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Der Israelit · 1935-10-31 · Heft 44 (31.10.1935) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 44 (31.10.1935)
Date
1935-10-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 44 Der Israelit 31. Oktober 1935 turschöpferisch ihn beglücken sollte, ist er im Getriebe der Maschinen und im Steinmeer der Paläste zum Sklaven der Umwelt geworden. Sehnsuchtsvoll schreit es in ihm nach Rückkehr zur Natur. So steht der arme Kulturmensch vor all den unzählbaren Hindernissen und Hemmungen einer graden Lebensbahn, die er sich selbst aufgetürmt hat. Die „gesellschaftlichen Ansprüche" erdrük- , ken ihn. Wie glücklich könnte er sein, wenn er so schlicht und grade wandelte, wie G'tt ihn ge^ schaffen!; _ . vl Des Lebens W i der Sprüche. (Kap. 8—9, 3.) Wer ist wohl weise genug, daß alle Wider- ' spräche er zum Ausgleich bringen könnte! •; Solche Weisheit würde ihm das Angesicht \ strahlen lassen; vor allen Andern^' wäre er durch seine Gedankenmacht ausgezeichnet.; Ich kann dir nur sagen: erfülle treu des Wel-; tenkönigs Gebot, dem wir iniieiligem Eid Gehorsam geschworen. Nur nicht voreilig sich Ihm entziehen wollen, nicht in etwas Schlechtem Ihm gegenüber verharren, der tun kann, was Er will, d essen. König&wort allgewaltig ist, dem keiner sagen kann: .was tust du! Wer aber seine Pflicht getan, der braucht um keine böse Folge sich zu sorgen, und ein weises Herz muß wissen: für alles schlägt die Stunde des Gerichts; denn noch immer kam die Stunde des Gerichts, wenn des Menschen Schlechtigkeit zu groß war. Die Menschen denken' zwar nie daran. Man . weiß aber nicht, was sein wird, wer könnte es uns sagen! Aber wie noch nie ein Mensch den Wind hat einfangen können, um ihn zu lenken, so kann der Mensch auch an des Todes Tage nicht mehr den Herrn spielen, kann, iwenn ihm G'tt den Krieg erklärt, Ihm nicht entrinnen und alle Tücken können ihn nicht retten. und wer ihnen, dient, in einer höheren Hand sind, daß ihnen manchmal mit Liebe, manchmal mit Haß begegnet wird, kein Mensch ver- : steht, was alles ihrer wartet., Aussehen, tut's, als hätte alles ein Schicksal, als wenn der Zufall raffe den Frommen wieden Schlechten, den Guten und Reinen wie den Unreinen, den Opferfreudigen wie den, der niemals opfert; so den Guten und den Sünder, den leichtsinnig : Schwörenden wie den, der den Schwur fürchtet. Ja, es ist etwas Schlechtes bei allem, was unter der Sonne geschieht, daß scheinbar alles Schicksal Zufall scheint und so der Menschen Herzen voll Sünde und Tollheit sind, solange sie leben, und denken: nachher ist man tot. Noch einmal kehrt der Weise zu den großen Widersprüchen des Lebens zurück. Es ist, als sehe er den Menschen, der. njun beschlossen hat,! <• den Tag und seine Aufgaben ernst zu nehmen, immer wieder, zurückgeschreckt durch die, ver- \ wirrende. Irrationalität der Erlebnisse. Es gibt? da \ eben keinen anderen Rat, als in.G'ttergebenheit; und G'ttesfurcht die Dinge hinzunehmen,.und.mit \ dem Bewußtsein erfüllter Pflicht die Verantwor- ' tung G'tt zu überlassen. Nur das Eine wird er- : klärend gesagt, daß die gütliche, Geduld gegen den Sünder eine Prüfung für den Guten ist, •: daß er gerade seine G'ttergebenheit auch mit dem Opfer;des Verstandes beweisen muß, der sich durch , alle Ungereimtheiten von der Bahn des g'ttgewollten Lebens nicht abschrecken iäßt. Es liegt darin eine Hindeutung auf das alte Problem der Theodizee, der Gerechtigkeit G'ttes in der Erdenwaltung, Mache es dir doch klar, daß diese scheinbare Ungerechtigkeit G'ttes eine Notwendigkeit zur Erhaltung der menschlichen Wahlfreiheit bilde. Wer würde noch zu eigner Entscheidung zwischen Gut. und Böse den Mut haben, wenn der „Spruch über alles Schlechte schnell erfolgen" würde,' oder wenn uns nicht 'der Dämon des Herzens einredete, daß „■das Grab uns eine sichere Zuflucht vor dem Zugriff G'ttes gäbe?" Das alles habe ich über das Geschehen hier unter der Sonne erfahren und beherzigt, in einer Zeit, da gewalttätig!ein Mensch über den andren zu seinem Unglück herrschte. Damals sah ich Verbrecher, zum Verscharren reif, an heiliger Stätte' eiiiherwandeln, während die Braven in. der Stadt dauernd vergessen blieben. Welch Widersinn! Und dennoch lasse dich nicht täuschen! Weil das böse Tun nicht so schnell seinen Richtspruch findet, darum ist das Herz der Menschen selbstsicher und davon erfüllt, das Böse zu tun. Gewiß, mancher Sünder hat hundert Jahre lang das Böse geübt und G'tt ihm geduldig zugesehen. Trotzdem weiß ich, daß das letzte Glück nur den G'ttesfürchtigen, die in Furcht vor Ihm wandeln, zuteil wird. Dem Schlechten bleibt das Glück versagt, und nur wie ein Schatten lebt er lange dahin, weil er keine Furcht vor G'tt kennt. Doch ist's auf Erden schlimm, daß manche Fromme ein Schicksal haben wie Verbrecher und daß es Böse gibt, denen es ergeht, als ob sie wer weiß wie fromm sind. Ich muß bekennen, das ist schrecklich. Aber dennoch lobe ich mir die Freude. Denn hier unter der- Sönne gibt' nichts Besseres als Essen, Trinken und froh sein. Es ist gewissermaßen für all sein Mühsal ein Vorschuß, den ihm G'tt unter der Sonne in seinem Leben gibt. Denn wollte ich in erkennender Sicht dies täuschende Durcheinander auf Erden durchschauen wie so mancher, dessen Auge bei Tag und Nacht keinen Schlaf findet j über all diesen Widersprüchen, dann sah ich j ein: es ist ja G'ttes Werk, da kann kein Mensch; hindurchfinden durch' all das Geschehen unter der Sonne. Und soviel der Mensch sich auch müht, es zu finden, es gelingt ihm nicht; und wollte der Weise sich anmaßen, es zu erkennen, er kanns nicht erreichen. So mußte ich es beherzigen uncLnur klär' machen, daß die Frommen und die' Weisen, : VII. D u lebst ij'a noch! . (Kap. 9, 4—10, 20). Aber, solang man noch im Leben1 verankert ist, hat man noch Hoffnung. Einem lebenden Hund gebührt der Vorrang vor einem toten Löwen. Die Lebendigen im Wissen vom Tode können noch etwas Rechtes schaffen, aber die Toten, sie können für nichts mehr sorgen, können sich kein Verdienst mehr erwerben. Ihr Andenken ist vergessen, auch ihre Liebe, auch ihr Haß, auch ihr Eifer, alles ist vorbei; sie haben keinen Anteil mehr an allem, was unter der Sonne geschieht. Du aber lebst ja noch! Geh und iß in Freude dein Brot und trinke in Frohsinn deinen Wein, denn G'tt hat noch an deinem Tun Gefallen. In jedem Augenblick seien deine Kleider rein, fehle das Oel auf deinem Haupte nicht.1 Richte, dir das Leben ein mit einem'Weibe, das' du liebst, die wenigen flüchtigen Tage, die dir G'tt unter der Sonne gegeben hat. Es ist dein einziger Anteil am Leben und an deiner Mühe, mit der du dich unter-der Sonne mühst. Was du nur immer erreichen kannst; mit deiner Kraft, das tue. Denn :»es gibt kein ^Leisten und - kein Klügeln und keine Weisheit mehr dort unten im Grabe, wohin du gehst. Nur glaube nicht, daß auch alles dir gelingen müsse. Immer wieder habe ich unter der Sonne gesehenf nicht grade . die Schnellen^kamen vorwärts. jUn-d nicht grade die Starken errangen den Sieg. Kluge hatten kein Brot, Begabte keinen Reichtum .und Wissende kein Glück, als ob Gelingen und Mißlingen bei allen nur ein Zufall,.wäre. Und niemand ,weiß;,; wann ihm die Stunde schlägt. Wie die Fische im bösen Netz gefangen werden und wje die Vögel auf; der Leimrute kleben, ejb.enso werden auch die Menschlein gepackt in der. Unglücksstunde, die plötzlich über sie herfällt. Oft sah ich auch, wie die Weisheit hier auf Erden, und wenn sie mir noch so groß erschien, nicht zur Anerkennung kommt. Da ist zl B. -;_ eine kleine Stadt mit wenig Menschen* urid gegen sie zieht ein großer König, umzingelt sie, baut wider, sie große Bollwerke. Und drinnen findet sich ein armer Mann, aber ein Weiser, der rettet die Stadt durch seine Weisheit, und doch kümmert sich kein Mensch um diesen Armen. Da war doch wirklich die Weisheit besser als Körperkraft. Aber wenn einer arm ist, dann ist seine Weisheit nichts werf, und seine Worte werden nicht gehöht. Worte der Weisen klingen eben sanft und leise; schreien tut nur, wer über Narren herrscht. Weisheit ist besser als Waffen des~ Krieges.; Sie kann eine ganze Stadt retten, und ein Lump ..'jeann alles Glück" der Welt zerstören» -Wie Schmeißfliegen das kostbarste Oel verderben, so ein bißchen Narrheit, die herrlichste,. ehrwürdigste Weisheit. Der Weise hat sein Herz auf. dem rechten Fleck, der Narr wendet.- es immer verkehrt an. Bei allem, was. er..tut, . fehlt ihm der Verstand. Aber von allen andern sagt er: sie sind närrisch. Füg' dich auch ins Leben draußen, wie es auch gehen mag. Wenn der Zorn des Herrschers dich trifft, bleibe du dir treu in deinem Standpunkte. Geduld verhütet viel Unglück. * Denn hier unter der Sonne da sieht's unglücklicherweise manchmal aus, als hätte sich der Allgewaltige geirrt. Die Narrheit thront hoch oben, und die Vornehmen sitzenganz unten in der Niederung. Sklavengesindel stolziert zu Pferd, und Fürsten gehen wie Knechte auf der ■ Erde. Und doch lehne dich nicht auf, Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Wer den Zaun einreißt, den beißt die Schlange. Wer Steine wälzen will, kommt daran zu Schaden, und wer Bäume umhackt, ist von ihrem Falle selbst bedroht. Ist gar das Eisen zu stumpf, weil man es nicht genügend geschärft, so wird man vergebens die Kräfte anstrengen; Bessere Vorbereitung wäre Klugheit gewesen. Und wenn eine Schlange" beißt trotz aller Besohwörungskünste, was hast du großer Schlangenbeschwörer erreicht? Mit weisem Wort allerdings ist manches zu erreichen. Denn den Mund des Weisen umspielt die Huld,'die Lippen des Nar-. ren führen ihn ins Verderben. Mit Narrheit fängt sein Mund an und verstrickt sich nachher in böse Tollheit. Der Narr "häuft Reden ohne Ende; der' redet von. der Zukunft, als wüßte er Bescheid, wer aber hat es ihm vorausgesagt, was später sein wird? So mühen die Narren sich ohne' Erfolg, weil sie nicht Weg hoch Steg kennen. Zähme dich also, ohne Zucht-, gehst;du zugrunde. Wehe dir Land, wenn ein Knabe in dir herrscht, wenn.deine Fürsten von früh an beim- Mahle sitzen; heil einem Land, wo ireie Männer herrschen, wo Fürsten zur fechten Zeit genießen, kraftvoll^nicht mit Leidenschaft. Sonst verfällt durch Faulheit der Balken, durch Nichtstun :träuft das Dach, i Zur Belustigung macht man Gastmähler, Wein muß das Leben fröhlioh f machen, Geld muß alles zur Stelle schaffen,. Aber wenn, du das auch weißt, schweig! Selbst in deinen Gedanken 'fluche einem König nicht und in deinem vertraulichen Schlaf gemach fluche keinem großen Herrn! Es gibt immer einen Vogel des Himmels, der die Stimme weiterträgt, und etwas Befiedertes, was dein Wort ausplaudern kann. Hier nimmt das Büch einen freudigen Anlauf, es klingt aus einem anderen Ton. Wenn der Tod. uns. als die, Grenzsetzung unserer Arbeit ' täglich bevorsteht, dann ist ija die Tatsache, daß i wir noch leben,- selbst' eiri Beweis/ daß unser ' Wollen.und Wirken G'tt willkommen ist, U^d darum können wir,unsere,^Lebensarbeit;mit.preude abgreifen und soJJen sehen, daß dem: bescheidenen stillen; Familienglücke auch in unserer Hütte Einlaß gewähr^ wird. . _ ...

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