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Der Israelit · 1935-12-12 · Heft 50 (12.12.1935) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 50 (12.12.1935)
Date
1935-12-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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*95SSKSap^*9*»SWä*^^ Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 50 1935 Die unbezahlte Rechnung. Novelle von Alice Landsberg in Wiesbaden, (Schluß.) Als ich in meiner Not vor ihm stand, spie er mich fast an. Sollte ich die Gelegenheit wahrnehmen und Gleiches mit Gleichem vergelten? Er lächelte förmlich über sein kindisches Denken, das ihm selbst nicht ernst. war. Statt aller Antwort sagte er deshalb nur: „Man vermutet Sie weiter im Land . . ." Der Mann mußte sich erst an den Gedanken gewöhnen, daß 'dieser einfache Jude nicht daran dachte, in die Fußtapfen seines Handelns zu treten, um ihn rächend zu venderben. Das Begriff er nicht. „Moische, quälen Sie mich nicht, sagen Sie mir, wann Sie mich ausliefern, damit ich mir eine letzte Kugel in den Kopf schießen kann ..." Nun drang es wie leichter Hochmut aus dem Juden, indem er seinen Blick in staunendem Fragen auf den Mann richtete. „Ich maße mir nicht Richterrechte zu, die allein dem Höchsten überlassen bleiben mögen." Wie geblendet schloß der Mann die Augen. Konnte er diesem anderen glauben? Er hatte in den Stunden der Flucht verlernt, den Menschen, ja selbst den Tieren zu trauen, alle konnten sie ihn verraten. Und dieser kleine Jude hier sollte eine Ausnahme bilden ... Er sah sich am behaglichen Schreibtisch, Wolken von Zigarrendämpf verbreitend, den alten Mann vor sich, demütig und bittend. Die Scham, wie größer sie nicht über ihn hatten kommen können, erfaßte ihn und er wagte es, Moische anzusehen, nachdem er jäh die Lider über die beschämten Blicke senkte. „So werden Sie mich nicht verraten?" Moische zuckte mit den' Achseln. „Nein, doch in meinem Hause wird schwerlich auf die Dauer Ihre Anwesenheit zu verdecken sein. Erstens dedenke ich selbst davon zu gehen . Der Mann hörte nicht auf das Weitere, er stand auf und faßte Moisches Hand, die ihm früher physischen Ekel bereitet hätte, als sei es die seiner eigenen Mutter. „Gewiß will ich Ihnen keinen Schaden bereiten. Nur eine Nacht hier bleiben, ich muß zu meinem Sohn, Sie wissen, er ist im Ausland, dort kann ich bleiben, bis hier alles wieder in Ordnung kommt ..." Er hofft noch, dachte Moische sinnend, die rasend igewordene Bestie im russischen Volke wieder zu zähmen! Dann hörte er den Mann etwas sagen, das wie Blitzstrahl in sein Inneres fiel und es hell erleuchtete bis in die tiefsten Winkel. „Wenn ich nur Geld hätte, wenig Geld, um die Menschen bestechen zu. können, damit sie mich durchlassen ..." Geld, forschte Moisohe in sich nach. Geld lag in seiner eigenen Tasche für eine unbezahlte Rechnung. Geld, das er sich auslieh, das keinen Empfänger und Geber. mehr hatte und ihm als Erben zufiel. Nun tauchte, plötzlich und überraschend, jener Mensch auf, der ihm widerrechtlich eine Schuld aufbürdete, die er nie zu zahlen gehabt hätte. Er lag vor ihm förmlich auf den Knieen und bat um nichts weiter, als um einen stillen Winkel in diesem Haus, das ihm wie ein Dreckfleck erschienen war auf seinem einheitlichen Ganzen, gerade gut genug, um Geld daraus zu schinden. Sein Gut lag im Asche, seine Frau und die Kinder waren tott nur noch ein Junge lebte, er selbst war in steter Gefalhr, niedergeschlagen zu werden. Diesem Mann, der Ruine einstiger Herrlichkeit, schuldete Moische die Summe Geldes, die er in der Tasche mit sioh führte und die ihm und den Seinen zur eigenen Zukunft dienen sollte. Zu einer Zukunft, in der man arm und bescheiden sein würde, aber im Heiligen" Lande der Väter geachtet. Langsam erhob sich seine Hand zur feuchten Stirne und sie strich mechanisch, übers Naß, bis sie wieder niedersank und auf dem Tisch liegen blieb. „Erinnern Sie sich, daß ich Ihnen Geld schulde auf dieses Haus ..." Der Mann zuckte zusammen, Mit starren Augen sah er den änderen an. Nun kam der Haß endlich aus diesem Juden gekrochen. Er versuchte, ihn milder zu stimmen, indem er sich anklagte. * „Moische, ich habe unrecht an Ihnen gehandelt. Die Schuld ist nicht die Ihre, der Mann, der vor Ihnen da war, hat sie übernommen, nichts ist berechtigt an der Forderung, verzeihen Sie mir!" Es krampfte sich etwas in dem armen Juden zusammen. Warum kamen Erleuchtungen erst über die Menschen,, wenn sie durch Unglück und Not hasteten und in den Höhten Momenten einsahen, daß sie fehl gingen? Sein Auge fiel auf das Gebetbuch, das seine Frau in der Eile offen hatte liegen lassen. Er ging hin, schloß und küßte es, ehe er es in seinen gewohnten Winkel verstaute. Dann erst, wie durch die Berührung mit etwas Heiligem groß und stärk zu einer Handlung geworden, kam er auf den wieder in sich Zusammengesunkenen zu. „Die Schuld, im Recht oder Unrecht aufgestellt, bleibt Schuld in meinen Augen . . ." „Moische, lassen Sie sich erklären," flehte der andere, aber Moische ihörte seinen Einwand nicht. „Ich habe mir das Geld geliehen. Es gehört einem Toten, der keine Erben hat, da sie gleich ihm ins Jenseits gegangen sind. Mir lag das Geld in den Händen, aus denen es nicht wegglitt, weil Sie verschwunden waren. Hier ist das Geld — und meine Rechnung ist bezahlt!" Er faßte in die Tasche und holte das Geld mit einem Ruck hervor. Er gab mit diesem Geld sein gegebenes Wort, das er seinem Kinde mit auf den Weg schickte, er gab sein eigenes Geschick preis und zögerte doch nicht, so zu handeln, wie es sein G'tt im Augenblick von ihm verlangte. Denn nicht die Rache ist das Menschliche, die bitter eine Sünde vergilt, es ist der Wille G'ttes, der alles so regelt, daß auf seltsame Weise jede Rechnung ausgeglichen wird . . . Jäh wich der Mann von dem Juden zurück. Er glaubte, eine Falle gestellt zu sehen, schaute sich wirr um und dann wieder auf den Mann, der unentwegt das Geld 'hinhielt. „Ich rufe niemanden — ich weiß niemanden, dem ich einen Menschen aushändigen könnte, der mir übel wollte und der dennoch nur ein kleines Endlein Staub in G'ttes Hand ist. An ihm liegt es, Sie zu führen und zu retten, nicht an mir. Die Schuld hier, die ich Ihnen abgleiche, soll nicht Sie, sondern mich für einen bösen Gedanken in meinem Leben reinigen . . ." Er drängte 'dem Mann das Geld auf, schob ihn förmlich bis an die Türe und lauschte dort, ob die Straße immer noch so leer war wie zuvor. „Am besten ist es, Sie warten nicht die Nacht ab, sondern gehen gleich ..." Er beschrieb ihm einen Weg, der selten beschritten wur.de, den er aber als Händler der Abkürzung ihalber oft gegangen war. Noch im Reden sohnitt er dem Mann ein dickes Brotstück aib, wickelte eine Wurst zusammen damit in ein Stück Papier und schob es dem Manne zsu. „Gehen Sie, werden Sie, wenn Sie es noch vermögen, ein Mensch, den alle so lieben, wie man Sie jetzt haßt . . ." Betäubt ließ sich der Mann zur Türe hinausdrängen, Dank stammelte sein Mund unverständlich. Dann erging es ihm wie einem Tier, das sich plötzlich der Freiheit gegenübersieht und sie begreift, sie fühlt und ahnte und mit innerem Juchgeschrei in sie stürzt, ohne nochmals zu seinem Wohltäter zurück zu sehen . . . Moische schloß die Türe seines Hauses und es war seltsam leer in ihm. Er sah die Anfänge des Einpackens, seine Frau hatte einzelne Gegenstände auf den Tisch gelegt. Er räumte sie hinweg, wieder an ihren Platz. Bald würde sie mit den Kindern wiederkehren. Was er ihnen sagte, schien leicht demgegenüber, das sein Sohn Mischa von ihm verlangte. Er fragte sich nicht, ob er nicht dumm gehandelt habe, ob man ihn nicht auslachen würde, höhnend ihn dabei einen Dummkopf zu nennen — er stand nur eine kleine Weile starr vor dem Gedanken, eine fremde Rechnung beglichen zu haben, während die seines eigenen Lebens nunmehr nicht aufging. Mischa würde verächtlich die Lippen schürzen und das Gedachte stand auf seiner Stirne: „Er ist zu feige, sein eigenes Leben zu retten und rettet das unwürdige zuerst . . ." : Moische griff nach dem Gebetbuch, das ihn zu den Gedanken der Rettung für den einstmals so gehaßten Menschen führte. Er schlug es blindlings auf und begegnete mit den Augen dem Bekenntnis der Juden —, dem Sch'ma! Sein Gesicht wurde hell, als er die Worte vor sich hinsprach: Du bist der Einzige, unser G'tt — Er dachte weiter, während sein Mund sich wieder zusammenpreßte! Der Junge fiel ab von ihm und der Familie, er verleugnete G'tt und Eltern. Die Geschwister würde man noch so lange zu halten verstehen, bis sie mit den einflüsternden Gedanken des Bruders dachten und fortstrebten in eine bequemere Denkungsweise. Der alte jüdische Glauben seiner kleinen Familie würde aussterben mit ihm ... . Er sprang nicht auf in seinem Schrecken, er starrte nur auf die ihebräischen Zeichen und aus ihnen sprach der Herr zu ihm; „Nichts geschieht ohne mein Zutun, nicht ein Stein fällt vom Ufer ins Wasser hinein, wenn ich es nicht will ..." Schritte wurden laut, eine jammernde Frauenstimme begleitete das schleppende Geräusch müder Füße. Es war Moisches Frau, die, von Nachbarn gestützt, hereintaumelte und aufschrie, als sie den Gatten sah. „Maische/" schrie sie — „der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, sein Name sei gelobt —" der Spruch endete in hysterischem Schreien, das in einer jähen Ohnmacht erstickte. Von den Weibern, die mitleidig die Ohnmächtige und den erstarrten Mann umstanden, erfuhr Moische, was geschehen. Sein Junge, der Mischa, hatte Wort halten wollen. Nach dem Abschied von den Kameraden hastete er heim, stand nicht still, als man ihn anrief, und eine Kugel traf ihn, den man für einen anderen hielt. „Er hat nicht gelitten," sagten die Frauen und deuteten, als der starre Mann sich in Bewegung setzte, hinaus vors Haus, wo auf der Bahre der junge Tote lag. Moische trat vor die Türe und Schritt um Schritt kam er näher zu dem ältesten Kind seiner sorgenvollen Ehe, das er mit so unendlicher Freude damals (bei seiner Geburt begrüßte und dessen To§. eine Rechnung ausglich, die diesmal G'tt bezahlte ... Er sah in die friedlichen Züge des Knaben, er sah die unvollendeten Kämpfe dieses Gemütes

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