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Der Israelit · 1935-11-07 · Heft 45 (7.11.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 45 (7.11.1935)
Date
1935-11-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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7. November 1935 Der Israelit Nr. 45 Seite 3 Gesetzestreue und Iwrith in Erez Jisroel. (Fortsetzung von Seite 1.) als tägliche Umgangssprache seinen Platz erobert hat, und niemand würde etwa eine geschäftliche Unterhaltung oder Korrespondenz deshalb ablehnen, weil sie in Iwrith geführt werden und weil man etwa Bedenken hatte, sich bei profanen Dingen der hebräischen Sprache zu bedienen. Bei dieser Sachlage muß man die Frage stellen: wozu eigentlich noch Schulen, Waisenhäuser usw. mit jiddischer Unterrichtssprache? Glaubt man wirklich, daß man die Jugend von der lebendigen Sprache des Landes künstlich absperren kann, wenn sie gleichzeitig merkt, daß die Eltern sich der Sprache zu geschäftlichen Zwecken ohne Bedenken bedienen? Halachische Bedenken gegen Iwrith bestehen nicht, wie die genannten Beispiele ergeben, bei denen ja nicht nur stillschweigende Duldung, sondern aktive Teilnahme vorliegt. Wenn es dennoch Eltern gibt, diefür ihre Kinder Jargon als Unterrichtssprache vorziehen, so rechtfertigen solche halachisch nicht verlangte Beweggründe wohl nicht, daß man ihrewegen ein Rettungswerk für die jüdische Erziehung ablehnt, wie es die städtische Erziehungssteuer bedeutet. Die Schulen und Kindergärten der Agadah führen einen verzweifelten Kampf um ihre Existenz, ihre Lehrer und Lehrerinnen arbeiten (ohne Streikdrohungen!) zu Gehältern, die kaum zur Fristung des Lebens ausreichen. Die Schande des Jischuw, die Unterbringung einer leider noch immer großen Zahl jüdischer Kinder in Schulen der Mission, kann von jüdischer Seite nicht bekämpft werden, weil es an 'Mitteln für Freiplätze und Schulgeldermäßigung fehlt. Bei dieser Sachlage ist es nicht zu verantworten, die Erziehungssteuer nur' deshalb abzulehnen, weil sie den jiddischen Schulen nicht zugute kommt. Nachdem auch in der Aguda Iwrith die offizielle Sprache ist, besteht kein Gewissenszwang für die Eltern, die die Erziehungssteuer entrichten, wofern nur die Garantie dafür besteht, daß ihr Anteil einer thoratreuen Schule zugute kommt. Im Gegenteil könnte diese Steuer dazu führen, daß Institute, die nur noch aus Gewohnheit Jiddisch als Unterrichtssprache haben, zu Iwrith übergehen, und daß paradoxe Zustände beseitigt würden, wie z. B. der, daß in Waisenhäusern jemenitische, persische und sefardische Kinder lernen müssen, sich der jiddischen Sprache zu bedienen Und im Jiddisch unterrichtet werden! Die agudistischen Instanzen und die Jerusalemer agudistische Gesamtheit muß schleunigst veranlassen, daß die Stimme ihres Vertreters nunmehr für die Erziehungssteuer abgegeben wird, wofern nur Gewähr dafür besteht, daß die von thoratreuen Bürgern gezahlten Steuern den thoratreuen Erziehungsinstituten zu gute kommen. - Nachbemerkung der Schriftleitung. Wir können uns der Auffassung, die unser verehrter Mitarbeiter vertritt, nicht in vollem Umfange anschließen. } . Zunächst einmal erscheint es uns ungerecht, den Standpunkt derjenigen Eltern, die in der Festhaltung des Jiddischen als Unterrichtssprache und soviel wie möglich auch als Umgangssprache ihrer Kinder eine Art natürlichen Selbstschutzes gegenüber dem Eindringen irreligiöser Gedankengänge in die ganze Atmosphäre des alten Jischuw erblicken, als völlig unpeachtlich zu-übergehen. Auch wir haltein das krampfhafte Sichanklammern an das Jiddische und den Widerstand gingen idie Annahme der hebräischen Umgangssprache in Schule und Verkehr letzten Endes für i aussichtslos. Aber wir können denjenigen unsere Hochachtung und vor allen Dingen unsere Duldsamkeit nicht versagen, die in ihrem .Verzweiflungskampf gegen den alle Dämme durchstoßeni'.den Abfall ■ gerade in der sprachlichen Differenzierung mit sicherem Instinkt ein Schutzmittel erblicken. Diese Kreise haben, auch wenn sie unterliegen müssen, einen Anspruch auf Respekt und auf Toleranz, denn wir sind ja nicht in der Lage, unfehlbar wirkende andere Schutzmittel zur Verfügung zu stellen. Abgesehen aber von diesem Gesichtspunkt ist es ein Irrtum des Einsenders, wenn er annimmt, daß die Rücksicht auf die Unterrichtssprache der einzige Grund sei, der die Jerusalemer Agudas Jisroel zu einer ablehnenden Haltung gegenüber der Erziehungssteuer bestimmte. Die Erträgnisse dieser Erziehungssteuer würden den Talmud Thora-Schulen und den wirklich thoratreuen agudistischen Schulen überhaupt, auch dann nicht zugute kommen, wenn Hebräisch als Unterrichtssprache eingeführt würde, denn auch dann würden von Seiten des Erziehungsdepartements der palästinensischen Regierung in Bezug auf die Qualifikation der Lehrkräfte, wahrscheinlich auch noch in Bezug auf die Gestaltung des Lehrplanes Minimalforderungen gestellt werden, denen, — für den Moment wenigstens, — ohne Außerachtlassung der religiösen Gewissensforderungen nicht entsprochen werden kann. Wo sollen für die Talmud Thora-Schulen rite ausgebildete Lehrer herkommen, die nicht entweder vollendete Apikorsim oder mindestens von modernistischen Strömungen angekränkelt sind? Solange solche Lehrkräfte nicht Wochenrundschau, Kronzeugen der religiösen Toleranz. Wie oft hörte man schon in religiös-liberalen Kreisen den Namen des alten H i 11 e 1 nennen. Als hätte dieser Rabbi seinen Lebtag nichts anderes getan( als liberale und humanistische Lehren zu verbreiten. Gewiß, Hillel, der geduldige und sanftmütige, nie aus der Ruhe zu bringende Rabbi, wäre auch über solche Annahme nicht gleich aus der Fassung gekommen. Aber in seiner milden Art hätte er gesagt: ,,Was: ihr von mir wißt, ist nur, daß ich dem Heiden, indem er auf einem Füße stand, einen zentralen ethischen Lehrsatz beibrachte und Ihr werdet nicht müde, diesen Satz immer und wieder zu zitieren und, auszuspielen. Ihr wißt aber scheinbar nichts von all meinen anderen Lehren, die in der Forderung nach einer präzisen und minutiösen Einhaltung der vorgeschriebenen Gebote hinter der meines Rivalen Schammai nicht im geringsten zurückbleiben; etwa meine Bestimmung (Edjoth I, 3) daß „ein Hinvoll hinzugeschöpftes Wasser das Tauchbad unbrauchbar macht" und hundert andere Vorschriften gleicher,' Art, die jenes zusätzliche Postulat der ebenfalls aus dem G'ttesgebote resultierenden Menschenliebe nicht außer Kraft setzt. Warum also immerfort meinen Namen und nur die eine Seite meines Wesens in den Kampf für eure Ideen und Lehren einsetzen?" Was uns heute zu dieser Betrachtung veranlaßt, ist ein Artikel im Warschauer „Moment", der am Rüstetag zu Jomkippur dem Andenken von Oberrabbiner Abraham Jizchok Kuk ^"ST» gewidmet war. Wir lasen und trauten unseren Augen nicht: „Er war fast der einzige unter den talmudischen Gaonim, der die Jugend verstand in ihren Sorgen und Freuden und sogar bei ihren „leichten Vergehen". So konnte er beispielsweise die S p o r t s p i e-1 e na m Sabbat und am F e i e r t a g zeitweise jubersehen und verzeihen." . ausgebildet wurden, würden auch bei Einführung der hebräischen Unterrichtssprache die Talmud Thora-Schulen außerstande sein, den Minimalforderungen der Regierung und der Kommune zu genügen und es bliebe also der Zustand bestehen, daß die thoratreuen Bürger zwar Steuern zahlen dürfen, davon aber keinen Heller bekommen, um die Talmud Thora-Schulen, an denen das Leben und die Seele ihrer Kinder hängt» aufrecht zu erhalten und auszugestalten. Erst dann sollte unsres Erachtens eine Erziehungssteuer eingeführt werden, wenn die Regierung und die Kommunen tolerant genug sind, um den Eltern die Erziehung ihrer Kinder im religiösen Geiste nach ihren eigenen Anschauungen zu gestatten, ohne die Gewährung der staatlichen und kommunalen Konzessionen von unerfüllbaren oder gewissenskränkenden Forderungen abhängig zu machen. Wir sind sicher, daß an der Unterrichtssprache allein die Steuer nicht scheitern würde, obgleich es vom allgemein sittlichen Standpunkt auch hinsichtlich der Unterrichtssprache unberechtigt erscheint, einen Gewissensdruck auszuüben. Das Jiddische sollte schon als die Sprache von vielen Millionen jüdischer Seelen der Vergangenheit und Gegenwart mit einer gewissen Ehrfurcht betrachtet werden, und wir haben keine Ursache, uns von der zionistischen Assimilation in einen antijiddischistischen Fanatismus hineintreiben zu lassen — eben so wenig wie in einen jiddischistischen. Oberrabbiner Kuk wurde allgemein als Hillel-Natur dahingestellt und gefeiert. Er verdiente kraft seines sanften, auf Liebe und Frieden abzielenden Wesens, — wie auch seinerzeit in unserem, seinem Andenken geweihten Leitsatz zum Ausdruck kam, — vollauf diese Bezeichnung. Aber er war doch schließlich nicht allein ein Hillel der Nächstenliebe, sondern ein Hillel, der letztlich auch die G'ttesfurcht in all ihren Aeußerungen und Ausdrucksformen lehrte, ein Hillel, dem gerade im Punkte der Sabbatentweihung durch die Fußballspiele zuweilen die Hillel'sche Geduld ausging. Wie oft hat er noch im letzten Jahre flammende Proteste und Proklamationen gegen diese spielerische Sabbatentweihung unterschrieben, wie blutete sein Herz, wenn er von diesen Exzessen gegen die Religion sprach! Von dieser anderen und wesentlichen Seite des Oberrabbiners wird in der nationalen Presse Palästinas und Polens so wenig gesprochen, wie man früher in den Reformkreisen Deutschlands Hillel, den Ha l a c h i s t e n , kannte. Das mit der „stillschweigenden Billigung der Fußballspiele am Sabbat" ist aber schon eine kleine Geschichtsfälschung und darüber hinaus eine unverzeihliche Herabwürdigung des Mannes, dessen Andenken mit dem Artikel geehrt werden soll. Konzerte in der Synagoge, Raumnot im wörtlichen Sinne ist es, unter der die jüdische Kunst, oder sagen wir richtiger, die Kunst der Juden in manchen Großstädten Deutschlands heute zu leiden hat. Das hat dazu geführt, daß man die musikalischen und anderen Veranstaltungen der jüdischen Kulturbünde in diesen Städten in die Synagoge verlegte, zumeist in die Synagoge, die früher schon Heimstätte der radikaleren Reform im G'ttesdienste war. Da die jüdischen Kulturbünde auch bei den Gesetzestreuen um Verständnis und Unterstützung werben und diese — schon mit Rücksicht auf die existenzlos gewordenen jüdischen Künstler — in ausgiebigstem Maße finden, so regnete es gleich zu Beginn des Winterprogramms dieser Kunststellen Anfragen, ob ein Jude, der grundsätzlich nie eine Orgelsynagoge betritt, es mit seinem Gewissen vereinigen könne, ein Kon-

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