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Der Israelit · 1935-10-24 · Heft 43 (24.10.1935) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 43 (24.10.1935)
Date
1935-10-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Nr. 43 Der Israelit 24. Oktober 1935 Vor allem darf man keinen vor dem Tode glück lieh preisen. Es ist das Schlimmste des Schlim men, wenn auf ein Leben des Glückes und der Zufriedenheit am Schlüsse ein Ende des Schrek kens folgt. Da wäre es besser nicht geboren. Auch diese Weltschau aber ist voll der Warnung und der Mahnung. Aus allen Verirrun gen und Mißerfolgen müssen wir lernen, vor falscher Einschätzung der Verhältnisse auf der Hut zu sein, vor allem nicht das Leben unnötig zu belasten mit Entbehrlichem und Wertlosem, woran wir allzuleicht zu Fall kommen. „Denn es gibt viele Dinge, die marbim hewel sind, die die Eitelkeit des Daseins nur noch steigern." Wie der Wind desto stärker treibt, je größer die Angriffsfläche des Segels ist, so wächst die Gefahr eines verfehlten Lebens mit dem Mehr an Entbehrlichem, das wir ins Leben hineintun. Das ist der große Betrug des Materiellen, das uns Freuden vorgaukelt, das uns in der Begierde nach Genuß und im Genuß nach Begierde verschmachten läßt, das ist es, was allzuoft das Menschenleben in Sinnlosigkeit enden läßt. Schon beim Abschnitt 2—4 wird aber im Hinblick auf Eitelkeit und Fraglichkeit aller Menschendinge jedem gesagt: . sei darum froh und dankbar mit jeder glücklichen Stunde, die dir zuteil wird. Wenn das Leben so rätselhaft ist, so verlange nicht zuviel, und wenn dich in diesem Augenblick Glück und Freude treffen, so danke G'tt und sei zufrieden. Durch diese Folgerung allein rückt Koheleth ab von all den Philosophen des Trübsinns und der Verneinung. Und wenn seine Worte auch manchmal den ihren ähnlich klingen, wenn zwei dasselbe sagen, ist es nicht dasselbe. Anmerkungen« Beachte 1, 5—7 erst der Kreislauf der Sonne, dann der des Windes, dann der des Wassers, denn nur durch die Sonnenstrahlung wird der Wind und werden alle Niederschläge bewirkt. Fein ist auch in Vers 6 das nachgestellte Subjekt honuach, wodurch das Subjekt des vorhergehenden Satzes noch nachwirkt und auch auf die Wanderung der Sonne in der Ekliptik angespielt wird, andererseits angedeutet ist, daß der Wind erst durch die Luft Strömung spürbar ist. 1, 17. Erst wer vollgehaltig an Wissen und Kenntnis, der darf drangehen, das Wesen der Weisheit zu ergründen. 1, 13. Das laanaus in feiner Doppeldeutigkeit, dadurch unglücklich zu sein (wie Ps. 116, 10, ani onissi) und sich damit abzugeben, darauf eine Antwort zu suchen. 2, 12. Konstruktion des Verses schwer; seine Deutung ergibt sich ■jedoch aus Vers 18 eindeutig durch die Worte: loodom schejih'je acharoj, auf den Nachfolger, der hier-als Nachfolger eines Königs besonders unter die Lupe genommen werden muß. Diese Frage nach dem Nachfolger 'kann wohl als töricht bezeichnet werden, wie der Talmud dem Chiskija sagen läßt: was gehen dich die Geheimnisse G'ttes an/ Dieser Thronerbe kommt zu seiner Stellung nicht aus eigner Kraft, sondern es lascher kwor oßuhu, mit allem ausgestattet, wozu die Früheren ihn schon gemacht haben. Der Vers wäre also zu übersetzen: nun wandte ich mich dazu, mir vor Augen zu stellen in Weisheit, aber auch in vollkommener Torheit zugleich: was ist das für ein Mensch, der dem König nachfolgt mit allem, wozu man ihn gemacht hat? 2, 13. Die Stelle ist typisch für den Zickzack der Gedanken. Obwohl vorher die Weisheit abgewertet war, heißt es, daß doch die Weisheit nicht zu verachten ist, aber dennoch gleich wieder, 'daß das Schicksal den Narren gleich behandelt mit dem Weisen, im Guten wie im Bösen, ihm einen Thron schenkt und ihn nachher begräbt. 2, 26. Das lachaute muß u. E. nicht durchaus dem Sünder heißen, sondern heißt wohl auch dem Pechvogel, dem Unglückliche«. Gerade die Zweideutigkeit der Begriffe von tauw lefonow und chaute rechtfertigt die ganze Verzweiflung des Weisen. 3, 14. elaukim jewakesch es nirdof Er nimmt das Verjagte wieder auf. Nie geht das g'ttliche Ziel verloren, Er nimmt's wieder auf und bringt's zur Durchführung. 3, 15. Der plötzliche U ebergang durch das weaud heißt: „und noch Schlimmeres und noch Schrecklicheres-habe ich gesehn," nicht nur unzeitgemäß, zur unrechten Stunde sind des Menschen Schöpfungen, sondern es wird ihr Ziel in ihr Gegenteil verkehrt. 3, 17. Das leworom elaukim entweder nach Ibn Esra zu deuten: Ich sagte mir betreff der Menschenkinder, die G'tt hat auserwählen, höherstellen wollen (zu ergänzen: ascher chofez l'woroanih oder nach Raschi; sie zm belehren, zuträfen. 4, 5. Ein interessantes Beispiel für den Zickzackweg der Gedanken. Alles Tun ist Neid. Soll man deshalb nichts tun? Nein, es ist ein Narr, der die Hände verschränkt, Soll man im Tun sich verzehren? Nein, besser eine Hand voll mit Freude . . . 4, 13—16. Wir haben die Verse sehr frei übersetzt, um sie in das sonst bei der' Weltschau geübte Schema einzufügen. Die Verse zeigen deutlich, wie die einzelnen Erfahrungen für sich allein niedergeschrieben und erst nachher wie Perlen an einer Kette aufgereiht sind. 5, 8 etwas breit übersetzt. Bei melech l'ssode neewod ist ein isch zu ergänzen: melech I'isch ssode neewod (wie in Daniel 9, 23 ki chamudaus atto, statt isch chamudaus). 5, 17. tauw ascher jofe. An diese Worte hat man ganz^ unmögliche Konsequenzen geknüpft. Es «oll in ihnen eine Anspielung an die Kalagatbia der Griechen liegen, und der Verfasser wird daher in die hellenistische Epoche versetzt. In Wirklichkeit ist die Wendung nichts anderes als das hine ma tauw uma naim des Psalms 133. Die Freude der Stunde ist ein Gut, es ist gleichzeitig auch lieb und schön. Grade das ascher dazwischen zeigt, -daß nicht eine feste Wendung als Vorbild ihr zu Gründe liegt, 6, 5, 6, 5. Vers.. 4 beziehen wir auif den Enttäuschten, Vers 5 auf den Ungeborenen. „Und hätte man die Sonne nie gesehen, man hätte mehr der Freude als jener". 1 , 19. maa'ne, wie ani ee'ne es haschomajim (Hos. 2, 23) freiwillig anrufen, willfahren, zu willen sein. (Schluß folgt.) Korrespondenzen. Deutsches Reich. Von den jüdischen Feiertagen. Berlin, 21. Okt. Im „Nachrichtenblatt der Synagogengemeinde Hannover" bat der Vorstand die Mitglieder, die Besuche bei den Chasan Thora und Chasan Bereschith dieses Jahr zu unterlassen. Eine ähnliche Verordnung befindet sich im „Gemeindeblatt für die jüdischen Gemeinden im Rheinland und Westfalen". Für Köln, heißt es in dem Blatte, sei die Anordnung getroffen, daß die Ehrenträger am Simchas Thora nach Schluß des G'ttesdienstes dieses Jahr im Gemeindehause die Glückwünsche entgegennehmen. In Breslau hat der Gemeinde vorstand dieses Jahr das Mitbringen von Fähnchen durch Kinder in den G'ttesdienst verboten. Die „Jüdische Zeitung" vermutet als Grund des Verbotes, daß die blauweiße Zionistenfahne, die viele Eltern ihren Kindern bei diesem Anlaß in die Hand stecken, nicht auf diese Weise als allgemein jüdische Fahne anerkannt werden soll. Hausgehilfen in jüdischen Haushaltungen. Frankfurt a. M., 15. Okt. Die „Frankfurter Zeitung" meldet, daß nach dem Bericht der .Reichsanstalt für die einzelnen Arbeitsamtbezirke die deutschen Hausgehilfinnen schon jetzt vielfach damit begonnen haben, jüdische Haushaitun-: gen zu verlassen. Tüchtige Mädchen mit langjährigen Zeugnissen hätten meist gut untergebracht werden können. Umgekehrt seien infolge der Anforderungen jüdischer Haushaltungen Mädchen über 45 Jahre selbst zu guten Löhnen kaum verfügbar. In Frankfurt a. M. seien u. a. fünf Diener als Ersatz für arische Mädchen eingestellt worden. Bemerkenswert seien zum Teil auch die Anforderungen von Stund'enpersonal. Der Jüdische Frauenbund in Köln hat Maßnahmen zur Selbsthilfe beschlossen, um die Lage der Haushaltungen zu erleichtern, die künftig ohne Hausgehilfinnen auskommen müssen. U. a. werden Mittelstandsküchen in verschiedenen Stadtteilen eingerichtet werden, aus denen preiswertes Mittagessen abgeholt werden kann. Auswanderung, Berlin, 16. Okt. Unter dem Motto „Auswanderung" fand ein überaus stark besuchter Gemeindeabend in der Synagoge Fasanenstraße statt. Einleitend zeichnete Direktor Heinrich Stahl ein Situationsbild der deutschen Juden und sagte u. a., daß wir bei der natürlichen und unaufhaltsamen Abwanderung der Jugend, doch daran arbeiten müssen, den in höheren Lebensjahren Stehenden ein friedliches Asyl hier zu errichten. Den Chaluzim, die sich für Erez Israel rüsten, spricht er seine Hochachtung-, aus und verspricht ihnen alle denkbare Förderung. Es müsse davor gewarnt werden, blindlings den verschiedenen Wanderplänen zu folgen. Ein jeder von uns, ob er bleiben oder auswandern muß, 'bewahre Ruhe, Fassung und mannhaften Sinn. Das lehre auch das Hüttenfest, das die Ruhe und das Vertrauen ins Wanderzelt trägt, Dr. M. Wischnitizer vom „Hilfsverein der Juden in Deutschland" teilte dann in einem sachlichen Referat mit, das bisher seit 1933 18 bis 19 000 Juden nach Uebersee, außer Palästina, ausgewandert . sind. Palästina könne nicht allein den jüdischen Wanderdrang befriedigen. Trotzdem müsse vor irreführenden Projekten wie dem Ecuador-Plane us-w-, dringend gewarnt werden. Die ICA. habe noch Bodenreserven'in Argentinien und Brasilien. Im Dezember werde die erste Gruppe landwirtschaftlich geschulter jüdischer Familien sich nach Argentinien begeben und die Aktion werde vom Hilfsverein in Gemeinschaft mit der Reichsvertretung weiter intensiv betrieben werden. Zuletzt sprach Dr. Alfred Klee. Auf den Berliner Kanzeln sei an den Festtagen von der Sehnsucht der Eltern nach den Kindern, auf den Kanzeln Palästinas von der Sehnsucht der Kinder nach den Eltern gepredigt worden, das sei Judenschicksal Redner wünscht eine erhöhte Zahl von Zertifikaten für deutsche Auswanderer, ebenso eine Intensivierung der Hachscharah. Jüdische Menschen sollten sich in jeder Lage das talmudische „Garn su letowah" zum Motto nehmen. Freier Straßenverkauf jüdischer Zeitungen im oberschlesischen Abstimmungsgebiet. Berlin, 15. Okt. Die letzte Nummer der „Mitteilungen des Reichsverbandes der deutschen Zeitschriftenverleger" enthält folgende Notiz: Im Anschluß an die Anordnung vom 6. September 1935 gibt der Herr Präsident der Reichspressekammer unter Hinweis auf Artikel 75 und 79 des deutsch-polnischen Abkommens über Oberschlesien (Genier Abkommen) vom 15. Mai 1922 in Verbindung mit § 25, Absatz 1, der Ersten Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetzes bekannt, daß seine Anordnung über den Vertrieb jüdischer Zeitungen und Zeitschriften vom 6. September 1935 — Rundschreiben Nr. 31, Ziffer 5 — für den deutschen Teil d e s . A b s timmungsge'bietes der Provinz Oberschlesien keine Anwendung findet. Registrierung polnischer Bürger. Berlin, 16. Okt. Das polnische Generalkonsulat Berlin W., Kurfürstenstr, 137, gibt bekannt, daß sämtliche Bürger der Republik Polen, die im Laufe dieses Jahres entweder das 2 0. L e b e n s j a h r beendigen oder beendigt haben, und diejenigen im Alter von 18 bis 50 Jahren, die sich bis jetzt weder in Polen noch im Auslande bei den zuständigen polnischen Stellen registriert haben, sich im Laufe des Monats Oktober und November ds. Js. im obigen Konsulat, Zimmer 22, zwischen 9 und 12 Uhr vormittags, bezw. bei den zuständigen Konsulaten des Reiches, zwecks Vornahme der Registrierung melden müssen. Das Vorlegen folgender Dokumente ist erforderlich: 1. Geburtsschein, 2. Amtlicher Nachweis über

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