Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1935)
- Date
- 1935-10-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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24. Oktober 1935 Der Israelit Nr. 43 Seite 9 den Wohnort in Polen, 3. Schulzeugnisse im Original oder in notariell beglaubigter Abschrift, 4. Bescheinigung über den Beruf oder über die Berufsausübung des Petenten, 5. Bescheinigung über die bereits vollzogene Militär-Registrierung, « Im Falle, daß der Petent persönlich nicht erscheinen kann, kann die Anmeldung auch auf schriftlichem Wege erfolgen, indem ein Militär-Registrierschein, den das polnische Konsulat zur Verfügung stellt, ausgefüllt wird. Wir machen auf die Dringlichkeit dieser Bekanntmachung aufmerksam und weisen schon jetzt darauf hin, 'daß diejenigen, die dieser Registrierungspflicht nicht nachkommen, sich strafbar machen. Zu schriftlichen wie mündlichen Auskünften steht der unterzeichnete Verband seinen Mitgliedern .gern zur Verfügung. Neuorganisation des Besuches aller jüdischen kulturellen. Veranstaltungen, Berlin, 14. Okt. Der Reichs ve r band der jüdi sehen Kulturbünde in Deutschland teilt mit: Gemäß Auflage des Herrn (Sonderbeauftragten des Herrn Reichsministers Dr. Goebbels, Staatskommissars Kinkel, müssen alle kulturellen jüdischen Veranstaltungen "geschlossenen Charakter tragen und können nur mit einem besonderen Lichtbildausweis besucht werden. Für den Besucher, der, sei es aus finanziellen, sei es aus beruflichen Gründen, nur gelegentlich ohne feste Bindung künstlerische Veranstaltungen besuchen will, hat der .Reichsverband eine Anzahl von Konzerten, Vorträgen, Rezitationsab enden und Kleinkunst-' Vorstellungen eingerichtet, die außerhalb der regelmäßigen Kulturbundveranstaltungen stattfinden, und von jedem Juden bezw. jedem Menschen jüdischer Abstammung besucht werden können, der sich entweder durch die neugeschaffene R-Ausweiskarte oder durch die Kulturbund-Mitgliedskarte legitimieren kann. Die R-Ausweiskarte muß für jeden erschwinglich sein. Deshalb ist ihr Preis auf RM. 1.— pro Jahr, d. h. vom 1. 10. 1935 bis 30. 9. 1936, festgesetzt worden. Der Reic hsverb and hält selbstredend in 'Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage der Juden den Eintrittspreis für die einzelnen Veranstaltungen so niedrig wie möglich. Der Ariernachweis bei Hausverwaltern. Berlin, 15. Okt. Das Nachrichtenbüro deutscher Zeitungsverleger meldet: Nach dem Gesetz über die Zulassung von Steuerberatern dürfen Personen nichtarischer Abstammung grundsätzlich auch nicht von Fall zu Fall als Bevollmächtigte oder Beistände in Steuersachen zugelassen werden. Es war die Frage entstanden, ob die Katasterämter berechtigt sind, von Hausverwaltern bei der Einreichung von Hauszinssteueranträgen den Nachweis ihrer arischen Abstammung zu verlangen. Der Reichsfinanzminister erklärt dazu in einem Bescheid, daß das Gesetz jede gegenüber Steuerbehörden ausgeübte Tätigkeit erfasse. Da® „Grundeigentum" bemerkt hierzu, daß danach die Forderung der Katasterämter, bei der Einreichung von Hauszinssteueranträgen durch Hausverwalter die arische Abstammung nachzuweisen, zu Recht besteht. Siedlungsmöglichkeiten in Ecuador? Berlin, 16- Okt. Angesichts der Gerüchte über Möglichkeiten einer Masseneinwaniderung und -Ansiedlung von Juden aus Deutschland in Ecuador sieht der Hilfsverein der Ju.den in Deutschland sich veranlaßt, Folgendes mitzuteilen: In der jüdischen Presse sind in letzter Zeit Veröffentlichungen erfolgt, die in nächster Zukunft Einwanderungsmöglichkeiten in Ecuador in Aussicht stellen. Es wird gewarnt, derartigen Veröffentlichungen Gewicht beizumessen^ da irgendwelche greifbaren Möglichkeiten für eine Gruppeneinwanderung noch nicht vorliegen. Es ist heute noch nicht zu übersehen, Die Woche. Berlin. Die Mahler-Straße in Dahlem und Grunewald, die den Namen des berühmten jüdischen Komponisten Gustav Mahler trug, würde in Reger- Straße umbenannt. — Eine neue Rechtszeitschrift unter dem Titel „Recht und Rasse" wurde soeben gegründet. Im ersten Hefte wird mit einer Liste jüdischer Ver- * fasser juristischer Schriften begonnen. — Das „Schwarze Corps" fordert in einein Aufsatz über die Not der Kraftdroschkenbesitzer, daß zuerst die Juden aus diesem Gewerbe ausgeschaltet werden. Koblenz. Das .pNationalblatt" in Koblenz berichtet, daß in Gladenbach, wo der Prozentsatz der Juden immer noch sehr stark sei, Juden der Zuzug nicht mehr gestattet ist. Wiesbaden. Ein jüdischer Viehhändler aus Schierstein, der beschuldigt wurde, Ende August ein Kalb nach jüdischem Ritus geschachtet zu haben, was seinerzeit eine Erregung verursacht hat, die zu der Inschiutzhaftnahme mehrerer jüdischer Einwohner geführt hat, wurde vom Wiesbadener Amtsgericht zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten unter Anrechnung von einem Monat Untersuchungshaft verurteilt. Goslar. In Goslar wurden den Juden der Besuch des Kinos verboten, weil jüdische Kreise versucht hätten, die Aufführung des Films „Petterson und Bendel" zu hintertreiben. Warschau. In der Woche zu Sukkoth sind 800 jüdische Auswanderer aus Polen nach Palästina abgereist. — Das polnische Post- und Telegraphenministerium hat die Adressierung von Postsendungen nach Palästina in hebräischer Sprache als zulässig erklärt, — Gegen das Lokal der revisionistischen Partei in St anislau wurde von unbekannten Tätern eine Höllenmaschine geschleudert, wobei das Haus in Flammen aufging. Menschenleben sind nicht zu beklagen. — Nach einer Mitteilung der ITA, wird die Neuwahl des Vorstandes und der Repräsentanz der Warschauer jüdischen Gemeinde noch vor Beginn des neuen Jahres vorgenommen werden. Die Einsetzung eines Regierungskommissars zur Ueberwachung der derzeitigen Verwaltung und ihrer Finanzgebahrung, komme nicht in Betracht. — Am Dienstag, den 8. Oktober, abends ist vom Danziger Bahnhof in Warschau ein Sonderzug mit 600 Palästinafahrern nach Konstanza abgegangen. Von dort geht der Transport mit dem Dampfer Polonia nach Palästina weiter. Prag. Das Präsidium des Kreisgerichts entschied in einem bestimmten Falle, daß die Ablehnung eines Richters wegen seiner Konfession unzulässig sei. London. Der 75. Geburtstag Lord R e a d i n g s ist mit einer stillen Feier am 10. Oktober begangen worden, da sich der Jubilar von seiner letzten schweren Krankheit noch nicht ganz erholt hat. Lord Reading, der jetzt erster Generalstaatsanwalt und Mitglied des englischen Ministeriums ist, war bekanntlich vorher Vizek ö~n ig von Indien, vorübergehend auch britischer Außenminister. Lord Reading hat eine absolut positive Einstellung zum, Judentum und zur Religion. Saloniki. Nach altem Brauch besuchten kirchliche und staatliche Würdenträger am Sukkausfeste den Oberrabbiner von Saloniki und überbrachten ihm den Festgruß für die jüdische Gemeinde. Jerusalem. Zwei Mitglieder der Histadruth wurden zu je zwei Monaten und ein anderer Arbeiter zu einem Monat Gefängnis wegen Postenstehens verurteilt. — Nach den neuesten Aufzeichnungen wurde im letzten Jahre Palästina von etwa 100.000 Touristen aus allen Teilen der Welt aufgesucht. — Dieser Tage wurde die erste Fabrik für pharmazeutische Artikel unter dem Namen „Teva" eröffnet. Tel Awiw. Das Einbürgerungsamt der Gemeinde von Tel Awiw hat im abgelaufenen Jahre die Einbürgerungsformalitäten für 1905 Personen erledigt. Ueber 10.000 Personen haben im Laufe des Jahres Informationen über Einbürgerungsfragen eingeholt. Toronto. Bei der Neuwahl des Kanadischen Parlamentes, die einen Wahlsieg der Liberalen brachten, wurden zwei jüdische Abgeordnete wiedergewählt, . und zwar Samuel Jacobs und Samuel Factor. ob die bestehenden Pläne für eine Gruppenauswanderung nach Ecuador sich überhaupt werden verwirklichen lassen. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland arbeitet mit allen Kräften im Rahmen seiner Gesamtausgabe als öffentlich anerkannte Auswanderer-Beratungsstelle an der baldigen Klärung der Einwanderungsmöglichkeiten auch nach Ecuador. Auf Grund seiner jahrzehntelangen Erfahrung geht er auch hierbei von der Auffassung aus, daß eine Auswanderung in geregelter Form vor sich gehen muß und daß alle sich erschließenden Möglichkeiten und Aussichten mit größter Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit geprüft werden müssen, bevor darüber der jüdischen Oeffentlichkeit eine zuverlässige Information gegeben werden kann. Die Verantwortung, .die mit der Beratung von Auswanderungswilligen übernommen wird, ist zu groß, um Hoffnungen zu erwecken, die durch tatsächliche Möglichkeiten nicht begründet sind. Es steht fest, daß Ecuador sich, wie von fachmännischer Seite betont wird, in erster Linie für Plantagenwirtschaft eignet. Die einheimischen Arbeitskräfte sind zwar sehr billig und anspruchslos, doch sind Kolonisationsversuche von Europäern bisher nicht gelungen. Da es vor allem an Verbindungen von und zu den Siedlungen fehlt, sind erhebliche Vorbereitungsarbeiten erforderlich, die ein sehr beträchtliches Kapital erfordern, um überhaupt die Vorbedingungen für die Ansiedliung zu schaffen. Darüber hin« aus werden schwere Bedenken wegen der klimatischen Verhältnisse in Ecuador für Mitteleuropäer geltend gemacht. Diese Informationen von einer auf den Gebieten der Auswanderung und Kolonisation gleich erfahrenen und zuverlässigen Organisation haben zur Folge, daß alle Ansiedlungsprojekte in Ecuador mit größter Vorsicht zu behandeln sind. Das endgültige Ergebnis einer zur Zeit stattfindenden Prüfung der Ansiedlungsmöglichkeiten durch Sachverständige liegt noch nicht vor, kann auch bei der Fülle der notwendigen Feststellungen in den nächsten Monaten noch nicht erwartet werden. Reichsvertretung und Orthodoxie. Berlin, 21. Okt. In ihrer Nummer vom 12. Oktober unterzog die C.-V.-Zeitung die Erklärung der Unabhängigen Orthodoxie zu der Kundgebung der Reichsvertretung einer ebenso scharfen wie ungerechtfertigten Kritik. Aus einer Erwiderung des Herrn Dr. E h r m a n n Frankfurt brachte die „C. V.-Zeitung" am 17. Oktober folgende Stellen zum Abdruck: „Wenn es in den Bemerkungen heißt, die Auslassungen müßten bei dem Leser den Eindruck erwecken, daß die Unabhängige Orthodoxie in einem dauernden Kampf gegen Eingriffe in ihre Gewissensfreiheit seitens der Reichsvertretung stehe, so wird In Ziffer 1 der Erklärung der Unabhängigen Orthodoxie klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, inwiefern sie sich in ihrem Gewissen eingeengt fühle. Die Reichsvertretung erhob in ihrer Kundgebung nicht nur den Anspruch auf Vertretung der gesamten jüdischen Interessen nach außen, sondern forderte auch die Schaffung einer einheitlichen, staatlich anerkannten Zwangsorganisation der jüdischen Gemeinschaft. In dieser letzten Forderung erblickt in der Tat die Unabhängige Orthodoxie eine für sie unerträgliche Gewissensbelastung. Während eines Zeitraumes von mehr als fünf Jahrzehnten hat die Unabhängige' Orthodoxie gegenüber den von liberaler und zionistischer Seite unablässig zutage getretenen Bestrebungen auf Schaffung einer einheitlichen Zwangsorganisation unter unsäglichen materiellen Opfern ihre religiöse Ueberzeugung vertreten, daß die unerläßliche Voraussetzung jeder religiösen Organisation die gemeinsame religiöse Ueberzeugung sein müsse, und daß die Einheit nicht auf Kosten der religiösen Wahrheit künstlich geschaffen werden dürfe. In bewußter Ignorierung dieser ihr wohl bekannten historischen Entwicklung und Situation hat nun die Reichsvertretung in ihrer Kundgebung mit einem Federstrich die Unabhängige Orthodoxie als eine völlige quantite negligeaible hingestellt. Wiewohl zwischen der Reiohsvertretung und der Vertretung der