Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1935)
- Date
- 1935-10-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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- Haifa 2× ep/1047930
- Livorno 1× ep/1045070
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31. Oktober 1935 Der Israelit Nr. 44 Seite 9 Italien. Hoher Prozentsatz von Juden unter den auslandsitalienischen Kriegsfreiwilligen. Rom, 28. Oktober. Unter den italienischen Kriegsfreiwilligen ist ein hoher Prozentsatz von Juden, nicht nur aus Italien selbst, sondern vor allem auch aus Aegypten, Algier, Griechenland, der Türkei usw. festzustellen. Es handelt sich meist um Juden, deren Eltern vor mehreren Jahrznhnten aus Livorno, Ancona, Pisa usw. ausge wandert sind, und die jetzt ihre Treue zur italieni sehen Heimat unter Beweis stellen wollen. Die in Sabaudia bei Rom aufgestellte Legion, welche durch weg aus auslandsitalienischen Freiwilligen besteht, hat eine große Zahl jüdischer Offiziere in ihren Rei hen. Ein Bataillon wird von dem jüdischen Major Lionello Attias aus Tunis befehligt, der nach dem Kommandanten den höchsten Rang in der Legion einnimmt. Major Attias ist gemeinsam mit seinem jungen Sohn und seinem Vetter freiwillig zu den Fahnen geeilt. Von den freiwilligen jüdischen Offizieren sind ferner zu erwähnen Leutnant Modiano aus Saloniki, Leutnant Sacuto, Hauptmann Bensason und Hauptmann Disegni, die sich auch früher schon in der italienischen Armee ausgezeichnet haben. Als Freiwilliger hat sich auch der junge Rabbiner Catarinas Salomone gemeidet. (ITA.) Polen. Zurückgewiesene Palästina - Einwanderer verklagen die englische Regierung auf Entschädigung. Warschau, 23. Oktober. Acht Palästina-Einwanderer aus Polen, die trotz ordnungsmäßiger Sichtvermerke zur Landung in Haifa nicht zugelassen wurden, haben gegen die englische Regierung auf Ersatz der .Reisekosten und Entschädigung für den mit der zwecklosen Reise verbundenen Zeitverlust geklagt. Bekanntlich wurde vor einiger Zeit mitgeteilt, daß gegen einen höheren arabischen Beamten des Immigrationsamtes der Palästinare'gierung eine Untersuchung wegen gewisser Mißbräuche geführt wird und daß Einwanderungszertifikate für Angehörige von Palästinaeinwohnern nicht anerkannt werden, falls sie die Unterschrift dieses Beamten tragen. Infolge der im Zusammenhang damit angeordneten verschärften Einwandererkontrolle wurden 26 Personen, die am Erew Jomkippur an Bord des Dampfers „Koszciuszko" in Haifa eintrafen, nicht an Land gelassen. Am folgenden Morgen wurde 18 Personen die Landung gestattet, die übrigen acht aber mußten mit demselben Schiff die Rückfahrt antreten. Später stellte sich heraus, daß auch diese acht Personen ordnungsgemäß vom polnischen Konsulat in Warschau visierte Pässe hatten und in keinerlei Zusammenhang mit den Unregelmäßigkeiten im Einwanderungsamt der Palästiniregierung standen. In ihrer Klage machen sie geltend, daß sie einen schweren Schaden durch die ungerechtfertigte Landungsverweigerung erlitten haben. Die Gleichstellung aller Bürger in Polen. ' Warschau, 24. Oktober. In einer Plenarsitzung des polnischen Sejm entwickelte Ministerpräsident Koscialkowski das Programm der Regierung, wobei er insbesondere den Grundsatz enger Zusammenarbeit aller Bürger ohne Unterschied von Nationalität und Religionsbekenntnis mit dem Staat unterstrich. Die Behörden, erklärte der Ministerpräsident, seien verpflichtet, alle Bürger ohne Unterschied gerecht und in gleicher Weise zu behandeln. Zwecks Ausbalancierung des Staatshaushaltes kündigte der Ministerpräsident eine Erhöhung der Einkommensteuer und eine besondere Steuer für Staatsangestellte an. Dagegen soll die Besteuerung der Landbvölkerung zwecks Förderung der Landwirtschaft herabgesetzt werden. Das Andenken des vor kurzem verstorbenen jüdischen Abgeordneten Waclaw Wis Ii cki wurde von den versammelten Mitgliedern des Sejm durch Erheben von den Sitzen geehrt. (ITA.;) England. Palästina-Anfragen im Unterhaus. London, 24. Oktober. Im Unterhause wurde am 24. Oktober u. a auch die Frage des Dumpings in Palästina von Sir Wilfried S u g d e n angeschnitten. Er fragte den Kolonienminister, ob dieser nicht im Hinblick auf die Gefährdung zahlreicher junger Industrien in Palästina infolge japanischen Dumpings und mit Rück sieht darauf, daß Japan nicht mehr Mitglied des Völkerbundes ist, bei der Mandatskommission des Völkerbundes Vorstellungen mit dem Ziele machen wolle, daß Maßnahmen zum Schutze Palästinas gegen diese unfaire japanische Konkurrenz gestattet werden, Commander Southby antwortete: die Palästina- Regierung ist jederzeit ermächtigt, zum Schutze der einheimischen Industrie Maßnahmen zu treffen, die sie im Interesse des gsamten Landes für wünschenswert hält, und die mit dem Mandat im Einklang stehen Die Stellungnahme gegenüber japanischen Imports nach Palästina ist bedingt durch den englisch-japanischen Handelsvertrag, dem Palästina beigetreten ist, und 4er jedes diskriminierende Vorgehen in Bezug auf japanische Waren, solange er in Kraft ist, ver hindert. Abg. Wedgewood fragte den Minister für die Ko lonien, Malcolm MacDonald, ob der Gesetzesentwurf betreffend die Einschränkung der Zulassung zur ärzt liehen Praxis in Palästina der englischen Regierung vorgelegt und von ihr gebilligt worden sei; ob esin irgendeiner englischen Kronkolonie oder einem Dominion ähnliche gesetzliche Bestimmungen gebe; schließlich, ob der Minister den Gesetzentwurf in der Parlamentsbibliothek zur Einsicht auflegen wolle. In schriftlicher Beantwortung dieser Anfrage er klärte der Minister: Ein Gesetzentwurf betreffend diesen Gegenstand ist von meinem Vorgänger (Sir Philip Cunliffe-Lister) im Januar unter Vorbehalt kleinerer Abänderungen genehmigt worden. Aehnliche gesetzliche Bestimmungen in britischen Kolonien oder Dominions sind mir nicht bekannt. Sobald das Ko- Icnialamt Exemplare der „Palestine Gazette" mit dem Text des Gesetzentwurfes erhalten haben wird, wird eines der Bibliothek zugehen. (Nach den letzten Informationen soll die neue Verordnung bereits am 1. Dezember in Kraft treten.) Bessarabien. Pogrom in einer beßarabischen Stadt. C h i s i n a u , 24. Oktober. Während das Cuzistentreffen in Czernowitz ohne Ruhestörung verlief, versuchte eine größere Gruppe Studenten auf der Rückkehr vom Treffen einen Pogrom auf die jüdische Bevölkerung von B r i nc e v a , Kreis Balti in Beßarabien, zu veranstalten. Am Montag, den 21. Oktober, fielen etwa 50 Studenten über die Juden her und verletzten eine Anzahl von ihnen. Die Bevölkerung organisierte unter der Führung des Bürgermeisters, der Jude ist, einen Widerstand. Die Angreifer wurden zurückgetrieben. Auf beiden Seiten wurden sieben Personen schwer und neun leichler verletzt. Ein Student soll seinen Verletzungen erlegen sein. (ITA.) Palästina. Jerusalemer Brief. Jerusalem, 23, Oktober. Exzesse gegen Jörn Kippur und Abwehraktion der Charedim. — Die Hetzkampagne der Araber und das ominöse Schweigen der Regierung. — Versammlungen zwischen den Festtagen. Die Exzesse, von denen auch Jörn Kippur nicht verschont bleibt, hören nicht auf. In den Kwuzoth A m i r , N i r und des Schomer Hazair, alle auf N, F.-Boden bei Chedera, wurde am Jörn Kippur in aller Oeffentlichkeit auf Feld und am Bauplatz gearbeitet. Die Beter der nahen Synagoge bekamen auf ihre Bitten und Proteste die Antwort: „Unsere Thora befiehlt uns, die Religion auszurotten." Man ist an das Treiben dieser kleinen Sowjetfilialen auf N. F.-Boden wohl gewöhnt, aber diese Attacke war doch mehr, als was dem Lande in seinen besseren Elementen zugemutet werden konnte. In der Synagoge zu Chedera hatte man vor iNeülah unter Tränen folgende Resolution angenommen: 1. Wir protestieren mit aller Schärfe gegen die unerhörte Entweihung des heiligen Tages auf dem Boden des Keren Kajemeth durch die Siedler und Arbeiter und weisen mit besonderer Entrüstung die auf unsere Proteste uns gewordene herausfordernde Antwort. 2. Wir fordern kategorisch von den zuständigen zionistischen Instanzen, daß sie alle Maßnahmen zur Vermeidung solcher Angriffe auf die Religion treffen und die Uebertreter bestrafen. Als der Skandal bekannt wurde, ging ein Beben durch das ganze Land. Eine Protestversammlung in Jerusalem am Tage nach Sukkaus brachte in wirksamer Weise den Schmerz der Judenheit über diesen jüdischen Nihilismus zum Ausdruck. Unter freiem Himmel hielt Oberrabbiner Duschinski vor gewaltiger Versammlung eine Rede, in der er Klage und Anklage über und gegen solche religiöse und sittliche Verkommenheit erhob. Mit tränenerstickter Stimme beschwor er die Versammlung, sich zu einer Abwehrfront zu sammeln und die Golah nicht im Unklaren darüber zu lassen, was mit den Unterstützungsgeldern für diese Siedlungen des N. F. geschieht. Es folgte dann Rabbi Mosche B 1a u mit einem Weckruf an da® Volk in Erez Israel und in der Golah, es nicht zuzulassen, daß der heilige Boden dermaßen entweiht wird. Die Helden aus Chedera, sagte der Redner, seien nicht über iNacht aus dem Boden gestampft worden, sie sind Produkt der zionistischen Erziehung, aus jenen Schulen hervorgegangen, in denen ein Lehrer den Kindern empfehlen durfte — ein beglaubigter Fall — „gleich Abraham, der mit der Axt die Götzen des Vaters zerstört hat, alle religiösen Vorurteile ihrer Eltern, der iBes Hamidraschinsassen, mit Stumpf und Stiel auszurotten ..." Es sprachen ferner der hier als Gast anwesende Rabbi Joseph Schub aus Wilna, Rabbi Reuben M i 1 z k i, Rabbi Elieser Jakob H a 1 e v i aus Jugoslawen, Rabbi Elieser Fried mann und zuletzt Rabbi Ahron Katzenellenbogen. Alle wußten in warmen Worten ihr tiefes Weh zum Ausdruck zu bringen und verschiedene Vorschläge zur Befestigung der thoratreuen Front in Erez Israel zu machen. Ein von der Versammlung gewähltes Komitee versammelte sich sofort im Hause des Oberrabbiners, um die Resolutionen zur Ausführung zu bringen. Für jene arabische Oberschicht, die von der Hetze lebt, blüht jetzt der Weizen in hohem Maße. Das „schwere Verbrechen" in Hebron, wo der Gerer Rebbe die Machpelahhöhle zu „annektieren" suchte, der „jüdische Waffenschmuggel" in Jaffa, (über den unsere Leser schon von anderer Seite eingehend orientiert sind. Siehe auch Wochenrundschau). Nun regnet es Proteste und Telegramme. Die Zeitungen in Jerusalem und in Kairo überbieten sich in Hetzartikeln gegen Juden. Das in Aegypten erscheinende Blatt „Ahram" entblödet sich nicht, an die Ereignisse von 1929 zu erinnern. „Feiestin" ruft die arabische Jugend auf, sich gegen die Juden zu bewaffnen. Die Gerüchte und Märchen über die „jüdische Rüstung" sind von der Art, wie sie nur Arabien, die Heimat von „Tausend und einer Nacht" hervorbringen kann. In einer Beziehung drängt sich der Vergleich mit 1929 leider auf. Damals hieß es, die Juden wollten die Omarmoschee erobern, heute werden die Machpelahhöhle und andere Heiligenstätten als Eroberungsziel der Juden genannt. Man darf aber hoffen, (der 24. Oktober hat es inzwischen bestätigt. Red.) daß die Regierung für Ueberraschungen heute etwas anders und besser vorgesehen und gerüstet ist als damals. Immerhin verstimmt es in jüdischen Kreisen, daß die arabischen Hetzer so hemmungslos arbeiten konnten und auch bei der Vorbereitung des Generalstreiks keine sonderlichen Hindernisse fanden. Zu den Gästen, die hier in den letzten Tagen von der gesetzestreuen Judenheit mit Freuden begrüßt wurden, gehören auch Rabbi Schub aus Wilna und Herr Dr. Siegfried Oppenheimer aus Frankfurt am Main. ■ m