Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1935)
- Date
- 1935-10-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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31. Oktober. 1935 Der Israelit Nr. 44 Seite 5 auch höher steht, denn nur die Weisheit kann uns das Leben erhalten. Füg' dich in G'ttes Walten. Wer kann gerade machen das, was Er dir krumm gemacht? Am Tag der Freude sei freudig, am Tage des Unglücks füge dich! Beide hat sie G'tt gemacht, diesen und jenen, so daß der Mensch hinter Sein Geheimnis nicht kommen kann. Ich, der ich alles in meinen schlimmen Tagen beobachtet habe, sah es vorkommen, daß ein Frommer an seiner Frömmigkeit zugrunde ging und daß ein Egoist sich durch seine Selbstsucht das Leben verlängerte. Wolle nicht zu fromm sein und klügle in deinem Gewissen nicht zuviel. Warum willst du irre werden? Handle nicht zu selbstsüchtig und sei nicht engstirnig! Warum willst du vorzeitig dein Leben verscherzen? iSelbstentäußerung oder Selbstsucht? Ergreife das eine und laß vom anderen auch nicht ganz die Hand. Wer G'tt fürchtet, findet schon den richtigen Weg, um so mehr, wenn man mit richtiger Weisheit alles überlegt, denn die Weisheit gibt dem Weisen mehr Kraft als den zehn Stärksten in einer Stadt. Und kein Mensch ist so fromm auf Erden, daß er das Gute täte und nicht sündigte. Und dein Sinn sei nur nicht überempfindlich gegen all die Worte, die andere Leute reden, wenn du wirklich einmal deinen Diener auf dich losfluchen hörst; im Herzen weißt du doch, wie oft auch du anderen geflucht. All dies habe ich in Weisheit erprobtjund dennoch, so oft ich dachte, ich möchte des Welträtsels Herr werden, es blieb mir weit entrückt. Entrückt, was es immer sei, und tief, tief, wer kann es finden? Jetzt wandte ich mich in meinem Sinn, der stets forschend und weisheitsuchend sich Rechnung legte, vor allem der Frage zu: woher stammt die Verirrung des Bösen, die Torheit, die Tollheit? Da finde ich immer wieder: bitterer als der Tod ist das Weib. Ihr Herz ist voll Ränken und Tücken, sie legt dir Fesseln an die /Hände. Mit wem G'tt es gut meint, der wird vor ihr davonlaufen, der Sünder kommt durch sie zu Fall. Denn sieh! Das habe ich gefunden, sagt Koheleth, einmal ums anderemal, als ich die Lebensrechnung machte: unter Tausend fand ich soviel meine Seele immer wieder suchte, wohl einen Mann, aber ein Weib fand ich auch unter sovielen nicht. Außerdem habe ich folgendes gefunden: G'tt hat den Menschen schon grade und richtig gemacht. Sie aber, die Menschen selbst, sie suchen sich der Künsteleien viele. Die große Besinnung, der der zweite Teil unseres Buches gewidmet ist, beginnt mit Kapitel 7. Der Tod wird der Lehrmeister des Lebens. Hier liegt die große Zäsur desi Buches. Hier schlägt die Stimmung völlig um. Galt es bisher, sowohl dem Jubilo des Lebens entgegenzutreten als all den Jammerseligen, die wegen ihres ausgesuchten Pechs im Leben zu klagen nicht aufhören, die in ihrer verhärmten Seele die Stunde des Glückes nicht auskosten wollen, die ihnen zuteil wird; galt es kurz Leistung und Leiden des Lebens beide als nicht so wichtig amd bedeutend in die richtigen Grenzen zu weisen, so soll der zweite Teil gerade den großen Wert des Lebens, jeder Stunde und jedes Augenblickes für das Wirken des Menschen herausstellen. Diesen Umschwung bewirkt der Gedanke des Todes, Auch in neueren philosophischen Betrachtungen ist wieder der Tod in das Zentrum aller Lebensbesinnüng gerückt. Das Sein des Menschen, sagt Heidegger, ist ein Sein zum Tode. Die Lebensangst, die Sorge daher die eigentliche existenzielle Weise des Menschseins. Franz R.osenzweig wiederum begründet mit dem Tod die Notwendigkeit einer Offenbarung. Weil der Tod als das letzte Wort der Schöpfung nicht das letzte Wort für den Menschen überhaupt sein kann, darum müsse sie über sich selbst hinausweisen auf etwas, was den Tod überwindet, auf die in der Offenbarung sich zeigende Liebe G'ttes, die stärker ist als der Tod. Auch Koheleth macht den Tod als solchen zum eigentlichen Ausgangspunkt für die Bedeutung des Lebens. Gefade weil allem Menschenwirken mit dem Tode die unabweisbare Grenze gesetzt ist, Weil seinem Wollen und Vollbringen nur beschränkte Zeit zur Verfügung steht, gerade darum darf das Leben nicht spielerisch vertan werden, wird jeder Stunde unendlicher Wert zuteil. Die Gewißheit des Todes stößt gewissermaßen den Menschen ins Leben zurück. Ob der Gewißheit des Todes darf die Stunde auch nicht vertrauert werden, denn nur die Freude ist der Flügel zum Wirken und Tun. . Die Urmenschheit bis zur Sintflut war durch die lange Lebensdauer, die ihr gewährt war, verdorben worden. Der Termin des Todes war soweit hinausgerückt, daß der Gedanke vom Wert des Lebens, von der Kostbarkeit einer Stunde ihr nicht kam. So mußte sie verfallen. Der neue Bund, den G'tt mit der Menschheit schloß, der ihr zusicherte, daß eine allgemeine Vernichtungskatastrophe nicht wieder eintreten solle, hatte zur Voraussetzung, daß das Menschenleben verkürzt wird. „Nicht soll Mein Geist im Menschen allzulange walten, da er doch ein fleischlich Wesen ist, so sollen seine Tage nur 120 Jahre währen." Je kürzer die Spanne des Lebens, um so gewisser, daß der Tod den Menschen zur Besinnung bringt. Allerdings ist auch die Lebensdauer kein mechanisches Rechenexempel. Vom Menschenstandpunkt aus gesehen, hat nur allzuoft G'tt die Lose der Lebensdauer falsch verteilt. An der Länge des Lebens gemessen, müßte mancher Verbrecher sich als der besondere Liebling G'ttes fühlen können. Ueber das letzte Geheimnis der Verteilung der Lebenslose muß Koheleth bekennen, daß es ewig dem Menschen vorbehalten bleibt. Aber daraus darf keine Resignation folgen. Dein Leben allein und der Gedanke an deinen Tod müssen dich bestimmen, mit jeder dir verliehenen Kraft dein Lebenswerk anzupacken; bald mit inneren Fähigkeiten, bald mit Geld und Gut. Und dabei fällt das köstliche Wort: hüte dich vor allen Verstiegenheiten. Auch religiöse Ideale führen in ihrer Uebertreibung zum Wahnsinn; auch ein gesunder Egoismus ist Lebensnotwendigkeit. Nur zwei Warnungen werden, dem an seine Lebensarbeit Herantretenden gesägt; erstens sei nicht so empfindlich gegen das Urteil der Welt. Auch der von dir Abhängige wird oft dir fluchen. Und zweitens: hüte dich vor dem Weibe! Allzuoft hat es in großer Menschen Leben eine gefährliche Rolle gespielt und ihre Lebenslinie abgebogen, daß sie in den Abgrund führte. Man hat aus diesem Letzten einen Stoßseufzer Salomos herausgehört, dessen große Weisheit und ruhmvolle Regierung am Weibe Schriffbruch erlitten hat. Gerade an dieser Stelle folgt dann ein Wort, das den Inbegriff aller Weisheit darstellt; „schlicht und grade hat G'tt den Menschen gemacht, sie aber in ihrer Aufgeblasenheit (we'hemo) suchen der Berechnungen und Künsteleien viele." Hat nicht G'tt das Weib geschaffen, ihr den Zauber des Wesens, Reiz und Schönheit gegeben, den Mann zu beglücken? Und statt diese ihre Fähigkeiten zur Beseligung des Mannes zu benutzen, wird sie oft sein Verderben. So ist's mit allem. Die zivilisatorische Verfeinerung und Hypertrophie, die lauter unnütze Bedürfnisse erzeugt, den Menschen immer anspruchsvoller macht, hat ihn seiner schlichten Natürlichkeit, Einfachheit und Unkompliziertheit verlustig gehen lassen. In seiner geistigen Ueberlegenheit, die ihm zum Segen werden, kuliagsdinge sich ersinnen. So hat G'tt die heilige Sprache „vermischt" mit Unheiligem. Wer meint, daß irgendwann später, etwa nach der sinaitischen Gesetzgebung oder gar nach der Tempelzerstörung die heilige Sprache soviele nötigei Wortgruppen eingebüßt habe, ist nach alledem durchaus im Irrtum,' denn nur so ist der Zweck der Sprach Vermischung von Babel verständlich. Nur so begreifen wir, was den Erbauern Babels eigentlich genommen worden ist: die schöpferische Seele der heiligen Sprache, die sie mißbrauchten; .sie sollten aufhören, eine überirdische Kraft anzuwenden, die nur in den Händen G'ttes zum Segen gereicht, solange Menschen in die Irre gehen. Erst in der messianischen Zukunft will G'tt den Völkern wieder die „'Eine, reine, ausgesuchte" mvw nsvt selbständige, auf nichts Fremdes angewiesene heilige Sprache zurückgeben. r\"bvp sieht dies auch in den Schlußworten des Hohenliedes angedeutet. Die „kleine Schwester" der Trauten G'ttes, des Volkes der Thorabefolger, ist seine heilige Sprache, die „klein" ist, arm an Profanausdrücken. Was tun wir unserer Schwester an jenem Tage Gutes, wenn allein „in ihr gesprochen" na nwf' wird? Wenn ihr wieder wie „einer Mauer" die Festigkeit der Urzeit gegeben ist, werden wir auf sie völlig im ganzen Leben bauen können; und auch rbi „Eingang" zu Heiligem und Heiligstem, zu geläuterter, überirdischer,, schöpferischer und dem Schöpfer wohlgefälliger Weltbeherrschung wird uns die heilige Sprache wieder wie in der Urzeit dienen. Soweit rv'*?v?- Es ist für uns, die Zeitgenossen eines mechanisierten ■»"» und ebenso umgefälschten Hebräisch, aufschlußreich, was noch die Thoragelehrten des 17. Jahrhunderts über die heilige Sprache dachten. Nicht nur zwingt uns das zu Vergleichen mit heutiger Sprachauffassung, die ija Jeder selber anstellen mag. Vielmehr erlangen wir an dieser Stelle auch einen Einblick in das, was sich unsere Vorfahren als Bekenner des Einzigen unter der auch in heutiger Naturphilosophie (Dacque)} wiederentdeckten „JSfatursicht" der urzeitlichen Menschheit vorstellten: Vorgänge, die ebenso wie alles von Menschen Geleistete stetig dem Blicke und dem Eingreifen G'ttes unterlagen. Unsere Zeit ist drauf und dran, hinter den immer mehr dem Forscherauge sich offenbarenden Regungen des beseelten Kosmos den Einzigen und seine Macht und Güte entschwinden zu sehen. Das Schicksal der heiligen Sprache, von der wir es in unseren Tagen erleben, daß wir von ihr nur ein lebensunfähiges, einem Maschinen-Menschen ähnliches Abbild für den Notibedarf unseres Zeitalters herstellen können, läßt uns (deutlich hinter allem Geschehen Israels, seiner Sprache und der Welt G'tt als den Einzigen offenbar werden, der von sich sagen kann: Ich töte und ich belebe, ich schlug und ich werde heilen. (Der Ausweg.) Die in Paris erscheinende Monatsschrift für Umschichtung, Wanderung und Siedlung, Der Ausweg, auf die wir in den Spalten unseres Blattes wiederholt empfehlend hinzuweisen Gelegenheit haften, vollendete im Oktober den ersten Jahrgang. Das Oktober-Heft wendet sich in einem eindrucksvollen Spitzenartikel an den Völkerbund mit dem Verlangen, sich zum Treuhänder der Wanderungen und der Kolonisation, nicht zuletzt aber zu dem der Emigration zu machen. Es i$t bekannt, daß das Nansenkomitee in absehbarer Zeit aufgelöst werden soll, und das gleiche Schicksal ist" ja auch der Institution des Hohen Commissars für Flüchtlingsfürsorge beschieden. Weiter enthält das Oktöber-Heft einen instruktiven Aufsatz über beispielgebende kolonisatorische Anstrengungen Frankreichs, während ein genauer Kenner über die innere Kolonisation Irlands berichtet. Höchst lehrreich ist auch ein Aufsatz über die Abwanderung der Hugenotten aus Frankreich und ihre Folgen. Im übrigen enthält auch dieses Heft kleineres Material mannigfaltigen Charakters und aktueller Bedeutung. Die Zeitschrift ist in Paris, 52 Avenue de la Motte-Piquet zum Preise von Mk. 6.— jährlich zu abonnieren. Wochenkalender. Von. 2. — 9. November 1935 / Vom 6. — 13. Marcheschwan 5696 - 'OY» SJT Samstag 2 6 'na Raa »P ni Sonntag 3 7 *P Montag 4 8 8'p Dienstag 5 9 a'P Mittwoch Nov. 6 ywma 10 xy Donnerstag 7 11 •pp Freitag 8 12 18p Samstag 9 13 top T>-T>