Dr. Isaac Breuer über obiges Thema. Aus der Fülle der Gedanken, seien folgende wiedergegeben! Dr. Breuer begann mit der Feststellung, daß es der Agudismus nicht so leicht habe mit seiner Arbeit zur Gewinnung von jüdischen Menschen wie beispielsweise der Zionismus. Die Kenntnis dieser besonderen Schwierigkeiten bedeute schon einen Gewinn. Die Elite des deutschen Judentums wird nur zu leicht, als Opfer eines Part elf anatiemusi unterschätzt; man kennzeichnet unsern Weg als falsch, um sich für die „Erneuerung" des jüdischen Menschen zu empfehlen. Der menschliche Geist beschäftigt sich mit folgenden drei Erscheinungen: Mit dem Einmaligen, mit dem Immerwährenden, mit dem Ewi- Einmaligen, mit dem Immerwährenden, mit dem Ewigen. Im Judentum sind alle drei obigen Momente vorhanden. Die Tauroh ist das Ewige; das jüdische Volk das Immerwährende, und .'die Beziehungen der Tauroh zum jüdischen Volk in ihrem geschichtlichen Verlauf, sowie die Beziehungen des jüdischen Volkes zur Umwelt, sind das Einmalige. ' ' Das jüdische Volk kann für sich in Anspruch nehmen, den modernen Völkern die-.I d e e^de^ Geschichte übermittelt zu haben. Auch die Geschichte der an.-, dern Völker ist unsern Propheten nicht eine willkürliche Häufung von" Ereignissen,' sondern " eine" Entwicklung zu einem bestimmten Ziele. Für den jüdischen Geisl ist die Geschichte die Offenbarung des Ewigen und Einmaligen. Es gilt also für uns, wenn wir bewußt in die jüdische Geschichte eingreifen wollen, aus den Geschehnissen in ihren Entwicklungen den Willen des Lenkers der Geschichte zu erfassen. Für uns .ist niemals Gesctiichtserkenntnis Theorie, sondern :, Weckruf zur, T a t! . Der Agudkimus kann nichts andres sein«, als ins Bewußtsein gehobeneJuridische Geschichte Weckruf zur geschichtlichen Tat, Hilfe dem,,Lenker der Geschichte! rDie I d e e des Agudismus. ist weder ,etwas Fertiges in der Idee noch etwa« Abgeischiossenes im $ieb Nicht., Schwäche also. ist.res, wenn Weg -ujid ■?iel auch heute noch umsiritteh sin.d.ilpßr Gedanke rder Agudo.trat iij: dser.:ui^heiu):b^rs^n...F^orm hervor. Als jene Gedaule; Jisroelvor dem Kriege in Hornburg vor der Höhe zusammenkamen, schwebte ihnen vor, dem jüdischen Volk, dem es schlecht ging, zu helfen. Man stand unter dem Eindruck der Pogrome in Kischinew und andern Städten Rußlands. Man war sich klar darüber, daß ein Organ notwendig war, um in Zeiten der Not den thoratreuen Juden helfen zu können. Unter den Stößen, der zionistischen Propaganda ging man dazu über, die Organisation für das thoratreue jüdische Volk zu entwickeln, Es erwuchs die Notwendigkeit, ■dieser zionistischen Bewegung eine t h o r a t r e u e entgegenzusetzen. Diese Organisation mag für Westeuropa etwas Selbstverständliches sein. Der Gedanke einer Welt -Organisation war in unsern Kreisen seit der Zerstörung des jüdischen Staates etwas ganz Neues und Kühnes. Man sagt, die Agudo arbeite so langsam. Wer s o spricht, hat keine Ahnung von den Schwierigkeiten. Der Gedanke einer Welt-Organisation begegnet lausenden Hemmungen. nwvn kamen, Ausdruck jüdischer Gewissenhaftigkeit. Der „Misrachi" hat sich von dem „Ballast" der Gedaule Jisroel sehr schnell freigemacht. Unsre Gedaule Jisroel sind unser Ballast im besten Sinne des Wortes. Das bedeutet in erster Reihe für uns, daß wir ohne die rabbinischen Führer keinen Schnitt weiter gehen. Auf der andern Seite können wir die Kräfte akzeptieren, die treiben und treiben. Was — beispielsweise — dem Juden aus Polen abträglich ist, gereicht dem aus Litauen zum Güten, und was dem aus Deutschland genehm ist und förderlich siein kann, braucht nicht auf die Verhältnisse in einem andern Lande zugeschnitten zu sein. Es ist eine große Tat des Agudismus, daß diese Idee einer thoratreuen Weltorganisation einen geschichtlichen' Entwicklungsprozeß darstellt, auf den wir heute bereits zurückblicken können.. . .- Die . Andern fragen: t„Wa,s habt ihr , geleistet?" Der Misrachisetzt die Gesamtleistungen des Zionismus auf sein Konto. W i r haben unendlich viel geleistet! Wir haben die Zerstreuten des jüdischen Volkes geistig einander näher gebracht. Vor dreißig Jahren hat man es nicht für möglich gehalten, daß sich die Juden aus den verschiedensten Ländern an einen Tisch setzen und sich gegenseitig stützen. Wir sind sehr viel weiter gekommen. Die seelische Zersplitterung; ist beendet, Wir haben beispielsweise die chassidischen Rabbonim überzeugt von der Notwendigkeit . der geschichtlichen Aufgabe des Agudismus. Der „Därkenu't das in Warschau erscheinende Wochenblatt der'Agudahi''enthält heute Artikel von Agudisten aus Deutschland, Polen, Litauen, England, Erez , :JisroeL;Usw. Man baut an dem jüdischen Menschen! der Zukunft.. Nirgends ist der jüdische, Mensch heute geistig zersplitterter als in Erez' Jisroelf Glau- 'ben war huBKt, - daß ein jüdisches Nationalheim' eine ' Angelegenheit eines jüdischen Amerikanismus -ist, indem man die Häuser, die Fabriken und die sonstigen wirtschaftlichen Errungenschaften zählt und mißt. Entweder gelingt es, das jüdische Volk in der Einheit der Tauroh aufzubauen, oder der Gedanke des jüdischen Nationalheims wird, G'tt behüte uns davor, verrauschen. Die G a u l.o h ist k e i n Geschichtsirrtum G'ttes, wie man bei den Zionisten nieint; sie hat ihren geschichtlichen Eigenwert. Hier scheiden sich Agudo einerseits und Misrachi und Zionismus andererseits um Meeresfernen. Wir wollen Erez Jisroel aufbauen, aber nur Schritt für Schritt, nach dem Maßstab, wie wir das jüdische Volk aufbauen. Unsre Gegner scheinen zu glauben, daß es Blindheit war, daß Agudas Jisroel erst allmählich zu einer Einstellung zu Erez Jisroel gelangt ist. Niemals konnten wir E. J. aus dem ganzen Komplex herausholen und isolieren. — Viele in Erez Jisroel meinten, daß die Qedä'ujim, weil -si? chuzzo loorez lebten, keine Volljuden seien. Auch Iwrith schützt nicht vor Assimilation! Bis zur Stunde ist der Anschluß an das wirklich jüdische Kulturgut nicht gelungen. Was wären Achad Hoam und Bialik, wenn sie nicht in ihrer Jugend in den Jeschiwaus gewesen wären? Bialik hat doch selber gesagt zu denen, die Iwrith schon für jüdische i^ltur gehalten haben: „Ihr schwätzt doch nur in HebräischL" Das jüdische Volk mit der Thora ist nicht denkbar ohne Erez Jisroel. So wie wir uns unter den Stößen der Zeit als Weltorganisation durchsetzen, so werden wir uns durchsetzen durch die Lebendlgwerdung des jüdischen Volkes. Der Zionismus hat die Pseudonation auf den Plan gerufen, So wir einrücken in das dritte Stadium — Aufbau des jüdischen Volkes selber <—, wird langsam, langsam die jüdische Nation erwachen. Es mehren sich die Symptome, daß die Agudo die Organisation sein wird, die die Existenzmöglichkeiten für diese Teile des jüdischen Volkes wahrzunehmen berufen ist. Der Panel in Polen vertraut seine Existenz der Agudo an; Aehnliches beginnt sich in Deutschland zu vollziehen. So hat denn auch die Proletarisierung vieler junger jüdischer .Menschen ihre positiven Seiten; es entsteht ein ganz heuer Typus' eines thoratreuen jüdischen Menschen. ' Wir wollen, unter Führung der Gedaulim, die Geschichte verlebendigen, im Zeichen der Agudo soll sich jeder von uns verantwortlich fühlen-für das Ganze und seinen Beitrag leisten zur Rettung des in schwerer Gefahr sich befindlichen, jüdischen Volkes. .. "'• ' Haha. Ueber die weiteren Vorträge, die in der 'Religiösen Intensivwoche der A.< J: J. G, Abend für Abend bei guter. Beteiligung gehalten wurden, erfolgt gemeinsamer Bericht.

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