Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1935)
- Date
- 1935-11-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 45 Der Israelit 7. November 1935 zum großen Teil abschlägig beschieden werden, weil die Frage der politischen und moralischen Zuverlässigkeit nicht befriedigend ausfalle. Die Führung des Reichsbundes des deutschen Textil- Einzelhandels stehe übrigens auf einem Standpunkte, daß bei Nichtariern in jedem Falle die Frage nach der politischen Zuverlässigkeit verneint werden müßte. Für die Ankäufe der jüdischen Geschäfte durch Arier fehle zumeist das Kapital, das von den zuständigen Stellen beschafft werden müßte. Es solle auch den neuen Besätzern die Möglichkeit geboten werden, durch Firmenänderung den Betrieb als arisch zu kennzeichnen. Dem jüdischen Verkäufer müsse die Möglichkeit genommen werden, vor dem Verkauf des Geschäftes die Ware zu verschleudern, was dazu führen könnte, daß sich die nahewohnenden Kunden für längere Zeit eindeckten und das Geschäft des neuen Besitzers für Monate stillgelegt werde. Reichsminister Dr, Frick über die Ausführungsbestimmungen zu den Nürnberger Gesetzen, Berlin, 30. Oktober. Bei dem Generalappell der Berliner Gemeindebeamten äußerte sich der Reichsmittister des Innern, Dr. Frick, in einer großen Rede über die Gesetzgebung des Dritten Reiches über die Nürnberger Judengesetze etwa wie folgt: Die Arierfrage habe ihre Fortsetzung im Judengesetz gefunden. In den Ausführungen dazu werde klar gesagt werden, daß der Jude nicht Träger eines politischen Rechts und auch nicht Inhaber eines öffentlichen Amtes sein könne. Endlich sei der Rassenmischung ein Ende gemacht worden. Er, der Minister, hoffe, daß diese Gesetze sich auf die Dauer zum Segen des deutschen Volkes auswirken werden. Der Nationalsozialismus sei fern davon, wie man es ihm unterstellen wolle, die Juden bis aufs Blut zu quälen, sondern es solle auf legalem Wege eine klare Scheidung eintreten. Wenn diese Scheidung klar durchgeführt sei, werde es auch keine Beschwerden mehr geben. Die Auswandernden und die Zurückbleibenden. Berlin, 1. November, Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat an seine Mitgliedsgemeiadan ein Rundschreiben gerichtet, in dem auf die Auswanderungsbewegung Bezug genommen und der Wunsch ausgedrückt wind, daß die starken Bande, die die Auswandernden mit ihren Muttergemeinden verknüpfen, nach der räumlichen Trennung sich nicht lockern mögen. Auch derjenige, der vor der Auswanderung stehtf müsse sich dafür einsetzen, daß die Gemeindeeinrichtungen vor dem Zusammenbruch bewa'hrt bleiben. Oft gefährde bereits das Scheiden eines einzigen Mitgliedes den Bestand der Gemeinde in finanzieller Hinsicht. Es bestehe die Ehrenpflicht, die Gemeinden in den Stand zu setzen, ihren Beamten das Verbleiben in ihrem Dienste zu ©rmöglichn. Für die Auswandernden, denen oft nur ein Teil ihre® Vermögens für den Neuaufbau.}'hrer Existenz zur Verfügung stehen wird, die auch 'häufig an ihrem neuen Wohnsitz zur Entrichtung von Kultussteuern nicht wieder herangezogen werden, bedeute es ein. geringes Opfer, wenn sie ihrer Gemeinde freiwillige Spenden zukommen lassen. An alle Auswandernde wird die dringende Aufforderung gerichtet, sich dieser Einsatzpflicht gegenüber ihrer Gemeinde stets bewußt zu sein. Das Rambamlehrhaus in Berlin. Berlin, 1. November. Die Eröffnung des zweiten Semesters des Rambam-Lehrhauses erfolgte am 28. Oktober mit einem Vortrag von Rabbiner Dr. J. Hofmann, Frankfurt a, M,, über das gesetzestreue Judentum der Gegenwart, Nachdem Herr Rabb, Dr, Alexander Altmann die Aufgaben des Lehfhauses umrissen hatte, gab Dr. Hofmann eine Definition des gesetzestreuen Judentums seit dem 19» Jahrhundert. Offenbarung und Verpflichtungskraft der Thoragesetze seien seine beiden ersten Voraussetzungen. Den anderen Richtungen im Judentum sei es bis jetzt nicht gelungen, ein tragfähiges Religionsprinzip dem geschichtlich überlieferten Judentum 'entgegenzusetzen, auch dem nationalen Judentum gelang das nicht. Unsere Zeit rechtfertige den gasetzestreuen Standpunkt vollkommen, die Hoffnung aber, daß das Judentum aus der Zeit lerne -und gestärkt aus ihr hervorgehe, habe sich nicht erfüllt. Die gefühlsmäßige Bejahung des Judentums bedeute wenig, wenn die Kenntnis seiner Quellen fehle. Es wäre nun Zeit, daß man mit der Orgel breche, die hebräische Sprache im G'ttesdienste wieder einführe und die bibelkiritische Methode völlig ausmerze, lieber die vielen Judentümer müsse der Weg zum geschichtlichen Judentum gefunden werden. Redner macht dem. gesetzestreuen Judentum den Vorwurf, daß es in den letzten Jahrzehnten sich nur um Kultus, Ritus und Zeremomialgesetze gekümmert und zu wenig zu den Zeitfragen Stellung genommen habe. Den volkhaften Charakter des jüdischen Volkes könne keiner bestreiten, Redner bemängelt auch, daß sich das gesetzestreue Judentum zu sehr mit der Frage des Austritts beschäftigt hätte, wogegen sich aber sagen läßt, daß unter den Zeitfragen in den Tagen der Schöpfer der Austiüttsgemeinden diese Frage wohl die brennendste war. Und wenn unsere Zeit, wie der Redner betonte, dem geschichtlich überlieferten Standpunkt recht gibt, dann erst recht jener R e c h t u n g, die uns den geschichtlich überlieferten Standpunkt in Gemeinde und Gemeinschaft durch alle Fluten des Abfalls bis auf den heutigen Tag erhalten hat, als Zufluchtsstätte für die Vielen, die zu .der gefühlsmäßigen Bejahung des Judentums auch das Studium seiner Quellen und die Kenntnis, seiner Lehren suchen. Herr Dr. Hoffmann schloß mit einer Aufforderung, dem jüdischen KlaU, insbesondere dem Aufbau von Erez Israel, zu dienen. Semestereröffnung am Rabbinerseminar. Berlin, 4. November. Die Eröffnung des Wintersemesters am Rabbinerseminar erfolgte am 3. November durch eine Ansprache des Rektors, Dr. J. Weinberg, der die zahlreich Erschienenen herzlich begrüßte. In der heutigen Zeit, so führte der Redner aus, gebe das Thorastudium neue Kraft.. Daß die Vergangenheit zu viel Energie auf die Apologetik verwendet habe, werde am Ablauf der Geschichte deutlich. Sodann würdigte der Rektor die PensönJaehkeit von Raw Kuk a A., der dem Seminar ein aufrichtiger Freund und Gönner gewesen sei. In ihm erblicke er das Ideal eines Rabbiners in seiner Vollendung. Ihm sei die Thora im Dereeh Erez-Losung ein heiligesjüdisches Prinzip gewesen. Gerade .die Ausweitung des Rabbiner- Studiums, wie es an der Anstalt gepflegt werde, biete eine Gewähr für die Auslese der Begabten. Im Anschluß daran hielt Herr Dozent Dr, A, AH mann den Eröffnungsvortrag „Ueber die Beziehungen des Rambam zur jüdischen Mystik". Man habe das Problem, so sagte der Redner, bisher immer nur vom Standpunkt der Kabalisten gesehen, erforderlich sei aber eine Untersuchung des maimonischen Schrifttums auf etwaige Beziehungen zur Kabaia. Ausgehend vom Prophetiebegriff des Rambam wies Dr, Altmann 'die Distanz zur Kabaia auf und zeigte, daß dem Rambam Kabaia nicht mystische Spekulation, sondern rationale Ueberlieferung bedeutete. H. D. Arbeitstagung des Palästina-Amtes. Berlin', 4. November. In Berlin fand unter dem Vorsitz von Landgerichtsrat Rau eine Arbeitstagung der Mitarbeiter des Palästina-Amtes aus dem Reiche statt, an der über 120 auswärtige Vertrauensleute teilnahmen. Dr. Franz Meyer, der Leiter des Palästina- Amtes, sprach über die Planung der Palästina-Amts- Arbeit. Das Wirtschaftsreferat von Schalom Wurm (Bet Alfa) befaßte sich besonders mit der Struktur und Entwicklungstendenz der Pialästinawirtschaft, wobei die letzten Vorfälle um den abessiniischen Konflikt einer näheren Betrachtung unterzogen wurden. Den Referaten über Zertifikatsverteilung von Alexander Adler, über Jugendaüjah von Eva Stern und Gesundhedtsfragen der Palästänawanderung von Dr. Herbert N e u m a n n schloß sich eine umfangreiche Debatte an, in der vor allem die auswärtigen Teil- : ■nehmer zu Wort kamen. Nach weiteren Referaten behandelte Assessor Wallbach das Devisen- und Steuerrecht unter dem Gesichtspunkt der P a 1 ä s.tina wand e- ■run g und nahm .die Gelegenheit wahr,, die voraussichtliche Neugestaltung des Transfeorwesens zu diskutieren. Dr, Herbert F e i 1 c h e n f e 1 d , der Geschäftsführer der Haawara in Tel Awiw, schilderte die Bedeutung und die großen wirtschaftlichen und auswanderungstechnischen Aufgaben des Transierverfahrens. Die Leitung des Palästina-Amtes wird im Laufe des kommenden Winters die in der Tagung gegebenen Anregungen soweit als möglich auswerten. Insbesondere wird durch Bereisung der Zweig- und Vertrauens stellen und durch Veranstaltung von regelmäßigen Bezirkstagungen sowie durch Ausbau der Informatdonsrundschreiben ein noch engerer Konnex mit den Vertrauensleuten hergestellt werden. Skandinavien. Erste Rabbinerkonferenz und Gemeindetagung in Skandinavien. S t o c k h o I m , 3. Nov, Zum ersten Male kamen sämtliche Rabbiner aus Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark in Stockholm zu einer Konferenz zusammen. Im Mittelpunkte der Beratungen stand der Gesetzentwurf der schwedischen Regierung für die Einführung der obligatorischen elektrischen Betäubung bei der Tierschlachtung, was so viel bedeuten würde wie ein allgemeines Schächtverbot. Die Konferenz arbeitete eine Denkschrift an die schwedische Regierung aus, in der unter Berufung auf den Grundsatz der Religionsfreiheit gefordert wird, daß die rituelle Schächtung ohne vorangegangene elektrische Betäubung solange gestattet bleibe, als keine dem jüdischen Religäonsg«setz entsprechende Betäubungsart gefunden sei. Dabei wird betont, daß die rituelle Schächtung auch ohne vorherige Betäubung nach der Ansicht der hervorragendsten Gelehrten die beste Methode sei, unnötige Leiden für die Tiere bei" der Schlachtung zu vermeiden. Im Hinblick auf diese und andere Fragen wurde eine Vereinigung der Rabbiner aller nordischen Länder geschaffen, die in regelmäßigen Abständen Beratungen abhalten und alle Maßnahmen für die iErstarkung des Judentums dn den Nordländern treffen soll. Die Konferenzen finden abwechselnd in Stockholm, Kopenhagen', Oslo und Helsingfors statt. Zur gleichen Zeit fand eine Tagung der Vertreter aller jüdischen Gemeinden Schwedens statt. Im Hause des Vorsitzenden der Stockholmer jüdischen Gemeinde, Dr. Fürstenberg, fand ein Bankett zu Ehren der skandinavischen Rabbiner statt, auf dem die Gäste in Ansprachen das Zusammengehen von Vorstamd und Rabbiner in Skandinavien federten und der Hoffnung Ausdruck gaben, auf diesem Wege eine Rückkehr zum historischen Judentum, insbesondere eine W i edereihkehr der hebräischen Sprache und der Zionsgebet.e in alle Synagogen, der Nordländer zu bewerkstelligen. Der radikale Liberalismus, sagte u. a. Oberrabbiner Feder husch, sei heute bereits überwunden, und von allen Richtungen werde Erez Israel als Rettungsanker und Zukinnftshoffnung des Judentums angesehen. Polen. Die Beschwerden der Juden Polens vor dem Sejm. Warschau, 30. Oktober, In der letzten Sitzung des polnischen Sejm wurde anläßlich der Debatte über den Gesetzentwurf, durch den der Regierung Vollmacht zur Herausgabe von Verordnungen mit Gesetzeskraft erteilt werden soll, das Problem der jüdischen Wirt s ch a*f tsoot und der unvollkommenen Verwirklichung des Gleichberechtigungsgrundsatzes in Bezug auf die Juden von den jüdischen Abgeordneten L, Minzberg und Dr. Emil Sommerstein aufgerollt.