Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1935)
- Date
- 1935-10-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 43 Der Israelit 24. Oktober 1935 gen jüdischen Männer der Ruf, sich jetzt schon beim genannten Bunde zu melden. •Ob im Ernstfalle für Palästina die ungebetene Mithilfe der eigenen Jüdischen Legion ratsam und nützlich sein wird, darüber läßt sich zur Stunde noch nicht diskutieren. Daß solche verfrühte Appelle und Aufrufe der heutigen 'Lage in Palästina, wo schon ohnehin die hemmungslose orientalische Phantasie gefährliche Blüten treibt, wenig nützlich sind, steht außer Diskussion. Der Kriegsschauplatz ist vorerst weitweg von Erez Israel, und idie geschlossene Phalanx der Völker Europas gegen die ihrer Ansicht nach angreifende Partei bietet, bei allen noch herrschenden inneren Differenzen, eher Gewähr für eine Lokalisierung des Brandes, als die Befürchtung, daß die Flammen über den Suezkanal hinüberschlagen. Erklärungen der Palästinaregierung und aller erfahrenen Instanzen haben, wie aus unseren Palästinaberichten hervorgeht, zur Beruhigung der Gemüter wesentlich beigetragen. Wozu nun dieser wilde Alarm? Warum Gespenster zu Parteizwecken an die Wand malen?- Unsere jungen Menschen haben heute wahrlich andere Sorgen als die Pflege des „Frontgeistes", — es sei denn im Sinne einer guten Kameradschaft zur Gegenseitigkeitshilfe. Die Angst vor der Angst kann sich zu einer wirklichen Gefahr auswachsen, wenn sie auf solche Art geweckt lind genährt wird, zu einer Gefahr für „■das durch jüdischen Unternehmungsgeist herrlich aufblühende Land," das man angeblich durch jenen geweckten „Frontgeist" schützen will. Des Gaons Erbe. Unsere Erzählungen aus dem Leben und Lehren des Wilnaer Gaon im Feuilleton unseres Blattes haben lebhaftes Interesse in unserem Leserkreise erweckt, das sich in einer großen Zahl von Briefen, Anfragen, Bemerkungen und Ergänzungen kundgibt. Auf die Erkundigungen, wie und wo heute noch jenes an der Schwelle des vorigen Jahrhunderts uns aufgegangene Licht gehütet und (betreut wird, gehen uns aus Wilna folgende Berichte zu: Neben W o 1 o s c h i n , das hundert # Jahre Hochburg der Thora von Rabbi Elia'schem Geiste war, ist es die Schul oder das Bes Hamidrasch des Gaon in Wilna selbst, das frühere" Lehrhaus des Gaon, in der bis auf den heutigen Tag namhafte Gelehrte Tag und Nacht dem Thorastudium obliegen, idie Lehren des Gaons studieren und verkünden, und wo im G'ttesdienste alle Bräuche und Gepflogenheiten von Rabbi Elia aufs peinlichste gehütet werden wie' zu Lebzeiten des Meisters, dessen Stuhl an der Ostwand verbaut ist, damit sich keiner anmaße, den leeren Platz ausfüllen zu wollen. Bis zum Weltkriege konnte sich dieses kleine autonome Thorareich aus Eigenem erhalten, da es hoch in Wilna jüdische Magnaten genug gab, 'die es sich zur höchsten Ehre und Pflicht anrechneten, dieses "Denkmal der alten jüdischen Gelehrtenstadt in seiner Unversehrtheit zu erhalten. Heute hat sich die geistige Struktur im Lehrhause des Gaon iii nichts geändert. Ungemein kritisch ist indessen die Lage der Thoragelehrten und Jünger, die auf diesen heiligen Posten das Licht weiter nähren sollen. Die Legate sind durch Krieg und Krise zusammengeschmolzen und zum Teile wertlos geworden, die die zur Stiftung gehörenden Häuser bewohnenden Mieter bis zum Bettelstabe verarmt, so daß sie keine Miete mehr zahlen können. Das Lehrhaus selbst verfällt mählich und die im Nebenhause untergebrachte große Bibliothek des Gaon und seiner Schüler ist durch die Unmöglichkeit, besoldetes Personal anzustellen, stark gefährdet. Der Eindruck ist ^besonders niederschmetternd, wenn man zum Vergleiche über die Straße nach der bekannten iStrasctuachen Bibliothek hinschaut. Der Begründer dieser großen Bücherei war ein gelehrter frommer Jude, der ein Haus für die jüdische Lehre und das jüdische Leben gerade im Geiste des Gaon und zu seinem Andenken errichten wollte. Dieser Zweck ist längst in sein Gegenteil umgebogen. Das Gemeindebudget setzt für die Erhaltung des Hauses 28.000 Zloty im Jahre aus. Große, schöne, lichte Räume empfangen uns, sie sind aber angefüllt mit jungen Menschen, die barhäuptig Bücher lesen, Studien treiben, oder sich bei gesellschaftlichen Veranstaltungen finden, die alles andere eher pflegen als den Geist des Wilnaer Gaon. Wo die Gelehrten das wahre Erbe des Gaon hüten und mehren, ist es eng und dunkel und die Menschen sind in düsterer Sorge um das Schicksal ihrer hungernden Familien befangen. Die Gemeinde als solche hat in einem Zeiträume von acht Jahren alles in allem eine - 'Gnadenspende von kaum 300 Zloty zur Erhaltung dieses heiligsten Denkmals vergangener großer Wilnaer Zeiten bewilligt — eine unaustilgbare Schmach für diese Gemeinde! Als die Gefahr nahe schien, daß der Grabstein des Gaon mit vielen anderen auf dem alten Friedhof abgetragen werde, regte sich die öffentliche Meinung in der ganzen Welt, und die Regierung verstand das We'hegefühl des jüdischen Volkes und trug ihm Rechnung. Der Denkstein, der den Tod des Gaon meldet, ist gerettet, sollte aber die Stätte, wo der Gaon 1 e b t und ge 1 e b t w i r d , der Verödung anheim fallen? " Diese Frage zu stellen, ist die gesamte jüdische Gemeinschaft berechtigt, und die W i 1 n a e r Gemeinde, deren Budget heute noch für alle denkbaren Kulturzwedke ausreicht, hat d i e. Pflicht, sie zu beantworten; Dreihundert Jahre Aschkenasimgemeinde in Amsterdam. Am Rosch Haschanah 1635 (5396) fanden sich die deutschen Juden in der holländischen Metropole zum ersten Male zu einem gemeinsamen. G'ttesdienste zusammen, 1671 konnten sie ihre „Groote Synagoge" einweihen, heute, nach 300: Jahren, kann , die Aschkenasimgerheinde in Amsterdam als Großgemeinde mit einer jüdischen- Massenbevölkerung, mit musterhaften religiösen, und Wohlfahrtsinstitutionen, mit großen Synagogen und zahlreichen Bethäusern stolz auf ihre/ Vergangenheit, auf drei Jahrhunderte des Werdens und Steigens, zurückblicken, die reich an inneren Kämpfen und Prüfungen aller Art waren. Die Portugiesengemeinde war, als die deutschen Juden kamen — die ersten kamen schon etwa 1615 — erst seit wenigen Jahrzehnten im Lande, aber sie waren 'bereits genug im Boden verwurzelt, um sich der deutschen Brüder hilfreich anzunehmen. Regierung und Volk, deren Toleranztraditionen schon seit Wilhelm von Oranien datierten, gönnten den Fremden gern den Lebensraum, in dem» es aber zunächst noch eng und düster genug aussah; denn alle politischen Rechte, die 1796 zur vollen Emanzipation führten, konnten den Leuten kein Brot geben. Um die Mitte des 17, Jahrhunderts kamen in großen Scharen die ijüdischen Flüchtlinge aus den Ghmelnitzki-Verfolgungen in Polen nach Amsterdam,, die nach Wesen und Tradition eher zu den Aschkenasim gehörten. Mit der jüdischen Bevölkerung wuchs auch das Elend im freiwilligen jüdischen Ghetto an, von dem wir heute noch in der Amsterdamer Jodenbreystraat-genug; der sichtbaren Spuren haben. Die Armut im Amsterdamer Judenviertel war noch zu Beginn des; vorigen Jahrhunderts so groß, daß im Jahre 1805 die Armenkommission unter 24.000 Seelen 19.600 Almosenempfänger zählte. Es fehlte auch nicht an inneren Differenzen, ja sogar Kämpfen zwischen den Deutschen und Polen, die Deutschen blieben führend, die ersten Rabbinen kamen aus Deutschland, und die Einigkeit und Vereinigung kamen, nicht ohne sanften Zwang von Seiten der Regierung, endlich zu- HÜ mt 123 Lichtgewänder.*) •ns fliaro wpsVi m«V "t vvt Und G'tt fertigte Adam und seinem Weibe Hemden aus Leder an, *vi8 fiuna ains vkö "i iruwaa- „In der Mischna Rabbi Mei'rs heißt es: Gewänder aus Lieh t." Dazu Talmud; „Wer ist ein Schüler der Weißen, dem man ein verlorenes Gut auf seinen Augenschein hin wiedererstatten darf? Wer auf seine Kleidung achtet, sie nur in der gehörigen Richtung anzulegen." (Sabbath 114a.) Meist /beziehen wir, mit Raschi, diesen Ausspruch Rabbi Joch'anans auf die wirkliche Kleidung: Der Weise der Thora ist nicht daran zu erkennen, daß er sein Aeußeres vernachlässigt, sondern daran, daß er auch in der irdischen Welt das Geschöpf GHtes sieht, auch im eigenen Körper das Geschöpf G'ttes ehrt und deshalb diesen Körper nur in wohlgeordnete und richtig angelegte Kleidung hüllt; so ehrt er den Körper als den Wohnsitz der unsterblichen Seele, und so bezeugt er, daß er vor G'ttes Gesetzen und Ordnungen auch im Irdischen volle Ehrerbietung hegt. Deshalb darf man ihm ein verlorenes Gut auf sein Wiedererkennen hin erstatten. *) Aus dem bereits angekündigten, demnächst erscheinenden D'tsön Isis von Rabb. M. Feuerwerker. Einige Erklärer jedoch, unter ihnen der Wilnaer Gaon, verstehen den Ausspruch des Rabbi Jochanan als auf das Kleid der Seele bezüglich. Das Kleid der Seele aber sind ihre Charaktereigenschaften. Unter den Eigenschaften der Seele gibt es kaum eine, von der wir nach Meinung der Thora und der Weisen sagen dürften, sie sei, absolut genommen, böse,' und keine, die man für, absolut genommen, gut ansehen dürfte. Das Verbotene und das Erlaubte jeder Eigenschaft ergibt sich aus jeweiligen örtlichen und zeitlichen Bedingungen, Rache z. B. hat die Thora verboten; als aber Pinchas für G'tt eiferte, verhieß ihm G'tt den Bund ewigen Priestertums. Mitleid dagegen ist eine Tugend; als jedoch Saul dem verworfenen Stamma Amalek Mitleid gewährte, verwirkte er sich damit den Segen des Allgütigen. Um nun jede Eigenschaft izu ihrer rechten Zeit und Gelegenheit anzuwenden, muß man sein Gefühl für ihre Anwendbarkeit oder Unbraucbbarkeit verfeinern und veredeln, und um hierin die rechte Unterscheidungsgabe zu erlangen, ist man genötigt, in Mussarbüchern zu forschen. Mit ihrer erhabenen Welt- und Menschenkenntnis wissen und lehren diese Schriften zwischen den menschlichen Eigenschaften am Besten zu sondern und zwischen Heiligem und Profanem zu sichten. Wer in ihnen lernt, wird nicht sobald in dieser Unterscheidung fehlgehen. Darauf weisen auch die Worte des Propheten Hosea 14, 10: „Wer ist weise und vernimmt diese, — vernünftig und erkennt sie! —; denn gerade sind die Wege G'ttes; Gerechte wandeln in ihnen, — und Frevler, straucheln in ihnen". Hier sind als „Wege G'ttes" die (Eigenschaften der Menschen bezeichnet; jede von ihnen ist ein'zweischneidiges Schwert; wer sie unterschiedslos zu jeder Gelegenheit anwendet, geht irre. Die Frevler also „straucheln in ihnen; die Gerechten aber wandeln vorwärts in ihnen" auf Grund ihrer Thoraforschumg. Deshalb klagt der Prophet: „Wer ist weise und vernimmt diese!" Das heißt: Wer ist weise und zartfühlend genug, um wissen und unterscheiden zu können, wann diese (menschlichen Eigenschaften!) zu fördern, wann sie zu hindern sind! Und nun heißen in der Thora die. menschlichen Eigenschaften auch „Kleider", in die sich die Seele hüllt. Von diesen Kleidern spricht R. Meiir, wenn er in Tis Licht umdeutet. Das deuten unsre Weisen mit Obigem an: „Wer ist. ein Schüler der Weisen? — Wer mit schärfster Gewissenhaftigkeit und allerzartestem Zartsinn auf seiner Seele Gewand achtet, — auf seine Eigenschaften, sie nach Zeit und Gelegenheit zu wenden und nach dem Willen und dem Sinne der emsig erforschten Thora zu betätigen!" Bemerkung zu JVttfK^D Kap. 4, Vers 4. Die allgemeine Auffassung sieht das Vergehen Kains darin, daß er bei seinem Opfer im Gegensatz zu demjenigen von Hewel nicht von dem Besteh brachte. Diese Anschauung beruht auf dem Ausdruckswechsel, da bei Hewel besonders hervorgehoben wird, von welch hervorragender Art seine Gaibe war. Nichtsdestoweniger erscheint auf den ersten Blick seine Sünde nicht von so großer Tragweite, da er doch als Erster ein Opfer darbrachte. Wir glauben jedoch noch auf folgendes Moment hinweisen zu dürfen. Die 'Eigenart des Hebräischen 'bringt es mit sich, das Prädikat vor das Subjekt zu setzen. Zum Beispiel heißt es fwö Vk 'rt *ia*i'i und nicht nwn ^»'iii'n-Finden wir diese Regel durchbrochen, so will dies eine Besonderheit zum Ausdruck bringen.