Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1935)
- Date
- 1935-11-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7. November 1935 Der Israelit Nr. 45 Seite 7 : Stadt zu schützen wußten? Hat nicht Simon der Gerechte Jerusalem von Alexander dem Großen durch seine Weisheit errettet? Hat nicht Rabbi Jochanan ben Sakkai vom Kaiser Vespasian die Rettung Jawnes erlangt? Warum kann jener Weise nicht Joseph gewesen sein, der das Aegypterland durch seine Weisheit vor dem Verhungern bewahrte und von dem es nachher in der Bibel heißt: es stand ein neuer König auf, der Joseph nicht kannte? Der Tübinger Theologe P. Volz, der offenbar etwas vorsichtiger ist, urteilt: „Jedenfalls möchten wir uns hüten, zeitgeschichtliche Ereignisse, wie Koheleth sie in 4, 13—16 und 9, 13—16 erzählt, mit bestimmten, uns zufällig (bekannten Ereignissen gleichzusetzen; das erlaubt unsre geringe Einzelkenntnis der Geschichte nicht. Neuerdings will man 'Koheleth zum Parteigänger der Sadduzaer machen, mit denen er sich in manchem berührt. Die Partei ist aber erst nach den Makkabäerkämpfen im Gegensatz zu den Pharisäern entstanden; zudem ist Koheleth mehr als ein Parteimann gewesen." Griechische Wendungen kommen im Buche überhaupt nicht vor. Die falsche Deutung von tauw ascher jofe (5, 17) in Richtung einer griechischen Entlehnung haben wir bereits gekennzeichnet. Auch «aramäische Anklänge können wir in dem Buche nicht entdecken. Wir sehen viel- : mehr im Stil des Buches die echte, zu allen Zeiten im jüdischen Volke gängige Volkssprache. Das Buch lehnt mit Bewußtsein den klassischen Stil der Poesie und das Pathos der Propheten ab. Es ist nicht in edelgewählter Fassung gehalten, sondern in der „Sprache der Weiv sen", die immer das, volkstümliche Idiom bevorzugten. Dieses aber klang seit altersher viel stärker an das Aramäische an. Zu unserer Ueberraschung aber mußten wir hören, daß der Gedanke vom gleichmäßigen Wechsel und die Verherrlichung der Freude ganz unjüdische Gedanken sind, Sind etwa auch der Satz in der Genesis von dem ewigen gleichmäßigen Wechsel von Sommer und Winter, Kälte und Hitze, Tag und Nacht; oder das jesajanische herrliche Wort-' 'die Blume verwelkt, das Gras verdorrt, nur das Wort unseres G'ttes besteht ewig; oder die vielen Schilderungen in Hiob von der Vergänglichkeit des Glücks, von den Großen und Reichen, die, wenn sie verschwunden sind, ihr Ort nicht wiedererkennt, w'lau jakirenu aud mekaumau ganz unjüdisch? Sind die Worte: dienet G'tt mit Freude; der vielfache Befehl des Deuteronomiums: du sollst dich freuen vor deinem G'tt, du sollst nur freudig sein, ganz unjüdisch? Das Spruchbuch des Jeschua ben Sara, von welchem angeblich Koheleth „eine ganze Welt trenne", sagt Kap. 14, 14: Laß dir nicht einen guten Tag entgehen und den dir zukommenden Anteil an einem erlaubten Genüsse laß nicht an dir vorübergehen. Kap. 30, 21—23: ' Gib dich nicht der Traurigkeit hin und plage dich nicht selbst dadurch, daß du dir Sorge machst. Frohsinn im Herzen ist Leben für den Menschen, und Freude schafft jedem langes Lerben. Ermuntre dich selbst und rede deinem Herzen zu und Traurigkeit wisse weit weg von dir zu f halten. Denn viele hat schon die Traurigkeit getötet, und es liegt kein Nutzen in ihr. Kap. 14, 15—19: Alles Fleisch wird alt wie ein Gewand; denn von Ürzeit her besteht das Gesetz*. „Du wirst sterben"! Wie die grünen Blätter am dichtbelaubten Baume — die einen wirft er ab, die anderen aber läßt er wieder wachsen: Ebenso ist's mit dem Geschlechte von Fleisch und Blut, . „ das eine stirbt, das andere aber wird geboren. Jedes Werk, das irdisch ist, nimmt ein Ende, und der, der es herstellt; geht mit ihm dahin. Er hat mithin auch diese „ganz unjüdischen" Gedanken ' von der Freude und vom ewigen Wechsel, So ist die gesamte Behauptung von Entlehnungen aus griechischer Philosophie unhaltbar. Es sind nur die selbstverständlichen Anklänge, die sich infolge der gleichen ernsten oder freudigen Lebensbetrachtung bei allen Denkern finden werden. War etwa Schiller ein Epikuräer, weil er das Lied an die Freude gesungen? Daß Koheleth kein Stoiker ist, liegt auf der Hand. Nirgends wird bei ihm die Apathie, die Unbeweglichkeit der Seele durch die Ereignisse als Ideal hingestellt. „Am Tage des Glükkes sei froh — aber nicht etwa innerlich unbewegt — und am Tage des Unglücks bedenke, daß auch diesen G'tt geschaffen." Vor U ebers c h ä t z u n g der Ereignisse des Lebens wird von ihm gewarnt, aber nicht etwa vor innerer Teilnahme lind Ergriffenheit. Aber es ist eben so wenig im Koheleth Gedankengut des E p i - k ur zu finden. Nirgends ist im Koheleth gesagt, daß die Lust das einzige Ziel des Lebens sei, daß Tugenden nur Wert haben, weil sie zur Lust führen. Wir wollen die Frage jedoch einer gründlicheren Darlegung unterziehen: sind in Koheeth epikuräische Elemente enthalten? Oder richtiger formuliert: ist die Auffassung des Koheleth der des Epikur und seiner Schule verwandt? Für Epikur ist die Lust das einzig wahre und höchste Gut, denn jedes Wesen strebe natürlicherweise nach Lust. Keine Art von Lust sei an sich selbst zu verwerfen, manche aber um der Folgen willen zu meiden. Lust sei vor allem Freisein von Schmerzen, ja, die Austilgung des Korrespondenzen. Deutsches Reich, Erster Eintopfsonntag. Berlin, 4. November. Von der Reichs Vertretung der Juden in Deutschland wird uns geschrieben: Am kommenden Sonntag wird zum ersten Male, im Rahmen der Jüdischen Winterhilfe in allen jüdischen Gemeinden die Eintopfsammlung durchgeführt werden. Es ist für das Gelingen unseres Hilfswerkes von größter Bedeutung, daß dieser erste Eintopfsonntag ein voller Erfolg wird. Zefantausende von Bedürftigen warten auf schnelle Hilfe im Kampf gegen Hunger und Kälte. Die Jüdische Winterhilfe muß in der Lage sein, jedem, der'sich an sie wendet, beistehen zu können. In Materialien oder Geld sollen die Hilfsbedürftigen empfangen: 1. ein (in Berlin zwei) Zentner Kohlen pro Familie und Monat. 2. Je nach der Größe der Familie ein oder mehrere Zentner Kartoffeln im Monat. 3. Lebensmittel im Werte von Mk. 2.— für jeden Hilfsbedürftigen in Haushalt und Monat. Daneben müssen Speisungen und Kleiderkammern mit ausreichenden Mitteln ausgestattet werden. Die Jüdische Winterhilfe mußte ihre Organisation in kürzester Zeit aufbauen. Sie kann sich nicht nur auf den langsameren- Eingang der Monaisspenden verlassen und ist deshalb auf .die Erträgniss« der Sammlungen des ersten Eintopfsonntags doppelt angewiesen. Es wird von jedem Juden erwartet, daß er sich seiinen Pflichten nicht entzieht. iDie Aufrufe unserer Gemeinden zur freiwilligen Mitarbeit in der Organisation des Sammelwerkes müssen stärksten Wider-. hall finden. Jeder sorge durch Opfer und Mitarbeit dafür, daß schnell und reichlich geholfen werden kann. Liquidation jüdischen Besitzes., " ' - B e r 1 i n , 3. November. Das Problem der Geschäftsverkäufe durch Juden ist nun stehende Rubrik in allen politischen Zeitun- Schmerzes sei der Gipfel der Lust. Es gibt aber auch positiv Gefühle der Lust, und wo sie herrscht, da habe Traurigkeit keine Stätte. Einen Wertunterschied in der Qualität der, Lust, wonach die eine als edel, die andere als minder edel und unedel zu bezeichnen wäre, kennt das epikuräische System nicht. „Prinzipiell ist die epikuräische Ethik ein System des Egoismus, denn der eigene Vorteil, der auf die eigene Lust hinausläuft, soll überall maßgebend sein. Eine Pflichtenlehre und eine autoritative Ethik haben in der epikuräischen Lehre keinen Platz" (Ueberweg-Heinze, Grundriß der Geschichte der Philosophie 1903, I. S. 316 ff.). Allerdings kann man nach Epikur nicht angenehm leben, ohne einsichtig, wohlanständig und gerecht zu leben, und umgekehrt: dies nicht, ohne daß ein angenehmes Leben die Folge ist. Dem Weisen ist ein Leben der Lus t gesichert. Man braucht nur diese Sätze sich einmal vor Augen zu führen, um einzusehen, daß Koheleth mit diesen Gedankengängen auch nicht die Spur einer Aehnlichkeit aufweist. Was Koheleth erstrebt, ist Freude, nicht Lust, die echte Freude, Simcho, nicht die gemeine Freude Ss'chauk, die Freude am bloßen sinnlichen Genuß, die er als t o 11 gleich am Anfang (2, 2) zurückweist. Der Selbstsucht erklärt er den Krieg. Eine Gewähr, sich die Freude zu schaffen, gibt es nach Koheleth durchaus nicht. Sie ist ein Geschenk G'ttes, 'das man dankbar hinnehmen soll, nicht der sichere Preis philosophischer Lebenskunst. (Schluß folgt.) ■ gen. Die „Frankfurter Zeitung" bringt in ihrer Ausgabe vom 3. November einen längeren Aufsatz, der sich mit den wirtschaftlichen Folgen und wirtschaftspolitischen Aufgaben dieser Ußbergänge befaßt. Von der zu errichtenden Auflangegesellschaft mit dem Zwecke, jüdische Geschäfte entweder selbst zu kaufen oder arischen Geschäftsleuten Geld zur Uebernahme zu beschaffen, verspricht sich der Verfassei* eine Be&eitiguag mancher Reibungen und Schwierigkeiten und auch Erzielttng besserer Verkaufspreise, was im Interesse der Volkswirtschaft liege. Auf die Befürchtungen, die besonders die Textilindustrie angesichts des starken Anteils der Juden am Textilhandel und an der Konfektion hegt, hat vor kurzem der „Konfektionär" sehr eindringlich hingewiesen, dessen Ausführungen sich das Blatt anschließt. „Die Unklarheit," schreibt die „Frankf. Ztg.", „die jetzt bei den nichtarischen Geschäftsinhabern über ihre Zukunft besteht, die Unsicherheit, in der die gesamte Wirtschaft sich bezüglich des Ausmaßes und der Folgen einer eventuellen Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben befindet, bildet einen Herd der Beunruhigung, der beseitigt sein wird, sobald die künftige Stellung des Judentums durch den Abschluß der Gesetzgebung vollständig geklärt ist. Die Ausschaltung oder Zurückdrangung des jüdischen Einflusses in der Wirtschaft selbst würde dagegen in jedem Falle ein langdauemder Vorgang sein." In einem Aufsatz des „Westdeutschen Beobachter" unter der "Ueberschrift „Juden wollen ihre Betriebe verkaufen" wird ebenfalls zu dieser Frage Stellung genommen. Insbesondere befaßt sich der Aufsatz mit der Möglichkeit, den Tausch eines in Deutschland gelegenen jüdischen Unternehmens gegen ein ausländisches Unternehmen eines Ausländsdeutschen zu bewerkstelligen. Das Blatt meint, wenn die Voraussetzungen einer solchen Transaktion erfüllt sind, so würden die zuständigen Reichsbehörden sie auch nicht verhindern, sogar im Gegenteil bezüglich der Devisenzuteilung möglichstes Entgegenkommen zeigen.. Was die Verkäufe jüdischer Geschäfte an NichtaTier im Lande betrifft, so stellt das Blatt fest, daß solche Uebergänge nur in Klein- und Mittelstädten zu beobachten seien, während in Berlin sogar Anträge auf Gründung oder Uebernahme bestehender Firmen von Nichtariem gestellt wurden, die freilich