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Der Israelit · 1935-11-14 · Heft 46 (14.11.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 46 (14.11.1935)
Date
1935-11-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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•■^WS^^SfS^iSgsPS^ 14. November 1935 Der Israelit Nr. 46 Seite'3 Die Vätergeschichte heute. '(Fortsetzung von Seite 1,) Bau der Vätergeschichte so stark und vollendet vor uns steht, daß enden Oberstock der V o 1 k s g e s c h i c h t e tragen kann. Mögen einmal früher diese lichtgestalten 'Glanz ans fernen Welten in unsere Sabbatstube gebracht haben, heute sind sie unsere Väter, unsere vertrauten Freunde,. Heute wissen wir auch, warum die kabbalistische Schrifteriklärung diese Väter die Weltsphären iJTDJl ^DH •'fal mKSn: liebe, Kraft, Schönheit usw. verkörpern läßt. Sehr lebensnah berühren sie uns, und auf der anderen Seite sind sie uns doch Namen für Begriffe, Namen für Schicksale, für unser Schicksal, das J u d e n Schicksal. Und da geht uns auch eine Ahnung auf, daß die Midraschim, Perlen unserer talmudisoh-aga- - «tischen Literatur, die sich besonders schön, blühend und üppig um die Namen und Erzählungen im ersten Buche der Thora ranken, gar nicht bloße Schöpfungen aus begnadetem Dichtergehirn sind, wie manche glaubten. Nein, sie, <Lie Weisen des Talmuds, haben eben mit jenen Erzählungen und Sentenzen die Väter in der Sprache und der Vorstellung ihrer Zeit gegrüßt, so wie wir sie in der Sprache unserer Zeit anreden. Sie konnten nur in Bild und Gleichnis reden, das uns heute, den Späteren, manches Rätsel aufgibt, so wie wir vielleicht mit der Art, wie wir im Bilde der Zeit die Gestalten und Probleme der Bibel begreifen und zum Ausdruck bringen, eine spätere Generation vor schwer lösbare Rätsel stellen. Sie finden, die' Väter unserer Urgeschichte, wenn sie im Winter kommen, nicht zu jeder Zeit die gleichen Sabbatlichter im jüdischen Hause. .flrmamtP nimm miK:Licht, Freude, Sabbat und Rühe. Dias Licht und den Sabbat werden sie heute vielleicht im jüdischen Hause zahlreicher und in höherem iMaße finden, als in den Zeiten des Aufstiegs. Weniger aber die Freude und am wenigsten die flnu»' die friedsam Gerahigkeit in dem Hause, vor dem vielleicht schon am Montag der Liftwagen stehen wird, nm p UTi:P 13' „An ihm ruhen der Sohn und die Tochter," singen wir in den Smirausliedern, aber das Lied verstummt oft mitten im Satze, im Gefühl der inneren Unrast, das gerade den Sohn und die Tochter beherrscht. Was geschieht mit der jüdischen Jugend? An welchem Tisch 'sitzen sie am nächsten Freitagabend, in vier Wochen, oder in einem Jahr? Hier kann die Sprache, das kampfbewegte, leidvolle, im Boden wenig verwurzelte und stets nach Himmel und Sternen orientierte Leben der Väter, eine Fanfare für uns werden, unserem Dasein Farbe und Inhalt geben. Die Midraschim, die unsere Zeit zu den Berichten der Thora liefert, sind genau so wahr und aus dem Leben der Tage keraus geboren, wie die alten die Zeit und das Leben kurz nach der Tempelzerstörung widerspiegeln. Wir müssen sie nur richtig zu gestalten und richtig zu deuten wissen. Hie und da aber klingt auch aus alter talmudischer Zeit eine Stimme zu uns herüber, die uns aufhorchen läßt, wie bei einer Mahnung 'des Tages. So folgende: Ein Rabbi, erzählt der Talmud, Nachum Isch Gamsu hieß er (der Name war Symbol und Programm: alles zum Guten!), hatte die Mission, ein Kästchen voller Kleinodien als Geschenk des jüdischen Volkes dem Kaiser in Rom zu überbringen. Unterwegs leerten seine Gastgeber das Kästchen und füllten es mit Erde, und der Rabbi merkte es nicht. Schon war der Bote, und mit. ihm die ganze jüdische Nation, der Gefahr der Vernichtung ausgesetzt, wie der Kaiser den wert-' losen Inhalt 'des Schmuckkästchens entdeckte, und glaubte, die Juden spotteten seiner. Da stellte! sich im letzten Augenblick heraus, daß die Erde| nicht von gewöhnlicher Art war, es war die: E r d e v o n V a t e r Ahr a h a m , die >die wundersame Eigenschaft hatte, sich in Schild und Waffen zu verwandeln, wenn man sie durch die Luft wirbelte, und die auf diese Art dem Kaiser zu glorreichem Siege verhalf. Der Wert der Erde wurde erkannt und dem bedrohten jüdischen Volke erblühten Heil und Rettung. Ist das nicht bis zum gewissen Grade auch ein Midrasch unserer Zeit? Man hat uns die Kleinodien, oder das, was eine moderne Judenheit hundert Jahre lang im grellen Sonnenlichte der Kultur für Kleinodien hielt, aüs dem Schatzkasten wieder genommen. Was geblieben ist, es ist E nd e. Aus Feld und Garten, aus der Hachschara und aus der Werkstatt den harten Ton der Arbeit noch im Ohr und in der Seele, kommen unsere Söhne und Töchter an Vaters Tisch am Freitagabend. Umstellung, Umschichtung, Umbruch, Umwertung und ähnlich nennen wir es. Und wir sehen ein neues Leben vor unseren Augen entstehen, auf das die Väter, oft ebenso skeptisch hinblicken, wie die Söhne mit der Unbefangenheit und Elastizität ihrer Jugend ihm mit geschwellten Segeln entgegensteuern. Mit den Sternen am Himmel und der Erde werden wir verglichen, zwischen Sternenbild und Boder bewegt sich der uns durch Abraham gewordene Doppelsegen. Aus Sternenhöhe wurde unsere neue, Generation heruntergeholt, sie klammert sich an die Erde. Möge es somit Abrahams Erde sein, die an die Stelle der wirklichen oder vermeintlichen Kleinodien gekommen ist. Und Abraham an der Spitze der höheren Gäste, die Sabbat für Sabbat in unsere Stube kommen, möge die neue Arbeit und die neuen Menschen segnen, daß zum „Lichte", zur ,.Freude" und zum „Sabbat" auch die „Ruhe" kommt; daß an ihm die Ruhe finden auch der Sohia und die Tochter, •mi p mia* n Wochenrundschau, Der Tunnel. Unsere Stellung zur „Neuen Zionistischen Organisation" vom Jabotinsky'sehen Geiste war von vornherein gegeben und hat sich durch die Ergebnisse des Wiener Kongresses nicht im mindesten geändert. Der ehrliche Wille Jabotinskys, auf seine Art gute Beziehungen zum jüdischen Religionsgesetze und zu seinen Trägern zu pflegen, darf nicht im geringsten angezweifelt werden. Darum seien hier die wesentlichen Teile seiner Wiener Rede über das Verhältnis der N. Z .0. zur Religion festgehalten: „Wenn wir an diese Frage herangehen, so sind wi'r gezwungen, subjektiv zu reden. In meinem Zeitalter bewegte sich die Intelligenz im Zauberbahn der Emanzipation und Toleranz, wie ihn der Freiheitsdrang des 19. Jahrhunderts mit seinen liberalen und Iiberalistischen Ideen geschaffen hat. Reden wir offen und ehrlich: Unser Verhältnis zur Religion war im besten Falle durch die Toleranz gezeichnet, Die Parole hieß: „Religion ist Privatsache! Trennung zwischen Staat und Kirche!" Bei den Völkern und im gewissen Sinne auch bei uns. Es galt als höchstes Prinzip, das öffentliche und Staatsleben von der Zwangsjacke der Religion zu befreien. Diese Strömung beherrschte meine Generation. Es begann mit der Ablehnung des Klerus und ..endete mit der absoluten G'ttesleugnung. Damals begann die innere Umwälzung, die zur Schaffung einer g o 111 o s e n Menschheit führte. Der Wert des Menschen wurde nicht mehr nach dem eingeschätzt, was in den tiefsten Kammern seines Herzens saß, sondern nach Stand und Rasse, denen er angehörte. Nur die Kinder jener Zeit hängen heute noch solchen Traditionen an. Die neue Generation steht aber vor einem Wendepunkt. Wir fragen: Ist diese Auffassung des 19. Jahrhunderts mit dem Leben der Gegenwart in Vereinbarung zu bringen? Gewiß, die Religion ist Privatsache. Was ich glaube oder negiere, akzeptiere oder ablehne, geht keinen Anderen an. Keiner ist für das .Diktat seines Gewissens einem Anderen Rechnung schuldig. Es ist aber keineswegs eine private Angelegenheit, ob Synagogen und Heiligtümer bestehen, es ist vielmehr eine Lebenslage des Staates, ob noch G'ttesdienst besteht, :pb ^och das beständige heilige Feuer in den Gebetsstätten und »Heiligtümerni glüht, ob die Stimme der Propheten durch das Gemeinschaftsleben geht, oder die G'tteshäuser zu einem Museum für tote Dinge reduziert werden. Das alles ist nicht Privatsache, sondern geht den Staat, die Nation an. Das Gemeinschaftsleben wird vom Bewußtsein genährt, daß die Innenwelt des sterblichen Menschen von Glauben und Denken bestimmt wird. Der Mensch ist, was er glaubt. Da wo unsere Seele verwurzelt ist, besteht ein ewiges Band mit dem g'ttlichen Mysterium des Lebens, das nie gelöst werden kann. Darum begrüße ich mit besonderer Hochachtung die gesetzestreuen Brüder, die hierher gekommen sind, um jene ewige Wahrheit und jenes ewige Sehnen uns zu bringen und in unserer Organisation zu verankern. Nicht allein als Brüder, sondern — trotz aller Scheidewände — als Gesinnungsfreunde begrüße ich sie. Suchen wir gemeinsam das Letzte. Wie wir das machen? Das Leben hat zwischen uns einen hohen, harten Berg aufgeschichtet, so graben wir einen Tunnel. Sie graben von der einerf, ich und meine Freunde von der anderen Seite. Einmal begegnen wir uns. Ob schon in den nächsten Tagen oder erst nach Monaten, wissen wir nicht, wir haben Zeit. Aber Schulter an Schulter *7nK (?) wollen wir dem einen Ziele entgegenstreben. Mögen wir den Tag erleben, da eine j junge Generation jene ewige Sehnsucht im Leben erfüllt sieht." Das alles ist recht schön gesagt. Aber, fragt man sich, wenn man einmal den Zusammenbruch des Pseudomessianismüs des neunzehnten Jahrhunderts einsieht und offen zugibt, warum dann nicht wirklich „Schulter an Schulter" auf der jüdischen freien Fläche, im offenen „Lichte des G'ttesantlitzes" — um ein bekanntes Psalmwort zu gebrauchen — arbeiten? Warum erst im Tunnel, wo es dumpf und dunkel, ein Zusammenarbeiten „Schulter an Schulter" technisch gar nicht möglich ist und ein Zusammentreffen höchst ungewiß bleibt? Die aus solchen Ueberlegungen gewonnenen letzten Erkenntnisse hätten nicht zur Bildung einer eigenen zionistischen Organisation, sondern zur individuellen Tschuwoli, ohne welche es ein religiöses. Gemeinschaftsleben gar nicht geben kann, und zum kollektiven Anschluß an die Agudas Jisroel führen müssen. Eintragung in jüdische Geburtslisten ohne Abrahamsbund. Eine seltsam« Meldung bringt die ITA. aus Warschau. Danach habe das Innenministerium angeordnet, daß, entgegen der bisher geltenden Bestimmung, die Eintragung neugeborener Kinder in jüdische Geburtslisten auch ohne B e ib r i n gü n g desZeugnisses eines Moh e 1 s ü b.<e r die vollzogene Beschneidung mögilich sein soll. Die Verfügung wird da- TfiiWfEi

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