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Der Israelit · 1935-11-07 · Heft 45 (7.11.1935) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 45 (7.11.1935)
Date
1935-11-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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7/ November 1935 Der Israelit Nr, 45 Seite 9 Abg. M d n z b e r g (Aguda) erklärte, er hätte die Absicht gehabt, jüdische Angelegenheiten von der Parlamentstribüne aus eingehend zu besprechen, er werde jedoch damit warten, Ms die Regierung ihre grundsätzlichen Richtlinien bekannt gegeben und die Methoden ihrer Durchführung genauer sräzisiert haben werde. Immerhin glaube er,' .daß der Ministerpräsident, als er von den 33 Millionen Bürgern sprach, auch die drei Millionen Juden Polens im Auge gehabt habe. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen wies der Abgeordnete darauf hin, daß die Last der erhöhten Einkommensteuer von den kleinen Kaufleuten und Beamten werde getragen werden müssen. Während es dem Großindustriellen leicht fallen werde, nachzuweisen, daß sein Unternehmen keinen Ertrag abwerfe, werde der arme Kleinhändler dazu niemals imstande sein. Auch die Entschuldungsaktion für die Arbeiterschaft werde völlig auf Kosten der Kaufmannschaft geschehen. Zum Schluß erklärte Minziberg, daß er der Regierung von vornherein sein Vertrauen ausspreche, wobei er sich bewußt sei, daß er damit einen Blankowechsel unterschreibe. Dr. Emil So meierst ein führte aus, er spreche im Namen des Jüdischen Klubs, dessen Kleinheit auf die neue Wahlordnung zurückzuführen sei. Sowohl der Ministerpräsident als auch der Vizepräsident des Ministerrates hätten bloß rein wirtschaftliche Fragen behandelt und die Besprechung politischer Fragen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Trotz-, dem sehe er sich genötigt, festzustellen, daß die jüdische Bevölkerung Polens von tatsächlicher Gleichberechtigung weit entfernt sei. Es fehle ihm die Kraft, ein wirkliches Bild der Lage zu entwerfen, in der sich die drei Millionen Juden befinden. Die Vertreter der Regierung hätten die Lage im Lande richtig und klar geschildert; der richtigen Diagnose müsse die entsprechende Therapie folgen. Es gelte Schluß zu machen mit der staatlichen Monopolwirtschaft, dem Etatismus, die Produktion müsse" verbilligt werden, damit der Verbrauch steigen kann. Die Privatinitiative müsse gefördert, das Steuersystem reformiert werden. Insbesondere äußerte Dr. Sommerstein Bedenken gegenüber dem Plan der Erhöhung der Einkommensteuer. In der Debatte sprach auch der katholische Priester Lubelski, der gerechte Behandlung aller Bürger ohne Unterschied ihrer politischen und religiösen Ueberzeugung verlangte. Das Ermächtigungsgesetz wurde sodann mit großer Mehrheit angenommen. Zehn Jahre Bnoth Agudas Jisroel. Lodz, 4. November. Mit Beginn des neuen jüdischen Jahres sieht die Frauenorganisation der Bnoth Agudas Jisroel auf ihr zehnjähriges Bestehen zurück. Die Agudas Jisroel-Weltorganisation bestand schon 15 Jahre und hatte bereits auch die Jugend und die Arbeiterschaft erfaßt, nur die Frauen und Töchter standen noch abseits. Damals, im Jahre 5686^ kamen etwa zwei Dutzend jüdische Töchter .in Lodz zusammen und proklamierten vor aller Oeffentlichkeit die Zugehörigkeit der jüdischen Frau und Tochter zum thoratreuen Israel. Der Wille zum Judentum fand seinen Autsdruck in der Gründung der Organisation Bnoth Agudas Jisroel, Heute zählt die Organisation etwa 20.000 Mitglieder. Tausende jüdische Töchter konnten in den Anstalten der Bnoth Agudas Jisroel sich ihr jüdisches Wissen erwerben. Annähernd 300 Gruppen entfalten im Lande eine kulturelle, soziale und philantropische Tätigkeit in jüdischem Sinne, die allgemein anerkannt wird. Die Agudas Jisroel hat in den Bnoth eines der idealsten Elemente ihres Baues. In letzterer Zeit entstanden solche orthodoxe Frauenorganisationen nach polnischem Muster auch in anderen Ländern. Nun ruft die Organisationsleitung in diesem Jobeljahr alle Kräfte auf, um .den Gedanken der B.A.J. noch weiter in die Welt hinauszutragen. Ein J u - biläumskongreß wird demnächst einberufen, auf dem alle brennenden Fragen der jüdischen gesetzestreuen Frau entschieden werden sollen. In einem überaus wirksamen Aufruf fordert die Zentrale Die Woche. Frankfurt a. M. Die evangelische Landeskirche Hessen-Nassau teilt allen Pfarrämtern mit, daß der Begriff „Mischehe" künftig nur noch im rassenmäßigen und nicht mehr in konfessionellem Sinne zu gebrauchen sei. Berlin. Das Deutsche Nachrichtenbüro teilt mit: „In ausländischen Blättern sind Meldungen verbreitet, denen zufolge das Propagandaministerium seine nachgeordneten Dienststellen angewiesen habe, die Namen im Kriege gefallener Juden von Kriegerdenkmälern und Gedenktafeln zu entfernen. Gegenüber diesen Meldungen wird amtlich festgestellt, daß eine solche Anweisung nicht ergangen ist." — Als Symbol der Jüdischen Winterhilfe wird ein blauer Kreis auf weißem Untergrunde gezeigt, in dem sich ein Mögen Dovid mit den Initialen IW H befindet. Weitere Werbezeichen werden noch geprüft. Köln. Vor dem Amtsgericht in Düren hatte sich ein 77 Jahre alter jüdischer Mann zu verantworten, dem zur Last gelegt wurde, fortgesetzt in verbotener Weise Hühner geschächtet zu haben. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu Mk. 150.— Geldstrafe oder 30 Tagen Gefängnis. Wien. In Kreisen des Keren Kajemeth wurde die Anregung gemacht, zu Ehren der 12.000 für Deutschland gefallenen Juden eine Palästina-Kolonie zu gründen. Lemberg. In der alten Synagoge von Lemberg wurde eine Bombe zur Explosion gebracht, die das G'tteshaus vollständig demolierte/ Menschen sind glücklicherweise nicht zu Schaden gekommen, dagegen ist der Sachschaden groß. Die Untersuchung ist in die Wege geleitet. Czennowitz. In Czernowitz starb die älteste Frau Rumäniens, Mirjam Esther Mo Ida wer. Sie erreichte nachweislich ein Alter von 112 Jahren. Ihre jüngste Tochter zählt 64 Jahre. Warschau. Plakate, die zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrufen, wurden behördlich beschlagnahmt. — Unter einem Transporte von Palästina-Auswanderern befinden sich 80 jüdische Studenten aus Polen, die in Palästina zum Teil an der Hebräischen Universität, zum Teil am Haifaer Technikum ihre Studien fortsetzen wollen. Bukarest. Der rumänische Innenminister ordnete schärfste Maßnahmen gegen Aufreizung zu Rassen- und Religionshaß an. Rom. Der Papst hat den vatikanischen Legat für Aegypten und Palästina in Audienz empfangen, um sich von ihm ausführlichen Bericht über die aktuelle politische Lage in Palästina, den jüdischen Jischuw und die jüdisch-arabischen Beziehun-" gen erstatten zu lassen. — Die beiden ersten Feldrabbiner, Aldo Sonnino und Amedeo Terracina, sind zur a b e s s ini sehen Front abgereist. Alls dritter Feldrabbiner soll E, Catarivas nach Erythrea demnächst abfahren, — Im Alter von erst vierzig Jahren ist der jüdische Hauptmann Odardo Cagli gestorben. Er war Sekretär der faschistischen Arbeitersyndikate in Terni und spielte in der faschistischen Bewegung von Anfang an eine große Rolle. Paris. Die Beisetzung des verstorbenen Präsidenten der Alliance Israelite . Universelle, Prof. Sylvain Le vi, hat am 4. November ohne jegliche Bekanntgabe in den Zeitungen und, auf Wunsch des Verstorbenen, ohne Gedenkreden, nur im Beisein der nächsten Familienangehörigen stattgefunden. — Im Alter von 59 Jahren starb der bekannte Revisionistenführer Dr. Jacques S e g a 1. Dr. Segal, der in Palästina geboren war, hatte sich als Bakteriologe große Verdienste erworben und war auch Ritter der Ehrenlegion. In der zionistischen Bewegung war er der Führer der Revisionistengruppe in Paris. Jerusalem. Im Monat September sind, nach amtlicher Bekanntmachung, 6178 jüdische Einwanderer nach Palästina gekommen, von denen 528 zu den sogenannten Kapitalisten mit einem Barvermögen von mindestens Lst. 1000.— gehören. — Die für Sonnabend, den 2, November, geplante Wiederholung des arabischen Generalstreik« hat nicht stattgefunden. Es sind keinerlei arabischen. Kundgebungen für diesen Tag, den Jahrestag der Verkündung der Balfourdeklaration, vorgekommen. alle Mitglieder und alle Freundinnen der Organisation auf, sich durch ihre Beiträge, genannt „Trumath Chawera" das Recht zu verschaffen, an den Kongreßwahlen teilzunehmen 'und somit mit ihrer Kraft an den großen Entscheidungen, die diesem Kongreß vorbehalten sind, teilzunehmen. Der Sitz der Zentrale der Bnoth Agudas Jisroel in Polen ist in Lodz. Die zweite Jahrzeit nach dem Schöpfer der Lubliner Jeschiwa. L u b 1 i n , 3. November. Anläßlich der zweiten Jahrzeit nach dem Hinscheiden des Schöpfers, der Jeschiwa Chachme Lublin, Rabbi Meir Schapiro Wt/ fand im Gebäude der Jeschiwa eine Tagung des Kollegiums des Schilton Haruchani, an der auch der Bojaner Rabbi Mosche Friedmann aus Krakau teilnahm, statt. Es wurden Maßnahmen zur geistigen Erneuerung der Jeschiwa besprochen. Gleichzeitig fand die Jahresversammlung des Verwaltungsrates der Jeschiwa statt, in der Mittel und Wege zur Festigung der finanziellen Grundlagen der Jeschiwa erörtert wurden. In einer Versammlung ehemaliger Hörer der Jeschiwa wurde die Errichtung eines Netzes von Jeschiwot ktanot in gafiz Polen besprochen. In allen größeren Provinzstädten wurden Gedenkfeiern und Hespedim zur Erinnerung an den Lubliner Raw veranstaltet. Gleichzeitig wurden Sammlungen für die Erhaltung und den Ausbau der Jeschiwa Chachme Lublin eingeleitet. Frankreich. Erste Jahrzeit nach Baron Edmond de Rothschild. Paris, 3. November. •»Die französische Judenheit beging die erste Jahrzeit nach Baron Edmond de Rothschild, dem Schöpfer des alten Jischuw in Palästina, durch Gedenkg'ttesdienste. Wie aus Palästina gemeldet wird, wurden am Jahrzeitstage auch dort Gedenkg'ttesdienste und Gedenkfeiern in den Städten und namentlich in den von Baron Rothschild gegründeten Kolonien abgehalten. Auf Aufforderung des Verbandes der jüdischen. Gemeinden Jugoslavietts wurden anläßlich der ersten Jahrzeit nach dem Tode Baron Rothschilds in allen größeren Gemeinden Gedenk- und Trauerfeiern veranstaltet. Professor Sylvain Levi, der Präsident der Alliance Israelite, gestorben. Paris, 31. Oktober. In Paris starb plötzlich der berühmte französischjüdische Orientalist und Vorsitzende der Alliance Israelite Universelle Professor Sylvain Levi. Der Verstorbene, der 72 Jahre alt wurde,. war ein berühmter Sanskritforscher, der sich innerhalb der wissenschaftlichen Welt eines besonderen Ansehens erfreute. Im Jahre' 1889 wurde er außerordentlicher Professor an der Pariser Universität, 1894 ordentlicher Professor und im Jahre 1904 zum Direktor der Sanskrit-Abteilung ernannt. Er war auch Ritter der Ehrenlegion. Noch Anfang Oktober nahm er am Internationalen Orientalisten- Kongreß in Rom teil, wo er in der feierlichen Eröffnungssitzung im Namen sämtlicher ausländischer Delegierten eine Ansprache hielt. Bei dieser Gelegenheit wurde er neben den anderen jüdischen Kongreßdelegierten vom Papst Leo XIII. in Privataudienz empfangen. Die wissenschaftliche Tätigkeit von Prof. Levi erstreckte sich vornehmlich auf das Gebiet der Religion und des Lebens der Inder. Sein Buch über ,.Indische Theater" ist von grundlegender Bedeutung. Aus seinem weiteren Schaffen ist sodann das im Jahre 1926 erschienene Werk „L'Inde et le monde" zu erwähnen. Innerhalb der Judenheit Frankreichs und ihrer Organisationen spielte Prof. Sylvain Levi eine große Rolle. Jahrelang war er im Vorstande der Alliance Israelite Universelle. In den letzten Jahren entfaltete er als ihr Präsident eine allgemein anerkannte Wirksamkeit.

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