Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1935)
- Date
- 1935-10-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 44 , Der Israelit 31. Oktober 1935 Man wird die Urteilsbegründung abwarten müssen, um zu dieser auf den ersten Blick vollkommen unverständlich erscheinenden Entscheidung ausführlicher Stellung nehmen zu können. Wenn Artikel 15 des Palästina-Mandates bestimmt, daß zwischen den Einwohnern Palästinas „keine Unterscheidungen" auf Grund von Rasse, Religion oder Sprache gemacht werden dürfen, so kann diese Klausel doch selbstverständlich nur den Sinn haben, irgend welche Benachteiligungen religiös, rassisch oder sprachlich geschiedener Gruppen gegenüber anderen vorbeugen zu wollen. Unmöglich kann sie dahin interpretiert werden, daß nun die interne Verfassung irgend einer religiösen Gemeinschaft Palästinas keinerlei Eigenart aufweisen und nicht nach ihren eigenen organischen und historischen Gesetzen gestaltet werden dürfte. Sonst würde ja auch die Ordinance über die religiösen Gemeinschaften der Juden ungültig sein, weil sie 2weifellos eine ganze Menge von Bestimmungen enthält, die nur für Juden gelten und nicht für andere religiöse Gemeinschaften, die in Palästina vertreten sind. Die ganze Gesetzesmaterie erheischt dringend, wie gerade dieses Urteil beweist, eine neue gesetzliche Regelung, bei der der Sinn der Mandatbestimmung, die den Aufbau eines jüdischen Nationalheims fördert, gerecht wird. Daß ein jüdisches Nationalheim nur auf den historischen Ueberlieferungen .des jüdischen Volkes aufgebaut werden kann, dürfte auch dem englischen Gesetzgeber selbstverständlich sein. Pas Judenschicksal der Halb- und Viertelsjuden. Wir wollen hier nicht von der Tragik der zwischen Juden und Nichtjuden im leeren Räume sich bewegenden Nichtarier oder Halbarier in Deutschland sprechen, mit deren Verhältnis zum Deutschtum oder Judentum sich dieser Tage auch die „Frankfurter Zeitung" in einem Artikel "beschäftigte. Wir haben hier andere weitläufige Verwandte im Auge, nämlich das Häuflein der Samaritaner in der Stadt Nablus in Palästina. Unsere Leser sind informiert über die W a f - fenschmuggelaffäre in Palästina. Ein „jüdisches Schiff" soll Kisten voller Waffen nach Palästina „für Juden" geschmuggelt haben, so heißt es wenigstens in den arabischen Hetzplakaten, die in den Straßen Jerusalems zum Protest und Generalstreik aufrufen. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. So viel weiß aber heute schon jeder, daß es kein jüdisches, sondern ein belgisches Schiff mit Namen „Leopold II." war, aus dem die ominösen Kisten im Jaffaer Hafen ausgeladen wurden. Der Adressat ist nicht auffindbar, somit kann nicht gesagt werden, ob er Jude oder Araber sei", ob die Waffen für den inneren Gebrauch bestimmt waren, von einem Händler eingeschmuggelt wurden oder in Verbin. dung mit dem abessinischen Krieg stehen. Egal, für die Hetzer sind es „Judenflinten", die Anlaß zu Proklamationen, Protesttelegrammen nach London und Genf und Generalstreik geben. Zu Ehren der arabischen Nation sei es gesagt, daß die arabischen iMassen nur ganz vereinzelt der Streikparole folgten, und zum Ruhme der englischen Administration sei wiederum festgestellt," daß sie alle Schutzmaßnahmen so gut getroffen hatte, daß der kritische Tag in aller Ruhe für alle Teile, auch für die Polizei selbst, verlief. Damit wäre die Sache abgetan, wenn sie nicht noch ein fast tragikomisches Intermezzo für die Samaritaner in Nablus gebracht hätte. In Nablus, dem früheren Schechem, wohnt bekanntermaßen ein besonders fanatischer Araberstamm, dessen Demonstrationslust an diesem Tage, aus Mangel an Objekt — in Nablus wohnt kein einziger Jude — sich das Samaritanerviertel zur Zielscheibe nahm. Und so mußten nach vielen Jahrhunderten die armen, entwurzelten Menschen, die zur Zeit von Esra ihren ganzen Eifer einsetzten, um den Wiederaufbau von Staat und Tempel der Juden zu verhindern, erfahren, daß sie in den Augen der Araber ebenfalls Juden seien, würdig genug, um die den Juden zugedachten Schläge aufzufangen. Es ist Judenschicksal, das, durch kein jüdisches Martyrium geweiht, unser erhöhtes Mitleid erregen muß. Die Samaritaner oder Kutäer, die heute nur noch eine kleine Gemeinde unter Führung eines sogenannten „Hohenpriesters" in Nablus bilden, stehen seit Jahrhunderten vollkommen außerhalb der jüdischen Gemeinschaft und dem alten wie dem neuen Jischuw ganz desinteressiert gegenüber, wenn sie auch in letzterer Zeit, da die aussterbende Gemeinde in materieller Not lebt, die Judenheit gelegentlich um Hilfe und Unterstützung angingen. Wie weitweg vom Judentum sie sich in ihren Bräuchen und .Riten bewegen, beweist ihr Passahopfer, das sie alljährlich im Monat Iijar auf dem Berge G e r i - s i m darbringen und aus dem sie, aus einer gewissen Geschäftemachereii eine große Attraktionfür Touristen gemacht haben. Es ist ein aussterbender Stamm, der seit den Assyrerkönigen Salmanassar und Sanherib, die gegen Samaria und Judäa anstürmten, wohl Jüdische Elemente in sich aufgenommen hat, dessen eigentliche Verwandtschaft mit den Juden -— wie die der vor kurzem hier genannten Assyrer — doch immerhin sehr weitläufig und problematisch bleibt. Zu den. Juden als religiöser Gemeinschaft führt nicht einmal ein schmaler Pfad von Nablus und Gerisim. Aber sie tragen, wenn es gilt, Judenschicksal, und verdienen daher unser menschliches Mitgefühl. Von Oberrabbiner Dr. Carlebach in Altona. V. Besinnung. (Kap. 7). Laß den holden Duft der Dinge, der alles Lebende trügerisch umkleidet. Der Name, der bleibt, ist besser als duft'ges Oel; der Todestag kann mehr dir sagen als der Tag der "Geburt. Besser ist's, ins Trauerhaus zu gehen als 2um Gelage, denn dort wird man an das Ende alles Menschlichen erinnert, und der Lebende kommt zur Besinnung. Der Ernst ist besser als Lachen, denn bei ernstem Gesicht kommt man erst zu Verstand. Die Weisen denken ans Trauerhaus, die Narren an das der Freuden. Und besser ist's, das Schelten des Weisen zu hören, als die süßen Melodien der Narren. Denn ihr Lachen ist nur wie Feuergeknister der Dornen unter einem Topfe, ist eitles Nichts. Ihr Gequänkel kann einen Weisen von Sinnen bringen und alle ihm verliehene Klugheit zunichtemachen. Nein, lieber ans Ende der Dinge denken als an den Anfang; das lehrt Geduld, und der Geduldige sieht tiefer als der Hochfahrende, Darum sollst du aber in deinem Sinne nochlange nicht griesgrämig werden. Weltschmerz ruht nur in der Narren Schöße. Sag nicht: wie kommt's, daß die Tage früher soviel besser waren als heute? So fragt man nicht in Weisheit. Freue dich aller Gaben, der Weisheit und deines Erbteiles an Gütern, die du hast. Alles; ist gut für uns Erdenwandler. Manchmal hilft Weisheit, manchmal das Geld, wenn die erste ^^^P^l^^^^^ Das babylonische Sprachengewirr und die hebräische Sprache. Von B.. Cohen. Bekanntlich erklärt Nachmanides die Bezeichnung „heilig" für die hebräische Sprache aus -dem Fehlen jeder Bezeichnung für unkeusche Dinge im Hebräischen. Der n"to ms'p weiß für diese Heiligkeit noch andere, teils ähnliche Gründe zu benennen. Er sieht ihre Weihe sogar im Fehlen der Ausdrücke für viele Dinge des profanen Alltagslebens. Er sagt: Der hebräischen Sprache fehlen Tausende von Worten; man findet in ihr keinen besonderen Namen für jede einzelne Art reiner und anderer Fische, für jedes Kraut, und selbst viele Wild- und Vogelarten gibt es, die keinen besonderen Namen in der heiligen Sprache haben. Hat denn nicht, so fragt n"bvp> der erste Mensch allen Lebewesen und Pflanzen auf Erden, Namen erteilt? In der heiligen Sprache aber fehlen die Artnamen für die meisten dieser Wesen ganz, und nur die allgemeinsten Sammelbegriffe, wie Bäume oder Fische, erscheinen benannt. Andere Sprachen aber wissen jede einzelne Baum- oder Tierart unzweideutig .zu benennen, vor allem aber auch jede einzelne Gerätschaft menschlichen Gerätes. Die Gerätenamen der Massecheth Kelim sind dagegen zum größten Teile nicht reines Hebräisch, sondern, wie viele Ausdrücke der Mischna- Mundart, anderen Sprachen entlehnt. Verläßt sich also nicht ganz sichtlich die heilige Thora selbst auf die Hilfe der Mischnasprache und sonstiger Sprachen im gleichen Maße, wie andere Sprachen untereinander und auch mit der Heiligen durchsetzt sind? Nein, antwortet TT^Pp! Niemals kann sich eine ältere Sprache auf eine jüngere stützen, sondern nur das Entgegengesetzte kann zutreffen. Die heilige Sprache aber ist die älteste aller Sprachen. Wie dürfen ihr also Worte fehlen?-Das zwingt uns, einzusehen, daß sie nicht zu profanen, sondern nur zu heiligem Gebrauche freigegeben ist. Etwa dazu, um mit ihrer Hilfe zu erahnen, wie G'tt die Schöpfung der Welt vollzogen und wie Er das Geschehen der Vorfahren, die Offenbarung der Thora, der früheren und der späteren Väter gelenkt; oder nur für die Lieder und Lobgesänge, die David mit Hilfe des Geistes der Heiligkeit gesprochen. Darum heißt diese Sprache heilig, weil sie nicht wie andere Sprachen zu profanem Gebrauche gegeben ist; sonst dürften in ihr nicht so viele Bezeichnungen fehlen. Ungläubige hatten aus diesem Fehlen den irrigen Schluß gezogen, wir heutigen Juden seien nicht die echten Nachkommen derer, denen bei der Tempelzerstörung Land und sprachlicher Zusammenhalt geraubt wurde, und durch unsere Vermischung mit fremden Völkern sei auch unsere Sprache so vermischt worden, daß wir uns ihrer nur unter Zuhilfenahme fremder Worte bedienen können; das ist aber unwahr: An sich schon enthält die heilige Sprache nichts, was nicht zum Bedarf der Thora-Erfüllung vonnöten wäre und nur zum Profanbedarf dienen würde, wie es andere Sprachen tun. Hat nun, so fragt <\*bvp weiter, die heilige Sprache nicht vom ersten Menschen bis zum Turmbau der Menschen als einzige vorhandene Sprache zu jeglichem Lebensfeedarf ausreichen müssen? Diese Frage gibt n"bvy> Anlaß, dem Turmbaubericht der Thora noch tiefere Geheimnisse abzulauschen. Weshalb, sa fragt er zunächst, wurde das Vorhaben der Erbauer Babels nicht durch irgend ein zerstörendes Wunder der g'ttlichen Allmacht 'vereitelt, sondern ausdrücklich gesagt, onö ixa* niwi es> solle ihnen nicht mißlingen? Worin bestand das nicht wundergemäße Eingreifen G'ttes? Und was fruchtete die sprachliche Zerteilung der Menschheit? Lernen nicht die Menschen mehr oder minder leicht fremde Sprachen und können also nicht auch sprachlich einander entfremdete Menschen diese Entfremdung überwinden und sich zu Sünden und Uebeltaten zusammentun? Und was vor allem war die Sünde der Erbauer des Turms? Hierauf antwortet n~bvp im Namen von D'aipri und '*ik »ans: Die Erbauer des Turms kannten die ganze, allumfassende, lückenlose und reine heilige Sprache mitsamt den hebräischen Namen jeder Art von Pflanze, Lebewesen und Gerätschaft; sie konnten mit Hilfe dieser Kenntnis die Schöpiertätigkeit G'ttes bis zu einem gewissen Grade nachahmen,' sich einen ov> einen Namen G ' 11 e s zu jeder Gelegenheit erschleichen. Die heilige Sprache in ihrer Vollständigkeit und Unversehrtheit ist Sprache der Weltschöpfung, und .diese einzige heilige Sprache mißbrauchten sie, um sich Vorteile zu verschaffen, die wir Menschen nur im Dienste G'ttes und durch diesen Dienst erlangen und verwerten sol- , len. Diese Sprache ließ G'tt ihnen aus dem Gedächtnisse zum größten Teile entschwinden, und so mußten sie Benennungen der Einzelwesen und der All-