Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1935)
- Date
- 1935-11-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 46 Der Israelit 14. November 1935 Im Rahmen der Landesausstellung für Hygiene hat auch die Pester Israelitische Kultus gemeinde ein Pavillon für ihre Spitaleinrichtungen ausgestellt. Ministerpräsident Gömbös, der das jüdische Pavillon besuchte, äußerte sich sehr lobend über die Veranstaltung. Eine zionistische Zeitung veröffentlicht die Liste derjenigen ungarischen Fabriken, dieeine bedeutende Lebensmittelausruhr nach Palästina haben. Mit Ausnahme einer Mühle, welche Erbsen nach dem Heiligen Lande liefert, sind sie alle Erzeuger von Käsei Salami und Fleischkonserven, deren Genuß auf Grund der Speisegesetze einem Juden nicht statthaft ist Ein neuerlicher Beweis dafür, welche Elemente sich leider in Erez Jisroel foreii£ema,cht haben. Polen* Die jüdische Not in Polen im Senat. Warschau, 6. Nov. In einer Plenarsitzung des polnischen Senates erit warf Rabbiner Professor Dr. Moses S c h o r r ein düsteres Bild von dem wirtschaftlichen. Niedergang und der Not der jüdischen Bevölkerung Polens. Er betonte in seiner Rede, daß die Juden Polens bereit seien, als treue Bürger große Opfer Bir .den Aufbau des Staates zu bringen. Sie verlangen keime Privilegien, aber sie wenden sich gegen jede Beschränkung ihrer Rechte als Bürger. Sie fordern gleiche Behandlung auf allen Gebieten, und insbesondere das Recht auf Arbeit für ihre Jugend, sowie gleiche Berücksichtigung bei der Verteilung von Staatskrediten. Der Redner wandte sich sodann der wachsenden antisemitischen Bewegung in Polen zu und erklärte, in letzter Zeit mehrten sieb Ereignisse, die eine Bedrohung des nackten Lebens der Juden darsteilen. Von den Behörden würden gegenüber diesen Erscheinungen keine energischen Maßnahmen ergriffen. Der agudistische Senator Trockenheim wies auf die Gefahren hin, die den Kleinkaufleuten aus dem geplanten Moratorium für Beamtesnscbulden entstehen. Er forderte die Regierung auf^ rückständige Steuerschulden zu streichen. In seiner Antwort erklärte Oberst Petraz y c k i, die fortgesetzten Beschwerden der Jaden seien für diese selbst schädlich. Der Redner behauptete ferner, daß die Juden bereits allzusehr bevorzugt seien, und wies in idiesem Zusammenhange auf die Zahl der Juden an den Hochschulen und .die Entwicklung des jüdischen Leihkassenwesens hin. Gerichtliches Nachspiel der judenfeindlichen Unruhen in Grodno. Warschau, 6. Nov. Vor dem Kreisgericht in Grodno begann der Prozeß gegen 17 Teilnehmer an den pogromartigen antisemitischen Ausschreitangen in Grodno während des Schuwotfestes am 7. Juni. Die Unruhen brachen nach dem Begräbnis des ehemaligen Matrosen Wladislaw Kucz aus, der in einem Nachtlokal bei einer Schlägerei mit jüdischen Besuchern getötet worden war. Die Schuldigen an diesem Vorfall sind vöf einigen Wochen zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Bei den Unruhen wurden die Jaden Israel Bericzowski, der '21jährige Sohn des Leiters des Synagogenchors, und der SOjahrige Gedaiya Becher getötet, 13 Juden zum Teil durch Messerstiche erheblich verletzt und in 183 jüdischen Häusern und 85 jüdischen Läden die Fenster zertrümmert und viele andere Zerstörungen angerichtet. Die Verlesung der Anklageschrift nahm den ersten Verhandlungstag vollständig in Anspruch. Als Hauptführer der Ausschreitungen werden in ihr der 25jährige Alfons Paoasi uk und der 23jährige Edmund Zygmanski genannt. Ihnen wird zur Last gelegt, die Menge zu den Unruhen aufgehetzt zu haben. Unter den übrigen Angeklagten befindet sich auch eine Frau. Die Angeklagten werden von 5 Advokaten verteidigt, 5 Rechtsanwälte vertreten die Geschädigten. Der bei den Unruhen angerichtete Sachschaden wird mit 30.000 Zloty beziffert. Für die Ermordung der beiden Opfer wird ein symbolischer Schadenersatz von je einem Zloty gefordert. Bei'der Befragung trugen die Angeklagten ein herausforderndes Wesen zur Schau und weigerten sich, Fragen der Vertreter der Privatkläger zu beantworten. Als der Staatsanwalt den Angeklagten Panasiuk fragte, ob er es bedaure, Juden mißhandelt und andere zur Teilnahme an den Exzessen aufgefordert zu haben, antwortete er: „Nein, ich bedaure nichts." Es folgte die Vernehmung von 40 Zeugen, die die Feststellungen der Anklageschrift bestätigten. Einer der Verteidiger versuchte vergeblich Von den Zeugen die Aussage zu erlangen, daß ein organisierter jüdischer Selbstschutz bei den Ereignissen eingegriffen habe. Tschechoslovakei Das neue Tierschutzgesetz in der Tschechoslovakei. Prag, 6. Nov. Die Regierung der Tschechoslovakei hat im Senat ein Tierschutzgesetz eingebracht, dessen Paragraph 8 dahin lautet, daß sich „derjenige strafbar macht, der bei der Tötung eines Tieres ihm überflüssige Qualen zufügt, inisbesondere derjenige, der ohne vorherige Betäubung Schlachtvieh zum gewerbsmäßigen Fleischverkauf tötet.". Zu diesem Punkt 8 werden durch Regierungsverordnung Ausnahmen für die „Tötung von Tieren nach religiösen Vorschriften" erlassen. Demnach fällt die Schechita (jüdisch-rituelle Schächtung) nicht unter das neue Tierschutzgesetz. Rumänien. Brief aus Rumänien. Bukarest, 6. Nov. Die Klausenburger (Clujer.)! orthodoxe Chewra Kadischa feiert ihr lOOjähriges Bestehen und gibt aus diesem Anlaß ein hebräfsch-un^arisches Jubiläumsbuch heraus, das den Titel „100 Jahre im Dienste der Wohltätigkeit" trägt. Das Buch, vom bekannten jüdischen Journalisten Imre Szabo redigiert, wird auch außerhalb Ungarns Interesse erwecken, denn es enthält wertvolle historische und allgemeine Beiträge. Die Chewra wurde noch in der Zeit der Rechtlosigkeit der Juden gegründet, wurde doch sogar ihr erster Gabba, Dawid Welliisch, aus der königlichen Freistadt, die das Privileg hatte, keine Juden in ihrer Mitte zu tolerieren, ausgewiesen. Die Unsicherheit hinderte aber die Juden nicht daran, sich zu organisieren und in der Wohltätigkeit <sieh zu betätigen. Aber auch für ihre sie stiefmütterlich behandelnde Stadt zeigen die Juden ein warmes Herz, sie unterstützen mit zinsesfreier Anleihe Klausenburg, Auch der Religionsstreit zwischen Orthodoxie und Neologie spiegelt sich in der Geschichte der Klatisenburger Chewra wider. Die Assimilation hat auch bei den Toren .des Beth Hachajim nicht Halt gemacht und das Material der Särge, Form der Aufschrift und der Grabsteine in Debatte gezogen. Die Klausenburger Chewra hat tapfer die Alleinherrschaft der heiligen Sprache auf dem Friedhof durchgesetzt und die Tradition bei den Beerdigungen gesichert. — Die fusionierten antisemitischen Parteien des Prof, Cuza und des Ministers a, D, Go ga planen die Abhaltung einer demonstrativen Parteiversammlung in Klausenburg und werden nach ihren Ankündigungen hun-, derttausend Mann dabei aufmarschieren lassen. Obzwar die Parteiführer wiederholt betonten, daß bei diesem Aufmarsch größte Ordnung und Disziplin herrschen werden, ist die jüdische und ungarische Bevölkerung der Stadt stark beunruhigt. Ein antisemitisch gesinnter TischlergeseHe hat ein Attentat gegen die Synagoge von Nagy-Ban y a (Baiamiire J Siebenbürgen verübt, Er hat durchs Fenster zweimal mit einem Revolver gegen die Bundeslade geschossen. Die Andächtigen haben kurz' vor dem Attentat die Synagoge verlassen, so daß nur unbedeutendedr Sachschaden verursacht wurde. Der Vor- ' sitzende der Bauernpartei, Minister a. D. Mihalache, hielt in Marmarosszighed, in einer Stadt, deren Majorität jüdisch ist, eine bemerkenswerte Rede, Bezüglich der Minoritätsfraige machte er folgende Aeußerungen: „Vier Millionen Seelen gehören in unserem Lande zu den Minoritäten. Verjagen können wir'sie nicht, so ist es besser, wenn: wir sie!jafe Brüder behandeln, als daß wir sie zum Feinde des Landes machen." Von der Judenfrage sagte Mihalache folgendes: „Diese Frage muß mit nüchternem Kopf und nicht mit den Nerven gelöst werden, wie dies Cuza und Goga versuchen. Es gibt auch Juden, die ihr Brot mit schwerer . Arbeit verdienen. (Ein rumänischer Bauer ruft dazwischen: „Und sie haben ebenso kein Brot wie wir!") Mit Fenstereinschlagen und mit Feuerlegen kann man die jüdische Frage nicht lösen, dies zeigt auch das Beispiel von Viso und Borsa. Borsa haben die Antisemitenangezündet, um 'damit die Juden zu vertreiben. Aber haben sie auch einen einzigen von ihnen vertrieben? Sie wohnen jetzt in schöneren Häusern, als vor dem Brand , , , Ich habe das Vdsotal bereist und habe die beste Forstarbeiit von Juden und von Rumänen gemeinsam ausführen gesehen. Wir kämpfen nicht gegen diese arbeitenden Juden . . . Wenn in einem Dorf ein jüdischer Schneider arbeitet, werden wir bei ihm arbeiten lassen und nicht nach der Tschechoslovakei gehen und dort Kleider kaufen." Der jüdische Journalist Dezsö S c h ö n hat ein umfangreiches. Werk in ungarischer Sprache über die Geschichte der Marmarosszigheder T e d t e 1 b a u m '- sehen Rabbi-Dynastie veröffentlicht. Das Werk, halb Roman, halb Chronik, trägt den Titel: „G'ttessucher in den Karpaten". Schön hat sehr viele mündlich verbreitete Tradition gesammelt, die den Hauptwert seines Werkes ausmachen. Italien. Minister Parini, der Leiter der italienischen Auslandsorganisationen, über jüdisch-italienische Beziehungen, R o m , 4. Nov. Minister Piero Parini, der als Leiter der italienischen Ausiandsorganisationen mit ihrem die ganze Welt umspannenden Netz italienischer Schulen und Kulturinstitutionen zu dem engeren Kreis der nächsten Mitarbeiter des Ministerpräsidenten Benito Mussolini gehört, hat sich in einem Gespräch mit dem ITA-Vertreter in Rom ausführlich über Art und Umfang der jüdisch-italienischen Beziehungen geäußert. Minister Parini erklärte: Die zahlreichen italienischen Schulen, die wir überall in der Welt, besonders dm Mittelmeergebiet, in Tunis, Griechenland, in der Türkei, in Bulgarien, Syrien, Aegypten und Palästina haben, werden von jüdischen Schülern stark besucht. Die Judenheit 'dieser Länder ist durch Abstammung oder geistige Ueb er lieferung mit Italien eng verbunden und läßt ihre Kinder unsere Schulen besuchen, um diese Traditionen weiter zu pflegen. Bekanntlich haben wir auch auf unsere Kosten einige Lehrer in die hebräischen Schulen Palästinas entsandt und gerade in diesen Tagen einen weiteren Lehrer,, Prof. Gattegno, nach Tel Awiw delegiert. Demnächst wird außerdem in Jerusalem ein Institut für.italienische Kultur unter der Leitung des jüdisch-italienischen Schriftstellers und Literaturwissensehaftlers Prof. Aldo Sorani gegründet werden. Es ist mir eine angenehme Pflicht, fuhr der Minister fort, hervorzuheben, daß sich für die von uns geschaffene Freiwilligenilegion viele italienische Juden aus dem ganzen Mittehneergeibiet gemeldet haben, Kinder oder Enkel italienischer Juden aus Livorno, Pisa und anderen Städten, die noch vor der Einigung Italiens, also vor dem Jahre 1870, Italien verlassen halben. Diese Meldungen sind ein wahrhaft schönes Beispiel des Patriotismus und der Anhänglichkeit der italienischen Juden für ihr altes Vaterland. In unserer Legion gibt es jüdische Freiwillige, die in der italienischen Armee 1911 in Tripolitanien und im Weltkrieg gekämpft haben und die sich jetzt wieder als Kämpfer in unseren Reihen zur Verfügung stellten. Der jüdische Patriot, Major Lionello Attias aus Tunis, ist besonders zu nennen. Er hat sich gleichzeitig mit, seinem Sohn gemeldet und wurde vqn mir mit der Führung eines Bataillons betraut. Im weiteren Verlauf der Unterredung wies Minister Parini. auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen italienischem Faschismus und anderen polätschen Systemen hin, denen er häufig an die Seite gestellt werde. Maßgebend für den Faschismus sei ausschließ-