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Der Israelit · 1935-10-24 · Heft 43 (24.10.1935) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 43 (24.10.1935)
Date
1935-10-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 43 Der Israelit 24. Oktober 1935 Unabhängigen Orthodoxie eine öffentlich bekanntgegebene Vereinbarnug bestand, wonach beide Gruppen in allen wichtigen Fragen vor der Flucht in die Oeffentlichkeit eine Verständigung unter sich erstreben sollten, hat die Reichsvertretung es nicht für notwendig erachtet, sich vor Erlaß ihrer Kundgebung irgendwie mit der Unabhängigen Orthodoxie in Verbindung zu setzen, um gemeinsam mit ihr die Wege zu beraten, auf welche Weise eine Einheit geschaffen werden könne, ohne dem Gewissen wehe zu tun. Es blieb daher der Unabhängigen Orthodoxie angesichts dieses Vorgehens der Reichsvertretung nichts übrig, als ihrerseits sich an die Oeffentlichkeit zu wenden und ihren Standpunkt, der ein Diktat ihres religiösen Gewissens ist und deshalb gerade in der Not sich zu bewähren hat, mit aller Bestimmtheit klarzulegen. Dieser Standpunkt verschließt sich keineswegs der Notwendigkeit einer solidarischen Geschlossenheit der Judenheit Deutschlands. Es hätte der Mahnung der ,,C.-V.-Zeitung" nicht bedurft, um die Unabhängige Orthodoxie auf diese Notwendigkeit hinzuweisen. Ausdrücklich heißt es am Schlüsse der Erklärung der Unabhängigen Orthodoxie wie folgt: „Wir geben uns der sicheren Erwartung hin, daß bei allseitig gutem Willen, an dem es in dieser schweren Zeit nicht fehlen darf, ein Weg gefunden werde, der ohne Gewissenskränkung den inneren Frieden unter den Juden in Deutschland gewähr leistet, der für eine gedeihliche Zusammen arbeit die unerläßliche Voraussetzung bildet, und der der religiösen Aufgabe des Judentums gerecht wird." Diesen Weg zu finden, setzt aber in der Tat allseitig guten Willen voraus. * » * Zu dieser Veröffentlichung der „C. V.-Zeitung" stellt uns Herr Dr. Ehrmann eine Kopie des der Zeitung eingeschickten Manuskriptes zur Verfügung, aus der wir ersehen, daß ein gut Teil der Ausführungen, der zur Klärung der Sachlage uns sehr wesentlich erscheint, von der „C. V.-Zeitung" gestrichen wurde. Wir wollen diesen ausgelassenen Teil hier zur Ergänzung nachtragen: ,,Es ist leider kein Zeichen guten Willens, wenn die Reichsvertretung glaubt, in ihrer Kundgebung die Unabhängige Orthodoxie einfach an die Wand drükken zu können. Es ist leider noch weniger ein Zeichen guten Willens, wenn die Reichsvertretung es für richtig hält, von der Leitung der C. V.-Blätter gebeten, zur Erklärung der Unabhängigen Orthodoxie Stellung zu nehmen, statt die ihr sehr wohl bekannten Motive mitzuteilen, die die Unabhängige Orthodoxie zu ihrer Erklärung veranlaßt haben, sich mit der seltsamen Bemerkung zu begnügen, daß von ihr in der Vergangenheit nicht der geringste Versuch unternommen worden sei, in die religiöse Unabhängigkeit der Orthodoxie einzugreifen, daß vielmehr gerade die kulturellen Einrichtungen der Unabhängigen Orthodoxie weitgehend unterstützt worden seien. Daß die Reichsvertretung Gelder, die von jüdischen Menschen des Aus- und Inlandes ohne Rücksicht auf die vorhandenen religiösen Gegensätze gespendet worden sind, allen notleidenden jüdischen Gemeinden und Institutionen unter gerechter Berücksichtigung der lokalen Bedürfnisse auch zukommen läßt, ohne hierbei ihrerseits zwischen den vorhndenen religiösen Gegensätzen zu unterscheiden, ist eine Selbstverständlichkeit. Die Oeffentlichkeit wäre sicherlich ungemein erstaunt, wenn ihr etwa das Gegenteil bekannt gegeben werden müßte. Wenn ein bedeutender Teil der zur Verfügung stehenden Gelder gerade zur Aufrechterhaltung der kulturellen Einrichtungen der Unabhängigen Orthodoxie gegeben wenden mußten, so wird die Oeffentlichkeit auch hierüber nicht erstaunt sein, vielmehr hieraus lediglich den Schluß ziehen, daß die Unabhängige Orthodoxie über recht viele kulturelle Einrichtungen verfügt, und daß diese kulturellen Einrichtungen in recht hohem Maße Not leiden. Recht peinlich wird aber, wie ich überzeugt bin, auch in weiten Kreisen der Reichsvertretung und ihrer Freunde, die Redewendung empfunden worden sein, daß sich die Unabhängige jüdische Orthodoxie ,,in der Stille" von der Reichsvertretung finanzieren lasse. Die Unabhängige Orthodoxie als Organisation hat niemals an die Reichsvertretung irgend eine finanzielle Forderung gestellt, oder irgend einen Bei trag erhalten. Lediglich notleidende Gemeinden oder notleidende Institute, die allen jüdischen Kreisen ausnahmslos zugänglich sind, haben Gelder, die für notleidende Gemeinden und Institute schlechthin ge spendet worden waren, in der gleichen Stille oder in der (gleichen Oeffentlichkeit erhalten, wie dies bei allen anderen Gemeinden und Instituten der Fall war. Die. Charakterisierung eines nie geheim gehaltenen Vorganges durch den Ausdruck „in der Stille" ist weder rechtschaffen, noch entspricht sie den' üblichen gesellschaftlichen Formen. Nicht so sehr die „Stille" dürfte der Reichsvertretung unerträglich sein, als vielmehr der Anspruch, den die Unabhängige Orthodoxie erheben muß, trotz der ihren Gemeinden und Instituten gespendeten Gelder in allen religiösen und religiös-kulturellen Angelegenheiten die ihr von ihrem religiösen Gewissen diktierte Unabhängigkeit sich zu erhalten. Mit aller Entschiedenheit muß bestritten werden, daß die Unabhängige Orthodoxie „jede Solidarität des gesamten Judentums in Deutschland unmöglich mache." Diese Solidarität ist nur dann unmöglich, wenn sie der religiösen Wahrheit Abbruch tut. Gerade in der Gegenwart, die die Tendenz in sich trägt, vom Judentum als einer religiösen Erscheinung möglichst zu schweigen und statt dessen das Judentum ausschließlich als eine Rassen- oder Volksgemeinschaft zu begreifen, dürfte es eine gebieterische Notwendigkeit sein, mit höchstem Nachdruck auf den religiösen Charakter der jüdischen Gemeinschaft die Aufmerksamkeit erneut zu lenken, und den ganzen Ernst dieser innerhalb des Judentums vorhandenen religiösen. Gegensätze anzuerkennen und organisatorisch zu berücksichtigen. Oberste Bedingung der wahren Solidarität einer Religionsgemeinschaft ist eine Organisationsform, die die Idee der religiösen Wahrheit nicht zurückdrängt, ihr vielmehr den notwendigen Lebensraum gönnt und danach trachtet, sie mit den übrigen lebenswichtigen Interessen in Einklang zu bringen. Wo ein Wille ist, ist ein Weg! —" Der Handel und Verkehr mit Juden, Würzburg, 14. Okt. Der „Würzburger Generalanzeiger" gibt einen Bericht über Plakate und Tafeln in fränkischen Dörfern auf denen zum Ausdruck gebracht wird, daß Juden in der betreffenden Ortschaft unerwünscht seien. Im Kreise Bingen hat die Gemeinde Horrweiler den Erwerb von Grundstücken durch Juden und den Zuzug von Juden verboten; allen Beamten, Angestellten, Arbeitern der Gemeinde, den Vorständen der Vereine und den Unterstützungsempfängern ist der geschäftliche und freundschaftliche Verkehr mit Juden verboten. Die Gemeindewage ist für Juden gesperrt; auf sämtlichen Straßen und Plätzen ist das Aufstellen jüdischer Autos verboten; Winterhilfsibedürftige, die mit Juden Geschäfte machen, erhalten keine Unterstützung mehr. Schließlich werden u. a, noch Aufträge und steuerliche Vergünstigungen der Gemeinde denen vorbehalten, die in keinerlei Beziehungen zu Juden stehen. Die Kieler. Lichtspieltheater haben 'm Verein mit der Gaubetriebsgemeinschaft 13 „Freie Berufe" der DAF den Beschluß gefaßt, Juden den Besuch ihrer Theater nicht mehr zu gestatten. Als jüdisches Unternehmen steht die „Kaiserkrone" allen Juden offen. Ferner hat die Generalintendanz der Städtischen Theater am Eingang des Stadttheaters eine Bekanntmachung anbringen lassen, wonach der Besuch des Theaters durch Juden unerwünscht sei. Oesterreich, Jüdische Winterhilfsaktion auch in Wien. Wien, 14. Okt. Der Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde erläßt eine Kundgebung, in der er eine jüdische W i n t e r h i 1 f s a k t i o n proklamiert. Unter Hinweis darauf, daß die Gemeindeausgaben angesichts der jüdischen Not fast zur Hälfte Fürsorgezwecken dienen, werden die Gemeindemitglieder aufgefordert, durch freiwillige ' Spenden der Gemeinde die hotwendigen Mittel für die außerordentliche Winterhilfsaktion zur Verfügung zu stellen. Der Kultusvorstand will nicht, wie ausdrücklich betont wird, eine generelle Erhöhung der Kultussteuersätze vornehmen, weil er davon überzeugt ist, daß seiner Bitte um freiwillige Hilfe volles Verständnis entgegengebracht werden wird. Um eine möglichst gerechte Verteilung der Lasten herbeizuführen, empfiehlt der Vorstand den Gemeindemitgliedern, ihre Spende mit 20 Proz. der Kultussteuern zu bemessen. Schweiz. Das Ende des Oberkommissariats für Auswandererfürsorge. Genf, 13, Okt. Die Tagung des Verwaltungsrats und des Beirats der Privatorganisationen beim Völkerbundsoberkommissariat für Auswandererfürsorge, die vom 15. bis 17. Oktober in London stattfand, war die 1 e t z t e ihrer Art. Oberkömmissar Macdonald berichtete im Zusammenhang mit dem Auswandererproblem über den Verlauf der Völkerbundstagung. Er hat nun endgültig vom Verwaltungsrat Abschied genommen und begibt sich nach den Vereinigten Staaten. Holland. Niedergang der Amsterdamer Sephardischen Gemeinde. Amsterdam, 9. Okt. Der soeben von dem Vorstand der Sephardischen Gemeinde Amsterdams genehmigte Etatvoranschlag für das Verwaltungsjahr 1935/36 sieht Einkünfte in der Höhe von 76.214 holländischen Gulden und Ausgaben im Gesamtbetrag von 82.294 holländischen Gulden vor. Es ergibt sich somit ein Defizit von über 6000 holländischen Gulden. Die Tatsache, daß in den letzten fünf Jahren der Ertrag der Gemeindesteuern um etwa 30 Proz, gesunken ist, ist ein deutliches Anzeichen für den Niedergang der Gemeinde, Belg ien. Rabbi Amiel und das palästinensische Oberrabbinat. Antwerpen, 16. Okt. Der Antwerpener Oberrabbiner M. A, Amiel hat die ITA. ermächtigt, die Meldungen aus Palästina, daß er wegen seines Gesundheitszustandes es abgelehnt habe, den Posten eines Oberrabbiners von Jerusalem anzunehmen, zu dementieren. Diese Meldungen entbehrten jeglicher Grundlage. Rabbi Amiel ist vielmehr ein ernster Anwärter für den Posten des aschkenasischen Oberrabbiners von Tel Awiw. Lettland. Jüdische Auswanderung aus Sowjet-Rußland nach Amerika. Riga, 11. Okt. Ueber die jüdische Auswanderung aus Sowjetrußland nach Amerika hat der Leiter der HIAS-Abteilung in Riga der ITA. bemerkenswerte Mitteilungen gemacht. In den 15 Jahren der HIAS-Arbeit in Riga sind rund 70.000 Juden aus Sowjetrußland über Riga ausgewandert, und zwar hauptsachlich nach Amerika. Diese Auswanderung vollzog sich vor allem bis zum Jahre 1923, in dem die Einwanderung nach Amerika wesentlich eingeschränkt wurde. Seither kann die jüdische Auswanderung aus Sowjetrußland auch mit Rücksicht darauf, daß für. einen russischen Auslandspaß eine Gebühr von 500 Dollar entrichtet "werden muß, nur noch in geringem Umfang vor sich, gehen; immerhin waren auch noch im letzten Jahr von insgesamt 400 Auswanderern 100 Juden aus Sowjetrußland. Mehrere jüdische Auswanderer aus Sowjetrußland sind in Riga „stecken geblieben", weil sie kein amerikanisches Visum erhalten konnten. Unter ihnen befindet sich eine Anzahl von Rabbinern. Einige von diesen haben Aussicht, die Einwanderungserlaubnis nach Palästina zu erhalten,

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