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Der Israelit · 1935-10-31 · Heft 44 (31.10.1935) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 44 (31.10.1935)
Date
1935-10-31
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 44 1935 Falaschas in Abessinien erzählen ihre Geschichte. IL „Wann kamen wir ins Land und woher?" nahm Jirmeias das Wort auf. „Das wissen wir so wenig, wie das Kind selbst es wissen könnte, wann, wie und woher es zu Licht zu Leben kam. Und die es sagen, streiten darüber früh und spät . , Die einen meinen, wir seien schon nach dem Auszug des jüdischen Volkes aus Aegypten hier zwischen Nil und Rotem Meere, steckengeblieben, ohne das Land Kanaan j?> gesehen zu haben. Andere behaupten, die Juden, die in Bögleituüg tMeneliks zu Zeiten Salomos hierhergekommen sind, wären unsere Stammväter gewesen. Und wieder andere, besonders die, die aus dem Abendlande zu uns kommen, sehen in uns versprengte Teile der durch Salmanassar, den Assyrerkönig, vertriebenen zehn Stämme. So oder so waren wir noch vor tausend Jahren etwa keine Falaschas, d. h. keine Fremden im 'Lande. Erst als von Byzanz her der nazarenische Glaube ins Land einströmte, teilten sich die Menschen und Geister. Wer zum Nazarener nicht schwor und zum alten Glauben hielt, war „Falascha". Und diese, ' abgesondert, beargwöhnt und verfolgt, suchten und fanden auch die kleinen Reste der schon früher aus Aegypten oder Palästina hierherversprengten Juden. um sich mit ihnen ganz zu verschmelzen.-- ,,Aber nicht immer hatten die Nazarener hier die Oberhand. Vor tausend Jahren gab es eine Königin Judith — so berichten die alexandrischen Kirchenväter — die den König Delned in Tigri vom Throne stürzte und lange Jahre das Land regierte. Auch später noch nach Wiederkehr der alten Herrscher nazarenischen GlauokZ2 wußten ^G Falaschas sich als selbständiges Volk zu halten, sich zwischen Meer und Berg zu befestigen und den Feinden, tapfer Gegenwehr zu leisten. Ihr letzter König vor zweihundert Jähren hieß G i d e o n." „Warum tun wir es heute nicht?" fragte Jirmeias sinnend. „Weil wir schwach sind und klein an Zahl und es unsere Aufgabe und der Wille G'ttes ist, daß wir kleine Leiden auf uns nehmen und im Beten und Opfern ausharren, bis die Erlösung kommt." „Wann kommt die Erlösung?. Woher kommt sie?" klammerte sich Salomo an dieses Wort. „Ich sagte ausharren ," wiederholte Aba Zague. „Wer aber fragt und drängt, hat die Kunst des Ausharrens nicht." Die Lichter an der heiligen Lampe waren heruntergebrannt. Aba Zague erhob sich langsam, und zog den Vorhang auf. Auch Salomo und Jirmeias erhoben sich und gingen Arm in Arm mit sehnsuchtsglühenden Blicken, nachdem sie den heiligen Vorhang stumm an die Lippen geführt hatten, von dannen. III. ' Die Todeskund e.*) Es war schon um die Sommerneige, als Doktor Paltiel mit seinen „Falaschas" wieder in Abessinien ankam. *) Dieses Kapitel bildet den Abschluß des Romanes. Salomo der. Falascha findet sich nach vielen Wandlungen zu Judenheit und Judentum und erleidet den Märtyrertold an der Heiligen1 Mauel* in Jerusalem. Nach langer--Zeit wird die Todeskunde den Eltern in Abessinien nach Falaschabräuchen überbracht. In Gondärf wohin er zuletzt noch Jirmeias begleitete, waren1 die Felder Bechers bereits kahl und grau, und von den Felswänden leuchtete das Geröll in herbstlichem Rote, Es kam Aufregung in die Gemeinde der Falaschas, wo man in den letzten fünf Jahren, da Feuer und Blut über die Welt fegten;,.kaum ein fremdes Gesicht gesehen hatte. Aber Paltiel konnte merken, daß auch hier die Zeit nicht ganz still gestanden hatte. Vertraulicher waren die Blicke und wärmer der Händedruck, mit denen ihn die Leute empfingen. . (Man , dürstete nach Welt, nach Kenntnis der großen Dinge draußen , und Jirmeias wurde trotz veränderter Kleidung, Sprache und Umgangsformen als Falaschabruder aufs wärmste begrüßt. Es hatte sieh im Großen nichts geändert in der Falaschakolonie. Auf dem Hügel stand die Mesgid mit dem roten Topfe auf dem Dache, im ganzen Tale sichtbar. Aber drinnen am Altare waltete ein Anderer, ein Jüngerer, der den neuen Dingen zugänglicher war. Abä Zague war, da die Leute von fernen großen Ereignissen sprachen, beim Orit eingeschlummert und ruhte;jetzt auf dem kleinen bretfcerumzäunten Friedhofe, in der Gemeinde durch öftere feierliche „Tafkaras" (Gedenkfeier mit gemeinsamem Mahle) ehrend und dankbar gefeiert. Aba Manuel, der sein Nachfolger war, Heß neben dem Alten auch das Neue gelten, ..und nicht ohne sein Zutun erhob sich bereits neben dem Gehöfte Bechers" die geräumige Halle, wo Jirmeias gleich die Jugend der Kolonie um sich und die mitgebrachten hebräischen Bücher'sammeln konnte; Becher war immer noch der freundliche, fleißige und schweigende Landwirt. Er preßte den Sohn ans Herz mit der ihm eigenen, stillen Zärtlichkeit. M a 1 k u fragte leise und verschüchtert, nach der ersten Begrüßung, nach Salomo. Jirmeias schwieg. „Hast du ihn nirgends gesehen?" „Wir haben ihn gesehen." „Wo und wie?" .; ,.■■■»■:■ jjKömmö morgen bei Sonnenaufgang zur SchmiScU Nissitns, dann sollst du alles wissen,", Da stieg in ihr eine dunkle Ahnung auf und sie fragte nicht mehr. ■< Nissim war gealtert. Er hatte sein polterndes Wesen ganz abgelegt und in seinem rußigen Gesichte leuchtete ein Schimmer heller Güte. Er war ein fleißiger Mesgidbesucher geworden und hielt sich gern bei Gebeten auf, indes in der Schmiede Job, bereits mit Batti verheiratet, grob waltete Und wuchtig den Hammer schwang. Jirmeias war noch zu sehr Falascha, um den Leuten, mit dem, was er . vom Salomo wußte, gleich zu dienen. Auch Nissim gab er ausweichende Antwort. Die Kunde mußte nach altgeheiligtem Brauche durch die Mesgid und mit aller gebotenen Vorsicht an die Angehörigen ergehen. "' Aba Manuel, eingeweiht, erschien noch in später Abendstunde bei Nissim. Das bedeutete selten etwas Gutes und die Leute hatten Grund zu erschrecken. Doch der Kahen sprach sich nicht aus, wünschte allen gut zu schlafen und meldete seinen zweiten Bestich für morgen an. " Mit Taganbruch klopfte Aba Manuel nach altem Brauche an den Fensterladen der bescheidenen Lehmhütte Nissims. Die Hausgenössen, die die Nacht kaum' geschlafen und seit dem' ersten grauen Morgens!]-eifen pochenden Herzens dieses'unheimlichen Zeichens warteten, eilten erregt herbei. Nissim öffnete das Fenster: „Was gibts, Aba Manuel?" „Nichts Gutes, Nissim. Fasse Mut." „Betrifft es Salomo?" „Ja," „Ist er . , ." { Nissim wagte nicht das grausige Wort auszusprechen, „Er ruht in heiliger Erde auf dem Oelberg© zu Jerusalem und harrt dort der Auferstehung."' Ein großes Schluchzen hub im Hause an, das die ganze Nachbarschaft * anlockte. Bald waren auch Becher und Malku da. Letztere kauerte auf dem Boden zwischen den Frauen und weinte still und aufgelöst in sich' hinein. Auch Paltiel und! Jirmeias hatten sich eingefunden, „Er starb an meinem Fluche," schluchzte Nissim tränenlos, „ich habe nicht Väterlich an ihm gehandelt." Aba Manuel hatte das Amt, zu trösten- und er sagte.« . . v „Nein, Meister Nissim, diesen Fluch hätte er sich zugezogen und ihr habt 'ihn längst in Segen umgewandelt." „Er starb an einer starken Sehnsucht," sagte Jirmeias und wischte sich eine Träne'vorn Gesichte. , ' ' ' ''' „Es ist die Sehnsucht seines Stammes»" meinte auch Aba Manuel und dachte an sich selbst. — . . ■;v; j V Und Doktor Paltiel ergänzte: „Die Sehnsucht seines Volkes , . ." Beten und arbeiten. Im Fiba-Verlag Wienist eil* neues Werkchen von M. Ascher unter dem Titel „Landwirtschaft und Thora'"- erschienen. Mit Anhang, der einen Lehrplan für eine, jüdische landwirtschaftliche- Schule enthält, umfaßt das Buch 80 Seiten. Mit der..diesem Schriftsteller eigenen logischen Schärfe und. Gründlichkeit leitet er in edler Sprache und philosophischer Abgeklärtheit von den Weltproblemen auf die jüdischen Lebensfragen der Gegenwart über, um Quellen der Sanierung aufzuzeigen. Das' jüdische Gemüt klingt aus jeder Zeile und' jüdische Wissenssubstanz wird wegweisend ausgewertet. Ein reines jüdisches Leben, verwurzelt in Thora und Boden, predigt der bekannte Pädagoge und weist auch Wege zu diesem Doppelziele. Aus dem Schlußkapitel des Werkes . geben wir einige Stellen über das Gehet wieder: In ruhigen Zeiten, in Jahren des Ueberflüssesr merken die Menschen nicht so gut, wie sehr das Gebet die Seele reinigt und welch köstliche Schätzeunsere Weisen uns mit den Gebeten gaben. Es sollte wahrlich nicht erst Krieg und Not uns lehren, uns die Gebete näherzubringen und 'Den zu preisen, der in Seiner Güte es uns nie an Speise fehlen ließ, und Ihn zu bitten, uns auch- An Zukunft keinen Mangel' leiden zu lassen. '/R, Acha fiMidxasch Raibba Schemini) erwähnt: „Wenn der Mensch :so weit herabgeko'mmen ist, daß er' von Johannisbrot leben muß (nach anderer Ansicht das Schwert über ihn kommt), dannist er wohl so weit, Buße zu tun und zu G'tt zurückzukehren." Wir wollen es nicht darauf, ankommen lassen, sondern noch zur rechten Zeit die Augen öffnen. — Ueberlegen 'wir den Sinn der Gebete; so müssen sie uns zum inneren Erlebnis werden und wir werden immer tiefer ihren Wert erkennen. Wir werden lernen, „zu schweigen und unsere Seele dem Staube gleich gegen alles zu machen", was uns die höhere Freude vergällen könnte. Immer neue Kraft werden wir aus den ^ftebeten schöpfen, uns gegen die Schläge des Schicksals zu wappnen. Gebete, mit 'Sinn und Andacht gesprochen, sind für die Seele, was die Ernährung für den Körper bedeutet."• Das Gebet ist für . den Menschen eine ' Selbstreinigung und Selbstlauterung:' Es ist der Aus-- druck des kindlichen Vertrauens auf G'tt, der Ausdruck der''Ergebung in und; der Hingebung an G'ttes Willen, "Jehe Gefühle und Empfindungen, die in der, lebendigen Verbindung mit G'tt ihre Wurstel haben, drängen sich vor. "Der Mensch erkennt, daß er „nicht; um des Brotes willen allein lebt" und ' daß, wenn7 er nur will, er schon auf Erden den Himmel finden^ kann. Er bearbeitet den Böden, lernt irdische Däigö wertschätzen, muß essen, trinken, schlafehy* gewöhn-. liehe Gespräche führen, wie ihm der Alltag 'dies diktiert und durch alle „ism'Us" hindurch sich seinen

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