Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1935)
- Date
- 1935-10-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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24, Oktober 1935 die Welt sich unter ihnen geändert hat, denen, die meinen, was einmal gültig war, werde immer in Geltung bleiben; die weil sie einmal das Rechte der Stunde getroffen haben, nun vermeinen, das müßte in allen Stunden recht sein. Aber die Welt hat verschiedene Zeitstunden. Und wenn die Uhr vorgerückt ist, gilt ein andres Rezept als gestern. Diesen Menschen der* Beharrung führt der Weise mit einer gewissen Ironie eine Tabelle vor Augen, die scheinbar Trivialitäten sagt wie die, daß man bei der Geburt nicht gestorben ist und beim Sterben nicht geboren wird. Wenn aber der 'Mensch und sein Tun in allem von der Zeit abhängt, dann gehörte ein weltumfassender Verstand dazu, immer zur richtigen Zeit das Richtige zu tun, und da dieser uns Menschenkindern fehlt, so tappen wir meist im Dunklen, und es ist nur ein'Glückszufall; daß wir auf die richtige Karte gesetzt haben. Hast Du aber solch Glückstreffer gezogen, dann nimm die Freude darüber dankbar als eine Gabe G'ttes wahr.' . ij IV. Die Weltscha u. ■ (3, 16—6, 12.) Schau ich mich nun um hier unter der Sonne,, was habe Ich da noch gesehen! Wo Recht gesprochen werden sollte, da herrscht's. Verbrechen, wb Menschlichkeit herrschen sollte, da herrscht's Verbrechen. Und weiß ich tausendmal, im Herzen, daß G'tt einst sie alle richten wird, den Bösen wie den Guten, daß es für alles Wollen und Tun dort drüben noch einmal eine Stunde gibt; aber hier auf Erden da muß ich mir über die Menschen bekennen, die G'tt von allen Wesen auserlesen hat, daß sie in ihrer Eigenherrlichkeit wie die Tiere aussehen. Alles Zufall beim Menschen wie beim Tiere! 'Ein Zufall für sie alle; wie die sterben, sterben jene. Ein Lebensodem bei ihnen allen; ein Vorzug des Menschen vor dem Tier ist nicht da, denn alles ist eitel. Alles geht zu dem einen Ort, war von Staub, wird wieder zu Staub, Wer kennt den Unterschied zwischen den Lebensgeistern der Menschen, die einst nach oben steigen, und denen der Tiere, die mit ihnen in die Gruft der Erde versinken? Ach, es ist doch das einzig Gute, sich seines Tuns zu freuen, denn sonst hat der Mensch nichts. Wer kann ihn das sehen lassen, was einmal in allem Jenseits ist? Seh ich mich aber gar um und erblicke all das Unrecht, das unter der Sonne geschieht, wie die Unterdrückten weinen und keiner sie tröstet, dann lobe ich mir die Toten, die längst tot sind, gegenüber den Lebenden, die immer noch leben, und denke: besser als beide ist der Niegebofene, der all das böse Tun nicht mitansehen muß, das unter der Sonne geschieht. Da sehe ich ferner all das Mühen der Menschen/all ihre Fähigkeiten, die sie bei ihrem Tun entfalten, was ist es? Neid und Wettstreit . ■!ünd/'Ehrg&z des einen^ 'gegen den ändern. 7 ,f, Nichts sonst; Alles ist; eitel und 1 ein Jagen nach Wind. Dort . ist einf auler;-Narcv der die Hände verschränkt und sein eigem Fleisch auffrißt; dort wieder :ein Uebereifriger, der nie : genug haben kann, nicht weiß, daß besser eine Handvoll mit Freude, als beide Hände voll mit Mühen und Jagen nach Wind. Und wieder so eine Torheit unter der Sonne. Der ewig Einsame, der allemsteht, ohne Genössen, hat nicht Sohn, -noch Bruder und müht Sich tot und kann sich'nicht reich genug sehen. Aber für wen mühst düdieh und entziehst deiner Seele jedes Glück? Das ist doch Unsinn und böser Drang. - 1 -; " Da sind doch besser zwei zusammen daran, als so ein Einsamer. Die-'haben doch wenig-. ■ stens von ihrer Mühe einen guten Lohn. Sogar wenn siebeide fällen, kann einer den andern aufrichten, während der Einsame, wenn D e r Ijs r a e 1 i t * er stürzt, niemanden hat, der ihn aufrichtet. Ja, wenn sogar die zwei am Boden liegen bleiben, so ist's ihnen doch warm ums Herz, Der Einsame aber, wie sollte ihm warm werden? Und wenn einer gegen die zwei Gewalt anwenden wollte, die zwei vereint können schon dem Gegner standhalten. Und wenn's % gar drei sind, ein dreifacher Faden wird nicht so schnell reißen. Hat es einer einmal zu etwas gebracht, ist wie ein König, dann wird er alt und dumm und versteht sch nicht mehr zurechtzufinden, weiß nicht, daß auch er aus Ketten zur Größe gelangt ist, daß auch er bei all seiner königlichen Macht als Armer geboren ist. Und da kommt denn ein 'junger, armer, aber kluger Kerl und stellt sich an seine Stelle, und alles läuft ihm nach. Er," der junge, ist gut dran, hat den Erfolg. Wie sie vorher dem Alten gebuhlt, so mächen sie es jetzt mit dem Jungen. Ach, aber einige Zeit später, dann werden sie auch1 an ihm keine Freude mehr haben. Denn auch der Erfolg5 ist eitel und Jagen nach Wind. Und weiter, Das. Frömmeln, der Leichtsinn in den g'ttlichen Dingen! Du solltest dich doch hüten, mit grobem Fuß ins G'tteshaus zu gehen. Weißt du nicht, daß es besser ist, zu gehorchen, als wie Narren Opfer zu bringen? Aber sie wissen gar.nicht, wie schlecht sie handeln. Nicht den Mund so voreilig voll nehmen, eins zwei drei unüberlegten Sinnes vor G'tt Versprechungen machen. Denn G'tt ist im Himmel und du auf der Erde und deshalb sei sparsam mit deinen Worten. Wie die Phan- . tasten träumen, so jene Narren mit ihren albernen Gebeten und Versprechungen, Wenn du G'tt etwas gelobst, dann solltest du es doch erfüllen. Meinst du, er hat an den Narren Freude? Was du gelöbt hast, zahle, sonst gelobe doch lieber nicht, als daß du gelobst und nicht bezahlst. Laß dich doch nicht von' deinem Plappermund neu in Sünde verstrikken; was willst du nachher vor Seinem fordernden Boten zitternd sagen: es war nur aus Versehen gesagt. Warum soll G/tt über dein Wortgeklingel zürnen und dafür deiner Hände Werk strafen? Laß doch die Träumereien, den Unsinn und die vielen Worfelnd fürchte lieber G'tt! : Und wie sieht es in der Gesellschaft aus! Du wirst Unterdrückung des Armen,. Raub an Recht und an Menschlichkeit gewahren. Man braucht zwar nicht viel darüber zu staunen und zu reden. Es gibt noch höhere Instanzen. Ueber dem Hohen ist noch ein Höherer und über diesem noch Allerhöchste. Und dann, auch ein König hat seine Grenzen, auch er braucht das Stück Brot; die Erde hai über Alle Gewalt, und der König-ist an den schlichten Bauersmann gewiesen. Und die Geldgierigen! Wer das Geld liebt, wird nie satt des Geldes.' Wer nur die Fülle liebt, er kommt nie zur Ernte. Was soll ihm alles! Je mehr ,Güter er häuft, desto mehr Mitesserstellen sich ein. Was hat der Besitzer mehr davon als den-trügerischen Anblick! Ein einfacher Arbeiter kann süß schlafen, ob er viel oder wehig ißt; aber er, der Reiche, sein voller Bauch läßt ihn nicht schlafen. Und noch schlimmer geht's manchmal mit dem Geld hier unter der Sonne. Schon manchmal ist der Reichtum den Besitzern wie eine böse Krankheit zum Unglück geworden; verloren geht der Reichtum auf schlimme Weise, und dann. steht er mit seinen Kindern da und ■ hat nichts iü der Hand. Nackt, wie er aus dem Mutterleibe gekommen, kehrt' er "wieder zurück, und' von all -seinen Mühen nimmt. er nichts niit. Ist, es nicht überhaupt wie eine . b;öse Krankheit, daß, wie man gekommen, man gehen• muß? E)aß man gar nichts hat voni all der Mühe, daß; man';sein Leben lang sein Brot verdüstert, gegessen'' in ewiger Aufregung -und Leid und Zorn! Dann sag ich mir doch: da _, _ Nr. 43 Seite 7 ist's doch gut und schön: man ißt und trinkt und sucht ein bißchen Glück von all der Mühe unter der Sonne in den gezählten Tagen, die einem G'tt gegeben. Das ist doch das Einzige, was uns bleibt. Ja, für jedermann, dem G'tt Reichtum und Güter gegeben hat, und die Macht gibt, es zu genießen, für sich dadurch etwas Glück davonzutragen und sich zu freuen an seiner Mühe, ist das eine hohe Gabe G'ttes, die man schnell ergreifen muß, denn lange gehts sicher nicht, wenn man an die paar Tage denkt, die man zu leben hat; so freue dich, daß eine höhere Macht deiner Herzensfreude zustimmt. Es ist ein Böses hier unter der Sonne und trifft die Menschen gar häufig, daß einem G'tt Reichtum und Güter und Ehren gibt, man sich nichts versagen muß, was man begehrt, und doch läßt eine höhere Macht einen nichts davon genießen. Ein fremder Mann ißt's auf. Das ist ein Widersinn tuid eine 'böse Krankheit. Und hätte einer hundert Kinder und lebte viele Jahre und hätte der Tage reichlich, aber zuletzt kann er seine Seele doch nicht satt machen mit all dem Gut, stirbt arm,, hat nicht einmalein rechtes Begräbnis, ich sag', da wärs besser: nicht geboren. Mit nichts zu kommen und in Finsternis zu gehen und seinen Ruhm mit Finsternis bedeckt zu sehen, da ist's noch immer lieber: die Sonne nie gesehen und gekannt zu haben. Und hätte jemand tausend mal tausend Jahre gelebt, und am Schluß hat er doch das Glück nicht gesehen, was soll's? Dann geht's ja doch zu jenem Ort da draußen, wo alles hingehen muß. Und schließlich geht's uns allen doch so. Alle mühen wir uns für unseren Mund, und doch wird nie der Lebensdrang gesättigt. Ganz gleich, ob ich weise oder dumm, ob ich Aermster noch so geschickt durchs Leben zu steuern wußte. Die Augen spiegeln uns immer Schöneres vor, als nachher wirklich der Seele zukommt; ach es ist Täuschung, Jagen nach Wind. Alles ist vorausbestimmt, Mensch bleibt Mensch, man kann nicht rechten mit den höheren Gewalten. Und tausend Dinge verschlimmern noch des Lebens Widersinn, zumal uns armen Menschen. Wer weiß, was dem Menschen im Leben gut tut in seines elenden Lebens gezählten Tagen, die er wie ein Schatten verbringt. Und was nachher unter der Sonne sein wird, wer sagt's ihm? Nun folgt im vierten Abschnitt die große Weltenschau. Lose aneinandergereiht, werden vereinzelte, aber typische Erfahrungen des Lebens vor uns gestellt, wie wenn " uns der Weise plötzlich über die Erde emporhübe und aus der Vogelsperspektive Umschau halten ließe über alles das, was .sich dort unten abspielt. Da sehen wir die Einrichtungen, die moralischer Kultur dienen sollten, in ihr Gegenteil verkehrt, und das viele Leid, das über die Menschen kommt, weil an den Stätten des Gerichts das Unrecht herrscht. Wir schauen in das geschäftige Treiben der Menschen und sehen, wie bei den meisten nur Neid und Eifersucht die Triebfeder ihres Handelns ist; wir sehen die große Torheit der Hagestolzen und Egoisten, die immer nur für das liebe Ich sorgen; wir sehen die Laune der Menge, die wetterwendisch bald diesem bald jenem zujubelt; wir sehen den Leichtsinn selbst in religiösen Dingen, in Gebet und Gelübde sehen wir den vielen Mißbrauch der Gewalt und Macht und erfahren besonders eindringlich die Nutzlosigkeit, ja Verderblichkeit von Besitz und Reichtum. Der Weise registriert nicht nur diese Erfahrungen, :er bringt auch oft seine bessere Einsicht für das Verhalten des Lebens zum Ausdruck. Dadurch ist der Gedankengang, nicht geradlinig, es fällt bei aller negativen Erfahrung auch manches Sprüchlein der Weisheit ab. Aber es bleibt doch die Grundeinsioht: nur selten hat die äußere Kultur den Menschen zufrieden gemacht; nur selten kann die Bilanz eines Menschendaseins lauten: es war glücklich gewesen.