Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1935)
- Date
- 1935-10-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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31. Oktober 1935 Der Israelit 4 Nr. 44 Seite 3 Die Jüdische Winterhilfe ist keine (Fortsetzung von Seite 1.) Und was von Hilfe und Aufbau im Großen gilt, gilt auch nicht minder von den mit staatlcher Genehmigung seit langem-innerhalb der Gemeinden arbeitenden jüdischen Wohlfahrtsstellen, deren (jede ihren eigenen Bezirk im großen Reiche des 'jüdischen Wohltuns hat. Wir denken dabei beispielsweise an die Einrichtungen des Jüdischen Frau en b.u n des, und, wenn wir von Frankfurt sprechen» die Leistungen der No t st and s a k t i o n und der F ü rsorge der Frankfurter I. R. G. Es liegt im spezifischen Charakter der -jüdischen Lebensnot, daß sie Fälle zeitigt, die in den Paragraphen und Bestimm mungen der Winterhilfe nicht vorgesehen sind, also zu keiner Kategorie der von dieser Seite Betreuten gehören und dennoch Notfälle schlimmster Art sind, die Hilfeleistung erheischen. Wenn man bedenkt, wie viele solche Sonderfälle, die in keine Rubrik 'hineingehören, gerade von der genannten Fürsorge und Notstandsaktion erfaßt werden, wie viele verschämte Arme, die nie und nimmer den Weg zu den öffentlichen Hilfsstellen finden können, von hier aus in diskreter, vornehmer Weise mit den nötigsten Lebensmitteln versorgt werden, wenn man nur einen leisen Einblick in diese Dinge gewinnt oder sich, von den Herren, die im, Mittelpunkte dieser Arbeit stehen, darüber belehren läßt, dann begreift man, warum die Leiter des allgemeinen großen wie des Jüdischen Wüiterhilfswerkes von vornherein dieses nur als zusätzliche Hilfeleistung ausgaben, von der die anderen Aufgaben, die uns täglich erwachsen ttni die mit der Linderung der momentanen Winternot nicht aufhören, die zu lösen wir Juden aüch früher, als wir noch zu dem> allgemeinen großen Hilfswerke unser Scherflein beisteuerten, stolz waren, unberührt bleiben. Von; den „Fonds, die dem Neuaufbau j ü d i sc hen Lebens in Palästina dienen," spricht jener Aufruf weiterhin. In einer Zeit, da eine teilweise! Lösung des Judenproblems in Deutschland durch Abwanderung von außen gewünscht und von innen erstrebt wird, kann der Gedanke an den Neuaufbau des jüdischen Lebens in Palästina nicht aufhören, uns zu beschäftigen. Mit der Linderung der Winternöt, die genau so nötig und dringend , ist wie die momentane Stillung eines brennenden Schmerzes, wie der Notverband bei der Gefahr der Verblutung, ist aber die Heimat noch nicht errichtet, das Brot für den Sommer noch nicht beschafft, die Zukunft für die Kinder noch nicht begründet. Wir haben uns mit dem K e r e n Hajischuw in den Palästinaaufbauprozeß eingereiht und bauen auf unsere eigene Art; eine Heimstätte für den Körper und für -den Geist. Es fcönnte eine Winterhilfe für alle folge n d e n Winter und Sommer sein, setzten ,wir den Keren Hajischuw in den Stand, seine Kibbuzim, — diese echten Keimzellen jüdischen Erez Israel-Geistes -— zu Kolonien auszubauen, seine Chedarim und Talmud Thora- Schulen. zu großen Schulbetrieben und Erziehungsstätten für Erez Jisroel - Juden im großen Stile zu entfalten. An diesem kons t r u k't ivsten aller ko n s truktiv aufbauenden jüdischen Werks müssen wir weiter arbeiten, ohne im entferntesten den Gedanken aufkommen zu lassen, uns mit dem Obolus, den wir freudigen-I^erzens. der Winterhilfe zuführen, \voh dieser . Arbeit für unsere Zukunft und unsere Kinder abzulösen. 'Diese Punkte, bei einer abermaligen Hervorhebung der dringenden Notwendigkeit der Winterhilfe, zu betonen und zu unterbreiten, obwohl sie sich eigentlich aus Anlage und Rahmen des Winterhilfswerkes von selbst ergeben, hielten wir für geboten. Wochenrundschau, „Erez" oder „Erez Jsräel"? Die menschliche Sprache, obwohl zur Unzeit oft allzu ausgiebig, spart ^zuweilen am unrechten Platz. Jede neue Lage und Konstellation schaffen neue Worte oder prägen alte Worte im Interesse der Vereinfachung um. Seit einigen Jahren fährt man nicht mehr näch Erez Israel, sondern nach Erez. Eine Halbierung, die wohl .ursprünglich nur aus Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit kommt, die sich aber doch in der Folge als Symptom und als Symbol, zur Verwirrung und Verfälschung der Begriffe, auswirkt; „Erez" ist Land, ist Boden, ist ein Wort von •eisernem Klanjg und einer Erdenschwere, das an die geistigen Bezirke von Ziori und Jerusalem nicht heranführt. ,,Erez'' ist ein Territorium, das .:ge?adesojgttt in Uganda oder in Ecuador liegen kann, durch Iceinen Hauch jüdischer Geistigkeit .und jüdischer Heiligkeit,: durch keine Spur von . -der jüdischen Aufgabe und Bestimmung geweiht und geadelt. Iii; vierzigjähriger Wüsteruwanderung; strebten die .Erlösten nicht dem „Erez" entgegen, die Zielsetzung hieß E r e z I s r a e I.' , Mit. Ausnahmehöchstens.;der, ungetreuen. Kundschafter, die unheilvoller Weise nur über „Erez" berichteten inasr fmn -^pKrt miü' Mosche ringt nicht bis zum letzten Atemzuge um „Erez"i um den Boden, der drüben die köstlichen Früchte .trägt, sondern .um Israels Land, das Sitz der Schechinah ist, und in dem sich die von ihm übermittelten Gesetze' erst in Staat und Gesellschaft und Einzellebeh auswirken sollen. Unsere ersten Chaluzim nach der Zerstörung des Tempels, von den großen Babyloniern bis zu Nachmanides und Bartenora, und von diesen bis zu den Begründern des alten Jischuw an der Schwelle des vorigen Jahrhunderts, wanderten nicht nach „Erez", denn „Boden unter den Füßen" hatten sie zum Teile in leidlicher Festigkeit «und Sicherheit auch in ihrer spanischen öder italienischen Heimat, aber es ging weniger um „den Boden unter den Füßen", als vielmehr um „das Licht über den Köpfen"; darum dachte man nicht daran, bei Erez stehen zu bleiben. Und waren die Möglichkeiten und Voraussetzungen zu der Synthese von: "pK und b#W> nicht gegeben, so wählte maniütaS: ^?ite Wprt. Israel ohne Land, ohne Boden, Israel Iii der Gölusfremde, aber im Boden der Thora beheimatet. Das gab und gibt es: p« ohne ^intpv gab es nicht, blieb einer Zeit vorbehalten, die mehr von der Geißel draußen getrieben, als vom Lichte innen iris Land gelockt wird. Es ist, ein Wort, das, aus der Not der Zeit geboren, auch das materialistische Denken, oder richtiger die Gedankenlosigkeit einer materialistischen Zeit dem späteren Historiker belegen wird. Es soll hier beileibe keine Wortklauberei getrieben /fwerden. Aber wenn man will, kann man die £anze letzte Entwicklung in Palästina in all ihren- Schattenseiten und unerfreulichen Aus-" wüchsen in. Stadt und Land mit diesem metallharten- Wöjte „Erez" zusammenfassend zum Ausdrucki'Ör'ingen, Das große; Heer der Makler und Agentej^ in den; Straßen Tel Awiws, „über das heute gerade die zionistische Presse bittere Klage anstimmt, das verwerfliche Spekularitentum, das das herrliche iBifti> der jüdischen Stadt in sichtbaren Punkten verdüstert, der Mietswucher, das Jagen und Hasten nach Gewinn oft auf Kosten der (jüdischen Not, dieses ganze ,,Goldgräbertum", es konnte nur in „Erez" gedeihen, von Männern getragen und gefördert, die nur ein Zufall, — kein glücklicher für uns, — statt nach Kalifornien oder Australien nach Palästina gebracht hat. Mit Erez Israel haben diese Schädlinge des Jischuw nicht das Geringste zu tun. Wir wollen nicht behaupten, daß alle, die in der Golaih von „Erez" sprechen, nach dem Zertifikat für „Erez" hungern und immer nur von ihren Verwandten und Freunden in „Erez" erzählen, das Verlangen und die Absicht hätten, sich im Lande der Väter den Kon/unktürjägern an der Peripherie des jüdischen Aufbaues anzuschließen. Aber sie empfinden es selber nicht, wie sie mit diesem halbem, harten Worte jenem Krebsschaden des Jischuw den Boden in der Vorstellung und im Sprachgebrauch der Massen sichern. Nicht auf das gleiche Blatt gehören die jungen Idealisten in den Kwuzoth oder in den Arbeiterreihen der Stadt, die sich zwar von jener hemmungslosen Geschäftemacher ei voll Ekel abwenden, aber einen Idealismus betreiben, der eben so wenig auf jüdischem Boden naturgewachsen ist, und der jedes andere geradesogut als Schauplatz haben könnte. Erez Israel sollte aber für sie eine Verpflichtung, ein Gelöbnis sein, der in den ältesten Urkunden der Menschheit verbürgte Rechtsanspruch Israels auf das Land seiner Väter, . bündiger als alle Deklarationen und Mandate von Cyrus bis Balfour. Diese Menschen sagen auch Erez Israel, sprechen es mit Stolz aus, schöpfen aber leider nicht alles aus dem Begriffe heraus, was Geschichte und Verheißung' an Zukunftswerten in ihn hineingelegt haben. Zu diesen zu sprechen ist in diesem Zusammenhange nicht unsere Aufgabe. Das geschah und geschieht in anderer Form und bei jedem Anlaß fortdauernd. Hier sei: nur gegen ijene Gedankenlosigkeit angegangen, die aus Erez Israel ein „Erez" gemacht hat* und damit an einem uns teueren Worte und Begriff eine Amputation von Herz und S eel e vorgenommen hat. Laßt euch die Mühe nicht verdrießen und bleibt nicht auf halbem Wege; stehen. Gehet nicht nach Erez, sondern nach Erez I s r a e 1! Gesetzesbestimmungen gegen öffentliche Religionsverletzung in Palästina mandatswidrig? In einem Urteil, das der Hauptrichter von Haifa, P. C. H u b b a r d , in Tulkarem gefällt hat, wird, nach einem Berichte der ITA., festgestellt, daß Gesetzesbestimmungen gegen pfferttliehe Religionsverjetzung im Widersn-rijeh :"Ztim Palästinamandat stehen und deshalb außer Kraft -getreten sind, Das Urteil, das sich auf ging ffiehammedariische religiöse Angelegenheit bezieht, ist im Hinblick auf den vielfach geäußerten Wünsch nach landesgesetzlichef Regelung gewisser Fragen auch der öffentlichen jüdischen Religionsausübung von allgemeiner Bedeutung. 1 Es handelte sich um eine von privater Seite gegen einen Mohammedaner erhobene Anklage wegen öffentlichen Brechens der durch eine kaiserliche Iradeh vom Jahre 1910 gesetzlich vorgeschriebenen Ramadanfastens. Der Verteidiget" ..gab im Namen des Angeklagten den Tatbestand offen zu, mächte jedoch geltend, daß die Iradeh; nicht mehr in Kraft sei, da sie dem Artikel ,15; des Palästinamandates widerspreche. Dieser Artikel bestimmt, daß keinerlei Unterscheidungen zwischen den Einwohnern Palästinas auf Grund von I&tsse, Religion oder Sprache:gemacht ^erdeh . dürfen. Der Richter schloß sich dieser .Ansicht; an" und" verkündete den Freisprach. Eine eingehende Urteilsbegründung soll später veröffentlicht werden.