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Der Israelit · 1935-10-31 · Heft 44 (31.10.1935) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 44 (31.10.1935)
Date
1935-10-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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31, Oktober 1935 D e r I ,s r a e.l.i t Nr. 44 Seite 7 u Wohl werden wir. auch das Maß des Glückes nicht im Verhältnis zu Verdienst und Tugend sltehen sehen; -werden erleben, daß oft die Retter der Gesamtheit, die mit ihrer Weisheit die Menschheit vor Untergang bewahren, verkannt werden oder unbeachtet bleiben. Aber das ist einmal untrennbar vom Wirken des Edlen; es; vollzieht sich im (Stillen, es tritt nicht prahlerisch j auf die Gasse, selbst' auf die Gefahr, dann immer im Verborgenen zu bleiben. Es trägt eben seinen Lohn in sich, selbst. Solche Bescheidenheit und Zurückhaltuflg ist echtes Kennzeichen des Weisen und Edlen« 1 i ( , Darum endet dieser Abschnitt mit einer Warnung vor allem Gewalttätigen, Umstürzlerischen, Revolutionären. Ernstes Wirken und verantwortungsvolles Schaffen ist ein Aufbau, nicht ein Einreißen. Und diejenigen, die mit Gewalt das ■ Gute herbeiführen wollen, die nicht anders als mit" einer' großen Revolution^'die-verkehrte Ordnung der Welt gerade' rücken zu ikönnen gl'au- , Ben; sie wissen nicht, wieviele tausend sittliche Gefahren mit jeder Verletzung der geltenden Ordnung verbünden sind, wie die Schlangen'unbeachtet nisten in den Lücken der Steinzäune,; der Grenzmarken, die bisher gegolten haben. Und mit dieser Zurückhaltung - des Weisen verträgt sich auch alles Schreierische nicht, all das viele Reden, mit? dem der Narren 'Mund/ sich selbst benebelt. . Nur durch stille's, ruhiges Wirken schaffst du dir das Glück des'Weisen.^ Der Schluß des Abschnittes wirft noch einen Blick auf die Großen der Welt, auf jene Herren, die in Wirklichkeit nur Sklaven des Sinnengenusses sind, „Heil dir Land, wenn dein König ein "freier Mann ist." Aberein Herrscher im Kleinen ist jeder Mensch in dem ihm selbstLgewiesenen Bezirk,, . Jedem ist' also ins eigne Stammbuch gesehrieben;' sei nicht kindisch naschhaft; in. deinem eigenen Hause, genieße, wie ein freier Mann, sei fleißig, und . glaube nicht, daß dein Geld jede Verschwendung rechtfertige. Sei auch zurückhaltend in der Kritik, -Du .wirs,t; dich sonst baß verwundern, wie deine geheimsten Gedanken und Redcjh. bald auf. allen Straßen herumgetragen werden.; :{, ,; ' ' viii. Nutze, ge schäftig die Stiind.el:; •' . '\ ' ' , (Kap. 11, 1-3.) Wirf dein; Brot aufs Wasser. Im Laufe der Tage wirst du es wiederfinden. Fang siebenerlei und achterlei an. Du weißt Ja nicht, was davon mißlingt auf der Erde. Und guck nicht zuviel aus! Sind die Wolken voll, dann werden sie Regen auf die Erde ausgießen, und ob der Baum nach Süden oder nach Norden fällt, wohin erfällt, da liegt er. Wer immer nach dem Wind ausschaut, kommt nicht zum Säen, wer immer nach den Wolken" späht, kommt nicht zum Ernten, Wie du nicht weißt, welchen Weg der Wind geht, und nicht weißt, was sich im mütterlichen Schöße im Geheimen vollendet, so kennst du auch das Werk Grttes : nicht, der das All gestaltet; Am Morgen säe deine Saat, doch auch am Abend laß' deine' Hand nicht feiern. Du weißt nicht, was gelingt, dieses oder jenes, oder ob beides zugleich gut wird. >■• " " - - Und süß ist das 'Licht; es ist so lieb für die Augen, die Sonne zu sehen. Und wenn ein Mensch auch viele Jahre lebt, er freue sich mit allen, und denke daran: es kommen noch finstere Tage, deren wird-es genug geben, wo alles, was kommt, Ieidvoll ist. ■ : . ix. ■ ■ Fr e u'e d i c h d e r 'Ta'"g e der 'Kraft! ■} '. . * V.:-. .!.. i i .; (Kap. Iii, ^Ende; Kap,, 12, \.^-&\ : ' Freue dich,'' Jüngling, deiner1 Jugendzeit, laß' dein fHerz froh{ sein1 in den Tagen deiner Freiheit, leb dich aus in allemj was dein Herz begehrt und was; deine Augen' sehen;' rdoch wisse, daß für alles dieses G'tt einmal-.vori dir Rechenschaft fordert. Darum halte das Gemeine fern aus deinem Herzen, das Böse nimm weg von deinem Leib! Auch Jugend und das Lockenhaar vergehen, Darum denke deines Schöpfers in den Tagen deiner Jugend und freien Wahl. Nachher kommen Tage, die sind häßlich, da kommen Jahre, wo du sagst; ich mag .sie nicht. Dann verfinstert sich die Sonne und ihr Licht, der Mond und die Sterne. Immer sieht es wölkengrau aus, wenn auch eben der Regen vorüber ist. Dann werden zittrig die Glieder, die dein Häuschen hüteten, es zittern all die starken Helden deines Leibes. Still steht die Mühle deiner Zähne, der wenigen, die du noch hast, und dunkel wird's da oben in der Augen Luken, Es schließen sich des Leibes Pforten nach t ' draußen, wenn; das( Klappern' der "Mühlje still ' •geworden. Es; fliem der Schlaf beim leisen Vogelschrei, es verstummen% all die freund'- : liehen Sänger der Kehle. Immer hat man Angst: l das ist zu hoch, da kann man nicht hinatifge-; langen; auf jedem Weg ist Schreicken. Wie ein MandelBaum wird man weiß, es schleppt " sich die Hüffe, die, einst wie die Heuschrecke 'springen konnte, die Willenskraft ist zerstört, * ' und'langsam, ^ent der Mensch zu seiner ewigen Ruhestätte,' wö! die- Totenkläger umgehen auf der ©lasse.' Da reißt der silberne Strick des Rückenmarks, da zerbirst die Goldschale des Hirns, da zerbricht der Krug, der speiseführende, am Magenrand; wie ein Rad, so rollt er in die Grube. Dann kehrt der Staub zur Erde zurück, der er entstammte, und der Geist kehrt zurück zu G'tt, der ihn gegeben. Ja, so vergeht alles,' alles, sagt Kohelet'ri, alles"" ist vergänglich ... ,/In diesen Abschnitten steigert sich das Buch zum Fortissimo. Mit Eindringlichkeit wird, der Mensch hier' aus der Lethargie - und aus der Gleichgültigkeit herausgerissen und an seine Lebensarbeit gemahnt. Wirke in der Weite -und in der Nähe, am Abend und am Morgen, frage nicht lange, ergreife alles, damit etwas davon wenigstens gelinge. Dann kommt der große Aufruf zur Freude, zur verantwortungsbewußten Freude, zum < glücklichen Sichbewußtwerden, daß man. die Hände und die Augen rühren kann, daß die Welt so schön und das Licht so süß ist, daß man jede Kraft, nützen und fruchtbar machen kann, wenn man sich nur vor Augen hält, daß man für die Verwendung eines jeden Splitters der eigenen Kraft einmal Rechnung legen soll und muß. Und . noch einmal wiederholt der Weise diesen Appell zu freudvoller Ausnutzung der Jahre der Kraft im Hinblick auch auf die Tage des Alters, des Vorboten baldigen Todes. Wie dieser den Menschen ins Leben getrieben, so soll uns auch der, Gedanke an das Schwinden der Kräfte die Zeit der vollen persönlichen Entfaltung zu einer noch wertvolleren Lebensepoche machen, die reiche Jugend nicht zu vertändeln, die größte Möglichkeit individuellen Wirkens nicht ungenützt verstreichen ,zu. lassen. Erschütternd ist .dann die Schilderung des Alters; ■ für jedes - Glied des Leibes : findet der Weise einen neuen schönen Vergleiche Noch einmal wird damit der ganze'Xeib des! Menschen in-seiner Schönheit uns vorgeführt: Jedes Organ ist eine neue G'ttesgabe; jede ermöglicht volleres Wirken und höhere Lebensfreude; um jedes einzelnen willen haben wir eine höhere Verpflichtung gegen das Leben. Aber sie alle sind vergänglich, nichts bleibt. Leise hat der Begriff des hakaul h'ewel eine Wandlung erfahren. War es beim Beginn mehr der Sinn-; alles ist unwichtig, unbedeutend, darf dich1 weder traurig noch übermütig machen, so ' ist es jetzt'der Sinn: alles ist 'vergänglich, alles nur geliehen, alles nur zu vorübergehender Nutznießung dir anvertraut. Alles, weil vergänglich, muß dich tut schneiten' Eriüllüäg deiner Lebensäufgabe führen, zür dankbaren Bejahung der Stünde, da'du dich1 dieser Güter noch' freden kannst. ' X. Nachwort. (Kap, 12, 9—Ende.) Koheleth war auch sonst wohl weise, wußte immer neu dem Volk Erkenntnis zu lehren. Mit feinem Ohr, mit tiefer Forschung hat er mancherlei Sprüche verfaßt. . Wie gern hätte Koheleth dir liebere Worte gesagt, aber wer redlich schreibt, der muß die bittere Wahrheit aussprechen. Der Weisen Worte tun oft weh wie die Stacheln und pflanzen sich wie Pflöcke in das Fleisch; aber sie sind haltekräftig, sie stammen von dem einen großen Menschheitshirten. Beachte sie wohl, mein Sohn, aber außer diesen wozu tausenderlei Bücher schaffen ohne Ende mit unendlichem Studium und Aufwand der Kräfte? Es bleibt der Weisheit letzter Schluß, drin alles enthalten:, fürchte G'tt und übe Seine Ge- , böte, das . ist, des Menschseins ganzer Sinn. . Denn alles. Tun-, G'tt* bringt es ins Gericht, und sei es noch so geheim,, das Gute wie das Böse. Wie entschuldigend für die bitteren Worte, die er gesprochen, fügt der Weisen noch ein Nachwort hinzu. War es nicht hart, daß er uns aus allen Illusionen-gerissen, daß er den Schluck und Jau den Traum zerstört, Könige zu sein? Die Feder hat ihn fast wider Wilhn dazu geführt, so bittere Wahrheit: zu sagen, wie eben der Weisen Wort nicht unserem Neigungen schmeichelt, sondern, wie der Stachel das störrische Tier auf den richtigen Weg führt, so uns von allen Irrtümern und Irrgängen des Lebens befreit. Und all die herbe Weisheit läßt wenigstens das Eine in vollendeter Leuchtkraft vor uns erstrahlen: der Gedanke an G'tt und an die Verantwortlichkeit des Lebens ist das Einzige, was dem vergänglichen Menschendasein seinen Sinn gibt. Ueberblfckt manden Gesamtinhalt des Buches, so ergibt sich für/die Disposition eine deutlich erkennbare Zweiteilung des Ganzen; der Teil mehr n e g a t i v e n Inhaltes von Kapitel 1—6, der pos i t i v e von 7 bis Ende. ,. Der erste Teil spricht mehr zu den L.e b e n ssi c h e r e n , die die Wandelbarkeit des Schicksals noch, nicht kennen, gelernt haben, die im glücklichen Genuß einer freundlichen, sonnenbeschienenen Gegenwart sich und ihre, Leistungen überschätzen. Der zweite Teil wendet sich vor allem an die Kleinmütigen und. Verzweifelten, die sich in die bequeme Philosophie hineinreden wollen, daß der Mensch ja doch nur ein Staubkorn, ein vergängliches Nichts ist, und deshalb mit Achselzucken jede Leistung ablehnen, die dem Augenblick Bedeutung geben könnte. , Beide Abschnitte aber erfüllt die gleiche Tendenz, das gleiche Ziel: wie führt der Pessimismus zur Lebensbejahung? Schopenhauer hat einmal den Optimismus eine ruchlose Weltanschauung genannt, well er sich über alles Leid und alle Tränen der Welt, über alle Unvollkommenheit, Halbheit und Wi- : dersprüche leichten Sinnes hinwegsetzt. Der Jude ist kein Optimist des Heute, er kennt alles edle und unedle Unglück; er ist nur Optimist des Morgen, der Messiaszeit, Jedem Augenblick des Jetzt ist alle Bitterkeit einer unvollkommenen Erdenwelt beigemischt. Dieses Weltleid. soll man nie vergessen; es darf nicht mit Lachen voll sein der Mund in dieser Welt. Der Augenblick muß verewigt werden, mit der i Ewigkeit des G'ttesreiches in Verbindung gesetzt; werden. Darum hat Menschsein nur einen Sinn, | wenn der: Augenblick -durch den Gedanken ..an! G'tt und durch seine Erfüllung mit den G'-ttes» geboten eine Vorwegnahme des Morgen ist, ein tätiger Beitrag zur. kommenden, zur messianischeiif -Welt. ,> . Anmerkungen. . lf 14,, Der Schluß des Verses schwer, weil unklar, worauf sich das acharow bezieht. Die meisten Erklä-

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